Der Geist von King Valley (Teil 3)

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Ich mustere den Kellereingang. Ob das die Reste von Hausnummer 66 sind? Das hieße ja, dass es früher tatsächlich noch ein weiteres Haus hier gegeben hat. So wie der Kellereingang liegt, müsste die 68 eigentlich 66 heißen. Sehr merkwürdig.
Ich sehe Danny an, der neben mir sitzt und mich beobachtet.
„Du bist damit noch nicht aus dem Schneider“, erkläre ich ihm. „Deinetwegen wurde meine Fähigkeit, mich zu regenerieren, stark in Anspruch genommen. Und da runter kommen wir auch nicht, das ist so zugewuchert, ich würde einige Liter Blut verlieren, bis ich es freigelegt hätte. Und auch wenn es dir zu verdanken ist, dass ich nun weiß, was sich hier befindet, entschuldigt das noch lange nicht den Schock, den du der armen Katze versetzt hast.“
Danny wedelt mit dem Schwanz, sagt aber sonst nichts dazu. Typisch Mann eben.
„Ich glaube, du hast kein Gewissen, mein Lieber. Na komm, wir gehen zurück in die Zuvilisation.“
Der Hund bellt erfreut, als wir uns auf den Rückweg begeben und rennt vor. Jetzt hätte ich gern sein dickes Fell.
Plötzlich spüre ich etwas, wie ein Berührung, und bleibe abrupt stehen. Eigentlich war es zu leicht für eine echte Berührung, mehr wie ein Windhauch. Ich sehe mich um. Früher hätte ich das als Halluzination abgetan, aber da ich nun schon seit über einem Jahr weiß, dass diese Welt auch von ziemlich üblen Gestalten bevölkert wird, die man als normaler Mensch oft gar nicht wahrnimmt, bin ich wachsamer geworden.
Ich kann nichts sehen oder hören, was irgendwie verdächtig wäre. Vielleicht habe ich es mir tatsächlich nur eingebildet. Meine Nerven sind sicherlich nicht die besten seit der Sache mit Emily und den Vampiren.
Aber eigenartig ist das schon.

Der Scheibenwischer läuft mit höchster Geschwindigkeit, trotzdem sehe ich kaum durch die Windschutzscheibe. Einen so heftigen Regen habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ohne meine erweiterten Sinne als Kriegerin müsste ich im Schritttempo fahren, wie die anderen auch.
Trotzdem fahre ich langsamer, als ich eigentlich könnte, um nicht aufzufallen. Dass ich etwas schneller bin als alle anderen, das kann ich zur Not mit der Technik, über die mein Wagen verfügt, erklären.
Kurz bevor ich auf die King Valley einbiege, regnet es immer noch heftig. Das Wasser steht auf der Straße und massiert den Unterboden des Autos. Kurzentschlossen fahre ich auf das Grundstück meiner Eltern, um entgegen der sonstigen Angewohnheit Danny mit dem Wagen abzuholen.
Und obwohl ich direkt vor dem Hauseingang parke, bin ich bis auf die Haut durchnässt, als ich unter dem Vordach ankomme. Höchstens zehn Sekunden war ich im Regen, aber das hat gereicht.
Habe ich überhaupt schon jemals so einen Regen erlebt?
Nicholas starrt mich erstaunt an und meint: „Wieso sind Sie so nass?“
„Weil es regnet!“ Ich streiche die nassen Haare aus meinem Gesicht. „Ich bin nur die paar Meter vom Auto zur Tür gerannt, aber als wäre ich durch einen Wasserfall gelaufen.“
„Soll ich Ihnen einen Bademantel bringen?“
„Danke, geht schon, Nicholas. Wo sind meine Eltern?“
„Im Salon.“
Danny bemerkt mich als Erster und begrüßt mich stürmisch. Nachdem ich das hinter mich gebracht habe, lasse ich mich auf die cremefarbene Couch fallen.
Meine Mutter mustert mich missbilligend. „Warum hast du dir nicht von Nicholas einen Bademantel geben lassen? Du versaust ja noch die Couch.“
„Ihr könnt ja von den Einnahmen des Straßenfestes eine neue kaufen“, erwidere ich.
„Die sind nicht für uns, sondern für die Obdachlosen. Tue nicht so, als wenn du das nicht wüsstest.“
„Wie viel ist denn überhaupt zusammengekommen?“ Ich erhebe mich und gehe zur Bar, nachdem niemand Anstalten macht, mir einen Drink zu mixen. Sind die jetzt echt sauer wegen der Couch? Ich kann ja auch nichts für den Regen.
Ich entscheide mich für einen Whisky und kehre zurück auf meinen Platz. Die Stelle, wo ich gesessen habe, ist nass und man sieht einen dunklen Fleck. Aber das wird trocknen. Das Leder ist imprägniert. Die wollen mich nur bestrafen, weil ich dem blöden Straßenfest überhaupt nichts abgewinnen kann und ich mich vollständig herausgehalten habe.
„127.899,42 ND“, antwortet meine Mutter triumpfierend.
„Das ist ja eine Menge Geld. Da haben wohl einige tief in den Spendenbeutel gegriffen.“
„Dann wäre weniger drin“, erwidert mein Vater stirnrunzelnd. „Du wirkst, als wärst du etwas durcheinander.“
„Ich gehe nur zu selten in die Kirche, diese Feinheiten habe ich nicht ständig abrufbereit.“ Oh Mann, was ist heute los? „Und das kriegt alles der Obdachlosenverein?“
„Im Prinzip ja.“
„Im Prinzip? Ihr wollt aber nicht eure Kosten darüber bezahlen?“
Meine Mutter starrt mich an. „Du bist heute ziemlich negativ, weißt du das? Natürlich nicht. Aber wir haben Bedenken, dass der Verein mit so viel Geld auf einmal nicht umgehen kann.“
„Aber ich bin negativ? Ja, ist klar.“
„Würdest du denen das ganze Geld auf einmal geben?“
„Mama, wir reden doch nicht von Millionen! Sicher ist das viel Geld, aber ich glaube schon, dass die damit nicht auf die Pferderennbahn gehen.“
„Wieso ausgerechnet Pferderennbahn?“
Ich zucke die Achseln. „Da kann man doch so schön Geld loswerden. Wisst ihr was? Ich nehme jetzt Danny und wir fahren nach Hause. Macht doch mit dem Geld, was ihr wollt. Dieses Straßenfest interessiert mich nicht.“
„Und Geister?“
Ich bin bereits aufgestanden und erstarre. „Geister?“
„Bei den Charons spukt es.“
„Es spukt?“
„Ja, die haben jetzt einen Poltergeist“, sagt mein Vater.
„Seit wann?“
„Seit dem Wochenende.“
Ich lasse mich wieder auf die Couch sinken. Was ist das denn für eine Scheiße? Ich entdecke am Samstag den zugewachsenen Kellereingang und kurz darauf spukt es im Haus nebenan? Wenn das ein Zufall ist, dann …
„Haben wir jetzt dein Interesse geweckt?“, erkundigt sich mein Vater.
„Insbesondere, weil ich was gefunden habe.“
„Was hast du gefunden?“, fragt meine Mutter und wechselt einen Blick mit meinem anderen Elternteil.
„Einen kaum zugänglichen Kellereingang zu einem Haus, das es nicht mehr gibt. Könnte die 66 gewesen sein.“
„Ich dachte, Hausnummer 66 hat es nie gegeben?“
„Nun ja, das ist nur eine Annahme der Charons“, bemerkt mein Vater. „Vielleicht hat es die Hausnummer doch gegeben und wurde durch irgendetwas zerstört.“
„Und die Geister der ehemaligen Bewohner treiben auf einmal ihr Unwesen bei Charons?“ Mama schüttelt den Kopf. „Tut mir leid, mein Schatz, aber das ist mir ein wenig zu kitschig.“
„Auf jeden Fall gibt es die Überreste, die ich nur entdeckt habe, weil Danny meinte, einer Katze hinterher jagen zu müssen. Und das konnte er nur, weil ich wegen des Straßenfestes mal eine andere Strecke gegangen bin.“
„Aha!“, ruft meine Mutter triumphierend. „Da haben wir es, das Straßenfest ist schuld!“
„Natürlich, was denn sonst?“, erwidere ich achselzuckend. „Ist das nicht die einzige Daseinsberechtigung von Eltern, an allem schuld zu sein, was ihre Kinder nervt?“ Insgeheim habe ich fast einen Herzschlagsaussetzer, weil ich nahe daran war zu sagen, sie seien an allem schuld, was ihren Kindern zustößt. Aber ich liebe meine Eltern, auch wenn sie ab und zu wirklich ganz schön nerven können. Und auf diese Weise an Norman erinnern wollte ich sie nicht. Zumal es ja auch nicht stimmt. Unabhängig davon, dass Norman es etwas anders sieht. Das allerdings wissen meine Eltern nicht und von mir werden sie es auch nie erfahren.
„Fiona?!“ Meine Eltern starren mich verwundert an.
„Was?“
„Redest du nicht mehr mit uns?“, fragt meine Mutter. „Ich habe dich gefragt, ob du ernsthaft glaubst, dass da ein Geist ist in dieser Ruine.“
Ich nicke langsam. „Ich denke schon. Als ich da war, hatte ich für einen Moment das Gefühl, etwas hätte mich berührt. Wie ein leiser Windhauch. Ich habe dem keine weitere Bedeutung zugemessen, aber nun sehe ich es etwas anders.“
„Ich gehe davon aus, du wirst nicht zu den Charons gehen und ihnen sagen, du möchtest dich mal mit dem Geist unterhalten“, sagt mein Vater. „Selbst wenn die Charons an Geister glauben, was sie neuerdings jedenfalls zu tun scheinen, könnte es schwer für dich werden, ihnen zu erklären, wieso du Geister sehen kannst.“
„Das ist wohl wahr. Ich werde ohne ihr Wissens ins Haus gehen.“
„Lass dich nicht erschießen!“, entfährt es meiner Mutter.
„Keine Sorge.“ Jetzt muss ich doch grinsen. „Ich berichte euch dann, wie es gelaufen ist. Und jetzt schwimme ich nach Hause.“
So abwegig ist das gar nicht, wie ich dann feststellen muss, als ich fast knöcheltief im Wasser zum Auto wate. Das ist nicht gut. Wenn das Wasser schon hier so steht, wie sie es dann im Tal aus? Ich denke kurz darüber nach, Ben anzurufen. Am Ende entscheide ich mich dagegen. Entweder ist alles gar nicht so schlimm, wie ich es mir ausmale, oder er hat auch ohne mich genug zu tun. Und wenn der Regen übernatürliche Ursachen hat, erfahre ich es sowieso früher oder später.
James ist noch nicht da, also ziehe ich meine nassen Klamotten aus, stecke sie in den Trockner und gehe duschen. Ich bin gerade dabei, mich abzutrocknen, als James in einem Bademantel hereinkommt.
„Wurdest du etwa nass?“, erkundige ich mich.
„Wieso?“
„Weil du dich schon ausgezogen hast.“
„Habe ich nicht.“ Er nimmt mir das Handtuch aus der Hand und macht weiter. Gerade jetzt, wo ich bei den Beinen angekommen bin. Er überzeugt sich, dass ich mich an anderen Stellen auch gründlich trockengerieben habe.
„Wie, du hast nicht? Warst du im Bademantel arbeiten?“
„Ja“, sagt er und hebt mich hoch, bis wir auf Augenhöhe sind. Ich schlinge die Beine um ihn.
„Wie viele Häuser hast du verkauft?“
„Alle.“
„Kann ich mir gut vorstellen.“
Wie durch Zauberei öffnet sich auf einmal sein Bademantel und schon wird sein Zauberstab sichtbar.
„It’s a kind of magic“, stelle ich fest.
„Kein Widerspruch.“
Dann zeigt er, was sein Zauberstab so alles kann, und ich vergesse für einen Moment den Regen, die Geister, meine schlechte Laune, alles. Na ja, fast alles.

Zum Glück hat der Regen aufgehört. Die Erde ist zwar völlig aufgeweicht, aber die Charons haben Steinplatten im Garten gelegt, ich gelange bis zum Haus, ohne wie ein Regenwurm auszusehen. Alle Lichter sind aus, um zwei Uhr nachts nicht weiter verwunderlich. Wobei, es könnte ja auch sein, dass sie nur auf der Lauer liegen, um den Geist zu erwischen. Die Ausrüstung dafür kann man sogar mieten. Sie würden ganz schön blöd gucken, wenn ich in der Geisterfalle zappelte. Das sollte ich also lieber vermeiden.
Ich warte ein paar Minuten und lausche. Also, wenn sie wirklich auf der Lauer liegen, dann haben sie echter Geisterjägerqualitäten. Was ich ihnen eher nicht zutraue, daher beschließe ich, nicht länger zu warten.
Die Charons haben eine Alarmanlage, das weiß ich. Allerdings ist die nicht auf Krieger ausgelegt, die unbedingt ins Haus wollen. Ein Dachfenster ist einen Spaltbreit geöffnet. Gewöhnliche Einbrecher würden gar nicht erst bis dahin kommen, aber ich bin ja nicht gewöhnlich. Nachdem ich auf dem Dach gelandet bin, laufe ich zum Fenster und verharre dann regungslos.
Nichts zu hören.
Es gelingt mir, das Fenster so weit aufzuziehen, dass ich mich durchschlängeln und auf den Boden gleiten lassen kann.
Als ich mich hochstrecke, um das Fenster zuzuziehen, taucht plötzlich ein schwarzer Schatten auf und wirft sich auf mich.