Das hungrige Biest (Teil 7)

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Ich hasse den Januar. Die Tage sind noch nicht so viel länger als im Dezember, dass es sich spürbar bemerkbar macht, dafür ist es zumeist kälter. Und der Frühling noch so weit weg. Februar ist schon viel besser, an den Februar schließt der März an, und im März gibt es bereits richtig schöne Tage.
Aber den Januar, den hasse ich.
Ich bleibe im Auto sitzen. Hier drinnen ist es kuschelig warm. Da draußen ist es gar nicht warm, sondern kalt. Und bis zum Hauseingang sind es mindestens zehn Meter.
Wieso bin ich eigentlich so kälteempfindlich? Ich treibe viel Sport, außerdem bin ich als Kriegerin praktisch unsterblich. Okay, nicht unsterblich, ich kann ja sterben. Ich komme nur wieder.
Schließlich öffne ich seufzend die Tür und steige aus. Der Außenthermometer meines Wagens behauptet, die Temperatur wäre nur unwesentlich unter dem Gefrierpunkt, aber so fühlt es sich nicht an.
Doch dann beansprucht etwas anderes meine Aufmerksamkeit und lenkt mich vollkommen von der Kälte ab. Zuerst weiß ich nicht einmal, was es ist. Ein Gefühl … die innere Alarmglocke. Etwas ist anders. Wie die berühmten Ameisen auf dem Rücken. Nur dass meine feinen Kriegersinne noch eher ansprechen als die Sinne normaler Menschen.
Worauf eigentlich?
Dann wird das Gefühl deutlicher. Im Haus stimmt etwas nicht. Drol hatte ja angekündigt, dass meine Wahrnehmung sich verändern wird. Und nun nehme ich ganz deutlich wahr, dass da drin eine Gefahr droht.
Und das ist schlecht. Denn James ist im Haus. Entweder hat er bereits Ärger oder ihm droht welcher. Ich tippe auf Ersteres, denn es ist zu ruhig. Keine Ahnung, woher dieser Gedanke kommt, er ist jedenfalls plötzlich da, und meine Erfahrung nach einem halben Jahr Kriegerdasein sagt, ich sollte ihn besser nicht ignorieren.
Und nun?
Nach kurzem Nachdenken schließe ich erst einmal leise die Tür meines Wagens, dann schleiche ich um das Haus herum nach hinten, achte dabei sorgfältig darauf, dass ich von drinnen nicht gesehen werden kann. Während ich mich auf mein Handeln konzentriere, denke ich gleichzeitig fieberhaft darüber nach, von wem eigentlich die Gefahr ausgehen könnte.
Und dann sehe ich es. Genauer gesagt, ich sehe Kandor, Simmon und Sannara. Nur das Mädchen fehlt. James sehe ich auch, er sitzt in seinem Lieblingssessel, mit dem Rücken zu mir. Aber ich erkenne seinen Kopf auch von hinten.
Verfluchte Scheiße.
Ich ziehe mich möglichst leise zurück. Und jetzt? Wie haben die mich überhaupt gefunden? Und warum? Wieso sind sie nicht einfach abgehauen? Bloß weil ich Aurina getötet habe? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die erste Kriegerin bin, die eine von denen getötet hat.
Eigentlich ist es auch egal, warum die hier sind. Fakt ist, sie haben James als Geisel. Aber wo ist Danny? Entweder haben sie ihn beseitigt oder er ist noch bei meinen Eltern. Ich hoffe wirklich inständig, dass Letzteres der Fall ist.
Dachfenster. Wenn ich Glück habe, ist eins der Dachfenster offen. Und wenn ich noch mehr Glück habe, dann eins, durch das ich ins Haus komme. Ich bin ja schon schlank, aber einige der Dachfenster sind wirklich nur Luken, durch die höchstens eine Katze passt.
Ich habe Glück.
Bei der sibirischen Kälte eigentlich unverantwortlich. Auch wenn es nur der nicht ausgebaute Speicher ist. Wieso ist es überhaupt offen?
Ich beschließe, darüber später nachzudenken. Jetzt muss ich erst einmal geräuschlos nach oben klettern, was gar nicht so einfach ist. Selbst wenn ich nicht darauf achten müsste, leise zu sein, wäre es eine Herausforderung.
Ich ziehe meinen Mantel aus und lege ihn auf das Auto. Wenn in der Zwischenzeit jemand nach draußen schaut, habe ich sowieso Pech, aber ich kann es nicht riskieren, das Auto anzulassen. Vorhin haben sie mich anscheinend nicht gehört, warum auch immer. Aber es ist zweifelhaft, ob ich noch einmal so viel Glück habe. Ich könnte höchstens versuchen, das Auto wegzuschieben, aber auch das macht Geräusche.
Ich zögere kurz. Doch es dürfte am besten sein, möglichst schnell ins Haus zu gelangen. Das Risiko, dass das Auto zu früh entdeckt wird, ist nicht Null, aber überschaubar.
Die unteren Fenster sind teilweise vergittert, sie erleichtern mir den Start. Dann stehe ich auf dem Balkon von Leslies altem Zimmer und bin zum ersten Mal froh, dass James darauf besteht, darin nichts zu verändern.
Wenig später bin auf dem Dach angekommen und krieche auf allen Vieren zum offenen Dachfenster. Es erinnert mich daran, wie ich vor wenigen Monaten auf einem Dach hinter dem Cuculus hergerannt bin und fast einen Abflug gemacht habe.
Anscheinend bin ich zu Höherem berufen.
Toller Witz, Fiona. Lach dich aber später darüber kaputt, okay? Ich quetsche mich durch das Fenster und mehrere Spinnennetze, versetze einige der possierlichen Tieren in Panik, eine von denen mich, weil sie plötzlich auf meiner Nase sitzt, wenn auch nicht freiwillig, und sie fast die Größe eines Tennisballs hat.
Ich presse die Hand auf meinen Mund, ganz unterdrücken kann ich den, zum Glück nur leisen, Schrei nicht.
Ich warte, bis sich meine Atmung wieder normalisiert und die Spinne in Sicherheit gebracht hat, dann gehe ich langsam zur Tür. Langsam, weil der Boden quietschen und knarren könnte. Meine Vorsicht ist begründet, es gibt einige verdächtige Stellen. Jedes Mal schaffe ich es, den Fuß wieder anzuheben, bevor es so laut wird, dass die unten davon was mitbekommen könnten.
Die Tür zur Treppe wird die nächste Herausforderung, denn sie wird sehr selten benutzt und protestiert entsprechend lautstark gegen die ungewohnte Bewegung. Mit klopfendem Herzen verharre ich vollkommen bewegungslos und unterdrücke sogar das Atmen.
Erst als ich mir sicher bin, nicht bemerkt worden zu sein, wage ich es auszuatmen. Dann denke ich nach. Es ist ausgeschlossen, dass ich die Tür öffne. Was aber gehen könnte, die Tür aus den Angeln zu heben. Zum Glück geht sie, wie es sich gehört, nach innen auf. Ich packe mit einer Hand den Türfalz knapp unterhalb der Klinke, sodass mein Handgelenk gegen die Klinke drückt und ich dadurch mehr Kraft aufwenden kann. Auf der anderen Seite habe ich nur so viel Platz, dass ich die Fingespitzen gegen den Falz pressen kann. Hoffentlich sind die Bänder nicht völlig verrostet, weil dann wird es schwer.
Als Fiona Carter hätte ich keine Chance gehabt, die Tür anzuheben. Auch wenn die Tussy so gern „Supergirl“ gehört hat.
Als Kriegerin allerdings schaffe ich es, die Tür aus den Angeln zu heben, sogar geräuschlos. Aber es ist knapp, sie rutscht mir einmal fast aus den Fingern, weil ich mit der rechten Hand keinen richtigen Halt habe.
Keuchend lehne ich die Tür gegen die Wand. Nachdem sich mein Herzschlag halbwegs normalisiert hat, gehe ich die Treppe hinunter. Auch hier muss ich aufpassen, denn einige der Stufen knarren. Ich trete möglichst nah an der Befestigung auf und komme letztlich unbemerkt in der ersten Etage an.
Im Schlafzimmer ist jemand.
Und stöhnt.
Ich erstarre. Wer zum Teufel …?
Dann wird mir klar, dass da niemand gefoltert wird. Ganz im Gegenteil.
Ich schleiche mich näher. Die Tür ist nur angelehnt. Ich schiebe sie langsam auf, bis ich das Bett sehen kann. Darauf Asta, der pubertierende Dämon, Kandors und Sannaras Tochter. In einem Negligee von mir. Und treibt es mit dem Kissen.
Hä?!
Ich bin mit wenigen Schritten bei ihr, und bevor sie weiß, was überhaupt passiert, sitze ich rittlings auf ihr und halte ihr den Mund zu. Sie starrt mich erschrocken an.
„Was treibst du da?“, frage ich so flüsternd, wie mir in meiner Empörung nur möglich ist.
Erstickte Laute.
Ich taste nach der Schublade meines Nachtschränkchens und hole daraus den Visz-Dolch, den mir Katharina gegeben hatte, hervor. Die Klinge halte ich Asta an die Kehle.
„Hör zu, du Schlampe, das ist Visz. Du weißt, was das bedeutet?“
Sie nickt.
„Ich werde jetzt die Hand von deinem Mund nehmen, aber wenn du auch nur Piep sagst, ohne dass ich es dir erlaube, schneide ich dir die Kehle durch. Hast du das kapiert?“
Erneutes Nicken.
Ich hebe probeweise die Hand an. Sie scheint beeindruckt zu sein, starrt mich weiterhin aus großen Augen an und sagt nichts.
„Also, was treibst du hier?“
Jetzt errötet sie auch noch.
„Und warum trägst du mein Negligee?“
„Wegen … wegen James.“
Mir bleibt die Sprache weg. Dann verstehe ich plötzlich. Die ewig pubertierende Göre hat sich in James verliebt und tut jetzt so, als wäre sie ich und das Kissen James.
Ich muss mich ernsthaft beherrschen, um nicht laut loszulachen.
„Tötest du mich jetzt?“, fragt sie leise.
„Das sollte ich tun, allerdings!“
„Ich würde es an deiner Stelle auch tun.“
Ich mustere sie nachdenklich. Auch wenn sie ansatzweise Ähnlichkeit mit mir hat, bezweifle ich doch sehr, dass sie James verführen könnte. Erst recht, wenn ich ihm erzähle, dass sie ein Dämon ist. Gut, wenn er das von mir und Katharina wüsste, würde er vielleicht die Meinung ändern. Auch wenn Katharina sich seit einem halben Jahr nicht mehr gemeldet hat.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort, und beschließe, möglichst nicht mehr an Katharina zu denken. Das wäre sonst Masochismus in Reinform.
Und was mache ich mit dem verliebten Dämon?
Ich überlege kurz, dann stehe ich auf und ziehe sie hoch.
„Wir gehen jetzt nach unten. Du bist einfach nur still, sonst töte ich dich wirklich. Glaubst du mir, dass ich damit kein Problem hätte?“
Sie nickt. Mal wieder.
„Gut. Dann mal los.“
Ob ich sie vorher was Anderes anziehen lassen sollte? Eigentlich ist es doch gut, wie es ist. Soll sie doch die Männer unten verwirren. Und das könnte sie. Ich habe noch nie ein Negligee gekauft, das nicht transparent war. Und schlecht sieht Asta ja nun nicht aus.
Ich halte sie an den Haaren von hinten fest, die Klinge seitlich gegen ihren Hals gedrückt, während wir nach unten gehen. Dabei wundere ich mich, wie wenig Widerstand sie leistet. Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass das nur an ihrer Schwärmerei für James liegt.
Sannara ist die Erste, die mich sieht. Ihre Augen weiten sich und sie ruft erschrocken: „Asta!“
„Was ist denn mit ihr?“, fragt Simmon, während er herumfährt. Sein Bruder knurrt, als er mich erkennt.
„Da ist sie ja, unsere kleine Dämonenjägerin“, bemerkt Simmon nach einer Schrecksekunde. „Und wieso trägt Asta so ein Zeug?“
„Das solltet ihr lieber sie fragen“, erwidere ich ruhig. Ich bin jetzt wirklich sehr ruhig. Das kenne ich ja schon von früher. Egal wie aufgeregt ich im Vorfeld bin, egal bei was, wenn es losgeht, bin ich voll da. Diese Fähigkeit hat mir auch vor zweieinhalb Jahren das Leben gerettet, als ich noch nichts von meinem Kriegerdasein wusste, aber trotzdem gegen Killer bestehen musste.
Ich werfe einen flüchtigen Blick auf James. Er sitzt scheinbar entspannt da, aber nur scheinbar. Er ist sprungbereit. Und ich weiß auch, wieso. Im Gegensatz zu den Dämonen kenne ich ja seine Vergangenheit. Als Geheimagent wird er gelernt haben, in solchen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Kandor ahnt davon offenbar nichts, sonst wäre er nicht so nachlässig mit der Hand um James‘ Nacken.
Ich fasse den Dolchgriff um. Eigentlich eine harmlose Bewegung, denn ich könnte ja einfach nur schwitzen. Und überhaupt. Aber für James ist es das Signal, dass ich bereit bin. Denn im Gegensatz zu vorhin halte ich den Dolch jetzt so, dass ich ihn gut werfen kann.
Ich wenke meinen Blick zu Simmon, der ein bisschen nähergekommen ist. Unauffällig. Glaubt er anscheinend zumindest.
„Was wollt ihr überhaupt hier?“, erkundige ich mich. „Warum seid ihr …?“
Weiter komme ich nicht. James hat mich verstanden und wird aktiv. Bevor Kandor begreift, was gerade passiert, hat James sich aus seinem Griff gewunden und zur Seite geworfen.
Er ist also in Sicherheit, Kandor weit weg, Sannara ebenfalls. Simmon ist der Einzige, der mir wirklich gefährlich werden kann, aber er ist genauso überrascht wie der Rest seiner Familie von der Aktion. Und mit einem gezielten Wurf des Dolchs in sein Herz sorge ich dafür, dass er sich von dieser Überraschung nie mehr erholt.
Während Simmon wie vom Blitz getroffen umfällt, stoße ich Asta weg, dass sie stolpernd gegen die Couch fällt und wende mich Sannara zu. Doch sie rührt sich nicht. Und das liegt nicht an dem Schreck. Ich sehe ihr eindeutig an, dass sie nicht gewillt ist, in das Kampfgeschehen einzugreifen.
Nanu?
Jetzt sieht sie Kandor an, der den Blick fassungslos erwidert. Dann dreht er sich um und springt durch die geschlossene Terrassenscheibe. Das wiederum überrascht mich einen Moment zu lang, und als ich auf der Terrasse ankomme, ist er nicht mehr zu sehen.
Ich fahre herum, damit weder Sannara noch Asta die Gelegenheit haben, von hinten über mich herzufallen. Meine Sorge scheint jedoch unbegründet zu sein, denn beide bewegen sich immer noch nicht.
„Was ist denn mit euch los?“
Statt einer Antwort deutet Sannara auf Simmon und sagt: „Er wird bald aufwachen.“
„Die Klinge ist aus Visz.“
„Aus Visz? Du hast einen Visz-Dolch?“
„Sieht wohl so aus.“ Ohne sie aus den Augen zu lassen, gehe ich zu Simmon und benutze den Dolch, um sein Herz raus und den Kopf abzuschneiden.
James verzieht andeutungsweise das Gesicht. Zumindest könnte man die schattenhafte Veränderung seines Ausdrucks so deuten.
„Er ist tot“, sagt Asta, und es hört sich an, als würde sie sich darüber freuen.
Ich sehe sie fragend an.
„Er hat es verdient, das Schwein“, bemerkt Sannara. „Wir waren schon seit einiger Zeit dran, einfach abzuhauen, diese Arschlöcher zu verlassen.“
„Okaaay … Und wieso?“
„Er hat versucht, mich zu vergewaltigen. Mehrmals.“
Ich mustere Asta. So wie sie daliegt, nur mit dem durchsichtigen Negligee bekleidet, sieht sie aus wie die personifizierte Lolita.
Was natürlich absolut keinen Freibrief darstellt, das weiß ich auch.
„Hast du es deinem Vater erzählt?“
Asta gibt einen schnaubenden Ton von sich. „Natürlich. Aber er vergöttert seinen großen Bruder und hat mich verprügelt.“
„Oh“, sage ich nur und werfe einen Blick auf James, der mit dem Hochziehen seiner rechten Augenbraue reagiert. Aber vielleicht bilde ich es mir auch nur ein.
„Willst du Kandor entkommen lassen?“, fragt Sannara.
„Nicht wirklich. Wisst ihr denn, wo er sein könnte?“
Sie nickt. „Er wird dorthin zurückgekehrt sein, wo wir die letzten Tage schon waren. Wenn du dich beeilst, müsstest du gute Chancen haben, ihn zu erwischen.“
„Du bist ja echt heiß darauf, dass er nicht davonkommt!“
„Ja“, sagt sie nur.
Während ich ins Bad gehe, um mich vom Blut zu säubern, bitte ich Sannara, James zu erklären, wo wir Kandor finden.
Dann setze ich mich auf die Toilette und atme tief durch. Einmal, zweimal, bis die Tränen kommen.