Das hungrige Biest (Teil 6)

      Kommentare deaktiviert für Das hungrige Biest (Teil 6)

Ich reibe meine blutigen Handgelenke. Die Fesseln waren ganz schön eng.
Aurina beobachtet mich wachsam und hält dabei wie vergessen das Messer in der Hand. Ich erwidere ihren Blick und sehe sie etwas genauer an.
Sie ist nicht unattraktiv, obwohl ihr erstaunlicherweise anzusehen ist, dass sie alt ist. Die schwarzen Haare fallen ihr weit über den Rücken, die großen Mandelaugen sind dunkelblau. Sie ist schlank, fast dünn, und etwas kleiner als ich. Überhaupt sind alle nicht besonders groß, selbst der am größten wirkende Kandor dürfte James höchstens bis zum Kinn reichen. Okay, vielleicht ein bisschen weiter.
Den Vergleich mit Katharina verliert sie eindeutig. Anscheinend stehe ich eher auf vollbusige Blondinen. Gut zu wissen. Und Katharina ist zwar weit weg, unerreichbar weit seit einem halben Jahr, seitdem sie in ihrem Geländewagen davongerast ist, dennoch verspüre ich nicht die geringste Lust, mit dieser uralten Dämonin auch nur etwas Ähnliches zu tun wie mit Katharina.
„Jetzt kannst du dich ausziehen“, sagt Aurina heiser, zugleich legt sie das Messer endlich weg, um nach dem obersten Knopf ihrer eigenen Bluse zu greifen.
Ich nicke und tue so, als wollte ich meinen Pullover über den Kopf streifen. Sie wendet kurz den Blick ab, konzentriert sich auf ihre Bluse. Ich lasse meinen Pullover wieder los und gleichzeitig den rechten Fuß hochschnellen, bis er mit voller Wucht auf ihre Nase trifft. Aufstöhnend taumelt sie zurück und prallt gegen die Wand. Normale Menschen von ihrer Statur wären wahrscheinlich geflogen und hätten sich sämtliche Knochen an der Wand gebrochen.
Aber auch sie steckt das nicht mal eben weg. Da ich jetzt weiß, dass ich mich nicht durch Schmächtigkeit und nicht vorhandene Körpergröße täuschen lassen darf, nehme ich für meinen nächsten Tritt richtig Schwung, indem ich hochspringe und aus einer Drehung heraus gegen ihre Stirn trete. Ihr Kopf donnert gegen die Wand, hinterläßt dort eine Beule, dann sinkt Aurina in sich zusammen.
Ich springe zu ihr und verpasse ihr sicherheitshalber noch einen Schlag gegen die Schläfe. Dann binde ich ihre Handgelenke mit demselben Seil zusammen, mit dem ich gefesselt war.
Vielleicht hätte ich sie vorher fragen sollen, ob sie auf Fesselspiele steht.
Ich durchsuche das Zimmer nach einer brauchbaren Waffe, doch abgesehen von dem Messer gibt es nichts. Das muss genügen. Mit Aurina als Geisel wird es schon irgendwie gehen. Ich schätze, die beiden Brüder sind keine ganz so leichte Beute wie Aurina. Wie gut, dass ich seit einem halben Jahr wieder regelmäßig trainiere, was Nilsson so manchen blauen Fleck beschert.
Ich lege die erstaunlich leichte Dämonin auf meine linke Schulter und begebe mich auf den Rückweg zur Schlachtbank, um Theodor zu befreien. Hoffentlich komme ich nicht zu spät.
Obwohl der alte Dielenboden an einigen Stellen laut knarrt, komme ich unbemerkt an der Treppe an. Ich verharre für einige Sekunden lauschend, bis ich mir sicher bin, dass niemand unten auf mich wartet.
Durch die Fenster dringen die ersten Lichtstrahlen des allmählich beginnenden neuen Tages. Es ist also mindestens sieben Uhr, eher später. James wird sich trotzdem keine allzu Sorgen wegen meines Wegbleibens machen, er weiß ja, dass ich auf Monsterjagd bin. Vor heute Abend würde niemand bemerken, dass etwas nicht stimmt.
Also sollte ich mir besser keinen Fehler leisten.
Das Erdgeschoss passiere ich ohne Probleme und gelange unbemerkt in den Keller. Hier höre ich Stimmen. Wobei, es sind keine Stimmen, es ist nur eine Stimme. Die Stimme von Kandor, dem großen Bruder. Er scheint sich mit jemanden zu unterhalten. Gerade erzählt er, wie er im Ersten Weltkrieg einen deutschen Leutnant mitten im Bombenhagel gehäutet und genüsslich verspeist hatte.
Mit wem redet er da? Etwa mit Theodor? Sollte er nicht zerlegt werden?
Ich gehe schneller, bis ich an der Tür bin, dann lasse ich Aurina zu Boden gleiten. Die Tür ist einen spaltbreit auf, aber nicht weit genug, um zu erkennen, was drinnen passiert. Allerdings hört es sich gerade so an, als würde an einem Knochen gesägt werden.
Ich stoße die Tür auf und springe mit erhobenem Messer hinein. Zu meiner Überraschung ist Kandor allein mit Theodor – oder vielmehr mit dem, was von Theodor noch übrig ist.
Kandor steht gerade vor der Waage und hält einen Arm von Theodor in der Hand. Der andere Arm und beide Beine liegen neben der Waage, bereits ordentlich in Folie gewickelt. Der nackte Rumpf von Theodor liegt auf dem Stahltisch, den ich bereits kenne. Die Augen sind weit aufgerissen, der Blick verliert sich im Nichts.
„Du verdammtes Arschloch“, sage ich leise. „Warum hast du ihn nicht wenigstens vorher getötet?“
„So schmeckt es besser“, erwidert Kandor. Dann runzelt er die Stirn. „Wo ist Aurina?“
„Sie liegt draußen.“
Ich gehe um den Tisch herum auf ihn zu. Er packt ein Beil und weicht vor mir zurück.
„Hast du sie getötet?“
„Nein, aber vielleicht sollte ich das tun. Vorher werde ich sie filetieren.“
Kandor ist wohl eher kein Mann der vielen Worte. Vielleicht ist es aber auch nur typisch für Dämonen. Obwohl, Katharina redet durchaus auch gern. Nicht immer, aber gelegentlich doch. Sie ist ja auch nur ein Halbdämon, im Gegensatz zu diesem hier.
Er kann gut mit dem Beil umgehen, aber ich bin Kampfsportlerin und weiß, wie ich den Angriff abwehren muss. Kandor ist für einen Moment sichtlich überrascht, doch dann zeigt er mir, dass auch er etwas von Kampfsport versteht. Er ist schnell, stark und technisch gut.
Dennoch merke ich rasch, dass er gegen mich keine Chance hat. Auch wenn er viel mehr Zeit zum Trainieren hatte als ich, er hat es offensichtlich nie so intensiv gemacht wie ich. Nach einigen Runden um den Tisch herum, auf dem Theodor verzweifelt versucht, unseren Kampf mit den Augen zu verfolgen, was ohne Gliedmaße nicht so einfach zu sein scheint, gelingt es mir, dem Dämon das Beil aus der Hand zu treten. Ein zweiter Tritt befördert ihn gegen die Wand und verschafft mir eine Atempause.
Dachte ich zumindest, aber nur bis ich von hinten einen Schlag erhalte, der nicht sehr stark ist, jedoch ausreicht, um mich zum Taumeln zu bringen.
Ich fahre mit hochgerissenem Messer herum, die Klinge fährt Aurina, die sich auf mich werfen will, durch den Hals.
Mit einem Röcheln sinkt sie auf die Knie, die weit geöffneten Augen starren mich ungläubig an. Ich bin auch etwas überrascht, denn das war nicht beabsichtigt. Andererseits ist es eine gute Gelegenheit.
Ich werfe einen hastigen Blick auf Kandor, der immer noch benommen auf dem Boden liegt, dann hocke ich mich neben Aurina, die inzwischen auf dem Boden liegt und deren Augen schon ziemlich glasig ins Nirgendwo blicken, und schneide ihr schnell das Herz raus, so wie ich es von Nilsson gelernt habe.
„Nein!“
Das ist Kandor. Ich drehe mich um, bereit, auch ihm den Rest zu geben. Aber anscheinend will er es nicht darauf ankommen lassen, ich sehe nur noch, wie er um die Ecke verschwindet.
Ich starte durch, dann fällt mir Theodor ein. Ich trete zu ihm und beuge mich über sein Gesicht.
„Das sieht nicht gut aus“, sage ich so mitleidvoll, wie mir möglich ist. „Im Krankenhaus werden sie dich zumindest am Leben erhalten können.“
„Das will ich nicht.“ Er sieht mich an und sein Blick ist ungewohnt klar. „Du scheinst zu wissen, wie man Monster tötet. Tue es bitte.“
„Bist du sicher?“
„Ja, bin ich. Sieh mich doch an. Ich bin ein Monster ohne Arme und Beine. Mach dem ein Ende. Bitte!“
„In Ordnung. Ich kann dir aber nicht versprechen, dass es angenehm wird.“
Er lächelt.“Glaubst du, es kann noch unangenehmer werden?“
Ich betrachte seine Stümpfe und verneine dann kopfschüttelnd.
Wäre er ein gewöhnlicher Mensch, würde ich ihn vorher mit einem Schlag betäuben, aber ich habe keine Ahnung, ob ich bei ihm dadurch nicht nur das Leiden vergrößern würde.
Ich stoße die Klinge blitzschnell in sein Herz, ziehe sie wieder heraus und schneide ihm die Kehle durch. Das müsste einigermaßen erträglich sein.
Er röchelt kurz, aber an seinem Blick sehe ich, dass ihn der Schock durch den Stich ins Herz bereits bewusstlos gemacht hat.
Nachdem er keine Lebenszeichen mehr von sich gibt, schneide ich auch sein Herz heraus. Und dann wird es Zeit, den Rest des Clans zu versorgen.
Vier sind noch übrig: die beiden Brüder, die unscheinbare Frau und das Mädchen, das uns heute Nacht ausgetrickst hat. Und wenn ich Glück habe, sind sie durch meine Aktion so eingeschüchtert, dass sie ihr Heil eher in der Flucht als in einem Angriff suchen. Die Tatsache, dass ich noch lebe, könnte ein Hinweis darauf sein.
Ich sehe mich nach Waffen um, aber das Angebot ist überschaubar. Ich behalte das Schlachtmesser und nehme noch das Beil dazu, mit dem Kandor vorhin versucht hat, auch mich zu zerhacken. Solange die Dämonen keine Schusswaffen benutzen, sollte das reichen. Mein Gefühl sagt mir, dass der Clan eher traditionell denkt. Kann mir nur recht sein.
Ich durchsuche das Haus, was nicht besonders schnell geht, da ich vorsichtig sein muss. Immer wieder halte ich inne, um zu lauschen. Es ist verdächtig still. Dennoch spüre ich, dass sie noch da sind. Die Frage ist nur: Verstecken sie sich irgendwo, um mich zu überraschen, oder verstecken sie sich vor mir? Kann es sein, dass sie noch nie ernsthafte Gegenwehr erfahren haben und dadurch verängstigt sind? Die Reaktion, als sie gemerkt haben, dass ich eine Kriegerin bin, spricht dafür.
Dann verstehe ich plötzlich, was sie vorhaben. Ich komme im Schlafzimmer von Aurina an, als ich ein Geräusch höre, das von unten kommt. Eine Tür, aber eine, die schon lange nicht mehr benutzt wurde. Sie knallt beim Aufmachen gegen irgendetwas, und mir wird klar, dass es eine Falltür ist.
Sie fliehen!
Aber warum nicht ganz normal durch die Haustür?
Ich werfe hastig einen Blick in den Hof, doch der ist leer. Okay, ich könnte sie von hier oben angreifen. Insofern ist es nicht ganz sinnlos, was sie da tun.
Ich rase nach unten, da ich mir denken kann, dass sich die Falltür in der Küche befindet. Früher wurde in solchen Farmhäusern oft ein Fluchtweg angelegt und der Zugang befand sich meistens in der Küche.
Ich sollte Lotto spielen. Wobei, was soll ich mit dem Geld?
Ich atme kurz tief durch, dann folge ich ihnen in den Tunnel. Er ist weder besonders hell noch besonders sauber, eher genau das Gegenteil. Ich fische mein Feuerzeug aus der Hosentasche und hoffe, dass es noch funktioniert.
Ich habe Glück.
Mit den vier Dämonen weniger. Schon bald kann ich das Ende des nicht sehr langen Tunnels erkennen. Und ich höre, wie ein Auto angelassen wird. Die sind ja gut vorbereitet. Das spricht dafür, dass sie nicht zum ersten Mal so überhastet ein Domizil aufgeben müssen.
Für mich bedeutet das allerdings, dass ich sie verliere. Bis ich am Ausgang ankomme, ist der Wagen schon weg. Den Spuren nach zu urteilen ein Geländewagen.
Ich werfe Messer und Beil weit weg, dann zünde ich mir eine Zigarette an. Nachher werde ich meine Spuren im Haus beseitigen und danach Ben anrufen.

Preis: Hier auf Amazon.de