Das hungrige Biest (Teil 5)

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Mein Kopf …
Wieso habe ich Kopfschmerzen?
Ich öffne langsam die Augen, zugleich beginne ich, meinen Körper wieder zu spüren. Ich liege auf dem Rücken und kann meine Hände nicht bewegen. Sie scheinen gefesselt zu sein, außerdem liege ich auf ihnen. Das ist unbequem und in dem Maße, wie ich wach werde, auch schmerzhafter.
Neben mir bewegt sich etwas. Ich drehe vorsichtig den Kopf und sehe Theodor. Er liegt ebenfalls gefesselt auf dem Boden.
„Was ist passiert?“, erkundige ich mich.
„Ich weiß nicht.“
Habe ich etwa eine andere Antwort erwartet?
Ich sehe mich um. Der Raum, in dem wir uns befinden, könnte einem Horrorfilm, in dem die Menschen zum Verspeisen zerlegt werden, jede Ehre machen. Dann fällt mir ein, wo wir sind und warum, und mir wird klar: Wir befinden uns tatsächlich in genau so einem Raum.
Nur ist es kein Horrorfilm, sondern die düstere Wirklichkeit.
Ich schließe die Augen, um mich auf meine Erinnerungen zu konzentrieren. Allmählich lichtet sich die Dunkelheit um meinem Verstand.
Nachdem Theodor mir gesagt hatte, dass wir nach Summarit müssen, fuhren wir los. Dank dem extremen Einsatz von Klimaanlage und Sitzheizung waren meine Sachen fast trocken, als wir die kleine Stadt erreichten.
Theodor navigierte mich zu einem abgelegenen Farmhaus. Um drei Uhr nachts brannte noch Licht.
Ich dachte kurz darüber nach, Ben anzurufen und auf seine Leute zu warten, entschied mich aber dagegen. Es war unwahrscheinlich, hier gewöhnliche Sterbliche vorzufinden.
Dafür sprach schon der Name unter der Türklingel: Rotbourg. Wer heißt schon Rotbourg? In einem Kaff, eine halbe Stunde von Skyline entfernt? Vermutlich waren die Vorfahren mal aus Deutschland angekommen.
Ich warf einen Blick auf Theodor, der sich möglichst klein machte. Viel half es nicht.
Seufzend drückte ich auf den Klingelknopf …
Stimmen reißen mich aus meinen Erinnerungen. Zwei Männer nähern sich und betreten nach einigen Sekunden den Raum.
Sie stutzen, als sie mich sehen.
„Asta hat nichts von einer Kriegerin gesagt“, bemerkt dann der Größere.
„Wahrscheinlich hat sie es mal wieder nicht gemerkt“, erwidert der Andere. „Und sie hat Theodor mitgebracht, den bösen Ausreißer.“
Ich merke, wie Theodor unruhig wird.
„Wir müssen uns aber erst einmal um die Kriegerin kümmern“, sagt der Große. Soweit ich es erkennen kann, hat er hellbraune Haare und grüne Augen, außerdem einen ziemlich muskulösen Körperbau.
„Ihr könntet euch ja wenigstens mal vorstellen“, steige ich in das Gespräch ein. „Und mich losmachen. So behandelt man keine Gäste!“
„Du bist ja auch kein Gast“, erwidert der Große und geht grinsend neben mir in die Hocke. „Aber da dies wohl dein letzter Wunsch ist, verrate ich dir, dass ich Kandor heiße. Und mein netter Begleiter ist Simmon, mein Bruder.“
Aus der Nähe nehme ich einen vertrauen Geruch wahr. Dämonen riechen so, mehr oder weniger auffällig. Ansatzweise auch Katharina …
„Ihr seid Dämonen“, stelle ich fest und meine Stimme klingt heiser.
„Ja.“ Simmon mustert mich nachdenklich. Vermutlich interpretiert er meine Heiserkeit nicht ganz richtig. Eigentlich gar nicht. „Für eine Kriegerin stellst du dich ziemlich ungeschickt an.“
„Bin noch nicht so lange im Geschäft.“
Er nickt.“Verstehe. Aber auch dann könntest du uns gefährlich werden. Also werden wir dich unschädlich machen müssen. Einfach nur töten hilft nicht.“
„Wir töten und vergraben sie“, sagt Kandor. „Und zwar so, dass sie sich nicht befreien kann. Sie wird sterben und wieder aufwachen, nach einiger Zeit wieder sterben und dann aufwachen. Bis zum Ende aller Tage.“
„Was ziemlich lange dauern kann.“ Simmon nickt erneut. „Das Problem dabei ist nur, dass andere Krieger vielleicht nach ihr suchen werden.“
„Ganz sicher sogar“, erwidere ich.
„Tatsächlich? Du hast herumerzählt, wohin du fährst? Und bist trotzdem allein hier?“ Kandor schüttelt den Kopf. „Ich glaube dir kein Wort.“
„Und wenn es doch stimmt? Kannst du das sicher ausschließen?“ Simmon mustert mich nachdenklich. „Wir müssen uns erst vergewissern.“
„Und wie willst du das anstellen?“
„Wir fragen sie. Aber so, dass sie geradezu heiß darauf sein wird, uns die Wahrheit zu sagen.“
Das klingt nicht gut. Ich muss an die Cuculus denken und spüre, dass ich plötzlich trotz der Kälte anfange zu schwitzen. Und das ist schlecht, denn im Moment brauche ich meine ganze Konzentration und Selbstbeherrschung.
„Los, leg sie auf den Tisch!“, befiehlt Simmon seinem Bruder.
Dieser wirft ihm einen bösen Blick zu, aber er gehorcht.
Der Tisch ist hart, wie es solche Stahltische üblicherweise zu sein pflegen. Normalerweise ist es dem, der darauf liegt, wohl sowieso egal.
Ich atme tief durch, um die aufsteigende Panik zu bekämpfen, gleichzeitig überlege ich, wie ich vorgehen könnte. Da auch meine Füße gefesselt sind, kann ich nicht beide gleichzeitig angreifen. Das ist zumindest suboptimal. Andererseits ist alles besser, als nichts zu tun.
Simmon tritt von hinten in mein Blickfeld und beugt sich über mich. In der Hand hält er ein Schlachtmesser. Jedenfalls sieht es für mich wie ein Schlachtmesser aus.
„Kriegerinnen sind ja unsterblich“, sagt er in lockerem Plauderton. „Aber Schmerzen empfinden sie trotzdem.“
„Ich weiß“, erwidere ich.
„Ah, dann bist du doch nicht ganz so unerfahren, wie ich dachte. Vielleicht möchtest du dir die Tortour ja ersparen und erzählst direkt die Wahrheit.“
„Fick dich doch.“
Er grinst, dann holt er aus. Ich spanne meinen Körper an, denn so leicht werde ich es ihnen nicht machen, egal ob ich eine Chance habe oder nicht.
Doch dazu kommt es nicht, denn es tauchen neue Mitspieler auf.
„Was ist denn hier los?“, höre ich eine weibliche Stimme.
„Sie ist eine Kriegerin und wir wollen herausfinden, ob sie anderen Kriegern verraten hat, wo sie hingeht“, erklärt Simmon, während er das Messer wieder sinken lässt.
„Eine Kriegerin?“, wiederholt die Stimme, dann taucht ihre Besitzerin neben mir auf. Sie ist klein und schmächtig, ihre langen, schwarzen Haare fallen ihr ins Gesicht, als sie sich über mich beugt. Dunkelblaue Augen mustern mich.
Ich kenne diesen Blick. So hat mich Katharina auch oft angeschaut, bevor wir in der Verborgenen Welt das erste Mal übereinander hergefallen sind.
Na super.
„Und wie wolltet ihr das herausfinden?“ Die Stimme kenne ich noch nicht. Eine zweite Frau, vermutlich zusammen mit der Lesbe gekommen.
„Ein bisschen was hier abschneiden, ein bisschen dort was abschneiden“, erwidert Kandor. „Was machst du überhaupt hier?“
Ich verrenke mir fast den Hals, um die Frau sehen zu können. Sie wendet sich mit düsterem Gesichtsausdruck ab und verlässt den Raum schweigend.
„Du kannst auch gehen“, wendet sich Kandor an die andere Frau, doch diese lässt sich nicht beeindrucken.
„Wann ich wohin gehe, entscheide ich selbst, du Schwachkopf. Und sie nehme ich mit. Ihr könnt den Schwachsinnigen da auseinander nehmen, während ich mich mit ihr beschäftige.“
„Folter sieht aber anders aus!“
„Ich will sie ja auch nicht foltern. Es gibt noch andere Möglichkeiten, etwas zu erfahren. Nicht wahr, Großer?“
Sie grinst Simmon an, der das Grinsen etwas schief erwidert.
„Durchaus, Schwesterchen, durchaus. Ich bezweifle, dass deine Methode effektiver ist, aber was solls. Ich glaube sowieso nicht, dass irgendjemand weiß, wo sie ist. Meinetwegen hab deinen Spaß mit ihr.“
Schwesterchen lässt sich von Simmon das Messer geben und schneidet mir damit die Fußfesseln durch.
„Komm mit“, sagt sie dann. „Wenn du Dummheiten machst, schneide ich dir die Kehle schneller durch, als du blinzeln kannst.Verstanden?“
Ich nicke, obwohl ich anderer Meinung bin. Aber vielleicht ist das meine Chance, mehr über diese seltsame Truppe herauszufinden. Sie sind mindestens zu fünft, wenn ich das junge Mädchen dazu zähle, das uns heute Nacht hereingelassen und wohl auch mit Tee betäubt hat.
Wir gehen nach oben und in ein Zimmer, das ihres zu sein scheint. Recht spartanisch mit einem großen Bett, einem Schrank und einem Stuhl eingerichtet. Das Bett sieht zerwühlt aus.
„Ich muss mich für meine Brüder entschuldigen, sie haben keine Manieren. Und ich wohl auch nicht, habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.“ Sie kichert. „Mein Name ist Aurina und ich bin 879 Jahre alt. Sieht man mir gar nicht an, nicht wahr?“
„Nein, ganz so alt siehst du wirklich nicht aus.“
Sie kichert erneut. „Du hast Sinn für Humor, das gefällt mir.“
„Ich heiße übrigens Fiona.“
„Das ist ein schöner Name. Du bist vermutlich sehr neugierig, wer wir eigentlich sind und was wir hier machen.“
„Kein Widerspruch.“
„Dann setz dich doch. Da, auf das Bett.“
„Soll ich mich auch ausziehen?“
Sie lässt ihren Blick über mich gleiten und sagt dann: „Später. Dazu müsste ich dich losbinden und so weit sind wir noch nicht.“
Ich folge ihrer Anweisung und setze mich auf den Bettrand. Die Haut unter den Fesseln juckt, aber ich lasse mir nichts anmerken.
„Wer seid ihr eigentlich? Abgesehen davon, dass ihr Dämonen seid.“
„Woher weißt du das?“
„Das kann ich riechen.“
„Demnach hattest du also schon mit Dämonen zu tun. Nun, wir gehören einer alten, so gut wie ausgestorbenen Art an, den Hardrogs. Früher gab es Millionen von uns, heute sind meine beiden Brüder, Sannara, Kandors Frau, und Asta, die Tochter der beiden, die letzten Überlebenden. Das Essen von Menschenfleisch ist ein Ritual, das einerseits für uns eine wichtige Tradition ist, und andererseits erschaffen wir auf diese Weise unsere Gefolgschaft, Zombies.“
„Wozu?“
„Um unsere Art zu erhalten, bevor es zu spät ist. Wir brauchen eine starke Armee, die uns beschützt. Darum haben wir beschlossen, dass wir unser Versteckspiel aufgeben. Ist deine Neugier jetzt befriedigt?“
„Nicht wirklich. Aber vielleicht möchtest du mir später mehr über dein Volk erzählen. Ich finde das interessant.“
Ihre Augen blitzen auf. „Ich bin ja nicht blöd, mir ist schon klar, worauf du spekulierst. Lass dich nicht von meiner Körpergröße täuschen. Wenn du versuchst zu entkommen, wird es wehtun. Aber wenn du brav bist, wirst du die schönsten Stunden deines Lebens haben.“
Eingebildet ist die ja gar nicht.
„Ich werde mich benehmen“, sage ich ruhig. Dass sie sich wiederum durch mein Aussehen täuschen lässt, verrate ich lieber nicht.
„Gut, dann werde ich dich losbinden. Danach zeige ich dir, was es bedeutet, mit einer Frau, die seit Jahrhunderten Erfahrungen sammelt, zu schlafen.“
Weiß ich doch schon, aber du weißt nicht, dass ich das weiß, und das ist auch gut so.
„Ich bin neugierig“, erwidere ich.
Dass sich das nicht auf ihre Liebeskünste bezieht, muss sie ja noch nicht wissen.