Der Geist von King Valley (Teil 2)

      Keine Kommentare zu Der Geist von King Valley (Teil 2)

„Willst du nicht nach Hause? Feierabend machen?“
Ich schaue hoch und mustere Monica. Als ich antworte, dass ich Angst habe, entgleisen ihr die Gesichtszüge.
„Angst? Du?!“
„Heute ist doch das Straßenfest.“
„Oh“, erwidert sie. „Das meinst du. Sorry, da kann ich dir auch nicht helfen.“
„Ich weiß“, sage ich seufzend. „Niemand kann das.“
„Was ist überhaupt das Problem? Sei doch froh, dass deine Mutter eine Aufgabe hat.“
„Bin ich ja auch. Sie ist ja schon lange aktiv in allen möglichen Initiativen. Das ist alles sehr schön, nach den Ereignissen damals hätte es auch anders kommen können. Aber hallo? Ein Straßenfest, ausgerechnet in King Valley? Haben alle Frauen da ein Trauma erlitten, das sie so kompensieren müssen?“
„Du bist zynisch und gemein.“
„Warum ist das gemein? Bei meiner Mutter weiß ich, dass es auch mit damals zu tun hat. Vorher hat sie die Wohltätigkeit als Alibi betrieben, wie das halt andere Frauen in ähnlichen Positionen auch machen. Aber seit drei Jahren macht sie es mit Hingabe, aus Überzeugung. Ist ja auch okay. Kann sie gerne machen, wenn es ihr guttut. Und Menschen, die etwas Unterstützung gebrauchen können, haben auch etwas davon.“
„Du machst das ja auch. Menschen helfen.“
„Ich mache keine Straßenfeste!“
„Warum eigentlich nicht?“, fragt Monica, aber sie grinst dabei.
„Weil ich die Heuchelei nicht ertrage. Hast du eine Ahnung, wie die Anwohner in den eigenen vier Wänden über andere reden? Ich will gar nicht wissen, was alles über mich erzählt wird.“
„Na, Stoff lieferst du ja genug.“
„Ich bin das rosa Schaf.“
„Bitte, was bist du?“
„Das rosa Schaf.“ Ihr Gesichtsausdruck lässt mich laut loslachen. „Monica, was ein schwarzes Schaf ist, weißt du schon?“
„Natürlich!“
„Schwarzes Schaf kann jeder. Ich bin aber ein rosa Schaf. Selbst unter schwarzen Schafen falle ich auf.“
Monica sieht mich mitleidig an. „Ich persönlich will gar kein Schaf sein.“
„Sondern?“
„Schafhirt oder Wolf.“
„Okay, dann bin ich eben ein rosa Wolf.“
Kopfschüttelnd wendet sie sich ab. „Ich mache jetzt Feierabend. Lass die Schafe am Leben, egal, welche Farbe sie haben!“
„Ich werde es mir überlegen.“
„Tue das! Und schönen Abend, du Wahnsinnige!“
„Schönen Abend, Monica.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher. Mir wird mal wieder bewusst, was für ein Glück ich habe, dass ich sie von meinem Vater geerbt habe. Dass sie nicht eine neue Stelle gesucht hat. Als Chef-Sekretärin hätte sie bei jeder großen Firma unterkommen können, mit meinem Vater als Referenz. Aber ich glaube, sie hat nicht einmal darüber nachgedacht.
Seufzend fahre ich den Rechner herunter, packe mein Handy und die Schlüssel ein und fahre mit dem Aufzug in die Tiefgarage. Hoffentlich komme ich mit dem Auto überhaupt bis nach Hause. Sicher ist das nicht. Wenn ich mich nicht irre, hat meine Mutter etwas angedeutet, dass auch auf ihrem Grundstück was aufgebaut wird, und davor sowieso. Und unser Haus kommt ja erst danach.
So ist es dann auch. King Valley ist abgesperrt, ich komme mit dem Auto nicht einmal bis Haus Nummer 1, geschweige denn bis 13.
Eine große Wiese wurde angemietet und dient als kostenloser Parkplatz für Anwohner. Gäste müssen hingegen sogar Parkgebühr bezahlen. Ich bekomme mit, wie ein Paar mittleren Alters, das aus einem Porsche steigt, neben der Parkgebühr von 5 Dollar noch um eine Extra-Spende „gebeten“ wird. Nach kurzem Zögern schmeißt der Mann, der mit bekannt vorkommt, mehrere Hunderter in den dafür vorgehsehenen Eimer. Er hat sogar einen Deckel, den Lisa und Luise, die in der 33 wohnen, sorgfältig verschließen.
„Hallo Fiona!“, ruft dann Lisa und winkt mir zu. „Das Fest ist schon in vollem Gange!“
„Kaum zu übersehen“, erwidere ich und spaziere zu ihnen. „Scheinen viele Gäste da zu sein.“
„Mehr als wir gehofft haben“, sagt Luise, ihre Schwester, strahlend. „Deine Mutter hatte da eine echt gute Idee! Wir haben schon beschlossen, dass wir das jetzt jedes Jahr machen wollen.“
Oh mein Gott!
Die beiden fehlinterpretieren meinen Gesichtsausdruck und wünschen mir viel Spaß.
Die ersten Stände scheinen professionell zu sein, ich könnte Taschen und Handyzubehör zu Schnäppchenpreisen kaufen, wenn ich denn wollte. Die Verkäufer geben sich jedenfalls viel Mühe, mich davon zu überzeugen, dass ich als Dame von Welt eine Gucci-Handtasche brauche. Ich verkneife mir den Hinweis, dass ich welche von meiner Mutter leihen könnte, wenn ich sie wirklich bräuchte. Sie wären wenigstens echt, im Gegensatz zu den 50-Dollar-Imitaten. Wie bescheuert sind sie denn, ausgerechnet an diesem Ort ihr Zeug verkaufen zu wollen?
Oder sind sie eher besonders intelligent und geschäftstüchtig? Schließlich kommen nicht nur diejenigen zum Straßenfest, die sich auch Originale leisten können. Und für 50 Dollar fast echt aussehende Guccis spazierenzutragen könnte menschlich sein.
Aber wieso wollen sie das Zeug mir andrehen?
Eigentlich weiß ich die Antwort: Weil ich mich seit Anfang an standhaft weigere, in teuren Designerklamotten herumzulaufen, auch im Büro, von wenigen Ausnahmen abgesehen, wenn die Umstände es zweckmäßig erscheinen lassen. Man sieht mir schlichtweg nicht an, wer ich bin.
Im Vorgarten meiner Eltern steht eine riesige Hüfburg und daneben ein nicht weniger riesiges Zelt, in dem Futter und Getränk für die Eltern verkauft werden, während die Sprößlinge durch die Gegend hüpfen.
Ich schaffe es, unbemerkt in unser Haus zu gelangen, finde aber nur Danny vor. Er beschwert sich lautstark über die ungewohnten Umstände. Nur wo Herrchen ist, das erzählt er mir nicht.
Kurzerhand greife ich nach der Leine und beschließe, dass mir im Moment egal ist, was James treibt. Wahrscheinlich wurde auch er eingespannt und steht an irgendeinem Waffelverkaufsstand. Selbst schuld, wenn er das mit sich machen lässt.
Ich überlege kurz, in welche Richtung ich gehen soll, und entscheide mich für rechts. Wenn ich zurückgehe Richtung Auto, muss ich wieder vor dem Grundstück meiner Eltern vorbei, und es ist nicht sicher, dass ich auch ein zweites Mal Glück habe.
Das Straßenfest reicht in den Park hinein, spart aber die letzten zehn Grundstücke aus. Ich beschließe spontan, bis zum Ende von King Valley zu laufen, was Danny mit irritierten Blicken quittiert. Da er aber angeleint ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als mir zu folgen. Und schon bald hat er vergessen, dass er eigentlich einen anderen Weg gehen wollte.
Während ich den Lärm allmählich zurücklasse, taucht vor mir das Ende der Straße auf. Nach dem letzten Haus beginnt ein Waldstück, durch das ein asphaltierter Weg führt, über den man hinunter an die Küste fahren kann.
Meine Aufmerksamkeit wird plötzlich von einer Katze in Anspruch genommen. Um genau zu sein, ist es eigentlich Danny, der auf die Katze aufmerksam wird, er teilt mir nur auf seine Art mit, dass ihn die Katze wirklich sehr, sehr interessiert.
Und da er inzwischen nicht mehr angeleint ist, verschwinden Katze und Hund in der engen Gasse zwischen Hausnummer 64 und 68.
Wobei, Gasse ist dafür eindeutig übertrieben. Früher, vor mindestens zweihundert Jahren, war hier mal vielleicht ein Fußweg. Jetzt ist er jedenfalls zugewuchert und nur für Katzen und dickfellige Retriever als Weg nutzbar. Für Frauchen in dünnem, kurzärmeligem T-Shirt, Jeans und Slippern ist er eine Zumutung. Eine schmerzhafte, da die Dornen sich nicht nur ineinander, sondern auch in Frauchens Haut verhaken. Von daher ist es kein Wunder, dass sie wild fluchend und schimpfend dort ankommt, wo den Retriever offensichtlich seine Jagdbegeisterung verlassen hat.
„Verdammte Scheiße, Danny! Bist du völlig bescheuert geworden? Mann!“
Danny schaut kurz hoch, dann schnuppert er intensiv weiter. Was ist denn mit dem los? Ich beschließe, mir genauer anzusehen, was sein Interesse geweckt hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *