Geschichten einer Kriegerin – Das hungrige Biest (Teil 2)

Um mich herum wird es immer dunkler. Warum konnte mir niemand vorher sagen, dass ich eine Taschenlampe brauchen werde? Missmutig betaste ich die Beule an meinem Kopf; das heißt, dank meiner Heilkräfte ist sie schon verschwunden. Aber es hat verflucht wehgetan, als das Biest mir mit dem Hammer den Kopf fast eingeschlagen hat.
Die Luft ist stickig und kalt. Und es stinkt. Wenn das Biest hier seine Opfer zum Verwesen aufbewahrt, dann ist das aber auch kein Wunder.
Ich merke, wie es in meinem Bauch rumort. Jetzt ist es schon ein halbes Jahr her, dass ich erfahren habe, eine Kriegerin zu sein und was das bedeutet. Habe ich mich deswegen schon daran gewöhnt? Ganz sicher nicht. Ich muss wahnsinnig sein, als unerfahrene Gleichgewichtsbewahrerin hier einem Wesen hinterherzujagen, das verweste, menschliche Leichen für eine Delikatesse zu halten scheint. Es wäre besser gewesen, Nilsson zu fragen. Oder zur Not auch Michael, obwohl der seltsame Vampir mir unheimlich ist. Bei ihm weiß ich nie genau, was er denkt.
Konzentriere dich lieber auf deine Aufgabe, erkläre ich mir. Wer weiß, ob du dich auch dann regenerierst, wenn du aufgefressen wirst.
Mit Sicherheit, erwidere ich mir und muss grinsen, als mir bewusst wird, was für Selbstgespräche ich führe. Ich sollte mich lieber auf meine Umgebung konzentrieren, sonst gibt es gleich den nächsten Schlag auf meinen Kopf.
Wozu braucht ein Wasserwerk überhaupt so einen Tunnel? Und will ich das wirklich wissen? Hoffentlich ist er außer Betrieb, wie der Rest. Möchte nicht plötzlich mit irgendwelcher Kloake geflutet werden. Obwohl, das Biest ist ja hier drin …
Ich halte inne. Eigentlich habe ich es hier nicht hineingehen sehen. Lediglich die komische Vogelscheuche im Eingang ließ mich das glauben. Was, wenn es zum makabren Humor des Wesens gehört, Leute auf völlig falsche Fährten zu locken?
Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit hinein und verfluche meinen Leichtsinn, keine Taschenlampe dabei zu haben. Memo an mich: Auf Einsätze als Kriegerin immer, wirklich immer, eine Taschenlampe mitnehmen.
Es ist nichts zu hören. Und zu sehen schon mal gar nicht. Andererseits stinkt es derart abartig, als stünde ich inmitten der Vorratskammer des menschenfressenden Biestes.
Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich gehe langsam in die Hocke und taste den Boden ab. Es fällt mir schwer, keinen Schrei auszustoßen, als ich in etwas Glitschiges packe und mir kurze Zeit später klar wird, dass ich im Bauch von einem Menschen herumwühle.
Okay, also Vorratskammer stimmt schon einmal und auf falsche Fährte gelockt wurde ich auch nicht. Dann müsste das Biest doch eigentlich in der Nähe sein …
Ich spüre den Luftzug, bevor ich getroffen werde, und das rettet mich diesmal. Etwas Hartes streift meinen Kopf zwar trotzdem und reißt mir fast das linke Ohr ab, aber ich werde nicht bewusstlos.
Allerdings verliere ich das Gleichgewicht und falle in das, was ich gerade eben noch als offenen Bauch eines Menschen identifiziert habe. Ich schreie auf, halb vor Wut und halb vor Ekel.
Dann wird mir klar, dass ich es meinem Gegner nicht so leicht machen sollte, und rolle mich zur Seite. Das ist jedoch nur bedingt eine gute Idee, denn logisch, dass der Bauch nicht allein auf dem Boden herumliegt. Ob es die dazugehörigen Eingeweiden sind, in denen ich lande, oder etwas gänzlich anderes, kann ich auf die Schnelle nicht erkennen.
Und um ehrlich zu sein, will ich es auch gar nicht.
Das Biest scheint im Dunkeln sehen zu können, denn plötzlich packt es mich an den Schultern und hievt mich hoch. Ich spüre seinen Atem im Gesicht und denke darüber nach, ohnmächtig zu werden, derart gräßlich ist der Gestand, der plötzlich meine empfindlichen Geruchssinne bombardiert.
„Hör auf!“
Wie? Was? Hat wirklich gerade das Biest mit kaum zu verstehender Stimme, die einem Subwoofer Ehre machen könnte, darum gebeten, aufzuhören?
Ich beschließe, dass ich wohl halluziniere, was kein Wunder wäre angesichts dessen, was ich gerade einatmen muss. Ob sich bei der Verwesung auch Halluzinogene bilden, die nun konzentriert aus dem Magen dieses Monsters entweichen und mich der Sinne berauben?
Ich schlage wild in die Richtung, aus der die Stimme kam, und treffe etwas Hartes. Obwohl ich vom Kampfsport her gewohnt bin, Ziegelsteine und Ähnliches zu zertrümmern, habe ich das Gefühl, sämtliche Knochen meiner Faust wären gebrochen. Anscheinend habe ich das Biest voll im Maul getroffen, und seine Zähne sind verflucht hart.
Wir schreien beide auf und taumeln voneinander weg. Wenigstens kann ich meinen Gegner jetzt hören und so lokalisieren. Er scheint in Richtung Ausgang zu laufen und ich folge ihm, wenn auch etwas langsamer, da ich nichts sehen kann. Ich werde bei Gelegenheit Michael fragen, ob es irgendeinen Trick gibt, wie sich Vampire auch bei völliger Dunkelheit orientieren. Wobei, so wie ich ihn kenne, wird er sagen, dass sie es genauso machen wie die Fledermäuse.
Blödes Arschloch.
Doch jetzt sollte ich mich auf das menschenfressende Biest konzentrieren. Und weil es zunehmend hell wird, kann ich immer schneller laufen. Leider ist sein Vorsprung inzwischen so groß, dass ich ihn aus den Augen verliere, als er den Ausgang erreicht. Und bis ich ebenfalls dort ankomme, ist er verschwunden.
Na super.
Ich mustere die Vogelscheuche.
Dann meine Hände.
Und dann ist es vorbei. Zu viel ist zu viel.
Ich falle würgend auf die Knie und gebe die kümmerlichen Reste meines Abendessens von mir.
Als ich schließlich den Kopf hebe, sehe ich seine Füße.
Direkt vor mir.
Scheiße.

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