Das hungrige Biest (Teil 1)

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Das Biest hat einen makabren Humor, so viel steht fest.
Es sieht aus wie eine Vogelscheuche. Fast. Nur dass diese hier aus echten menschlichen Teilen zusammengebastelt wurde. Der Kopf ist skelettiert, anscheinend stand kein gut erhaltener Schädel mehr zur Verfügung. Die in die Höhlen gepressten Augen hingegen wirken recht frisch. Der Körper ist nackt, der aufgeschlitzte Bauch notdürftig zusammengenäht. Das Biest hat eindeutig keine chirurgische Erfahrung. Und während der Oberkörper einer Frau gehört hat, stammt der untere Teil von einem Mann. Die Reste lassen das ganz gut erkennen, auch wenn nicht alles, was einen Mann so gewöhnlicherweise ausmacht, noch vorhanden ist.
Die Arme gehörten nicht der Frau, die den Oberkörper zur Verfügung stellt, sie gehörten nicht einmal demselben Menschen. Ein Arm ist so angewinkelt, dass die Hand ein Schild halten kann, auf dem in kraxeliger Schrift die eindeutige Aufforderung steht: „Kehr um!“
Der andere Arm zeigt mit ausgestrecktem Mittelfinger in die Richtung, aus der ich gekommen bin.
Ich denke darüber nach, ob ich dem Befehl folgen sollte. Was geht mich das hier überhaupt an? Okay, ich bin eine Kriegerin, ich habe gefälligst für das Gleichgewicht zu sorgen. Wobei, stört das Ding hier wirklich das Gleichgewicht? Ab wie vielen Opfern kann ich davon ausgehen? Und außerdem, vielleicht sollte ich dabei auch berücksichtigen, wen er sich holt. Klar, eigentlich ist das politisch sehr unkorrekt, den Wert von Menschen gegeneinander abzuwägen. Aber für das Gleichgewicht spielt es nun einmal eine Rolle, wer was tut in seinem Leben. Auch wenn es mich ankotzt, muss ich das berücksichtigen.
Seufzend beschließe ich, den Hinweis zu ignorieren, und gehe an der zusammengebastelten Vogelscheuche vorbei tiefer in den Tunnel hinein.