Der Geist von King Valley (Teil 1)

      Keine Kommentare zu Der Geist von King Valley (Teil 1)

Eine SMS, genau als ich die Autotür öffne und mit einem eleganten Beinschwung aussteigen will. Auf die Gefahr hin, dass die Hose an relevanten Stellen der Belastung nicht standhält, setze ich den linken Fuß außerhalb des Autos ab und fische das Handy aus der Hosentasche. Eigentlich eine Sünde, als Frau das Handy in der Hosentasche zu tragen, aber das ist mir egal.
Die SMS ist von James. Danny und er liegen am Pool bei meinen Eltern und ich soll ohne Umweg durch unser Haus dorthin kommen. Es wäre wichtig.
Ich überlege kurz, ob ich ihn anrufen sollte. Andererseits klingt „und wir liegen am Pool, Danny ohne, ich mit Caipi“ nicht nach einer Bedrohung für Körper und Seele, nicht einmal verschlüsselt. Es klingt eher danach, dass James sich nicht den ersten Caipi des Tages gönnt.
Ich vollende das vorhin angefangene Manöver und steige aus dem Wagen. Entgegen der Order gehe ich doch erst ins Haus, um meine Handtasche abzulegen. Kurz überlege ich, Jeans und Bluse gegen einen Bikini zu tauschen, aber dann wäre mein Ungehorsam zu offensichtlich, also verzichte ich darauf.
Ich spaziere auf das Nachbargrundstück, ganz brav durch das Tor, wie es sich für eine elegante, gebildete Chefin gehört. In den Garten gehe ich allerdings nicht durch das Haus, sondern über den Kiesweg, der rechts am Haus vorbei nach hinten führt.
Danny ist der Erste, der mich bemerkt. Laut bellend stürzt er sich auf mich, ich habe Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Nachdem er sich beruhigt hat, gehe ich zu James, der nur mit Badehose bekleidet auf einem Gartenstuhl liegt, und gebe ihm einen Kuss. Mit der Hand fahre ich sanft über seinen muskulösen Bauch. In der Hose zuckt es kurz, aber er kann sich gut beherrschen. Danach begrüße ich meinen Vater, der uns von dem großen Gartentisch aus beobachtet, auf dem seine Zeitung liegt.
„Deine Mutter ist drin und holt Kaffee“, sagt er.
„Gar nicht wahr, ich bin bereits hier“, bemerkt die Erwähnte und stellt ein Tablett mit vier Tassen und einer großen Kanne ab.
„Ich nehme einen Caipi“, erkläre ich.
„In den Kaffee?“, erkundigt sich meine Mutter.
Kopfschüttelnd umarme ich sie. „Kaffee hatte ich schon genug heute. Nur den Caipi, bitte.“
Sie nickt und mustert mich. „Du müsstest doch eigentlich schmelzen, so dick wie du angezogen bist.“
„Hä? Ich habe genau vier Teile an: Slipper, Jeans, Höschen und Bluse.“
„Viel zu viel. James macht es richtig.“
„Und du?“
„Ich trage nur dieses leichte Sommerkleid, das ist schön luftig.“
„Wie, und nichts darunter?“, frage ich grinsend.
Sie errötet. „Das habe ich nicht gesagt und werde es auch nicht.“
„Na gut. Ich will dich nicht ärgern.“
Während ich wieder zu James gehe und mich am Kopfende seiner Liege hinhocke, sagt sie: „Das freut mich. Zumal ich jetzt im Orga-Team bin.“
Ich sehe sie fragend an. „Erstens: Was hat das miteinander zu tun? Und zweitens, von welchem Orga-Team redest du überhaupt?“
James und mein Vater grinsen erwartungsvoll.
„Für das Straßenfest.“
„Straßenfest? Welches Straßenfest?“
„Das King Valley-Straßenfest.“
Ich richte mich auf. Nach kurzem Überlegen ziehe ich die Schuhe und die Jeans aus, dann lege ich mich neben James auf eine zweite Liege.
„Wer hatte denn diese bescheuerte Idee?“, frage ich dann genüßlich.
„Wieso ist sie bescheuert? Überhaupt, was ist das denn für eine Wortwahl?“
„Eine sehr vornehme und zurückhaltende, zumindest für meine Verhältnisse. Also, jetzt mach es doch nicht noch spannender, sonst schlaf… platze ich!“
Meine Mutter macht kurz ein beleidigtes Gesicht, doch dann kann sie sich nicht beherrschen und lächelt. „Wieso wussten deine Männer, wie du reagieren wirst?“
„Du wusstest es nicht?“
„Doch. Aber ich habe aus Prinzip widersprochen.“
Ich werfe einen Blick auf Nicholas, der mir den Caipi bringt. Er verzieht keine Miene, lediglich seine Mundwinkel zucken kurz und verraten dadurch, dass er sich königlich amüsiert.
„Außerdem kommen die Einnahmen einem Obdachlosenverein zugute.“
„Aha. Also ein Charity-Event. Mama, das ist nicht dein Ernst!“
„Wieso nicht? Was hast du dagegen?“
„Das fragst du noch? Hallo? Seit wann machst du so einen Scheiß? Wieso spendest du nicht einfach dem Verein was?“
„Wer sagt denn, dass ich das nicht tue? Chrissy und ich halten das Fest für eine gute Idee und werden es machen. Ende der Diskussion.“
Ich starre meine Mutter entgeistert an. Das sind ja ganz ungewohnte Töne von ihr. Mein Vater und James sehen auch überrascht aus.
„Na gut. Ich diskutiere sowieso nie.“
Meine Mutter bekommt einen Lachanfall, mein Vater kann sich mit Mühe beherrschen und James verdreht die Augen, bei ihm ein emotionaler Ausbruch.
Ich lehne mich zurück und nippe wortlos an meinem Caipi. Straßenfest. In King Valley. Da bin ich ja mal gespannt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *