Preview: Fiona – Sterben

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„Heute beginnt der Countdown.“
Ich starre Julie an. Habe ich was verpasst?
„Was für ein Countdown?“
„Noch 365 Tage bis zu deinem 30. Geburtstag!“
„Aha. Hört sich an, als wäre das was Gefährliches.“
„Nein, eigentlich ist das völlig normal“, erwidert Julie fröhlich. „Außerdem bist du heute ja erst 29 geworden. Kannst also noch ein ganzes Jahr lang dich darüber freuen, nicht über dein Alter lügen zu müssen.“
„Sprichst du aus Erfahrung?“ Oh, Fiona, das war böse! Aber Julie hat ein sonniges Gemüt, sie lacht nur. Ich mache ihr einen Cocktail, etwas Süßes, Solero, für den Fall, dass sie insgeheim doch sauer ist; dann kümmere ich mich um die anderen Gäste.
Wobei, nötig wäre das nicht. Der Star meiner Geburtstagsparty sorgt schon dafür, dass alle beschäftigt sind und sich gut amüsieren. Töchterchen ist begeistert davon, dass sie laufen und ansatzweise sprechen kann, und zeigt das allen. Sowohl ihre Freude als auch ihre Fähigkeiten. Sonst schafft sie es damit, den Tag meiner Eltern zu füllen, heute haben diese mal Urlaub.
James ging vorhin mit Danny und einer Kinderschar los, die Gegend unsicher zu machen. Für mich bleiben also nur meine Eltern, nachdem auch Julie eine neue Beschäftigung gefunden hat. Ich mixe mir einen Caipi und gehe in den Garten, wo meine Mutter es sich in einer Gartenliege bequem gemacht hat, während mein Vater Sandras Sandkasten inspiziert.
Ich setze mich neben meiner Mutter auf einen Stuhl und erkundige mich: „Was genau macht er da eigentlich? Hat er Angst, das könnte Treibsand sein, der Sandra verschlingt?“
Mein Mutter wirft mir einen amüsierten Blick zu. „Ich glaube, er sucht nach Hinterlassenschaften von Katzen. Die Viecher vermehren sich in letzter Zeit ziemlich.“
„Hier nicht, hier herrscht Danny.“
„Du bist grausam.“
„Ich bin nicht grausam, das Leben ist es. Ich kann auch nichts dafür, dass Katzen und Danny nicht kompatibel sind. Ich glaube, das nennt sich Verhaltensbiologie.“
„Wirst du auf deine alten Tage darwinistisch?“
Ich starre sie entgeistert an. „Ich? Darwin? Wenn überhaupt, dann interessiert mich der Darwin Award. Da habe ich eine ganz lange Vorschlagsliste. Aber Darwinismus?“
„Das klang vorher aber ganz, als wenn du an natürliche Auslese glauben würdest.“
„Klar, ein natürlicher Engel.“
„Ach ja.“ Meine Mutter lehnt sich zurück und nippt an ihrem Drink. „Nach all den Jahren habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass du … Ich weiß nicht einmal, wie ich es nennen soll. Statthalter, Krieger, Vampire … Das ist so unwirklich.“
„Mama, schau nach oben. Was siehst du da?“
„Den Himmel.“
„Was noch?“
„Die Sonne.“
„Was noch?“
„Keine Ahnung. Worauf willst du hinaus?“
„Du akzeptierst ohne Probleme, dass es da den Himmel gibt, die Sonne, weißt nicht einmal genau, was das ist, akzeptierst, was du darüber in der Schule gelernt hast, dass da so ein Feuerball ist, in dem es unvorstellbar heiß ist, dass es Sterne gibt, du akzeptierst, dass du niemals zu den Sternen reisen wirst, weil Einstein was dagegen hat, all das bereitet dir keine Probleme. Ich sorge hier für ein bisschen Gleichgewicht und daran kannst du dich nicht gewöhnen?“
„Du solltest in die Politik gehen“, bemerkt mein Vater, der die Inspektion des Sandkasten beendet hat und neben uns steht. „Apropos, ich hole mir was zu trinken, möchtet ihr auch was?“
Meine Mutter hält ihm ihr Glas hin. Ich mustere die traurigen Reste meines Caipi, dann nicke ich.
„Ich habe mich auch daran gewöhnt, dass es einen Gott gibt, dass Jesus für uns gestorben ist, dass in jedem noch so kleinen Kaff eine Kirche steht. Das war keine Gefahr, es ist eigentlich so weit entfernt vom täglichen Leben wie die Sonne und die Sterne. Aber du, mit alle deinen Fähigkeiten, du bist Teil unseres Alltags.“
„Ich achte schon darauf, dass ihr möglichst wenig davon mitbekommt.“
„Möglichst, genau.“
Ich denke an die Ereignisse vor einem Jahr und seufze. „Okay, klappt nicht immer. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, wenn du nicht alles erfährst, was ich so erlebe.“
„Das glaube ich allerdings auch.“ Sie wendet den Blick von mir ab, denn ihre Schwester kommt auf uns zu. Ich schließe die Augen und höre nur halb zu, wie die beiden sich über irgendeine Nachbarin meiner Tante aufregen. Eigentlich regt sich nur meine Tante auf, meine Mutter nimmt es eher locker. Ich glaube, die letzten Jahre mit mir haben sie ziemlich abgehärtet, was aufregende Ereignisse angeht.
Plötzlich passiert etwas. Mit aufgerissenen Augen setze ich mich auf und starre nach vorne.
„Fiona? Was ist los?“ Meine Mutter klingt panisch.
Ich versuche herauszufinden, was mich so aufgeschreckt hat. Es war wie eine Erschütterung, aber sie kam nicht vom Boden, nicht wie ein Erdbeben. Ich habe sie gefühlt. Was zum Teufel war das?
Ich wende mich meiner Mutter und ihrer Schwester zu und lächele etwas verkrampft. „Ich glaube, ich bin eingedöst und habe etwas geträumt.“
Ich sehe meiner Mutter deutlich an, dass sie mir nicht glaubt, aber wegen meiner Tante lieber nicht nachbohrt. Zum Glück kommt jetzt auch mein Vater mit den Drinks.
Ich lehne mich wieder zurück und nippe an meinem Caipi. Den hat mein Vater zubereitet und er kann das verdammt gut. Ich schenke ihm ein dankbares Lächeln, während mein Unterbewusstsein verzweifelt versucht, sich zu erinnern, wie die Erschütterung sich angefühlt hat. Da anscheinend niemand außer mir sie wahrgenommen hat, war es auf jeden Fall etwas, was mit meinem Kriegerdasein zu tun hat. Ich werde heute Abend mal die anderen fragen, ob sie auch was gemerkt haben.

„Nicholas!“, rufe ich erfreut.
„Wir haben ihn einfach gezwungen, mitzukommen“, erklärt meine Mutter und schiebt den alten Mann durch die Tür. „Ich dachte, bei diesem eher privaten Teil kann er als quasi Familienmitglied ruhig mal dabei sein.“
„So sehe ich das auch“, erwidere ich und umarme Nicholas. „Kommt rein, ihr seid die Ersten.“
„Schon wieder?“, bemerkt mein Vater.
Noch bevor ich antworten kann, spüre ich, wie sich jemand der Tür nähert und öffne sie. Das Triumvirat ist da: Michael, Nilsson und John. Wie schön wäre es, wenn Katharina auch dabei wäre. Und Elaine.
Ich muss mich zwingen, nichts von meinen düsteren Gedanken anmerken zu lassen und begrüße die drei überschwenglich. Michael mustert mich von Kopf bis Fuß.
„Hast du das heute Nachmittag auch getragen?“
„Nein, der Hausanzug ist nur euch vorbehalten. Heute Nachmittag trug ich High Heels, eine schwarze Strumpfhose, Minirock und eine halb transparente Bluse. Und natürlich einen nicht transparenten BH.“
„Danke! So genau wollte ich das gar nicht wissen.“
„Du hast die Farbe des Schlüpfers vergessen“, bemerkt John. „Oder hast du gar keinen getragen?“
Meine Mutter verschluckt sich, ich verpasse John einen angedeuteten Tritt und begleite meine Mutter in die Küche, um ihr dort mit einem Glas Wasser das Leben zu retten.
Kurz darauf klingelt es schon wieder und danach sind wir mit Ben und Jack komplett. Hat irgendwie was Vertrautes. Findet Töchterchen auch und knutscht sie der Reihe nach ab.
Ich hole die Torte, die etwas kleiner ist als die heute Nachmittag für die Verwandtschaft. James kümmert sich derweil um den Wein. Mein Vater verzichtet diesmal auf eine Rede, wofür ich ihm ausgesprochen dankbar bin. Seit ich vorhin an Katharina denken musste, ist meine Stimmung sturzflugartig in den Keller gefallen.
Irgendwann landet Sandra wieder bei mir. Ich schnuppere an ihren Windeln, aber es besteht kein Handlungsbedarf.
„Du machst das inzwischen richtig routiniert“, stellt Nilsson fest.
„Was?“
„Wie du an Sandras Windeln geschnuppert hast.“
„Haha.“
„Hast du schlechte Laune?“
„Nein.“
Sandra verputzt den Rest meines Tortenstücks und greift dann blitzschnell nach dem Weinglas. Ihre Geschwindigkeit ist unglaublich. Ich schaffe es gerade so, ihr das Weinglas mit sanfter Gewalt zu entwinden, was lautstarken Protest bei ihr auslöst. Erst als James ihr in einem Weinglas roten Traubensaft reicht, werden meine Ohren erlöst. Ich beobachte sie beim Trinken und streichele ihren Kopf. Sie wird eine verdammt starke Persönlichkeit werden.
Wenn sie es erlebt, schießt es mir plötzlich durchs Hirn.
Vor Schreck lasse ich sie fast fallen. Was war das denn schon wieder? Als ich hochblicke, merke ich, wie Michael mich beobachtet. Er sieht ziemlich nachdenklich aus.
So nachdenklich, dass er mir später hilft, einige Sachen in die Küche zu tragen und dann leise sagt: „Was ist denn mit dir los?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“ Ich räume die Sachen in die Spülmaschine. Michael reicht mir Gläser an, dabei berühren sich unsere Hände. Verdammt. Ich habe mich schon bewusst unsexy angezogen, den schwarzen Hausanzug und die Füße nackt, trotzdem spüre ich, wie es beinah knistert.
„Vorhin hat dich etwas erschreckt. Und als wir kamen, hätte ich dich am liebsten auf den Arm genommen und getröstet.“
„Idiot.“
„Das meine ich ernst. Du hast ausgesehen, als würdest du gleich anfangen zu weinen.“
„Ich habe Geburtstag, da werde ich immer sentimental.“
„Und du willst es mir nicht erzählen?“
Ich schließe die Tür des Geschirrspülers und lehne mich dagegen. „Michael, ich habe heute Nachmittag was gespürt. Einfach so. Als wäre da … Ich weiß nicht, was es war. Eine Art Erschütterung, aber sie war nicht physisch. Hast du auch was gemerkt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Können Krieger verrückt werden?“
„Theoretisch schon, aber nicht du.“
„Was soll das denn schon wieder bedeuten?“
„Du bist doch keine gewöhnliche Kriegerin.“
„Ach? Wieso nicht?“
„Fiona, willst du mich verarschen? Du hast einen Krumana-Dämon getötet. Und auch wenn du dich weigerst, uns zu erzählen, wie du das geschafft hast, steht eines doch fest: Keiner von uns hätte das geschafft. Krumana-Dämonen verhalten sich zu Kriegern wie Kryptonit zu Superman.“
„Sehr witzig.“
„Also, was hat dich fast weinen lassen?“
Der Kerl lässt wohl nicht locker.
„Ich habe nur einen kurzen Moment daran gedacht, dass auch Katharina … mit euch … Egal.“
Michael mustert mich, dann wischt er die eine dämliche Träne ab, die es gewagt hat, sich aus dem Augenwinkel zu schleichen.
„Sie ist übrigens wieder in der Stadt.“
„Schön für sie“, erwidere ich und gehe zurück zu den anderen.

Es ist heiß. Das spüre ich selbst durch die geschlossenen Fenster. Da ich nicht schon mit durchschwitzten Sachen losfahren will, gehe ich nackt hinunter zum Frühstücken. James hat heute frei und den Tisch schon gedeckt. Sandra sitzt auf seinem Schoß und malt mit Marmelade irgendwas auf seine Stirn.
„Ihr dürft gleich baden gehen“, teile ich ihnen mit.
„Macht ja nix. Vielleicht gehen wir rüber zu deinen Eltern und in den Pool.“
„Bei der Hitze eine gute Idee. Achte darauf, dass sie nicht zu lange in der Sonne ist.“
James mustert mich. „Ist nicht mein erstes Kind.“
„Entschuldige“, murmele ich. Verdammte Scheiße.
„Schon gut. Alles in Ordnung bei dir?“
Ich nicke. Warum sollte nicht alles in Ordnung bei mir sein? Wir haben bald Mitte August, der Sommer war schön und ist es noch, heute Morgen hatten wir ausgiebigen und vor allem ungestörten Sex, auch wenn das bedeutete, dass James schon das Badezimmer unten renovieren durfte, also ist doch alles in bester Ordnung.
So rein theoretisch.
„Vielleicht solltest du heute auch mal frei nehmen“, schlägt James vor.
„Geht nicht, ich habe einen wichtigen Termin.“
„Dann mach früh Feierabend.“
„Das könnte ich machen.“ Ich nippe am heißen Kaffee und überlege, was ich essen soll. Eigentlich ist mir gar nicht nach Essen. Genau genommen ist mir irgendwie sogar schlecht. Ich werde doch nicht schon wieder schwanger sein?
Ich beschließe, dass ich auf der Heimfahrt einen Test besorgen werde.
Kann es sein? Ich überlege, ob wir zu der infrage kommenden Zeit überhaupt Sex hatten. Mir gelingt es aber nicht, die infrage kommende Zeit genau genug zu bestimmen und höre damit auf.
Dann frühstücke ich heute eben nicht.
Als ich mich erhebe, um nach oben zu gehen und mich anzuziehen, fragt James: „Willst du heute nichts essen?“
„Kein Hunger.“
Ich stehe lange vor dem Kleiderschrank. Schließlich entscheide ich mich für ein luftiges, helles Sommerkleid mit Spaghettiträgern, das bis zu den Knien reicht und nach einem transparenten BH verlangt, weißes Höschen und flache Sandalen. So sieht zwar kein Engel aus, aber eine Fiona, die ungewohnterweise wegen der Hitze leidet, die schon.
James zieht eine Augenbraue etwa zwei Millimeter hoch, sagt aber nichts weiter. Er kriegt einen Kuss auf den Mund, Sandra Tausende überallhin, dann fahre ich mit meinem Auto ins Büro.
In unser neues Büro. Ich werde wohl noch eine Weile brauchen, mich daran zu gewöhnen, dass wir umgezogen sind. Aus dem alten Wolkenkratzer mitten zwischen anderen Bürogebäuden von Versicherungen, Banken und Anwaltskanzleien auf einen Campus, der nur uns gehört. Den Mittelpunkt bildet ein vollkommen gläsernes Gebäude für die Verwaltung, in dem mein Büro die oberste Etage einnimmt. Trotz meiner Gegenwehr, aber letztlich musste ich mich den Argumenten der Architekten, Monicas und meiner Mitarbeiter geschlagen geben. Die Chefin eines Unternehmens, die den Wert dieses Unternehmens in fünf Jahren mehr als verzehnfacht hat, muss einfach einen repräsentativen Sitz haben. Nicht für die eigenen Leute, sondern für die Partner. Für die Autoren, für die Boygroups, für die Filmproduzenten, für die Regierungen, für alle, mit denen wir Geschäfte machen.
Ich wünschte, ich hätte mich von meinem Vater nicht überreden lassen, die Firma zu übernehmen.
Den Wagen stelle ich direkt neben dem riesigen Haupteingang ab und spaziere auf den Empfang zu. Claire lächelt mir entgegen.
„Hi Fiona. So sommerlich angezogen heute.“
Ich deute nach draußen. „Ist ja auch Sommer.“
„Das stimmt. Man sieht dich trotzdem selten in so einem Kleid.“
„Ich sollte das ändern.“
Claire nickt. „Steht dir gut.“
Monica runzelt die Stirn, als sie mich aus dem ebenfalls gläsernen Aufzug steigen sieht. „Du siehst so luftig aus.“
„Hallo? Erst Claire und jetzt du? Es ist Sommer!“
„Wir haben eine Klimaanlage. Außerdem siehst du halt ungewohnt aus. Kaffee?“
„Ja, stark und schwarz.“
Monica runzelt erneut die Stirn, sagt aber dieses Mal nichts. Ich gehe ins Büro, das nur nach draußen gläsern ist. Mein Laptop ist bereits eingeschaltet. Ich entsperre den Bildschirm und lese die neuen Mails.
Monica stellt den Kaffee auf den Tisch und bemerkt: „Irgendwie siehst du scheiße aus. Bist du krank?“
Ich starre sie an. Sie kann ja nicht wissen, dass es völlig ausgeschlossen ist, dass ich krank bin. Nicht einmal durch eine Schwangerschaft. Aber was zum Teufel ist dann los? Ich fühle mich tatsächlich schlecht. Nicht einmal, als ich mit Sandra schwanger war, habe ich mich so gefühlt.
Es kommt urplötzlich. Ich schaffe es gerade so eben bis zur Toilette, bevor ich loskotze. Da ich schon lange nichts mehr gegessen habe, ist es vor allem grünlicher Schleim, den ich von mir gebe, und ich merke, dass Panik langsam in mir aufsteigt.
Ich. Bin. Eine. Kriegerin. Ich kann nicht krank werden.
Dann ist Monica da und hilft mir, mich aufzurichten. Sie packt mich am Kinn und blickt mir tief in die Augen.
„Du solltest zum Arzt gehen“, sagt sie dann.
„Mir fehlt nichts.“
„Hallo? Du hast grad nur durch einen Raketenstart verhindern können, dass du ins Büro kotzt!“
„Trotzdem …“
Ich gehe zurück ins Büro. Monica bringt mir ein Glas Wasser, das ich brav trinke.
„Soll ich nicht lieber den Arzt anrufen?“
„Welchen Arzt?“, erwidere ich.
Monica stutzt. Wahrscheinlich wird ihr gerade klar, dass ich gar keinen Hausarzt habe. Und dass sie mich noch nie krank erlebt hat.
„Ich suche dir einen“, sagt sie schließlich.
„Lieb von dir, aber es geht schon wieder.“
„Ganz sicher?“
Ich nicke. „Wann habe ich den Termin?“
„In einer halben Stunde. Soll ich ihn ab…“
„… vorbereiten“, unterbreche ich sie und schaffe es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern.
„Na gut. Ich bin nicht einverstanden, aber du bist die Chefin.“
Ich blicke ihr lächelnd hinterher, dann klingelt mein Handy. Unbekannte Rufnummer.
„Ja?“
„Hallo Fiona.“
Ich erstarre. Diese Stimme hätte ich als die letzte jetzt erwartet. Eigentlich wäre mir sogar niemals, nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen, die Idee gekommen, ich würde diese Stimme jemals aus einem Telefon hören.
„Zanda …“
„Wie schön, du hast mich erkannt.“
„Was willst du?“, flüstere ich.
„Du kommst wohl gerne direkt zur Sache? Das liebe ich so an dir. Nun, kannst du dich erinnern, dass ich dir etwas versprochen habe?“
„Zanda, ich habe dir doch gesagt, dass ich sie nicht getötet habe!“
„Ich weiß, was ich gesehen habe“, erwidert er und plötzlich ist seine Stimme kalt. Sehr kalt. „Und ich will, dass du auch erfährst, wie es sich anfühlt, jemanden zu verlieren, den man mehr liebt als alles andere auf der Welt. Heute ist Zahltag.“
Aufgelegt.
Ich starre das Handy an. „Heute ist Zahltag“ … Heute? Jetzt!
Ich wähle hektisch die Nummer von James.
„Hallo, mein Schatz“, meldet er sich, und er klingt fröhlich.
„Seid ihr schon bei meinen Eltern?“
„Nein, während ich mich angezogen habe, hat Sandra die Kaffeemaschine einer gründlichen Ansicht unterzogen. Ich musste erst der Küche eine Grundreinigung zuteil werden lassen. Und als wir dann los wollten, kam der Techniker.“
„Was für ein Techniker?!“
„Wegen des Internetanschlusses. Er sagte, du hättest einen neuen Tarif bestellt und …“
„Ich habe gar nichts bestellt“, flüstere ich und spüre, wie mir kalt wird. Sehr kalt. „Wo ist er jetzt?“
„Unten, im Keller. Hör zu, mein Schatz, er will grad was von mir, ich ruf dich gleich wieder an.“
„Nein, warte, nicht, geh nicht …!“ Zu spät, er hat bereits aufgelegt.
Verdammt! Wenn ich die Polizei anrufe, sind sie niemals rechtzeitig da. Wenn ich selber fahre, genauso wenig. Und wenn ich nicht ganz schnell etwas unternehme, dann …
Ich atme tief durch. Es gibt nur eine Möglichkeit, und im Moment kann und will ich nicht über die Konsequenzen nachdenken.
Ich gehe zum Fenster.

Meine Hand.
Ich bewege einen Finger. Dann einen anderen. Es ist wirklich meine Hand, und sie funktioniert noch.
Doch wo bin ich überhaupt?
Ich liege auf etwas Weichem. Es könnte sogar ein Bett sein. Unter meinem Kopf wahrscheinlich ein Kissen. Es ist warm. Langsam kommt mein Körpergefühl wieder. Ich spüre, dass eine Decke auf mir liegt. Ich selbst liege auf dem Bauch, den Kopf nach links gedreht, sodass meine rechte Wange das Kissen berührt. Es ist meine linke Hand, die ich sehe. Jetzt nehme ich auch den rechten Arm wahr, er liegt leicht verdreht rechts von mir auf dem Bett und unter der Decke.
Ich drehe mich auf die Seite und richte mich halb auf. Es ist dunkel, nur schemenhaft erkenne ich einige Umrisse. Meine erste Vermutung, ich könnte in einem Krankenhaus oder in einer Klinik sein, bestätigt sich nicht. Ein großes Schlafzimmer, sehr luxuriös eingerichtet, mit schweren, massiven Holzmöbeln.
Hier war ich schon mal.
Ich schlage die Decke zurück, stehe auf und gehe zum Fenster, das von der Decke fast bis zum Boden reicht. Dabei wird mir bewusst, dass ich nackt bin.
Rechts vom Fenster befindet sich der Schalter für den Rollladen. Ich betätige ihn kurz, gerade so lange, dass die Lamellen sich drehen und etwas vom Tageslicht reinlassen. Draußen ist es blendend hell, die Augustsonne scheint weit oben zu stehen.
Aber welcher Tag ist heute überhaupt?
Und wieso bin ich hier?
Ich gehe zum riesigen Kleiderschrank. Vermutlich passt mir alles, was sich darin befindet. So ist es auch. Ich streife ein langes T-Shirt über und ziehe einen Schlüpfer an. Dann verlasse ich das Schlafzimmer.
Es ist dasselbe wie vor einem Jahr.
Ich gehe nach rechts den breiten, hellen Gang entlang, bis zur Mitte, dorthin, wo sich die großzügige Treppe mit den ausladenden Stufen befindet. Ich muss nur eine Etage tiefer, um ins immer wieder faszinierende Erdgeschoss zu gelangen.
Ein Geräusch, das ich schon oben gehört habe, wird immer deutlicher. Tischtennis. Jemand spielt Tischtennis, und zwar ziemlich gut. Die Ballwechsel sind schnell, die Bälle hart und schnell geschlagen. Gegen wen mag Katharina da spielen?
Dann wird mir klar, dass Katharina gar nicht spielt. Es sind zwei junge Mädchen in ärmellosen Shirts und kurzen Hosen, barfuß. Das Mädchen mit dem Rücken zu mir dürfte Helena sein, das andere Mädchen, mit blondem Pferdeschwanz, kenne ich nicht.
Als es mich entdeckt, lässt es den Schläger sinken und deutet mit einer Kopfbewegung in meine Richtung. Helena legt ihren Schläger weg und kommt auf mich zu.
„Fiona! Du bist aufgewacht!“
„Ja … Vielleicht.“ Ich fasse an meine Schläfe. „Das alles kommt mir wie ein Traum vor. Wieso bin ich hier? Und wo ist Katharina?“
Helena mustert mich kurz, dann dirigiert sie mich zu einer Sitzgruppe mit Rattanmöbeln. Sanft drückt sie mich auf einen der Stühle und legt meine Füße hoch. In der Zwischenzeit holt die Blondine ein Glas mit Zitronenwasser. Helena nimmt es und drückt es mir in die Hand.
„Trink das, du bist vermutlich ganz ausgetrocknet.“
Ich nippe daran. Es tut wirklich gut. Aber wieso bin ich ganz ausgetrocknet? Was ist überhaupt passiert?
„Was … was ist heute für ein Tag?“
„Samstag. 15. August.“
Ich schließe die Augen. Irgendwas stimmt hier nicht. Grad war es doch noch Mittwoch. Warum bin ich hier? Und wie bin ich hierher gekommen?
„Wie bin ich hierher gekommen?“
Helena kaut auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie antwortet: „Mama hat dich geholt.“
„Sie hat mich geholt? Von wo?“
„Aus dem Krankenhaus.“
Ich runzele die Stirn. Ich war im Krankenhaus? Warum? Und wieso erinnere ich mich überhaupt nicht daran, dass ich im Krankenhaus war? Und wie kommt Katharina, ausgerechnet Katharina, eigentlich dazu, mich aus einem Krankenhaus zu holen? Zu sich?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
„Erinnerst du dich denn gar nicht, was passiert ist?“, fragt Helena leise. Sie hockt immer noch neben mir. Die Blondine steht hinter ihr und beobachtet mich.
„Nein. Wer ist das?“
Helena schaut kurz nach hinten. „Das ist Jody, meine Freundin.“
„Hi Jody.“
„Hi“, erwidert sie. Ihre Stimme klingt angenehm. Kräftig und warm. Freundin? Was für eine Freundin?
„Und Kay?“
Wieder kaut sie auf ihrer Unterlippe herum. Hat sie das bei mir abgeschaut? „Meine Eltern haben sich vor einigen Wochen getrennt. Mein Vater ist ausgezogen.“
Wie? Was? Wieso weiß ich davon nichts?!
„Sie haben sich getrennt?“
Helena nickt. Ihre Augen glänzen verdächtig. Dann ist Katharina ja nicht mehr mit ihrem Mann zusammen und … Mir fällt James ein und ich richte mich auf. Mir wird kalt. Sehr kalt.
„Was … Ich … Ich erinnere mich jetzt, dass ich im Büro war. Und dann war da ein Anruf. Ist Katharina bei James?“
Helena schüttelt langsam den Kopf und flüstert: „James ist tot.“
„Tot? Was ist mit meiner Tochter?“
„Sie ist auch tot. Sie …“ Helena schluckt hörbar, bevor sie fortfährt: „Du bist hingeflogen, aber es war schon zu spät. Das Haus ist explodiert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Du bist zusammengebrochen. Deine Eltern waren auch da. Dann wurdest du in das Krankenhaus gebracht und mit Beruhigungsmitteln vollgespritzt. Es tut mir leid.“
Ich starre sie an.
„Ich konnte sie nicht retten?“
„Niemand hätte das gekonnt. Das Haus ist explodiert, bevor du da warst. Die Explosion war so stark, dass alles, was sich im Haus befand, verglüht ist.“
Ich wende den Blick ab und starre nach draußen. Das war vor drei Tagen.
„Mama hat es im Internet gehört, wenige Minuten nach der Explosion. Sie ist sofort losgefahren und ist dem Krankenwagen begegnet, der dich abgeholt hat. Sie fuhr hinterher. In der Nacht hat sie dich rausgeholt und hergebracht. Seitdem hast du durchgeschlafen.“ Sie atmet tief durch. „Bis heute Mittag war sie die ganze Zeit bei dir, aber dann musste sie weg. Ein Termin, den sie schon verschoben hatte und nicht noch einmal verschieben konnte. Aber sie ist bald wieder hier.“
„Warum hat sie das getan?“
„Sie war der Meinung, dass es nicht gut wäre, wenn sie dich im Krankenhaus dabehalten. Nicht für das Krankenhaus und nicht für dich.“
Ich nicke langsam. „Ja, das stimmt.“ Ich ziehe meine Beine an und beginne zu schaukeln. „Was ist mit meinen Eltern?“
„Das weiß ich nicht. Vielleicht hat Mama ihnen Bescheid gesagt.“
Ja, vielleicht. Ich starre wieder nach draußen. Es ist ein wirklich schöner Sommertag. Ich kann den Pool sehen. Eigentlich müssten wir jetzt am Pool sein, bei meinen Eltern. James, Sandra, Danny und ich. Unsere kleine Familie. An einem herrlichen Sommertag, an einem Wochenende, die kleine Sandra bei Oma und Opa. Wie so oft schon.
Aber wir sind es nicht. Sie sind nirgendwo. Nur noch ich bin.
Plötzlich weiß ich, was ich zu tun habe. Ich springe auf und gehe auf die Treppe zu. Doch dann stellt sich mir Helena in den Weg.
„Wo willst du hin?“
„Ich werde Zanda töten“, erwidere ich ruhig.
„Mama wusste, dass du das sagen würdest. Sie hat gesagt, wir sollen es verhindern.“ Jetzt steht auch Jody zwischen der Treppe und mir.
Ich starre die beiden an, versuche, an ihnen vorbei zu kommen, aber sie sind schnell. Beide sind schnell. Jody ist keine Kriegerin, das würde ich spüren, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch.
„Lasst mich vorbei. Ich will euch nicht wehtun.“
„Das geht nicht. Wenn du vorbei willst, musst du uns wehtun. Aber das solltest du nicht tun. Ich meine, ich kann verstehen, dass du das tun willst. Aber du solltest es nicht jetzt, nicht in diesem Zustand tun.“
„Was redest du da? Ich werde Zanda töten. Jetzt.“
Ich mache einen Schritt vorwärts und das Nächste, was ich wieder bewusst wahrnehme, ist, dass ich auf dem Boden kauere und die beiden Mädchen mich in den Armen halten. Ich spüre, dass mein Gesicht nass ist. Mein Atem geht rasselnd, ich schnappe förmlich nach Luft.
Mir wird klar, dass ich einen Blackout hatte, dass ich zusammengebrochen bin. Die Wucht des Schmerzes, als mir mit völliger Klarheit bewusst wurde, was geschehen ist, hat mich von den Füßen gerissen. Wortwörtlich.
Ich sehe Helena und Jody an, die mich festhalten. Sie haben auch geweint, das sehe ich an ihren Gesichtern, während ich verzweifelt um Luft kämpfe.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich nicht mehr das Gefühl habe, gleich ersticken zu müssen. Jody springt auf und holt mir mein Wasser. Ich trinke das Glas gierig leer.
„Wie … wie lange war ich weg?“
„Weiß nicht. Vielleicht zehn Minuten. Wir haben ganz schön Angst bekommen.“
„Es tut mir leid.“ Ich senke den Blick. „Es ist alles meine Schuld.“
„Was ist deine Schuld? Ich verstehe nicht.“
Ich sehe Helena an. „Alles ist meine Schuld. Dass Sandra tot ist, und James, und Danny. Sie sind alle meinetwegen gestorben. Es ist meine Schuld.“
„Das ist doch nicht deine Schuld!“
„Doch.“ Ich schließe die Augen. „Weil ich Anne Maries Avancen nicht zurückgewiesen habe. Weil ich zugelassen habe, dass sie sich an mich klammert. Deswegen sind wir noch einmal zurückgegangen, deswegen haben wir die Kette geholt, deswegen sind wir den Vampiren begegnet, deswegen ist Anne Marie gestorben.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Helena an.
„Und was hat das mit … mit dem Tod von …“
„Zanda hat sich gerächt. Er glaubt, dass ich Anne Marie getötet habe. Dabei hätte ich alles getan, um sie zu beschützen. Aber ich habe versagt. Sie ist tot und nun auch Sandra. Und James.“
Helena will was sagen, doch dann schließt sie den Mund wieder. Hinter ihr erklingen Schritte und dann kommt Katharina um die Treppe herum und bleibt wie angewurzelt stehen.
Sie trägt einen eleganten Sommeranzug und sieht unglaublich schön aus. Nur die dunkle Sonnenbrille stört dabei etwas. Als sie diese jetzt abnimmt, sehe ich die rot geränderten Augen.
Ich glaube, sie hat mehr geweint als ich.

Ich beobachte Katharina. Sie sitzt mir gegenüber in einem der Rattanstühle, queer, die Beine lässig über die Lehne gelegt. Sie ist barfuß und trägt eine weiße Leinenhose, dazu passend die Bluse. Ihre Fußnägel sind rot lackiert. Die Jacke hat sie ausgezogen und über die Rückenlehne eines anderen Stuhls gehängt.
Ich sitze wieder, wo ich vorhin schon saß, und umarme die angezogenen Beine. Und konzentriere mich darauf, nicht zu schaukeln.
Auf dem Tisch vor mir steht ein Glas, diesmal mit Caipi darin. Helena hat ihn gemacht, bevor sie mit Jody nach draußen ging. Sie liegen jetzt in der Sonne, oben ohne.
Ich angele mir das Glas vom Tisch, ohne meine Beine loszulassen. Katharina sieht zu mir herüber. Sie hat auch ein Glas, der Farbe nach zu urteilen ist Whisky darin. Pur.
„Was ist geschehen?“, erkundige ich mich.
Katharinas sonst hellblaue Augen verdunkeln sich, nur für einen kurzen Augenblick. Dann nimmt sie einen Schluck von ihrem Drink und antwortet: „Ich war im Büro und las eMails, als in den Nachrichten die Explosion erwähnt wurde. Sie waren schnell, kaum mehr als fünf Minuten waren vergangen. Ich wusste sofort, welches Haus gemeint ist. Ich setzte mich ins Auto und fuhr los. Kurz bevor ich dort war, kam mir ein Krankenwagen entgegen. Ich spürte darin deine Anwesenheit und auch, dass du nicht bei Sinnen warst. Also wendete ich und fuhr hinterher. Im Krankenaus haben sie versucht, dich ruhigzustellen und haben dafür so viel Barbiturate genommen, dass es für einen Elefanten gereicht hätte.“
„Barbiturate?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, sie haben es erst mit anderen Mitteln versucht, damit hatten sie aber überhaupt keinen Erfolg. Sie konnten ja nicht wissen, dass dein Kriegerkörper das Zeug praktisch sofort wieder abbaut, vor allem, wenn er mit Adrenalin geflutet ist. Jedenfalls, irgendwann haben sie es geschafft, dich zu beruhigen. Wenn ich es mir so überlege, ist es fast ein Wunder, dass niemand zu Schaden gekommen ist.“
„Vielleicht habe ich einen Schutzmechanismus eingebaut.“
„Mag sein. Mir war klar, dass du nicht im Krankenhaus bleiben kannst. Erstens hätten sie dich eh nicht behandeln können und zweitens durften die nicht merken, dass du kein gewöhnlicher Mensch bist. Deine Resistenz gegen Beruhigungsmittel haben sie hoffentlich auf das Adrenalin geschoben.“
„Und was hast du getan?“
„Gewartet, bis alles ruhig war. Es war schon lange dunkel draußen. Dann habe ich dich geholt.“
„Mich geholt? Du hast mich rausgetragen?“
Sie schüttelt den Kopf. „Das war mein erster Plan, aber es wäre zu auffällig gewesen. Zum Glück warst du bereit mitzugehen.“
„Ich war wach?“
„Nun, inzwischen glaube ich das nicht mehr, da du dich offensichtlich überhaupt an nichts davon erinnern kannst. Aber ja, du hattest die Augen offen und hast brav getan, was ich dir gesagt habe. Wir sind hierher gefahren, ich habe dich ins Zimmer gebracht, dich ausgezogen und du hattest den Kopf noch nicht auf dem Kopfkissen und warst schon am Schlafen. Bis vorhin. Und das lag ganz sicher nicht an den Barbituraten.“
„Nein, ganz sicher nicht. Weiß denn jemand außer euch, dass ich hier bin?“
Sie schüttelt erneut den Kopf und nimmt einen Schluck von ihrem Drink. „Ich habe mit deinem Handy eine SMS an deine Mutter geschickt, gestern, als mir klar wurde, dass es länger dauern könnte, dass du in Sicherheit bist und dich meldest.“
Ich halte mein Glas zwischen den Knien und drücke die Stirn dagegen. Die Kälte tut gut.
„Ich … ich kann das nicht.“
„Was?“
„Meine Mutter anrufen. Nicht jetzt.“
„Dann ruf sie später an. Ist jetzt auch egal.“
„Eigentlich nicht. Ich rufe sie vielleicht wirklich später an. Oder morgen.“ Ich hebe den Kopf und starre Katharina an. „Ich sollte gehen.“
„Wohin? Und warum?“
Ihre hellblauen Augen mustern mich mit einem undefinierbaren Ausdruck. Dann wird mir klar, dass ich Angst sehe. Sie hat Angst, dass ich eine Antwort auf ihre Fragen habe.
Habe ich auch. Zumindest auf die erste. Bei der zweiten bin ich mir nicht so sicher.
„Ihr habt euch getrennt?“
Sie braucht einen Moment, um meinen plötzlichen Themenwechsel zu verdauen. Dann nickt sie. „Ja, schon vor einigen Wochen. Oder Monaten. Wir … wir haben uns entliebt. Und haben eingesehen, dass es keinen Sinn mehr macht. Und dass es besser ist, wir trennen uns, solange es noch friedlich geht. Kay ist nach London gezogen, hat dort eine schöne Wohnung, die ich bezahle. Auch seinen Lebensunterhalt, zumindest bis er es selbst kann.“
„Hat er einen Job?“
„Er macht eine Detektei auf. Nach London wollte er sowieso schon immer.“
Den Zusammenhang verstehe ich zwar nicht, aber es spielt auch keine Rolle, glaube ich.
„Bei seinen Fähigkeiten und Kontakten ist eine Detektei wahrscheinlich genau das Richtige.“
„Ich denke auch. Wie gesagt, wir sind noch Freunde. Mehr nicht.“
„Ist schon irgendwie seltsam, oder? Ich meine, das Schicksal ist ein so richtig fieser Hund. Du trennst dich von deinem Mann und ich kurz darauf …“ Auch, wollte ich noch sagen, aber das klappt nicht mehr. Ich merke noch, wie Katharina mit übermenschlicher Geschwindigkeit zu mir springt und das Glas mit dem Caipi auffängt, dann habe ich wohl den nächsten Aussetzer.
Als ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann, kniet Katharina neben mir und hält meinen Kopf an sich gedrückt. Ich befreie mich und versuche, die Tränen abzuwischen, was bei der Menge schier aussichtlos zu sein scheint. Katharina reicht mir ein Taschentuch, damit habe ich mehr Erfolg.
Ich schneuze mich, dann knülle ich das Taschentuch zusammen und sage schniefend: „Wie soll das funktionieren? Ich meine, vor drei Tagen ist mein Mann gestorben. Wir … wir sind beide frei, aber das geht doch nicht.“
Katharina sieht mich ernst an. „Fiona, ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben. Und du kannst mir glauben, ich habe so ziemlich alles versucht, um dich zu vergessen. Vier Jahre lang. Meine Ehe ist nicht zuletzt auch daran kaputt gegangen. Ich war schließlich vor einem Jahr so weit, dass ich gesagt habe, es ist mir egal. Und dann fiel mir das mit Michael ein und ich war froh, doch noch eine Ausrede zu haben. Es hat nur überhaupt nichts gebracht. Ich habe mich nicht von Kay getrennt, um für dich frei zu sein. Wie hätte ich auch ahnen können, was geschehen wird? Und du kannst mir auch glauben, ich würde alles tun, um es wieder ungeschehen zu machen. Aber das kann ich nicht, egal wie viel Macht ich habe.“ Sie atmet tief durch. „Mir ist klar, wie du dich fühlst und erwarte auch gar nicht, dass du etwas tust, was du gar nicht willst. Das verstehe ich, sehr gut sogar. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich warten kann. Tage, Wochen, Monate, Jahre. Das ist mir egal. Ich werde solange warten, wie es eben dauert.“
Was für eine perverse Situation. Da kniet sie neben mir, die Frau, nach der ich mich vier Jahre lang so verzehrt habe, und jetzt, wo ich sie haben könnte, ist es vollkommen unmöglich.
Warum eigentlich?
Weil vor drei Tagen erst James gestorben ist. Und Sandra. Und du so voller Schmerz bist, dass du dich gar nicht auf eine neue Beziehung einlassen kannst. Nicht jetzt.
Ich sehe Katharina an. Sie erwidert meinen Blick. Ihre Augen glänzen und langsam läuft eine Träne aus dem Außenwinkel ihres linken Auges. Sie rinnt an ihrer Wange hinab, an den Lippen vorbei, verharrt kurz an ihrem Kinn und fällt dann wie in Zeitlupe herunter.
Ihre Lippen erzittern kaum merklich.
Sie hat sehr schöne Lippen. Sie erinnern ein wenig an die Lippen von Brigitte Bardot. Vielleicht nicht ganz so voll. Mir fällt ein, was sie mit diesen Lippen alles anstellen kann. Wie ihre Berührung sich anfühlt …
Fiona! Denk an James!
Ich denke an ihn. James war durch und durch pragmatisch. Würde er wollen, dass ich mich in Selbstmitleid zerfleische?
Es geht nicht um Selbstmitleid!
Wirklich nicht? Um was geht es dann? Wer sollte denn ernsthaft was dagegen haben?
Die Leute …
Die Leute? Das sagst du, Fiona Flame, der es sonst völlig am Arsch vorbei geht, was die Leute denken? Weißt du, was ich glaube?
Was denn?
Du hast einfach nur Angst. Vier Jahre lang hast du dir nichts sehnlicher gewünscht. Du hast es dir vorgestellt, immer wieder, wie es sein würde, sie wieder zu küssen, sie wieder in den Armen zu halten. Du hast es dir so sehr gewünscht und vorgestellt, dass du Angst davor hast, du könntest schon wieder enttäuscht werden.
Ja, kann schon sein, dass ich Angst habe. Ist sie denn unberechtigt? Was, wenn sie die Nächste ist?
Dann solltest du erst recht nicht warten.
Katharina legt den Kopf schief. „Was ist passiert?“
Ich schließe die Augen. Ich werde es bereuen. Und wie ich es bereuen werde.
Aber es ist mir scheißegal.
Ich werfe mich ihr so heftig an den Hals, dass ich vom Stuhl falle und sie umschmeiße. Wir landen beide auf dem Boden, sie unter mir. Ich presse den Mund auf ihre Lippen und suche ihre Zunge, die mir bereitwillig entgegen kommt.
Schließlich löse ich mich keuchend von ihr und spüre ihre Hände auf meinem Po.
„Wir sollten nach oben gehen. Trägst du mich hoch?“
„Ja, ich trage dich hoch“, erwidert sie halb lachend und halb weinend und richtet sich auf. Ich schlinge die Beine um ihre Hüften und verschränke die Hände hinter ihrem Nacken. Die Lippen auf meinen Mund gepresst, tastet sie sich die Stufen hoch, in das Zimmer, in dem ich vorhin aufgewacht bin.

Die süße Schwere, die so typisch ist nach einem heftigen Orgasmus, legt sich langsam auf uns. Katharinas Kopf liegt auf meinem linken Arm, ihr rechter Arm auf meinem Bauch und ihre rechte Hand locker zwischen meinen Oberschenkeln.
„Bereust du es?“, fragt sie plötzlich.
Ich drehe ihr meinen Kopf zu. Sie erwidert meinen Blick fragend.
Bereue ich es? Es ist erst wenige Stunden her, dass sie mir gestanden hat, wie sehr sie mich liebt, wenige Stunden, dass ich mich gegen jede Vernunft für sie entschieden habe. Gestern Nachmittag haben wir uns leidenschaftlich geliebt, gestern Abend haben wir uns leidenschaftlich geliebt und heute Morgen, jetzt gerade. Dazwischen haben wir gegessen, zwei Filme angesehen und geschlafen.
Ich verneine kopfschüttelnd.
„Musstest du so lange darüber nachdenken?“
„Nein. Nicht darüber. Oder besser gesagt, nicht nachdenken. Ich habe mich erinnert, wie ich mich gefühlt habe, seitdem du mich hochgetragen hast. Aber da war keine einzige Sekunde des Bedauerns. Ich liebe dich.“
Für einen Moment wird sie ganz starr. Dann dreht sie sich auf die Seite und vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge. Innerhalb von Sekunden wird meine Schulter nass. Ich küsse ihre Schläfe und streichele ihren Rücken, ohne etwas zu sagen. Es sind einfach keine Worte nötig.
Schließlich hebt sie den Kopf und sieht mich an. Ihr Gesicht ist von einem Tränenschleier bedeckt. Irgendwie schon fast lustig, wie wir die Rollen getauscht haben.
„Entschuldige“, sagt sie schniefend.
„Wofür?“
„Na ja …“ Sie berührt meinen Hals. „Ich habe dich nass gemacht.“
„Das stimmt allerdings.“
„Was?“ Sie scheint sich schon wieder nicht entscheiden zu können, ob sie lachen oder weinen soll. „Du wirst nass, wenn ich weine?“
„Am Hals auf jeden Fall.“
Sie legt eine Hand zwischen meine Schenkel und ihre Augen weiten sich. „Das ist ja unglaublich!“
„Ich glaube, das kommt nicht von deinem Weinen“, murmele ich.
„Sondern?“
„Ist das jetzt wichtig?“
Sie schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich. Ich schätze, ich muss jetzt was dafür tun, dass du wieder trocken wirst. Wenn ich dich schon so nass mache …“
Das sehe ich genauso. Ganz schafft sie es zwar nicht, aber irgendwann entschwinde ich aus dieser Welt und kehre erst viel später und nur zögerlich wieder. Katharina liegt mit erhobenem Kopf auf mir und beobachtet mich.
„Was hast du gesehen?“
„Eigentlich nichts Besonderes. Dein Gesicht war völlig entspannt. Du hast irgendwann sogar gelächelt.“
„Das müssen wir im Kalender rot markieren!“
„Okay. Ich schreibe nachher rein: ‚Hat nach supergeilem Orgasmus selig gelächelt.’“
„Wehe!“
Sie grinst und wird plötzlich ernst. „Fiona, du musst jetzt wirklich deine Eltern anrufen.“
Ich ziehe eine Schnute. „Musst du den Moment kaputt machen?“
„Der Moment ist schon vorbei.“
Das stimmt auch wieder. Seufzend strecke ich mich nach dem Handy, das auf dem Nachttisch liegt. Auf die nächsten Minuten freue ich mich nicht einmal ansatzweise.
Die Stimme meiner Mutter klingt schwach, als sie sich meldet: „Ja …?“
„Hallo, Mama. Ich bin es.“
„Oh Gott sei dank! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Und als diese SMS kam, haben wir gedacht, du wärst entführt worden!“
„Von wem sollte ich entführt worden sein?“
„Was weiß ich! Du warst doch gar nicht du selbst! Die Ärzte haben gesagt, sie hätten so was noch nie erlebt. Sie haben so viel Schlafmittel in dich reinpumpen müssen, dass sie schon Angst hatten. Aber es ging nicht anders.“
„Mein Körper betrachtet das Zeug als Gift und baut es sofort wieder ab. Mir geht es gut. Na ja, den Umständen entsprechend.“
„Aber wo um Himmels willen bist du überhaupt?“
„Bei Katharina.“
„Bei Katharina?“
Ich seufze und suche Katharinas Blick. Sie lächelt mich aufmunternd an.
„Hör zu, Mama, Katharina wusste, dass es nicht gut für mich im Krankenhaus ist und hat mich rausgeholt. Eigentlich war es nicht geplant, euch nicht Bescheid zu geben, aber ich habe einfach ein paar Tage geschlafen. Auch ohne das Zeug. Deswegen hat sie euch irgendwann die SMS geschickt, damit ihr wenigstens ein Lebenszeichen von mir habt.“
„Das verstehe ich nicht. Wieso hat sie dich nicht zu uns gebracht?“
„Weil ich dort zu nah am Geschehen gewesen wäre, Mama. In jeder Hinsicht.“
„Es ist so furchtbar“, sagt sie schniefend. „Niemand weiß, was passiert ist, zumindest will uns niemand was sagen. Nicht einmal Ben oder Jack. Ich habe sogar versucht, diesen Vampir zu erreichen, aber er ist unauffindbar.“
„Mama, ich glaube, sie wissen wirklich nichts. Woher auch. Und ich möchte nicht am Telefon darüber reden.“
„Aber wie dann? Sollen wir zu euch kommen?“
Ich denke kurz nach, dann erwidere ich: „Nein. Wir kommen zu euch.“
„Wann?“
„Heute. In zwei, drei Stunden.“
„In Ordnung. Wir … wir sind so entsetzt.“
„Das bin ich auch, Mama“, sage ich leise. „Bis nachher.“
Ich beende die Verbindung und starre Katharina an. „Ich habe dich gar nicht gefragt, ob du überhaupt mitkommen …“
„Natürlich.“
Ich liebe sie dafür, wie sie alles in dieses eine Wort legt. Alles, was unsere Beziehung ausmacht. Was ich schon einmal gespürt habe, als sie in der Verborgenen Welt bedingungslos zu mir gehalten hat, selbst als ich dort bleiben wollte und sie genau wusste, was das mit ihrem physischen Körper macht. Da ist nicht der Hauch eines Zweifels.
Ich atme tief durch. „Wir sollten duschen und uns dann auf den Weg machen. Das wird hart.“
Sie sagt nichts, aber das braucht sie auch nicht. Ihr Gesichtsausdruck ist deutlich genug.

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