Preview 2: Fiona – Sterben (Fiona und Halpha)

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Später nehme ich meine Zigaretten und ziehe mich zurück. Ganz allein bin ich dann doch nicht, weil Emily es mitkriegt und sich an mich dranhängt.
Wir rauchen eine Weile schweigend.
„Darf ich was fragen, Fiona?“
„Klar. Sonst bist du doch auch nicht so schüchtern.“
„Das ist wahr. Aber ich will dir nicht wehtun.“
Ich blicke sie fragend an.
„Das war doch das zerstörte Haus nebenan, wo wir damals waren, nach der Nacht in der Berghütte, oder?“
Ich nicke.
„Weißt du, ich habe Angst. Ich will nicht, dass die anderen das so hören. Eigentlich wollte ich es dir auch nicht sagen, aber dann platze ich. Ich …“
Sie verstummt und starrt ins Nichts. Ich lege eine Hand in ihren Nacken und drücke meine Stirn gegen ihre.
Während des Essens unterhalten wir uns meist über belangloses Alltagszeug. Und mein Vater fragt mich nach Neuem aus der Firma. Die Zahlen habe ich grad im Kopf und sie gefallen ihm. Kein Wunder. Die Lemmings unter Vertrag zu nehmen war ein Glücksgriff.
Mit Hinweis auf den Arbeits- und Schultag morgen verabschieden wir uns relativ früh. Es ist trotzdem schon dunkel, als wir zu Hause ankommen. Die Kids ziehen sich zurück, Emily, Sarah und wir beide bleiben noch auf einen Drink unten.
Später empfinde ich den Sex fast als Pflichtübung. Die beiden scheinen es auch zu merken, denn sie konzentrieren sich aufeinander und lassen mich in Ruhe. Ich liege auf der Seite und beobachte sie, beobachte die beiden verschwitzten und nach Sex riechenden Körper, wie sie sich immer mehr der Ekstase nähern, bis sie sich aufzulösen scheinen und schließlich erschöpft aufeinander sinken.
Ich drehe mich auf die andere Seite. Katharina kuschelt sich an meinen Rücken und bald schlafen sie den Schlaf der Gerechten. Oder was auch immer.
Und ich?
Ich schlafe nicht.
Oder doch?
Ich bin wohl doch eingenickt, denn plötzlich schrecke ich auf. Katharina liegt jetzt andersherum, ich spüre ihren nackten Po an meinem. Es ist stockfinster, mir fehlt jegliche Orientierung, ob und wie lange ich tatsächlich geschlafen habe.
Und anscheinend ist es für mich vorbei mit der Schlafenszeit. Nicht einmal mit Entspannungsübungen schaffe ich mehr, als mal für ein paar Sekunden wegzudriften.
Schließlich wird es mir zu bunt. Vorsichtig erhebe ich mich, nehme ein T-Shirt aus dem Schrank und schleiche auf den Korridor. Im ganzen Haus ist nur die Nachtbeleuchtung an, die reicht mir völlig aus. Von mir aus könnte es sogar ganz dunkel sein, dank meiner Kriegerfähigkeiten kann ich mich auch im Dunkeln orientieren.
Ich begebe mich nach unten. Vielleicht hilft es, wenn ich mich ein wenig in den Garten setze, einen Schlummertrunk zu mir nehme und notfalls eben draußen schlafe, falls ich zu müde werde, um hochzugehen.
Aber daraus wird nichts. Und mir wird auch klar, was mich geweckt hat.
Halpha sitzt im Schneidersitz neben dem Pool, nach vorne gebeugt, und weint. Ihr Körper wird vom Weinkrampf ganz schön durchgeschüttelt.
Ich fühle mich irgendwie schuldig. Natürlich habe ich Schlimmes erfahren, natürlich ist mein Schmerz echt, natürlich ist er so groß wie der Himalaya.
Aber andere haben auch Leid erfahren, spüren Schmerz so groß wie der Himalaya. Halpha hat ihren Vater verloren und die Hoffnung, ihre Mutter jemals wiederzusehen. Und ich Idiot habe mich benommen wie eine Soziopathin. Gerade ich, der Halpha wenigstens ein bisschen vertraut.
Ich nähere mich dem Bündel Elend, betont laut, um sie nicht zu erschrecken. Halpha hebt den Kopf und stiert mich aus tränennassen Augen an.
„Was machst du denn hier? Es ist drei Uhr nachts!“
„Dasselbe könnte ich dich fragen“, erwidere ich. „Ich konnte nicht schlafen.“ Ich setze mich neben sie, auch im Schneidersitz. „Passt doch gut, wir zwei Unglücklichen, beide müssen wir mit heftigen Verlusten fertig werden, lass uns die Schrecken des Lebens gemeinsam beweinen.“
„Du bist so was von zynisch!“ Halpha fährt sich mit den Händen durchs Gesicht, bis es halbwegs trocken ist.
„Ja, sonst schmerzt es zu sehr.“
Sie hält inne. „Tut mir leid.“
„Schon okay. Weißt du, es ist genau fünf Wochen her. Morgens ging ich aus dem Haus, James war fröhlich, Sandra auch. Nur mir war schlecht. Kaum im Büro, musste ich kotzen. Ich! Ich bin eine Kriegerin, ich kann gar nicht krank werden! Ich habe es nicht verstanden, bis ich den Anruf von Zanda bekam. Und da war es zu spät.“
Halpha mustert mich nachdenklich. „Du hast deinen Mann sehr geliebt, oder?“
„Yap!“
„Und trotzdem bist du mit Katharina zusammen? Nach so kurzer Zeit? Und dann auch noch diese Quasselstrippe!“
Ich muss unwillkürlich grinsen. „Sarah ist okay.“
„Natürlich ist sie okay, aber noch mehr okay wäre sie, wenn sie ab und zu mal den Mund halten würde.“
„Ich finde das gut. So fällt es nicht mehr auf, wie viel ich rede.“
„Du bist doof.“
„Hey, nicht klauen. – Die meisten Menschen sind, was Moral angeht, sehr … Hm, sagen wir mal, einfach gestrickt. Es gibt Schwarz und es gibt Weiß. Feind oder Freund. Ich war nie so. Ich habe James geliebt, aber Katharina auch, schon seit vier Jahren. Wir haben uns beide gegen die Beziehung entschieden. Okay, Katharina vor allem. Ich glaube, ich habe einfach genug Liebe für mehr als einen Menschen in mir.“
„Auch solche Liebe?“
„Was heißt das denn? Sex hat nichts mit Liebe zu tun, nur mit Lust. Dass Sex und Lust mit einem geliebten Menschen eine ganz andere Qualität hat als mit jemandem, der dir nichts bedeutet, das ist ein anderes Thema. Trotzdem, Sex ist Sex und Liebe ist Liebe. Es gibt auch auf der Erde Kulturen, in denen diese beiden Dinge nicht unnötig miteinander vermischt werden. Ich glaube, Ryema weiß das ebenfalls, sonst gebe es Sam nicht. Und außerdem hat sie auch eine Dreierbeziehung geführt, als sie mit deinen Eltern zusammengelebt hat.“
„Das stimmt. Aber ich stelle mir vor, dass ich gar nicht mit einem zweiten Menschen zusammensein will, wenn ich verliebt bin.“
„Möglich. Und ist ja auch okay. Aber Verliebtsein dauert nur ein paar Monate. Oder noch weniger.“
„Meinst du?“
„Ich weiß es. Spannend wird es danach. Danach wird eine Beziehung zu einer Beziehung. Oder auch nicht. Und die Regeln dieser Beziehung legen diejenigen fest, die es betrifft, nicht irgendwelche Götter oder Liebesgurus oder Freud oder die Gesellschaft oder weiß der Teufel wer.“
„Ich glaube, das Thema regt dich ganz schön auf“, sagt Halpha lächelnd.
„Mich regen die Menschen auf, die meinen, über andere moralische Urteile fällen zu müssen. Es gibt den alten Spruch: Der werfe den ersten Stein. Da ist eine Menge Wahrheit drin.“
„Mag sein. Und ich will dich ja auch gar nicht verurteilen. Ich habe mich nur gefragt, wie das kam. Es ist sicher nicht normal, auch hier nicht, oder?“
„Nicht einmal ansatzweise. Die Familie von James hat es auch nicht verstanden. Katharina meinte zuerst auch, ob wir das wirklich offen ausleben wollen. Aber ich will halt mich nicht verstecken. Darin war ich nie gut.“
„Würde ich auch nicht wollen. Ich meine, wenn ich eine ähnliche Situation hätte, wäre mir die Offenheit wichtig und das, was andere sagen, scheißegal.“
„Tja. Von dir könnte es ruhig noch mehr geben.“ Ich lege die rechte Hand auf ihre Wange. „Wollen wir was trinken und dann versuchen zu schlafen?“
Halpha nickt. Ich mixe uns zwei Caipis, die wir schweigend trinken. Die Nacht ist mild, fast schon zu warm. Ich betrachte den Himmel. Kaum zu glauben, dass hinter diesen leuchtenden Punkten da oben, hinter den Sternen noch etwas ist. Eine schwarze, undurchdringliche Wand. Das Ende des Universums.
Albert, ich habe schlechte Nachrichten für dich. Aber wahrscheinlich weißt du das schon.