Wiederkehrer: Entspiegelt

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Fortsetzung von Wiederkehrer: Beiß mich!.

Die Sonne ist ein verteilter Fettfleck am Himmel, der langsam auf die Erde schmilzt.
Ich erhebe mich schwerfällig. Das Blut des riesigen Wildschweins füllt meinen Magen aus, sodass ich erahne, wie sich der Wolf gefühlt haben muss, als der Jäger ihm die Steine eingenäht und ihn dann in den Brunnen geworfen hat.
Kotzübel.
„Du musst das Blut in dir behalten!“, befiehlt Fiona. „Die Verwandlung ist vorher nicht vollendet.“
Ich stoße auf und schlucke den bitteren, übelst schmeckenden und stinkenden Saft in meinem Mund wieder herunter.
„Du … du hast nur was von schmerzhaft erzählt …“
„War es etwa nicht schmerzhaft?“
„Doch … Du gottverdammtes Arschloch …“
„Hey, du musst auch als Vampir nicht deine Manieren vergessen.“
Ich stütze mich an einem Baum ab. Wenigstens ist es nicht mehr so heiß. Ich starre nach oben. Aus dem Fettfleck ist eine Frisbee-Scheibe geworden. Aufstöhnend schließe ich die Augen.
„Nicht. Auskotzen.“
Ich versuche es mit Tiefenatmung. Langsam, elendig langsam wird es besser. Es fühlt sich an, als würde meine Magenschleimhaut das Blut absorbieren. Endlich kann ich mich aufrichten.
„Besser?“
Ich nicke. „Wie lange war ich weg?“
„Zwei Tage. Ich habe schon befürchtet, es ist schiefgegangen. Aber du hast doch noch Glück gehabt. Mach mal den Mund auf!“
Ich fühle mich zu schwach, um gegen ihren unverschämten Befehlston zu protestieren, und gehorche. Sie betastet meine Zähne und grinst zufrieden.
„Sieht gut aus.“
„Kriegst du viel Geld?“
„Was?“
„Für mich. Auf dem Viehmarkt.“
„Du bist so dämlich, das muss doch wehtun!“ Kopfschüttelnd wendet sie sich ab und holt meine Kleidung. „Hier, zieh dich an, wir müssen weiter.“
Ich werfe einen Blick auf sie, während ich mich anziehe. „Hast du mich auch nicht vergewaltigt, als ich so wehrlos da lag?“
„Ich glaube, das Blut tut dir nicht gut“, sagt sie knurrend. „Warum sollte ich dich vergewaltigen? Abgesehen davon, dass es nicht meine Art ist, hatte ich auch nicht das Gefühl, dich mit Gewalt nehmen zu müssen.“
Ich spüre, dass ich erröte. Geht das überhaupt? Ich bin doch jetzt auch so ein Vampir.
Ein Vampir. Ein ganz seltsames Wort. Ein ganz seltsames Gefühl. Ich betrachte meine Hände. Balle sie zu Fäusten, dann öffne ich sie wieder.
Ich. Bin. Ein. Vampir.
„Was genau machst du da?“, erkundigt sich Fiona amüsiert.
„Ich versuche zu begreifen, dass ich kein Mensch mehr bin.“
„Was hast du eigentlich für ein Problem, dass du ständig in Negationen denkst? Statt zu sagen, dass du jetzt ein Vampir bist, sagst du, dass du kein Mensch mehr bist. Als wenn das Verlorene dir wichtiger wäre als das Gewonnene! Ich hätte große Lust, dich einfach mal durchzuschütteln!“
„Tja“, erwidere ich grinsend. „Den Zeitpunkt hast du verpasst, als du das noch ohne Risiko hättest tun können.“
Sie starrt mich eine Weile an, dann wendet sie sich schweigend ab und marschiert los. Ich folge ihr lachend.
Ach, ist das schön, endlich mal vertauschte Rollen!

Wir haben uns immer noch verirrt. Aber wenigstens macht mir die Hitze nichts mehr aus. Ich glaube nicht, dass es sich abgekühlt hat, ich kann die Hitze immer noch spüren, aber sie belastet mich nicht mehr. Irgendwie komisch.
„Müssen Vampire eigentlich auf Toilette?“, erkundige ich mich.
„Ab und zu“, antwortet Fiona, ohne sich umzudrehen. Ob sie echt sauer ist? „Wieso, musst du scheißen? Hast du Durchfall?“
„Nein. Können Vampire überhaupt Durchfall haben?“
„Echte Vampire nicht. Aber du bist ja noch in der Werdung. So ein Möchtegern-Vampir.“
Okay, sie ist sauer.
Ich laufe schneller und hole sie ein. Sie weigert sich, mich anzusehen. Bis ich sie packe und zwinge, stehenzubleiben und sich in meine Richtung zu drehen.
„Was ist denn dein Problem?“
„Nichts.“
„Ach, und wie schreibst du das Nichts?“
„Ich buchstabiere es dir gerne auf den Hintern, okay?“
„Ich liebe dich auch.“
„Klar, glaub ich dir sofort. Können wir jetzt weitergehen?“
Ich nicke. Sie läuft nicht mehr, als wäre jemand hinter uns her, aber sie geht immer noch strammen Schrittes.
Und dann erreichen wir das Ende des Waldes.
Genau genommen weiß ich nicht, ob es das Ende ist, aber auf jeden Fall hören plötzlich die Bäume auf und vor unseren Füßen tut sich ein Abgrund auf. Und zwar ziemlich plötzlich und unerwartet.
„Ach du Scheiße!“, entfährt es mir, als Fiona mich packt und zurückreißt. „Was ist das denn?“
„Hm“, erwidert sie und mustert das, was vor uns liegt.
Ein Tal. So breit, dass wir die andere Seite gar nicht sehen können. Den Grund des Tals ebensowenig. Irgendwann verliert sich der Blick einfach in Dunkelheit, wenn man nach unten schaut.
„Davon hat uns Fiona aber nichts erzählt“, bemerke ich.
„Weil wir uns verirrt haben.“
„Auch wieder wahr. Und nun?“
Sie zuckt mit den Achseln. Und packt plötzlich meinen Arm. „Da, sieh mal!“
Sie zeigt nach rechts. Weit weg, aber nicht unerreichbar fern, befindet sich eine Brücke. Von hier aus scheint es, als würde sie über dem Abgrund schweben. Sieht richtig unheimlich aus.
„Das sollten wir uns mal näher anschauen“, stelle ich fest.
Fiona nickt und geht los. Es ist ja nicht schwer, den Weg zu finden. Immer am Abgrund entlang.
Es dauert dann aber doch fast einen halben Tag, bis wir die Brücke erreichen. Und je mehr wir uns ihr nähern, umso deutlicher erkennen wir, dass es nicht nur so aussieht, als würde sie über dem Abgrund schweben: Sie tut es wirklich!
„Heilige Scheiße!“, ruft Fiona. „Das sieht ja nicht sehr vertrauenserweckend aus!“
Wie sehr sie recht hat, wird uns noch klarer, als wir die Brücke endlich erreichen. Nicht nur, dass sie zu schweben scheint, sie hat zudem auch noch keine Verbindung mit dem Boden. Der Anfang, oder das Ende, je nach Perspektive, der Brücke befindet sich etwa fünf Meter vom festen Boden entfernt, und dazwischen ist nichts als gähnende Leere. Und Tiefe. Und überhaupt.
„Ich glaube, ich weiß, wo wir sind“, sagt Fiona plötzlich düster. „Ich habe von dieser Brücke schon mal gehört. Sie heißt Schwebende Brücke, wenig überraschend. Und auf ihr lebt der Blinde Prophet.“
„Wie bitte?“
„Viel mehr weiß ich auch nicht. Vielleicht kann er uns sagen, wie wir den Weg zu Drachenkind finden.“
Wir sehen uns an. Dann zucke ich die Achseln, trete einen Schritt zurück und springe dann mit Anlauf auf die Brücke. Die paar Meter sind für eine Vampirin keine echte Herausforderung. Allerdings ist die Brücke sehr schmal und hat kein Geländer. Wenigstens bewegt sie sich nicht, wie ich beim Auftreffen feststelle.
Sie zittert noch nicht einmal.
Ich mache einen Schritt nach vorn, damit auch Fiona herüberspringen kann. Sie hält sich an mir fest, dann wirft sie einen Blick nach unten.
„Sieht tief aus“, bemerke ich.
„Das da unten ist das Tal der Ewigen Fruchtbarkeit.“
„Ach, sag bloß.“ Jetzt riskiere ich auch einen Blick nach unten. Nichts als Dunkelheit. „Fruchtbarkeit?“
Sie zuckt die Achseln. „Mehr weiß ich auch nicht. Vielleicht gibt es da unten ja Drachen und die brüten im Dunkeln.“
„Drachen?“
Sie lacht. „Hast du Angst?“
„Vielleicht sind es vampirfressende Drachen.“
„Dann hättest du die falsche Entscheidung getroffen.“
Ich erschaudere. „Komm, lass uns lieber diesen Philosophen suchen.“
„Blinder Prophet.“
„Meinetwegen. Er wird ja wohl nicht wirklich blind sein, diese Brücke ist schon mit funktionierenden Augen eine Herausforderung!“
Und er ist es doch. Er ist blind.

Wir sitzen rittlings auf der Brücke, die Beine baumeln über dem Nichts. Besser gesagt, über dem Tal der Ewigen Fruchtbarkeit. In dem vielleicht vampirfressende Drachen brüten und sich über unvorsichtige Vampire freuen.
Ich sitze vorne, Fiona hinter mir. Ihre Hände liegen auf meinen Hüften. Ihr Kinn auf meiner rechten Schulter.
Wir betrachten beide den Blinden Propheten, der uns gegenüber sitzt. Er starrt irgendwohin. Ungefähr in unsere Richtung, aber nur ungefähr. Schließlich ist er ja blind.
„Schwer eure Aufgabe ist“, sagt er langsam, als wäre das irgendeine besondere Neuigkeit für uns. „Und verbunden mit großer Gefahr.“
„Kannst du auch normal reden?“, erkundige ich mich. Mir reicht es mit seiner verdrehten Wortstellung, was im Kino ja noch ganz lustig sein mag. „Es sei denn, du kannst auch fliegen. Und Raumschiffe aus Sümpfen holen.“
„Vielleicht ich das kann.“ Ein angedeutetes Lächeln umspielt seine schmalen Lippen. „Wo Raumschiff versunken?“
„In den Gelben Sümpfen der Roten Drachen.“
„China?“
„Hey, Blinder Prophet, das war jetzt aber rassistisch“, bemerkt Fiona amüsiert.
„Nicht ich angefangen habe.“
„Ja, ja. Schon klar. By the way, gibt es hier etwas zu essen? Ich sterbe vor Hunger.“
„Du nicht sein Vampir?“
„Ich bin noch in Werdung.“
„Verstehe.“ Er lächelt jetzt etwas deutlicher. Fast verziehen sich dabei seine Gesichtsfalten. Aber nur fast. „Nun, da ich esse nichts nur Gedanken, keine Gäste ich selten habe, nichts zu essen du wirst finden hier.“
„Vielleicht solltest du einfach bei kurzen Sätzen bleiben, die gelingen dir besser“, erwidere ich missmutig. „Kannst du uns denn wenigstens sagen, wie wir gelangen zu Drachenkind?“
Fiona schlägt gegen meinen Hinterkopf. „Hey! Lass das!“
„Ich kann nichts dafür, das ist wie eine Ansteckung!“
Plötzlich der Blinde Prophet sich erhebt …
„Nur ein Logout euch bringt zu Drachenkind. Verlassen Somnita ihr musst! Geht zur Ebene der Ungegenständlichkeit! Müde ich bin. Viel Erfolg!“ Dann dreht er sich um und geht. Bevor Fiona oder ich auch nur wissen, was geschieht, hat ihn die Dunkelheit schon verschluckt.
Ich drehe den Kopf und starre Fiona an, die aus weit aufgerissenen Augen meinen Blick mindestens so fassungslos erwidert.
„Was war das denn?“, erkundige ich mich.
„Ein unerwarteter und unerwartet schneller Abschied.“
„Und wo ist er hin?“
„Keine Ahnung. Meine Augen sind nicht besser als deine.“
„Ich denke, ich bin noch in Werdung?“
„Soll ich dich beißen? Als wenn du nicht genau wüsstest, dass ich das nur gesagt habe, weil ich sauer auf dich war!“
„Ach, getan du das hast?“
„Fiona!!“
Da sich ihr Mund dabei direkt neben meinem Ohr befindet, tut das ziemlich weh.
„Aua! Bist du wahnsinnig?“
„Nicht mehr als du. Außerdem, hast du eigentlich registriert, was er gesagt hat, unser blinder Jedi, bevor er ging?“
„Das mit dem Logout? Ja, habe ich. Weißt du, was ich denke? Ich denke, wir kommen niemals zu Drachenkind, wenn wir Somnita verlassen. Fiona hat ganz klar gesagt, dass wir sie hier in Somnita suchen müssen.“
„Du hast recht“, sagt Fiona nachdenklich. „Aber wenn wir Somnita verlassen, dann findet uns Aelfric.“
„Also ist das eine ganz doofe Idee!“
„Vielleicht aber gar nicht. Die Ebene der Ungegenständlichkeit ist eine geniale Idee, wenn ich so darüber nachdenke.“
„Beliebst in Rätsel du zu sprechen auch?“
Sie lächelt. Genaugenommen entblößt sie ihre Zähne. Allerdings beeindruckt sie mich damit nicht mehr, ich habe jetzt ja auch so herausfahrbare Hauer. Also lächle ich zurück.
Sie lässt ihre Zähne wieder verschwinden und berührt plötzlich meine Lippen. „Was hältst du von Abschiedssex?“
„Abschiedssex? Meine Liebe, erstens: wieso? Und zweitens: wie?“
„Du fragst aber nicht ernsthaft nach dem Wie?“ Ihre Lippen berühren nach wie vor meine. „Wir brauchen in der Breite doch nicht viel Platz dafür und lang genug ist die Brücke ja.“
Wenn ich könnte, würde ich jetzt schon wieder erröten.
„Okay, und warum?“
„Wenn wir Aelfric ausgeschaltet und Fiona befreit haben, ist unser Leben vorbei. Daher ist das unsere letzte Chance für Sex. Und für Abschied. Und überhaupt.“
„Hm. Du hast mir noch nicht verraten, welche geniale Idee du hast.“
„Nicht ich, der Blinde Psychopath. Die Ebene der Ungegenständlichkeit ist der Ort in der Verborgenen Welt, die mit keiner Illusion verbunden ist. Wenn wir Aelfric dorthin locken können, gerät er in die Zeitfalle.“
„Ich verstehe kein Wort.“
„Macht nichts. Ich erkläre es dir später. Ich kann so was schlecht erklären, wenn ich nicht entspannt bin.“
„Das nennt man normalerweise Erpressung.“
„Ich weiß“, sagt sie und lächelt.
Scheiß drauf. Schließlich hat sie ja recht.

Ich denke lieber nicht daran, dass rechts und links der Abgrund gähnt. Und dass wir ihn gerade beide vollkommen vergessen haben. Nun liegt Fiona ganz entspannt auf mir. Ihr nackter Körper fühlt sich unerwartet warm an. Vielleicht hängt das aber nur damit zusammen, dass meiner genauso kalt ist und kalt und kalt ergibt warm.
„Bist du entspannt?“, erkundige ich mich.
Sie lächelt. „Ja. Bin ich. Du hoffentlich auch.“
Ich nicke.
„Also, die Verborgene Welt ist eigentlich die Realität. Nein, das stimmt so nicht ganz. Wie du ja weißt, ist unser gesamtes Universum ein Monopolyfeld im Spiel der Götter. Und damit wir das nicht erkennen, sieht für uns das Feld aus wie das Universum und nicht wie ein Spielfeld. So weit verstanden?“
„Nein, aber fahre fort.“
„Du bist doof. Also, diese Illusion, dass wir in einem Universum sind, ist relativ komplex. Sie besteht aus verschiedenen Ebenen, die einander durchdringen. Die Gefrorene Welt ist die Ebene mit der höchsten Illusionsdichte und das Gegenstück dazu ist die Ebene der Ungegenständlichkeit. Sie ist so ungegenständlich, dass Wesen aus dem Universum ihre eigene Illusion dorthin mitnehmen müssen, sonst könnten sie da nicht sein, mangels Illusion. Jetzt klarer?“
„Absolut nicht, aber fahre trotzdem fort.“
„Sagte ich schon, dass du doof bist? Da die Zeit die einzige lineare Illusion jedes Universums ist, gerät sie auf der Ebene der Ungegenständlichkeit durcheinander. Sie bildet dort Strudel, das sogenannte Zeitlabyrinth. Wenn wir es schaffen, Aelfric in so einen Strudel zu stoßen, haben wir genug Zeit, um Fiona zu finden und aufzuwecken.“
„Wir haben genug Zeit? Ist das nicht etwas paradox in dem Zusammenhang?“
„Doch, eben. Das ist ja das Geniale am Zeitlabyrinth. Verstehst du das denn nicht?“
„Nicht wirklich“, gebe ich freimütig zu. „Aber das ist eigentlich egal, wenn es nur funktioniert.“
„Das tut es. Die Schwierigkeit wird sein, dass du mit dem Logout diese Ebene triffst.“
„Wieso ich? Warum nicht du?“
„Weil wir durch dich hier gelandet sind und daher nur du uns hier wieder rausbringen kannst.“
„Na super. Immer bleibt es an mir hängen.“
„So ist das, Süße.“
Seufzend küsse ich sie. Dabei denke ich darüber nach, ob ich das wirklich tun will. Wir nähern uns anscheinend mit riesigen Schritten unserem Ende. Und das in einer Welt, die nur aus Illusion besteht.
Das ist einfach nicht fair.

„Und was geschah dann?“ Ich starre meine beiden Kopien fragend an.
„Dann haben wir Aelfric in das Zeitlabyrinth geschubst und dich gesucht“, antwortet die Jüngere, die mir wirklich sehr ähnlich aussieht. Bis auf die Zähne.
„Ihr seid fast so schlimm wie ich!“ Ich muss unwillkürlich grinsen. „Geht das auch bisschen ausführlicher?“
„Schlecht. Hör zu, wir sind hier drei Fionas, ein absolutes Paradoxon, und haben keine Zeit für Gespräche. Wir müssen dich in deine Realität zurückbeamen, bevor Aelfric wieder aus dem Labyrinth kommt.“
„Darf ich dich daran erinnern, dass wir außerhalb der Zeit sind?“
„Sind wir nicht. Wir sind selbst in einem Zeitstrudel, deinem Gefängnis. Sonst hätte Aelfric dich hier nicht festhalten können. Und, viel schlimmer, er hat dich gespiegelt, sogar doppelt. Deswegen sind wir zu dritt.“
„Ich weiß“, nicke ich. „Und solange die Spiegelung besteht, komme ich hier nicht raus. Deswegen haben wir jede Menge Zeit. Oder sind außerhalb der Zeit. Je nach Perspektiven.“
Meine jüngere Kopie schüttelt mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck den Kopf. „Oh Mann! Aelfric ist aber nicht gespiegelt. Und er ist sehr stark.“
„Wie habt ihr ihn überhaupt in den Strudel werfen können?“, erkundige ich mich neugierig.
„Er ist ein Mann“, antwortet die Psychologin düster.
„Oh. Ich verstehe. Die Idee hätte von mir sein können.“
„Von dir sie ist.“
„Scheiße, verdammte, lässt du das jetzt endlich sein?!“ Die Jüngere starrt die Psychologin mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung an.
„Warum denn? Und wenn mein letzter Wunsch das ist?“
Jetzt wendet sich die junge Vampirin an mich. „Tue doch was! Ich werde gleich noch wahnsinnig!“
„Warum eigentlich?“, frage ich.
Sie gibt keine Antwort und dreht sich um. Ich mustere die Ältere, und sie erwidert den Blick mit einem traurigen Lächeln.
„So kurz unser Leben auch war, irgendwie haben wir uns daran gewöhnt. Außerdem kam es uns viel länger vor. Ich hoffe, wenigstens war die Begegnung mit Robin echt.“
„Alles war echt“, sagt die jüngere Fiona dumpf. „Wir sind in der Verborgenen Welt. Erinnere dich an etwas und es wird Realität.“
„Ist das so?“, hake ich nach.
„Ist es. Das ist ein wesentliches Charakteristikum der Illusion. Wieso weißt du das nicht? Wie können wir etwas wissen, was du nicht weißt?“
„Wenn Wissen auch nur Illusion ist, dann geht das ganz einfach. Denke etwas und es wird Realität.“
Sie schnaubt. „Wir sind uns wohl zu ähnlich!“
„Das ist nicht ganz ausgeschlossen.“
Ich mustere unsere Umgebung. Was eigentlich nicht geht, denn wir sind in einer Zeitfalle, was unter anderem dazu führt, dass es keine Zukunft und keine Vergangenheit gibt. Wie eine Möbius-Zeitspirale. Mit anderen Worten: Wir haben keine Umgebung. Unsere eigene, individuelle Zeit läuft linear, aber losgelöst vom Rest. Im Grunde so wie eine Gasblase in Flüssigkeit. So ähnlich zumindest.
Ich sollte aufhören, für unseren momentanen Zustand eine Beschreibung finden zu wollen. Es geht einfach nicht, ohne in irgendeine Illusion zu verfallen.
Ich seufze.
„Was hast du denn?“, erkundigt sich die jüngste Fiona.
„Düstere Gedanken, wie nicht selten. Ist ja auch egal. Wir können nicht hierbleiben, denn Aelfric wird irgendwann den Ausgang finden und dann wieder versuchen, das Universum zu zerstören.“
„Aber wenigstens ohne deine Hilfe.“
„Wir wollen es hoffen.“ Ich nehme die Hände der beiden. „Es tut mir leid. Wenn ich einen Weg wüsste, wie ich hier rauskomme, ohne dass ihr … sterben müsst, dann würde ich diesen Weg gehen. Aber ich weiß keinen.“
„Das ist uns klar“, erwidert die Psychologin und senkt den Kopf. „Wir sind deine Spiegelbilder, so wie du mein Spiegelbild warst. Und wenn die Entspiegelung stattgefunden hat, werden wir ein Teil von dir sein. So wie wir es eigentlich auch jetzt sind.“
Ich nicke. „So ist es. Ihr werdet lediglich aufhören, eigene Erinnerungen zu sein.“
„Als Psychologin kann ich dir sagen, in der Fachwelt nennt man diesen Zustand vollständige Dissoziation.“ Sie lächelt schwach. „Früher hieß es auch Multiple Persönlichkeit.“
„Das kann ich gut“, sage ich. „James weiß das.“
„Nicht nur er“, bemerkt die Jüngere. „Also gut, bringen wir es hinter uns. Und ich kann dir versichern, danach wirst du ganz erstaunliche Einsichten haben, wie gut Sex mit sich selbst funktioniert. Und wie geil das ist.“
„Dem ich nicht widerspreche.“
Die Jüngere wirft der Älteren einen bösen Blick zu, dann winkt sie resigniert ab. „Letzte Wünsche soll man ja erfüllen. Und du, weißt du wie das Entspiegelungsritual geht?“
„Nö.“
„Alles muss man dir erklären. Dabei ist es im Grunde ganz einfach, denn es geht nur um die Aufhebung eines Illusionskomplexes und …“ Sie unterbricht sich selbst. Wahrscheinlich wurde ihr gerade klar, dass ich sie verarscht habe.
„Ihr seid beide böse“, sagt sie. „Sehr, sehr böse!“
„Dann sollten wir dich von uns erlösen“, stellt die Psychologin fest.
„Ja, das solltet ihr wirklich mal tun.“ Sie atmet tief durch. „Tut mir leid. Wir sollten uns nicht im Streit voneinander verabschieden.“
„Das wäre wirklich ein krasses Beispiel für Dissoziative Identitätsstörung“, sagt die Psychologin lächelnd. „Also gut, ich bin bereit.“
„Ich auch“, sagt die Jüngere nach kurzem Zögern.
„Ich ebenfalls.“ Noch immer halte ich ihre Hände fest und werde sie auch nicht mehr loslassen. Nie mehr.
Ich schließe die Augen und tue das, was ich immer tue, wenn ich aus der Gefrorenen Welt in die Verborgene Welt gehe: Ich lege die Illusion ab, ein Individuum zu sein, ich lege meine Haut ab, als wäre sie Kleidung, ich lege meine Gedanken ab, meine Gefühle, alles, was Fiona ist. Nur bin ich diesmal nicht in der Gefrorenen Welt und mein Ego ist ungleich stärker, in gewisser Weise verdreifacht.
Anderseits wehrt es sich nicht so stark wie in der Gefrorenen Welt, denn es weiß deutlicher als sonst, dass es gar nicht existiert.
Als ich schließlich die Augen öffne, sind die beiden fort und ich sitze am Tisch neben Hugh. Neben dem toten Hugh, und ich schätze, diesmal ist es endgültig für ihn.
Ich beschließe, dass ich Aelfric zur Rechenschaft ziehen werde. Irgendwann. Ich habe ja Zeit.
Viel Zeit.

James ist nicht Robin.
Ich schließe unwillkürlich die Augen, als mir bewusst wird, dass ich soeben die beiden miteinander verglichen habe.
Das ist doch total bescheuert. Im Grunde habe ich es nicht einmal selbst erlebt, auch wenn es meine Erinnerung ist. Obwohl, Erlebtes ist immer nur Erinnerung.
Bescheuerte Illusion. Das kann einen wahnsinnig machen.
Ich beschließe, mir darüber nicht mehr den Kopf zu zerbrechen und wende mich lächelnd James zu, der an seinem Laptop sitzt.
Er zieht fragend eine Augenbraue hoch. „Nicht so wichtig“, erkläre ich. „Kommst du ins Bett?“
„Gleich. Ich muss noch ein Angebot fertigmachen. Warte nicht auf mich, es dauert noch eine Weile.“
Ich nicke. Wie immer also. Ich hatte gehofft, wenigstens heute Abend würde es anders sein. Vielleicht sollte ich ihm von Robin erzählen.
Eine blöde Idee. Das sollte ich mittlerweile wissen, dass es nichts bringt, James eifersüchtig zu machen, egal ob mit oder ohne Absicht.
„Okay. Gute Nacht, mein Schatz.“
„Gute Nacht.“ Er erwidert meinen Kuss, ohne sich auf ihn einzulassen. Ich gehe langsam hoch und denke nach. Über Aelfric. Und über Victor, der inzwischen Mitglied bei Nodus Sinuatrialis geworden und zu Hause ausgezogen ist. Zumindest hat James mir das erzählt und er weiß es von Ben.
Sieben Tage war ich bewusstlos gewesen. Eigentlich erstaunlich lange, wenn man bedenkt, dass die Gefrorene Welt pure Illusion ist. Aber die Zeit ist nun einmal linear und lässt sich nicht verarschen. Noch nicht einmal von Elfen.
Auch nicht von Dinosaueriern.