Wiederkehrer: Robin Hood, Dinosaurier und Elfen

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Fortsetzung von: Die böse Königin und der beleidigte Spiegel

„Der Jäger? Aber der ist doch tot!“ Ich starre die böse Königin entgeistert an.
„Nicht ganz“, erwidert diese. „Ich habe ihm ja nur das Herz herausgerissen, beide, Herz und Jäger, liegen im Keller. Ich kann ihn zum Leben erwecken.“
„Äh … Okay, aber warum er?“
„Weil ich euch nicht zu Drachenkind führen kann und will. Sie würde mich umbringen.“
„Sie? Und warum?“
„Ja, Drachenkind ist eine sie. Sie lebt beim Drachenvolk, seitdem sie den Drachenkönig davor bewahrt hat, zum Atom zu schrumpfen.“
Ich sehe Fiona an. Wieso weiß die böse Königin aus Schneewttchen von Atomen? Dann fällt mir ein, dass wir ja gar nicht im Märchenland sind, egal wie märchenhaft mir alles vorkommt.
„Scheint eine interessante Geschichte zu sein.“
„Oh ja.“
„Erklärt aber nicht, warum sie sauer auf dich ist. Oder ist das Töten ein Hobby von ihr?“
„Nein, ihr braucht keine Angst vor ihr zu haben. Sie ist eigentlich ganz lieb. Und seitdem sie den Schwarzen Riesen besiegt hat, wird sie sehr verehrt. Schon allein darum, weil es nicht ratsam wäre, jemanden zu verärgern, der den Schwarzen Riesen besiegt hat.“
„Wer ist der Schwarze Riese? Und du hast immer noch nicht gesagt, warum sie dich töten würde.“ Ich mustere die böse Königin durchdringend. Sie erwidert meinen Blick mit einem leichten Lächeln. Auf einmal finde ich sie gar nicht mehr so toll.
„Beides eine lange Geschichte. Viel zu lang. Besucht mich doch einfach mal, wenn diese Sache ausgestanden ist, vielleicht erzähle ich sie euch an einem langen, gemütlichen Abend.“
Hä?
„Wo ist eigentlich dein Mann?“, erkundigt sich Fiona plötzlich.
Der Mund der Königin lächelt immer noch, aber ihre Augen nicht mehr, als sie antwortet: „Ihm ist seit gestern unpässlich. Und außerdem, er ist der König, ich die Königin, mehr verbindet uns nicht.“
„Aha“, sagt Fiona nur.
Und ich stelle für mich im Stillen fest, dass die Welt ein sehr verdorbener Ort ist. Kein Wunder, dass Schneewittchen so wurde, wie sie ist.
„Dann sollten wir jetzt vielleicht aufbrechen“, sage ich und spüre die Wut in mir aufsteigen, weil ich dabei so unsicher klinge.
„Schade, aber vielleicht ist das am besten.“ Die Königin erhebt sich und schwebt zur Tür. „Ich wecke den Jäger und sag ihm, dass er euch begleiten wird.“
Und weg ist sie.
Ich blicke erst Fiona an, dann Schneewittchen.
„Meine Mutter“, sagt Letztere. „Und ich möchte euch warnen. Der Weg zum Drachenvolk führt unter anderem durch Sherwood Forest. Nehmt euch in Acht vor Robin Hood und den Elfen.“
„Wie bitte? Sherwood und Robin kriege ich noch irgendwie zusammen, aber Elfen?“
„Du darfst nicht vergessen, wir befinden uns nicht in einem Märchen, sondern im Sondermülllager für ausgediente Sagen- und Märchengestalten.“
„Wie bitte?“ Diesmal ist es Fiona, und sie klingt ehrlich erschüttert.
„Das ist die Wahrheit.“ Schneewittchen zuckt die Achseln. „Oder meint ihr, im Märchen müsste ich mich mit den dämlichen Gopfs abgeben? Was ist das für ein Märchenprinz, der nicht mal in der Lage ist, ein einfaches Mädchen wie mich zu befriedigen?“
Ich verschlucke mich beinah und beobachte mit Tränen in den Augen, wie Schneewittchen an ihrem Wein nippt. Ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen hysterischer Empörung und kindlichem Gekränktsein hin und her.
Mein Gott, was für ein Paradies könnte dieses Land für Psychotherapeuten sein!
Ich bin froh, als die böse Königin zurückkommt und uns aus dieser peinlichen Situation erlöst. Sie hat einen Mann bei sich, der seine besten Tage schon gesehen hat. Vielleicht fehlt ihm aber auch nur ein Herz, so genau kann ich das nicht erkennen. Er wirkt jedenfalls neben der Spur.
Die Königin winkt einer Bediensteten zu. „Bring Graham einen Espresso, er sieht ja aus wie ein Zombie.“
Ich spare mir die Frage, wie sie auf Graham kommt. Es gebe sicherlich Wichtigeres, aber vor allem habe ich Angst davor, was sich noch alles offenbaren könnte, und halte lieber den Mund.
Graham sieht allerdings wirklich wie ein Zombie aus und daran ändert auch der Espresso nichts. Ich tippe doch auf das fehlende Herz. Oder hat sie es ihm wieder eingesetzt? Das wäre ja richtig pervers.
„Graham wird euch zum Drachenvolk führen. Der Weg ist nicht ohne Gefahr, aber ihr könnt ja auf euch aufpassen.“
„Können wir“, sagt Fiona und nickt. „Schneewittchen hat bereits Robin und die Feen erwähnt. Sind das echte Feen oder werden sie einfach nur so genannt, weil sie Robin umschwärmen?“
„Beides.“
Fiona sieht mich verzweifelt an, ich blicke genauso verzweifelt zurück. Einerseits wünsche ich mir, diese Feen selbst in Augenschein nehmen zu können, andererseits klingen die Warnungen durchaus ernst.
Ich muss ja nicht alles erfahren.
„Dann sollten wir aufbrechen. Wie lange wird die Reise dauern? Und womit werden wir eigentlich unterwegs sein?“
„Per pedes“, antwortet die jetzt wieder böse Königin sichtlich amüsiert. „Wir haben leider keinen Tank. Und auch keinen Hubschrauber.“
„Aha“, sage ich nur.
„Wie lange die Reise dauern wird, lässt sich schlecht im Voraus abschätzen. In Somnita hat Zeit eine andere Bedeutung als dort, wo ihr herzukommen scheint. Und auch die Orte können sich verändern, ohne jede Vorwarnung. Das macht das Reisen so faszinierend hier.“
Faszinierend würde ich das ja nicht grad nennen, denke ich mir, sage aber lieber nichts dazu.
„Wir danken dir jedenfalls für deine Hilfe. Zumindest wissen wir jetzt, was wir zu tun haben. Und das verdanken wir dem Spiegel.“
„Es ist nicht die Rede wert. Und ihr seid wirklich sicher, dass ihr nicht erst eine Nacht hier verbringen und morgen mit frischen Kräften aufbrechen wollt?“
„Der Tag ist noch jung“, erwidert Fiona. „Wir möchten das Tageslicht ausnutzen. Und außerdem konnten wir uns ja letzte Nacht bereits ausruhen.“
„So hat sich das aber nicht angehö … Ups, entschuldigt.“ Schneewittchen wird rot und starrt sichtlich unangenehm berührt den Boden an.
„Oh.“ Mehr sagt die Königin nicht. Zumindest nicht zu diesem Thema.

Graham geht vor, wir lassen uns ein wenig zurückfallen. Es scheint ihn nicht zu stören, überhaupt wirkt er ziemlich teilnahmslos. Als die Königin ihm seine Befehle gab, hörte er zu und nickte am Ende.
Und nun stakt er vor uns durch den Wald, der mir immer weniger geheuer ist.
Fiona nimmt meine Hand.
Ich sehe sie fragend an.
„Nur so. Außerdem, wenn Fiona recht hat, und ich fürchte, das hat sie, werden wir nicht mehr sehr lange leben.“
Ich senke den Blick. Ach ja, da war was.
„Das ist nicht fair“, sage ich nach einer Weile.
„Was ist nicht fair?“
„Dass wir schon sterben sollen. Ich meine, irgendwie gibt es uns anscheinend noch gar nicht so lange, wenn ich das alles richtig verstanden habe.“
„Das stimmt, aber eigentlich dürfte es uns gar nicht geben. Hast du das schon vergessen?“
„Nein“, erwidere ich leise. „Aber vor Kurzem warst du selbst noch eine Verfechterin der Variante, unser Original zu töten und ihre Stelle einzunehmen.“
„Das stimmt, aber seitdem habe ich ein bisschen nachgedacht. Und bevor du fragst: Ja, manchmal kann ich das.“
„Eigentlich wollte ich das gar nicht fragen.“ Ich sehe sie amüsiert an. „Mich interessiert im Moment sowieso am meisten die Sache mit Robin Hood. Ich meine, wieso gerade der?“
„Wahrscheinlich, weil wir uns im Wald befinden.“
„Sehr witzig. Im Wald gibt es sonst keine Märchen- und Sagengestalten?“
„Doch, normalerweise schon. Wölfe, Hexen, Dinosaurier, …“
„Dinosaurier sind keine Märchengestalten!“
„Natürlich sind sie das. Was sollten sie sonst sein?“
„Ausgestorbene Tiere aus früherer Zeit.“
„Und das glaubst du ernsthaft?“ Fiona starrt mich entgeistert an.
„Wieso sollte ich das denn nicht glauben?“
„Weil das genauso ein Märchen ist wie der Urknall, dass nichts schneller als Licht sein kann, dass es keine Vampire gibt …“
„Ist ja schon gut! Davon abgesehen beweist deine Existenz noch lange nicht die Nichtexistenz von Dinosauriern.“
„Dinosaurier gibt es ja. Hier. – Hör zu, keine Ahnung, was für Ideen in deinem hübschen Köpfchen herumschwirren, aber eins weiß ich, dass nämlich die Scheiße, die die Aufklärung über die Menschheit gebracht hat, irgendwann die Erde unbewohnbar machen wird.“
„Die Aufklärung hat zufällig aber auch für Fortschritt gesorgt. Die Lebenserwartung der Menschen wurde deutlich höher und …“
„Aller Menschen?“
Ich denke nach. „Vieler Menschen.“
„Soweit ich weiß, leben 90% der Menschen schlechter als vor der Aufklärung. Zumindest aber nicht besser. Vielleicht sind es auch keine 90%, denn wie willst du das wirklich zuverlässig zählen? Sind eh alles nur irgendwelche Schätzungen. Aber ich bin mir sehr sicher, dass weit weniger als die Hälfte der Menschheit von der Aufklärung profitiert. Es ist reines Glück, im richtigen Land geboren zu werden. Na ja, Glück ist nicht der richtige Ausdruck dafür. Fiona hat es sich ja auch zielgerichtet ausgesucht. Aber die meisten haben diese Möglichkeit nicht, sie werden von den Göttern per Zufallsprinzip irgendwo in die Scheiße geschmissen, nach dem Motto: Los, amüsier uns! So, meine Liebe, sieht es nämlich aus. Deine dämliche Aufklärung ist nur ein Teil des Spiels, die Wissenschaft das Zuckerbrot der Moderne!“
„Wow! Das war ja richtig leidenschaftlich. – Also gut, aber wer weiß schon von der Verborgenen Welt, wer weiß schon, dass die materielle Welt nur eine Illusion ist?“
„Viele ahnen es. Denk an die ganzen Religionen. Alle schwärmen von dem, was die einen Himmel, die anderen Nirwana nennen. Paradies, der Ort zur Belohnung nach dem Mühsal des irdischen Lebens. Vielen ist wahrscheinlich überhaupt nicht klar, dass hinter dieser ganzen Sehnsucht nach dem Paradies nur die Ahnung steckt, nicht mehr als ein bedeutungsloser Spielball im Göttermonopoly zu sein.“
„Nun, es ist schon auffällig, wie ähnlich alle Religionen in den Gründzügen sind, das stimmt. Aber eigentlich ging es um Robin Hood.“
Fiona sieht mich von der Seite an und lächelt plötzlich. „Du Idiotin. Gib es zu, Robin ist dir lieber als ein Dinosaurier.“
„Das mag schon sein, aber bei den Feen bin ich mir nicht so sicher.“
„Ich beschütze dich“, sagt sie grinsend und legt einen Arm um meine Schulter.
Ich erschaudere.

Erst im Nachhinein verstehe ich, was das Sirren zu bedeuten hat. Als ich nämlich den Pfeil aus Grahams Brust ragen sehe. Graham selbst wirkt ziemlich erstaunt. Zumindest für einen kurzen Moment, bevor er leblos zusammenbricht. Unabhängig davon, ob der Pfeil sein Herz durchbohrt hat oder nicht.
„Verflucht!“, ruft Fiona. Sie packt meine Hand und zieht mich mit sich. Vom eh kaum erkennbaren Weg hinunter, in den Wald hinein, fort von den anstürmenden … Feen?
Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, ob diese hochgewachsenen, grün gekleideten Frauen Feen sein könnten, denn Fiona zerrt mich durch das Gestrüpp, und wie es aussieht, hat sie einen guten Grund dazu.
Mir fällt auf, dass auf uns nicht geschossen wird. Sie haben gezielt nur den Jäger getötet, uns wollen sie anscheinend lebend.
Ich bleibe stehen.
„Was machst du denn?!“, ruft Fiona genervt.
„Sie wollen uns nicht töten! Sonst hätten sie auf uns geschossen!“
„Das ist mir egal! Da sind zwei Dutzend Weiber, bewaffnet mit Schwertern, hinter uns her!“
„Sie werden uns nicht töten! Vertraue mir!“
Ihr bleibt nichts anderes übrig, denn in der Zwischenzeit haben sie uns eingeholt und umringen uns. Vielleicht sind es keine zwei Dutzend, aber mindestens fünfzehn Frauen, alle jung, schlank und recht ansehnlich. Aber irgendwie auch ziemlich gleichaussehend.
„Was wollt ihr?“, fragt Fiona, immer noch meine Hand haltend.
„Ihr kommt mit uns“, erwidert eine der jungen Frauen.
„Und wenn wir nicht wollen?“
Die Schwertspitzen bewegen sich ein paar Zentimeter auf uns zu. Das ist deutlich.
„Also schön, wir begleiten euch. Aber ihr könnt euch sicher sein, dass wir unser Leben nicht billig geben!“
„Maul nicht rum, beweg dich!“
Fiona versteift sich, ihre Zähne fahren aus. Ich drücke ihre Hand. Für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob ich sie davor bewahren kann, eine riesengroße Dummheit zu begehen, doch schließlich entspannt sie sich etwas.
Ohne ein weiteres Wort begeben wir uns auf den Rückweg, vorbei am toten Jäger und auf der anderen Seite des Weges tief in den Wald hinein.
Die Leiche bleibt liegen, wahrscheinlich als Fraß für die Wölfe.
Oder für die Dinosaurier.

„Ist das eine Eiche?“, erkundige ich mich.
„Sieht zumindest aus wie eine“, erwidert Fiona und mustert den riesigen Baum.
„Das gibt dem Wort Baumhaus eine ganz neue Bedeutung.“
Jetzt sieht sie mich an. „Manchmal machst du auf mich den Eindruck, als wäre das alles für dich wie Urlaub.“
„Ist es ja auch. Urlaub vom Nichtsein. Und außerdem Urlaub vom Mamasein. Von der Zivilisation. Und Robin ist irgendwie schon süß.“
„Er ist scharf, ganz bestimmt nicht süß. Und das finden all die anderen hundert Weiber hier auch. Also verbrenn dir lieber nicht die Pfötchen.“
„Bist du etwa eifersüchtig?“
„Nein!“, knurrt sie. „Ich hoffe, du denkst daran, dass wir eigentlich auf dem Weg zu Drachenkind waren!“
„Ja, aber unser Führer hat sich das Herz oder die Hohlkammer, wo sein Herz mal war, durchbohren lassen. Oder kennst du den Weg?“
Sie schüttelt den Kopf und betrachtet den einzigen Mann im ganzen Lager. Er kommt gerade aus der riesigen Eiche und auf uns zu. Ich denke über Fionas Worte nach. Ja, okay, sie hat recht, süß passt nicht wirklich zu diesem Kerl, der aussieht, als käme er direkt aus der Reklame eines bekannten Getränkeherstellers. Ja, okay, sie hat recht, er ist scharf.
Verflucht scharf.
Ich halte den Atem an, als mir klar wird, dass ich mich gerade wie eine Pubertierende verhalte, die zum ersten Mal ihrem Schwarm persönlich gegenüber steht.
„Hallo Mädels“, sagt der Reklamemann. Zum Glück ist er nicht oben ohne, das würden die Mädels, einschließlich der anderen Mädels, die vielleicht Feen sind, nicht aushalten. Ihnen fallen ja jetzt schon die Augen aus dem Kopf.
Ob er die schon alle durchgefickt hat?, schießt es mir durch den Kopf.
„Halloooo!!!“
Ich starre Fiona an. „Was denn?“
„Wo warst du denn?“
„Hier, die ganze Zeit!“
„Ganz sicher nicht. Robin hat dich jetzt schon dreimal was gefragt und du hast ihn nur angestarrt!“
„Echt?“
„Ja, echt!“
Ich wende mich Robin zu und strahle ihn an. „Was hast du denn gefragt?“
Er mustert mich, die Mundwinkel dabei zu einem leichten und absolut unverschämt unwiderstehlichem Grinsen verzogen.
„Ich wollte wissen, ob ihr Bier trinkt. Und folgt mir in meine bescheide Behausung.“ Spricht und dreht sich um, ohne eine Antwort abzuwarten. Die Psychologin in mir meint, ich sollte auf keinen Fall hinterher laufen, aber sie wird von der Pubertierenden überstimmt.
Von innen wirkt das Baumhaus nicht mehr ganz so groß, aber auf jeden Fall hoch. Wie weit es nach oben geht, ist jedoch nicht zu erkennen, denn schon bald verliert sich der Blick in der Dunkelheit.
Ich sehe lieber wieder Robin an, der es sich auf einer Decke gemütlich gemacht hat und die Plätze rechts und links von ihm abklopft. Als Zeichen, dass wir uns dahin setzen sollen.
„Ich hatte es noch nie mit Mädels zu tun, die einander so ähnlich sind“, bemerkt er.
„Echt nicht? Die da draußen sind sich doch alle sehr ähnlich.“
„Sie sehen alle aus wie Feen halt aussehen. Aber euch könnte man nicht auseinanderhalten, wenn ihr gleich alt wärt.“
Er sinkt auf meiner Sympathieskala nach unten, und zwar gewaltig. Nein, er sinkt nicht, er befindet sich im Sturzflug.
„Reifer Wein ist am besten, wenn er reif ist“, bemerke ich kühl.
Fiona kriegt einen Lachkrampf. Ich bestrafe sie mit Missachtung.
„Na, dich reif zu nennen, wäre übertrieben“, meint Robin und beschleunigt seinen Sturzflug.
„Also bin ich unreif?“
„So meinte ich das nicht! Boah, Frauen! Warum müsst ihr so kompliziert sein?“
„Wir sind nicht kompliziert“, erwidere ich, „wir sind lediglich anspruchsvoll.“
Fiona kriegt schon wieder einen Lachkrampf.
„Welchen Anspruch habt ihr denn?“
„Wir wollen wie Damen behandelt werden, und zwar in Wort und Tat. Zum Beispiel lässt du mich hier darben, obwohl du vorhin noch was von Bier erzählt hast.“
„Da sagst du was Wahres!“ Robin springt auf und tritt zu einem Vorhang, hinter dem ein Kühlschrank sichtbar wird. Fiona und ich starren uns entgeistert an, dann ich: „Ein Kühlschrank? Hier?“
„Was spricht dagegen? Wir sind hier ja nicht bei den Barbaren!“
„Äh … wir sind in einem Baum mitten im Wald! Wo nimmst du überhaupt Strom her?“
„Der funktioniert auch ohne Strom. Wir sind ja nicht in der Gefrorenen Welt. – Hier, dein Bier.“ Er reicht mir eine Dose, eine Fiona und eine dritte behält er. Die Dose fühlt sich kalt an. Ich öffne sie und nehme einen Schluck. Das Bier schmeckt annehmbar. Nichts Besonderes, aber nicht schlecht. Immerhin.
Und es ist kalt.
Ich beschließe, über Derartiges nicht weiter nachzudenken. Es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel, Fiona davon abzuhalten, sich an Robin heranzuschmeißen …
Mir wird plötzlich bewusst, was ich da gerade gedacht habe und halte inne. Schätzchen, was tust du da? Flirtest du ernsthaft mit Robin Hood? Damit hundert Feen dich in Feenstaub verwandeln, oder was?
Ich atme tief durch.
„Ist dir nicht gut?“, erkundigt sich Robin.
„Doch, alles bestens“, murmele ich. „Ich muss mal an die frische Luft.“
Draußen trinke ich erst einmal die Dose leer. Eine Zigarette wäre auch nicht schlecht. Ich beobachte die Feen bei der Arbeit, wenngleich mir nicht ganz klar ist, was sie tun. Außerdem fällt mir auf, dass alle irgendwie gleich alt sind. Es gibt weder Kinder noch Alte, Männer schon mal gar nicht, von Robin Hood abgesehen. Wo stecken Little John und die anderen eigentlich? Oder ist das hier gar nicht der Sondermüll des historischen Robins, sondern irgendeines feuchten Traums von irgendwem?
Ich beschließe, dass mir das völlig egal ist. Ich will hier nicht bleiben, zumindest nicht länger, als unbedingt nötig. Um die nächste Nacht kommen wir wohl nicht drumherum. Sorgen machen mir die Blicke der Feen, die sie mir zuwerfen. Unfreundlich wäre noch untertrieben.
Plötzlich legt Fiona ihre Arme von hinten um mich.
„Woran denkst du?“
„Ich frage mich, was wir hier eigentlich machen.“
„Wir wurden entführt, schon vergessen?“
„Ja, von den Feen, ich weiß. Aber wieso eigentlich?“
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, so was macht ihnen Spaß. Aber wahrscheinlich haben sie es inzwischen bereut.“
„Ja, sie scheinen ziemlich eifersüchtig zu sein. Wieso nicht auch untereinander?“
„Wer weiß, vielleicht sind sie es ja. Und wir sind nur gemeinsame Feinde.“
Sie hat recht, dieses Phänomen kenne ich aus dem Studium. Und aus Erfahrung. Eigentlich wiederholt sich die Geschichte. Als ich Ben geheiratet habe, war es auch nicht anders, nur dass ich damals plötzlich alle Frauen der Welt zum Feind hatte. Verglichen damit sind ein paar Dutzend Feen eine ganz überschaubare Menge.
„Woran denkst du?“, erkundigt sich Fiona. Mir wird bewusst, dass sie mich immer noch umarmt.
„Dass ich das schon mal hatte, als ich den begehrtesten Mann der Erde geheiratet habe.“
Fiona grinst mich von der Seite an. „Und, macht es dir Angst?“
„Sicher. Dir nicht?“
„Nein, warum sollte es? Ich bin eine Vampirin, mit den Feen werde ich fertig.“
„Ach ja? Und warum hast du sie nicht fertiggemacht, als sie uns gefangen genommen haben?“
„Wegen der Schwerter. Ich hätte dich nicht beschützen können.“
„Ich kann auch kämpfen!“
„Bist du noch schnell genug? Entschuldige, ich will dich nicht ärgern, aber du bist nicht in Form. Ich meine, es hat auch Vorteile, wenn nicht alles nur Haut und Knochen ist wie bei mir, aber in einem Kampf auf Leben und Tod ist es eher ungünstig.“
Ich hole tief Luft. „Ja, da scheuert man sich schon mal wund, schon klar.“
Sie grinst wieder, aber ihre grauen Augen bleiben diesmal ernst.
„Hör zu, wir bleiben diese Nacht hier, danach wollen sie uns freiwillig los werden.“
„Portionsweise.“
„Das stimmt natürlich, aber dazu müssen sie an ihrem geliebten Robin vorbei.“
„Und warum willst du damit bis morgen warten?“
„Sie sind noch zu beherrscht. Aber wenn sie wissen, dass der heißgeliebte Bogenschütze eine ganze Nacht mit uns verbringt …“
„Moment mal!“ Ich starre sie entgeistert an. „Du willst doch nicht etwa wirklich …?“
„Es muss echt wirken und was wirkt echter als die Realität?“
„Du bist bescheuert! Wenn du glaubst, dass ich mich für einen flotten Dreier mit dir und Robin hergebe, dann …“
„Warum nicht? Wir werden bald sterben, warum sollten wir bis dahin nicht ein bisschen Spaß haben?“
Hm. Da hat sie nicht ganz unrecht. Daran habe ich gar nicht gedacht.
„Oh, habe ich einen kleinen Denkprozess in dir ausgelöst?“
„Ich … Hör zu, ich war vor meiner Ehe ganz sicher kein Kind von Traurigkeit. Aber so was …“
„Du hast noch nie mit einer Frau und einem Mann gleichzeitig gefickt?“
„Verdammt, musst du so ordinär reden? Und nein, habe ich nicht. Ich habe nicht einmal mit einer Frau … Na ja, du weißt schon.“
Sie nickt, hält mich dabei immer noch von hinten in den Armen und stützt ihr Kinn auf meiner linken Schulter ab. Vermutlich ist es gar nicht so einfach, in dieser Stellung zu nicken, aber sie schafft es.
„Sag mal, warum lässt du mich eigentlich nicht los?“
„Erstens weil ich dich gerne in den Armen halte. Und zweitens, damit die Feen sehen, wie nah wir einander sind und sie sich schon mal darauf einstimmen können, was wir gemeinsam mit ihrem geliebten Helden anstellen werden.“
„Du Biest. Frauen sind der Frauen größte Feinde.“
„Hey, würdest du es anders machen? Eigentlich kann ich es mir nicht vorstellen, dass du anders tickt als ich. Das wäre etwas eigenartig.“
„Nun ja, unser Verhalten wird ja nicht nur von den Genen bestimmt, sondern auch von unserer Sozialisation. Und mir scheint, du hast da einige bösen Erfahrungen gemacht.“
„Wer ist hier das Biest?“
„Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass ich anders ticke als du. Das wäre etwas eigenartig.“
Jetzt lacht sie sogar. Leicht säuerlich, aber sie lacht.
Dann küsst sie mich. So unerwartet, dass ich vergesse, mich zu wehren. Und als ich mich schon losreißen will, fällt mir ein, dass wir ja Realität spielen.

(Es geht weiter mit Fiona, Fiona, Robin Hood und dem Blinden Propheten.)