Sneak-Preview: Fiona – Leben

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Doch, das könnte was Großes sein.
Mal eben so, ohne dass ich oder auch Katharina im Vorfeld was davon mitbekommen hätten. Und das macht mir echte Sorgen.
„Ich sehe, du bist wieder da“, stellt Katharina fest.
„Yeah.“
Wir kommen vor meiner Familie an, aber nur kurz. Ich bin gerade fertig mit dem Begrüßen von Kay und Helena, als der Konvoi sich anmeldet. Gott sei dank. Oder wem auch immer. Katharina bedankt sich höflich bei den Polizisten, bittet sie gleichzeitig aber, nicht auf das Anwesen zu kommen.
Einige Minuten später hält der BMW meines Vaters vor dem Haus, mit James am Steuer. Als Erstes springt Danny raus und kommt auf mich zugerast. Sandra ist auf dem Arm meiner Mutter, beide sehen erschrocken aus. Ich nehme sie gemeinsam in die Arme.
„Was ist bloß los? Wer will uns was antun?“, fragt meine Mutter.
„Das wüsste ich auch gerne. Jedenfalls sind es Leute, die unangenehm werden können.“
Mein Vater mustert meine Kleidung. „Du hattest bereits Kontakt mit ihnen?“
„Vermutlich mit denen.“ Ich betrachte James, der sich nähert. Sein Gesichtsausdruck schwankt zwischen „Ich bin noch sauer!“ und „Geht es dir gut, Schatz?“. Allerdings sieht man ihm das nur an, wenn man ihn so gut kennt wie ich. Für alle anderen ist sein Gesicht einfach nur ausdruckslos.
Ich küsse ihn und flüstere in sein Ohr: „Es tut mir leid.“
Er nickt kaum merklich. „Deine Eltern machen sich Sorgen. Was sollen wir ihnen erzählen?“
„Alles, was wir nicht wissen“, flüstere ich zurück.
Er grinst. Katharina lädt uns ein, auf die Terrasse zu gehen. Mein Vater, der Luxus gewohnt ist, wirkt beeindruckt, als wir durch das riesige Haus nach hinten gehen. Dort hat Helena schon einen Tisch gedeckt und es gibt erst einmal was zu trinken. Ich nehme Sandra zu mir und gehe mit ihr an den Pool. Natürlich will sie mit dem Wasser spielen. Ich halte sie an der Hose darüber, so kann sie im Freiflug mit den Händen das Wasser aufwirbeln.
Ich spüre plötzlich die Nähe meiner Mutter.
„Du siehst mitgenommen aus, Kind.“
„Katharina und ich hatten einen Kampf mit sechs Männern, die keine Menschen waren.“
„Und, sind sie … sind sie …?“
„Tot? Ja.“ Ich betrachte das Loch in meiner Jeansjacke. „Ich … einen von denen habe ich wie ein Vampir leergesaugt, und ich habe keine Ahnung, warum ich das getan habe.“
„Vielleicht … Du bist ja ständig mit diesen … diesen Wesen zusammen. Vielleicht verändert dich das.“
Hm. Eine naive Vorstellung. Aber könnte ich das guten Gewissens verneinen? Eigentlich nicht. Ich habe viel zu wenig Ahnung davon, wie dieses Universum wirklich tickt. Andererseits weiß ich aber inzwischen, dass die Sicht der Mensch darauf weit entfernt ist von der Realität.
„Ein blutsaugender Engel“, murmele ich amüsiert.
„Müsstest du als Engel nicht Flügel haben?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Nur in diesem komischen Märchenbuch. Und auf Bildern, die irgendwelche Maler in Delirium gemalt haben. Echte Engel sind blond und leicht reizbar.“
„Oh, du bist leicht reizbar? Bisher habe ich dich eigentlich nur mit Nerven wie Drahtseilen erlebt.“
Mich? Mit wem verwechselt sie mich da gerade? „Mama, es tut mir leid, dass ihr meinetwegen solche Umstände habt. Aber ihr wohnt in einem Luxusgefängnis.“
Meine Mutter betrachtet das Gebäude, soweit es von hier aus überhaupt erkennbar ist. „Ja, das stimmt wohl. Und die drei wohnen hier ganz allein?“
„Ähm … jaaaa …“
„Fiona, sag die Wahrheit!“
„Es gibt hilfreiche … na ja … Also, ihr werdet sie nie zu sehen bekommen.“
Sie erschaudert. „Du hast recht, ich will es gar nicht wissen!“
Wir werden abgelenkt, weil Helena zu uns kommt und fragt, ob sie Sandra halten darf. Ich nicke und gebe ihr die Kleine. Helena spaziert mit ihr strahlend davon. Ich erhebe mich langsam.
„Kind!“, sagt meine Mutter erschrocken. „Ich habe dich noch nie so erlebt! Hast du Schmerzen?“
„Nein, keine Schmerzen. Die Wunden verheilen bei mir sehr schnell. Ich denke nur nach. Ich muss an damals denken, aber diesmal sind es nicht Gangster, die euch bedrohen, sondern viel schlimmere Gegner. Ich mache mir einfach Sorgen um euch.“
„Ich denke, hier sind wir sicher?“
„Seid ihr auch.“ Ich werfe einen Blick auf Katharina. „Sie … Ihr vertraue ich absolut.“
„Obwohl sie ein Dämon ist?“
„Ja. Und außerdem, was bedeutet das schon? Dämon ist ein Begriff aus der menschlichen Mythologie. Katharina ist ein Wesen, das genau wie ich nicht an die Grenzen des Menschseins gebunden ist. Alles andere ist willkürliche Moral.“
„Damit fertigst du die Jahrtausende alte Tradition der Philosophie in einem Satz ab“, sagt meine Mutter lächelnd.
„Ach, das weiß ich nicht. Heißt Phiolosophie nicht so viel wie Liebe zur Weisheit? Und der Weise hat kein Problem damit, zu den Alten zu sagen: ‚Fuck you, ihr habt euch eben geirrt!‘ Wenn wir heute etwas besser wissen, ist das keine Sünde, man wird nicht mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zumindest in dieser Gegend nicht.“
„Das ist auch gut so.“
„Eben. Komm, wir gehen zu den anderen.“
Katharina telefoniert, James und Kay sitzen nebeneinander, beide haben eine Flasche Bier in der Hand. Ich gleite auf den Schoß von James, was Kay ein dickes Grinsen in das Gesicht zaubert.
„Soll ich dir eine Limo holen, Fiona?“
„Kay, willst du ewig leben? Ich will einen Martini!“
„Sag ich doch.“ Kay springt auf und geht zur Bar. Ich mustere meinen lieben Ehemann. „Willst du nicht lieber doch hier bleiben? Ihr versteht euch doch sehr gut, oder?“
„Kay und ich werden ein paar alte Kontakte abklappern“, sagt James ungerührt.
„Verräter!“, rufe ich Kay zu. James steckt seinen Zeigefinger durch das Loch in der Jeansjacke. „Hör zu, Schatz, ich weiß, dass ich nach so einem Treffer nicht mehr einfach so aufstehen würde wie du. Dementsprechend vorsichtig agiere ich. Aber ich habe eine zweijährige intensive Ausbildung gehabt. Ich habe gelernt zu überleben, auch unter schwierigen Umständen. Und meine Gegner waren auch nicht immer menschlich …“
„Wolltest du mir davon nicht mal erzählen?“
„Irgendwann mal. Lenk nicht ab.“ James lächelt endlich.
„Also gut. Ich sehe ein, dass du keinen Babysitter brauchst und den starken Mann markieren kannst … Aua! Was soll das?“ Ich starre ihn empört an. Hat er mich echt gekniffen? In die Seite? Bloß weil ich gesagt habe, dass er den starken Mann markiert?
„Mein Schatz, das war die Rache des kleinen Mannes. Fahr bitte fort mit deinen interessanten Ausführungen.“
Kay bringt mir den Martini, das lenkt mich ab von meiner Empörung. Ich nippe am Glas. Das Zeug ist gut.
„Also gut. Aber das sagte ich schon. Ihr seid beide so was wie Supermänner. Geht klar. Fakt bleibt, ihr seid beide nicht unsterblich. Und es gibt keinen Grund, dass ihr unnötige Risiken eingeht.“
„Es sind keine unnötigen Risiken“, entgegnet Kay. „Wir haben andere Informationsquellen als du und Katharina. Warum sollten wir sie nicht auch anzapfen?“
„Das könnt ihr auch von hier aus!“
„Nur bedingt. Ihr bleibt ja auch nicht hier. Oder willst du behaupten, für euch ist es da draußen völlig gefahrlos? Was machen wir, wenn ihr getötet werdet?“
Ich sehe mich um. Meine Eltern beobachten den Disput angespannt. Vermutlich ist es für sie vollkommen neu, mich in einer solchen Situation zu erleben.
„Stimmt, du hast recht, Kay.“ Ich ziehe den Dolch hervor. „Aber um uns zu töten, brauchst du so was. Und davon gibt es nicht allzu viele.“
„Was ist das?“
„Eine Waffe“, antwortet Katharina. Sie kommt aus dem Haus, in das sie zum Telefonieren gegangen ist, nachdem wir zu diskutieren begonnen haben. „Das Material ist unzerstörbar, schneidet sogar einen Diamanten problemlos. Strenggenommen existiert es auf der Erde nicht. Und wie Fiona sagte, äußerst selten.“
„Nichts ist härter als Diamant“, stellt mein Vater fest.
„Unter irdischen Bedingungen in der Gefrorenen Welt stimmt das durchaus“, stimme ich zu. Dann schneide ich mit einer lockeren Bewegung den Stiel meines Glases ab. Klirrend fällt er auf die Fliesen und zerspringt in mehrere Teile.
„Ups. Sorry, Kay.“
Er winkt ab.
„Wie auch immer … Ihr tut sowieso, was ihr wollt.“
„Lass sie“, sagt Katharina. „Elaine hat inzwischen was für uns. Vielleicht. Wir werden sie treffen, sie tat geheimnisvoll.“
„Wer ist Elaine?“, erkundigt sich meine Mutter.
„Meine Schwester. Sie hat eine Bar in Downhill und kennt eine Menge Leute. Aller Art. Sie hat uns auch von den Werwölfen erzählt, aber wir haben alle nicht geahnt, dass der Tipp so heiß ist. Ich hatte sie gebeten, die Ohren offenzuhalten und anscheinend hat sie jetzt was für uns. Ich schlage also vor, die Jungs bemühen ihre Kontakte und wir unsere. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass daraus Synergien erwachsen.“
„Synergien … Mein Schatz, das ist keine Vorstandssitzung.“
Katharina tritt zu ihrem grinsenden Mann und legt ihm beide Arme um den Hals. „Wirklich nicht?“
Ich wende hastig den Blick ab, als seine Hände an ihrem Rücken entlang nach unten gleiten. Kann nur hoffen, dass James meine Reaktion völlig falsch interpretiert, was nicht unwahrscheinlich ist, da ihm eine wichtige Information fehlt.
„Dann ist ja alles klar und wir sollten aufbrechen“, sage ich. „Oder ist noch etwas unklar?“
„Nein. Aber ich werde mir etwas Bequemeres anziehen. Und du?“
Ich gleite von James auf den Boden. „Habe meinen Kleiderschrank leider zu Hause vergessen.“
„Kein Problem, hier gibt es genug Kleiderschränke. Wir finden sicher was Passendes für dich. Komm mit.“ Ich folge der lachenden Katharina in den Schatten des Hauses, über die Treppen in den zweiten Stock. Katharina führt mich in ein riesiges Zimmer.
„Das ist eins unserer Gästezimmer. Die Sachen in den Schränken entsprechen deiner Größe. Such dir einfach was aus.“
Ich starre sie fassungslos an. „Ihr habt Gästezimmer für unterschiedliche Konfektionsgrößen?“
„So ist es.“
„Das … das ist mehr als nur dekadent!“
„Genau, das ist praktisch. Wir treffen uns unten. Wenn du willst, kannst du ja auch duschen.“
Eine nette Art zu sagen, dass ich stinke. Aber sie hat recht. Ich stinke wirklich. Nach Schweiß und Blut. Daher springe ich schnell unter die Dusche und suche danach in ein Badetuch gewickelt nach passender Kleidung. Die Auswahl ist riesig. Schließlich entscheide ich mich für bequeme Jeans, feste Schuhe, ein T-Shirt und einen Pullover. Den Dolch stecke ich wieder in den Gürtel. Ganz ungefährlich ist das nicht, aber ich möchte ihn dabei haben.
Als ich auf der Terrasse ankomme, reicht mir Katharina eine Scheide. Auf meinen fragenden Gesichtsausdruck hin erklärt sie, dass mein Visz-Dolch da genau reinpasst. Es wäre Wahnsinn, wenn ich mit der offenen Klinge so rumlaufe. Während ich den Dolch in die Scheide schiebe, erhasche ich ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht meines Vaters.
Alle haben sich wohl gegen mich verschworen.
Danach verabschieden wir uns von den anderen. Katharina und ich fahren mit meinem Wagen los, um Elaine zu treffen. James und Kay gehen ihre eigenen Wege. Zum Abschied küsse ich James innig.
„Wir sehen uns wieder“, sagt er grinsend.
„Hoffentlich.“
Auf der Fahrt zünde ich mir eine Zigarette an.
„Wie alt ist eigentlich Helena“, erkundige ich mich dann.
„Im Herbst wird sie 15. Wieso?“
„Sie interessiert sich sehr für Sandra.“
„Hey! Sie ist noch zu jung!“
„Wofür?“
„Kinder. Und so.“
Ich werfe einen Blick auf Katharina und muss lachen. „Sie ist eine junge Frau.“
„Sie ist ein Kind!“
„Aber nicht mehr lange.“
„Sie bekommt es noch früh genug mit dieser Scheiße zu tun“, knurrt Katharina.
„Bist du sicher, dass sie es nicht bereits hat? Sie lebt doch nicht isoliert.“
„Das ist wahr. Erst kürzlich wollte sie vom Internat auf eine normale Schule. Um mit normalen Leuten zu tun zu haben, wie sie sagt.“
„Da hast du es.“
„Normale Leute reduzierst du auf Sex?“
„Nein. Aber Sex ist normal für Leute.“
„Bist du dir dessen ganz sicher?“ Katharina zieht beide Augenbrauen hoch. „Ich habe da andere Erfahrungen gemacht.“
„Jetzt bist du zynisch. Aber nur ein bisschen.“
„Sagt mir die Richtige! Aber ich gebe zu, Sandra ist ausgesprochen süß. Habt ihr gut hingekriegt.“
Autsch. Oder meint sie das ehrlich? Ich sehe sie an. Ja, sie meint es ehrlich. Warum würde ich dann am liebsten um mich schlagen? Und blöderweise kennt mich Katharina auch noch gut genug, um meine Verfassung zu durchschauen.
„Tut mir leid“, sagt sie leise.
„Mir auch“, erwidere ich.
Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend.