Wiederkehrer: Die böse Königin und der beleidigte Spiegel

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Fortsetzung von Der Wiederkehrer: Wer hat in meinem Bett geschlafen?

„Hier steigen wir aus“, sagt Schneewittchen.
Ich sehe mich um. Wir befinden uns mitten im Wald, auf einem Weg, der diesen Namen kaum verdient. Vor uns eine Schranke, wobei nicht diese den Grund, dass wir nicht weiterfahren können, darstellt, sondern das dichte Gestrüpp, das den Weg dahinter zuwuchert.
Wie eine Szene aus einem billigen Horrorfilm.
„Wie weit ist es noch?“, erkundige ich mich beim Aussteigen.
„Etwa eine Stunde Fußweg.“
„Eine Stunde?!“
„Meine Stiefmutter lebt etwas außerhalb.“
„Etwas ist gut! Lebt sie allein?“
„Nein, mit meinem Vater.“ Schneewittchen schwingt sich elegant über die Schranke. Sie trägt jetzt kein Kleid, sondern bequeme Wanderschuhe, Jeans und einen Pullover. Nachdem sie die kleinen Monster zur Arbeit gefahren hatte, zog sie sich um und wir machten uns auf den Weg.
Fiona und ich tragen eh noch unsere Kampfmontur. Fiona springt über die Schranke, ohne sie zu berühren, dann blickt sie mich auffordernd an. Ich atme tief durch. Habe ich das nötig? Ich, eine zweifache Mutter, Psychologin und kurz vor der Promotion?
Dann sehe ich ihr unverschämtes Grinsen und weiß, dass ich überhaupt keine Wahl habe.
Ich schaffe es. Aber das ist auch schon das Beste, was ich darüber sagen kann. Ich bin nur froh, dass ich mich dabei nicht selbst sehen kann. Das Springen funktioniert sogar ganz gut, aber beim Aufkommen verfängt sich einer meiner Füße in irgendeiner Schlingpflanze. Oder in meinem anderen Fuß. So ganz sicher bin ich mir da nicht.
Doch Fiona fängt mich auf, bevor ich ganz und gar unelegant auf der Schnauze lande.
„Wohin so eilig, junge Dame?“, erkundigt sie sich grinsend und hält mich viel länger fest, als es eigentlich nötig wäre.
„Ich dachte, ich hätte da zwei Ameisen gesehen, die ein Eichhörnchen weggetragen haben, und wollte es mir genauer ansehen.“
„Aha.“ Das Grinsen wird breiter. „Wenn du mit den Füßen nur so halb so geschickt wärst wie mit dem Mund, dann müsste ich dich nicht ständig auffangen.“
„Jetzt übertreib nicht so. Und lass mich bitte los.“
Sie nickt und tut mir den Gefallen. Ich richte mich auf und meine Kleidung, dann sehe ich Schneewittchen an, die uns lächelnd beobachtet.
„Ihr zwei seid herrlich“, sagt sie. „Kommt, gehen wir.“
Der Weg ist beschwerlich. Freundlich ausgedrückt. Schneewittchen scheint ihre Familie nicht sehr oft zu besuchen. Aber wenigstens kennt sie noch den Weg.
Irgendwann, auf einer etwas weniger zugewucherten Strecke, legt Fiona plötzlich eine Hand auf meine Schulter und berührt mit ihrem Mund fast mein Ohr. Bevor ich protestieren kann, flüstert sie: „Sehr still hier, findest du nicht?“
Jetzt fällt es mir auch auf. Kein Vogelgesang, kein Summen, kein gar nichts.
„Du hast recht“, flüstere ich zurück. „Was bedeutet das?“
„Wir nähern uns dem Schloss der bösen Königin. Hast du denn nie deinen Kindern Märchen vorgelesen?“
„Ich bin Psychologin, solche Märchen wollte ich meinen Kindern nicht antun!“
„Aha. Du bist also nicht nur ein Hausmütterchen, sondern auch noch eine Glucke. Echt klasse.“
„Wieso bin ich eine Glucke, wenn ich meine Kinder vor seelischen Schäden bewahren will?“
„Indem du ihnen ausgerechnet die wichtigsten Märchen vorenthältst? Wahrscheinlich hast du auch Rotkäppchen zensiert, stimmts?“
„Rotkäppchen ist eine Horrorgeschichte“, antworte ich düster.
„Und was machst du, wenn plötzlich ein Wolf vor dir auftaucht? Immerhin sind wir im Märchenwald, meine Liebe!“
Ich sehe sie unsicher an.
„Was denkst du denn, wo Schneewittchens Stiefmutter, die böse Königin, wohnt?“
„Dann schmeiße ich ihn in den nächsten Brunnen“, sage ich und reiße mich los. „Oder du beißt ihn.“
„So, so, dafür bin ich also gut genug.“ Aber sie grinst dabei. Ihr sonniges Gemüt hätte ich auch gern.
Ich eile hinter Schneewittchen her, die nichts von unserer Diskussion mitzubekommen haben scheint. Dabei beobachte ich die Umgebung aufmerksam. Weiß der Teufel, wie ernst Fiona es mit dem Wolf gemeint hat, aber ich befürchte, in dieser Gegend ist alles möglich.
Wobei die Vorstellung, dass Schneewittchen und Rotkäppchen gemeinsam auf einem Ball tanzen könnten, irgendwie auch witzig ist.
Das bringt mich auf einen Gedanken.
Als ich endlich Schneewittchen keuchend einhole, spreche ich sie darauf an. „Hey, Schneewittchen, bist du schon mal Rotkäppchen begegnet?“
„Natürlich“, erwidert sie, ohne langsamer zu werden.
„Wieso ist das natürlich?“
„Wieso sollte ich ihr nicht begegnen?“
„Weil ihr unterschiedliche Märchen seid!“
Jetzt bleibt sie stehen und sieht mich an. Ich meine, Mitleid in ihren Augen zu erkennen.
„Wo kommst du eigentlich her? Weißt du denn gar nichts?“
Jetzt fängt sie auch schon damit an.
„Was soll ich denn wissen?“
Sie wirft Fiona, die hinter mir steht, einen verzweifelten Blick zu. Dann wendet sie sich kopfschüttelnd ab und geht weiter. Ich drehe mich zu Fiona um.
„Was war das denn?“
„Ich schätze, sie sieht dich als hoffnungslosen Fall an. Willst du nicht weitergehen?“
Hoffnungslos, ja, das trifft es. Diese blöde Kuh. Ich drehe mich um und renne hinter Schneewittchen her. Den ganzen Rest des Weges sage ich kein Wort mehr.
Erst als wir das Labyrinth erreichen, entfährt mir ein „Wow!“.
„Der Irrgarten des Schreckens“, sagt Schneewittchen. „Wer sich hier nicht auskennt, kommt niemals lebendig heraus.“
„Und du kennst dich hier aus?“
Wieder dieser mitleidige Blick. „Ich bin hier aufgewachsen. Folgt mir und verliert mich nicht, denn sonst seid ihr verloren.“
Wenigstens hat sie Humor. Andererseits … wer weiß, was sich alles in diesem Irrgarten versteckt? Ich werfe einen Blick auf Fiona, dann nehme ich kurzentschlossen ihre Hand. Sie sieht mich erstaunt an, sagt aber nichts. Kurz blitzen ihre Vampirzähne auf, die sonst kaum zu sehen sind.
Der Boden des Labyrinths ist grasbewachsen, die grauen Steinwände von Moos bedeckt. Das Ganze wirkt ziemlich gespenstisch. Vor allem, weil ab und zu ein gellender Schrei ertönt. Ich zucke jedes Mal zusammen, dann drückt Fiona meine Hand. Ich bin mir nur nicht so sicher, ob sie damit mich trösten will oder sich selbst. Ich hoffe auf Ersteres.
Irgendwann, nach einer Ewigkeit, so kommt es zumindest mir vor, erreichen wir das Ende des Labyrinths. Oder zumindest ein Ende.
Vor uns liegt das Schloß der bösen Königin. Und der Ort, an dem Schneewittchen ihre Kindheit verbrachte.
Da musste sie ja depressiv werden.
„Ziemlich düster“, stellt Fiona fest.
„Allerdings“, sagt Schneewittchen und nickt. „Kommt.“
„Werden wir eigentlich auch den Jäger treffen?“, erkundige ich mich, während wir hinter ihr auf ein großes, goldfarbenes Tor zueilen.
„Der Jäger ist doch tot. Meine Stiefmutter hat ihm das Herz herausgerissen, weil er mich hat laufenlassen.“
„Hier können Leute sterben?“
„Wenn die Geschichte das verlangt, dann schon.“
„Und wo sind sie dann? Ich meine, die können doch nicht einfach so aus dem Universum verschwinden. Oder etwa doch?“
„Natürlich nicht“, erwidert Schneewittchen.
Wir kommen am Tor an und sie tritt mehrmals dagegen, bis die Flügel sich öffnen. Sie scheinen sehr schwer zu sein. Sind sie etwa aus Gold? Beim Eintreten berühre ich sie. Sie fühlen sich an wie Gold.
Ach du Scheiße!
Die Dekadenz setzt sich innen fort. Eine riesige Halle, deren Decke von goldglänzenden Säulen gestützt wird, eine breite, sanft geschwungene Treppe nach oben, die Stufen, so wie es aussieht, aus Marmor, übergroße Gemälden, die alle nur eine Frau zeigen, und die heißt nicht Schneewittchen, oppulente Möbel, vermutlich alle handgearbeitet … ein echtes Märchenschloss.
„Da kommt meine Mutter“, sagt Schneewittchen und deutet nach oben.
Die Frau, die von der Galerie auf uns herabblickt, passt gut ins Ambiente. Sie trägt ein schwarzes, glänzendes Kleid mit hohem Kragen, die vermutlich sehr langen Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Sie ist durchaus schön, auf ihre ganz eigene Art. Auf jeden Fall anders als die eher jugendlich wirkende Schneewittchen. Die böse Königin versprüht die Aura einer reifen, erfahrenen Frau.
„Schneewittchen! Wen hast du mir ins Haus gebracht?“
„Zwei Freunde“, erwidert die Angesprochene.
„Zwei Freunde?“ Die Königin schreitet nun die Treppe hinab. Ja, sie schreitet. Ich verstehe etwas davon, elegant zu gehen, zu schweben. Ich habe das lange geübt, außerdem habe ich getanzt, Kampfsport getrieben – ich beherrsche meinen Körper. Oder zumindest habe ich ihn mal beherrscht. Aber das, was die Königin uns da vorführt, das kann ich ganz sicher nicht.
Wow.
„Treibst du es denn jetzt schon mit Zwillingen?“, erkundigt sich die böse Königin, nachdem sie unten angekommen ist und uns ausgiebig gemustert hat.
„Wie bitte?“ Ich starre sie entgeistert an. Verflucht, in was für ein Sündenpfuhl bin ich da eigentlich geraten? Denken die denn hier alle ständig nur an Sex? Dann fällt mir ein, was ich im Studium über Märchen gelernt habe und beschließe, dass das noch untertrieben war. Aber wahr.
„Wie ich schon sagte, es sind Freunde“, sagt Schneewittchen mit blitzenden Augen. „Für den Spaß hatte ich mal die Zwerge und den Prinzen, aber die hast du mir ja erfolgreich abspenstig gemacht!“
„Abspenstig? Ich?“ Die Königin schwebt an uns vorbei auf eine Tür zu, die, wie ich gleich darauf sehe, in den Salon führt. Oder in einen? Das Schloss ist groß genug, um Dutzende von Salons zu haben. Und während die Königin auf eine durchaus modern aussehende Bar zuschwebt, fährt sie fort: „Das, meine Liebe, hast du ganz allein geschafft.“
„Ach nein, und wer hat dem Prinzen erzählt, dass er allein nicht in der Lage ist, mich zu befriedigen?“
Oh Scheiße! Ich kriege einen Hustenanfall, sodass Fiona mir auf den Rücken klopft. Auch sie wirkt etwas indigniert.
Die beiden Streithähne beachten uns gar nicht.
„Ach, komm schon, meine Liebe, schon eine zarte Andeutung meinerseits hat ausgereicht und er wusste, was los ist. Das bedeutet, er hat es bereits geahnt. Trinkst du das Übliche?“
„Ja. Geahnt und gewusst ist aber keineswegs dasselbe! Ohne dich wäre er nicht fortgeritten und hätte nicht meine heißgeliebten Zwerge mitgenommen!“
„Oh. Ja, das hat er tatsächlich.“ Die Königin macht einen Wodka-Martini fertig und reicht ihn Schneewittchen.
„Sie hat nur gerührt“, flüstere ich Fiona ins Ohr.
„Na und? Vielleicht mag Schneewittchen das so.“
„Geschüttelt schmeckt es aber besser.“
Fiona starrt mich kurz an, dann konzentrieren wir uns wieder auf die beiden. Irgendwie ist das ganz großes Kino.
„Aber dafür hat er dir die Gopfs dagelassen.“
„Gopfs!“, schnaubt Schneewittchen verächtlich. „Ja, die sind nicht schlecht, das stimmt schon. Sie haben auf jeden Fall größere Schwänze als die Zwerge. Aber Größe ist bekanntlich ja nicht alles.“
„Bist du etwa unzufrieden?“
„Unbefriedigt trifft es besser. Und es ist alles deine Schuld!“
In der Zwischenzeit hat die Königin sich selbst auch einen Drink fertiggemacht, allerdings habe ich keine Ahnung, was es ist. Irgendwas mit Rum drin. Sie leckt den Cocktaillöffel ab, dann blickt sie uns an.
„Trinkt ihr auch etwas?“, erkundigt sie sich. „Entschuldigt, ich vergesse jedes Benehmen, aber ihr bringt mich durcheinander. Ich weiß immer noch nicht, wer und vor allem was ihr seid.“
„Fiona“, sagt Fiona.
„Fiona“, sage ich.
Die Königin hebt eine Augenbraue. Die rechte.
„Seid ihr nun Zwillinge oder Klone?“
„So ganz sicher wissen wir es auch nicht“, erwidert Fiona. „Das heißt, Zwillinge sind wir ganz gewiss nicht. Ich nehme eine Bloody Mary.“
„Haha“, entfährt es mir.
Fiona sieht mich strafend an und der Königin läuft auch die zweite Augenbraue hoch. Schneewittchen kichert.
Alles perfekt. Aber so was von.
„Sie ist eine Vampirin, aber nur die eine“, erklärt Schneewittchen, nachdem sich alle mehr oder weniger beruhigt haben.
„Ich verstehe“, sagt die vielleicht gar nicht so böse Königin. „Dann bekommst du natürlich eine echte Bloody Mary, mit echtem Blut statt Tomatensaft.“
„Menschenblut?“, frage ich entgeistert.
„Natürlich, alles andere wäre unangemessen.“ Als ich sehe, dass sie eine Flasche aus einem der vielen verspiegelten Schränke holt, in der sich eine rote Flüssgkeit befindet, kommen mir Zweifel an der Angemessenheit in diesem Hause. Das sieht mir doch sehr nach Tomatensaft aus, aber nicht nach Blut.
Sie reicht den Drink an Fiona und blickt mich dabei an. „Und du? Was möchtest du trinken?“
Ich kann nicht sofort antworten, denn ich habe den Duft des Cocktails in der Nase, und mir wird klar, dass die Königin es sehr ernst gemeint hat. In der Flasche ist definitiv Blut!
Fiona nippt daran und macht ein seliges Gesicht.
Und ich habe an ihrer Seite und seelenruhig geschlafen letzte Nacht! Unwillkürlich fasse ich an meinen Hals.
„Ich habe dich nicht gebissen!“, sagt Fiona. Sie wirkt beleidigt.
Die Königin hebt die Hände. „Oh, welche Spannung! Nun, ich halte mich aus solchen Dingen heraus. Was möchtest du trinken, Fiona 2?“
„Ich bin Fiona 1, die da ist die 2. Und ich nehme einen Caipi.“
„Oh, Verzeihung, die Dame.“ Die Königin scheint sich ja prächtig zu amüsieren. Fiona 2 und meine Wenigkeit nicht so sehr. Und Schneewittchen schwankt allem Anschein nach zwischen Lachen und Weinen. Muss ja echt hart sein, das mit dem Prinzen und den Zwergen … Mir wird plötzlich klar, wie doppeldeutig das ist und werde rot.
„Was ist mit dir? Ist dir warm?“ Fiona berührt meine Schulter und ich zucke zusammen.
„Nein, ich … Ich glaube, ihr habt mich angesteckt und ich denke auch schon so schweinisch wie ihr.“
„Aha“, sagt Fiona nur, vergisst aber ihre Hand auf meiner Schulter, was sowohl Schneewittchen als auch ihre böse Stiefmutter bemerken, jedoch unkommentiert lassen.
Was für ein Glück.
Die Königin hebt ihr Glas und sagt: „Nun, da ihr hier seid und alle ein Glas mit etwas drin habt, hebe ich meins und sage: Cheers!“
So unkompliziert kann das Leben also sein.
Zumindest wenn man eine böse Königin mit einem riesengroßen Schloss im Märchenland ist. Das heißt, wenn es wenigstens das Märchenland wäre.
„Und nun erzählt, um was geht es eigentlich? Meine liebe Stieftochter besucht mich äußerst selten und niemals ohne triftigen Grund.“
„Auch das hat einen guten Grund!“, erwidert die liebe Stieftochter heftig.
„Ja, selbstverständlich.“ Die böse Königin sieht uns lächelnd an. „Nun?“
Und Fiona sieht mich an. Ich blicke zurück und wundere mich. „Was? Wieso ich?“
„Du hast studiert, du kannst besser reden.“
„Ich glaub das einfach nicht!“ Ich ziehe am Strohhalm und nehme einen großen Schluck vom wirklich guten Caipi. Vielleicht sollte ich gar nicht darüber nachdenken, was da drin ist. Ich meine, wo sollen die hier Rohrohrzucker hernehmen? Oder Limetten? Dann atme ich tief durch. „Also schön. Wir brauchen dringend einen sprechenden Spiegel.“
„Aha.“ Irgendwie bewundere ich die Stiefmutter Schneewittchens doch. Die verliert offensichtlich niemals ihre Contenance. Ich wüsste zu gern, wie sie das schafft. Auch jetzt deutet nichts bis auf ihre rechte, leicht hochgezogene Augenbraue darauf hin, dass sie erstaunt ist. Und das ist sie. Dessen bin ich mir ganz sicher.
„Wir müssen mit unserem Original sprechen.“
„Also seid ihr doch Klone?“
„So einfach ist das vermutlich nicht“, erwidere ich und spüre selbst die Unsicherheit in meiner Stimme. „Unser Original befindet sich irgendwo, wir wissen nicht, wo, und ist außer Gefecht. Das heißt, sie kommuniziert mit uns durch einen Spiegel. – Mit mir, sie kommuniziert mit mir.“
„Aha. Und da hat euch meine liebe Stieftochter angeboten, ihr könntet meinen Spiegel nutzen?“
„Neeiinn … Auf die Idee ist sie gekommen.“ Ich deute auf Fiona, die so tut, als wäre sie mit ihrer Mary beschäftigt. Jetzt blickt sie fragend hoch, mustert mich kurz, dann nickt sie und sagt: „Ja, der Gedanke kam mir, als ich daran dachte, dass wir bei Schneewittchen sind. Wenn es Umstände macht, dann natürlich …“
Als die Pause immer länger und offensichtlich wird, dass sie den Satz gar nicht beenden will, erkundigt sich die böse Königin: „Was ist dann?“
Fiona lächelt und entblößt dabei ihre ausgefahrenen Zähne. „Es ist sehr wichtig, dass wir mit Fiona reden können.“
„Oh.“ Die Königin nippt an ihrem Drink und wirkt völlig unbeeindruckt. „Für wen?“
„Für uns. Für euch. Eigentlich für alle.“
„Für alle? Ist das eine Drohung?“
„Nein, eigentlich nicht. Wir müssen verhindern, dass jemand etwas tut, was alle anderen bereuen würden.“
„Wen genau meinst du mit ‚alle anderen‘?“
„Alle. Wirklich alle. Alles, was in diesem Universum kreucht und fleucht.“
„Oh. Das klingt dramatisch. Tragisch. Und ein wenig auch komisch, wenn ihr verzeihen möget, dass ich mich so über den möglichen Niedergang des gesamten Universums amüsiere.“
„Ja, klar, warum nicht?“ Fiona wirft mir einen irritierten Blick zu. Ich finde die Königin klasse. Ich glaube, sie bewegt sich auf meiner Wellenlänge. Ich würde an ihrer Stelle wahrscheinlich auch so reagieren. Genauso und nicht anders.
Aber das kann ich natürlich nicht zugeben.
„Nun denn.“ Die Königin deutet auf die Tür. „Folgt mir, ihr Fionas, ich zeige euch den Spiegel. Damit mir niemand nachsagen kann, ich hätte die Rettung des Universums verhindert.“
Sie gefällt mir immer mehr.
Während wir hinter ihr hereilen, beugt sich Fiona zu mir und fragt leise: „Was sollte das?“
„Was sollte was?“
„Stell dich nicht blöder als du bist!“
Oh, sie scheint sauer zu sein. Ich schenke ihr ein Lächeln und koste meinen Triumpf voll aus. „Meine Teuerste, ich finde, diese Königin ist die einzige Vernünftige weit und breit. Außer mir natürlich.“
„Ach ja? Was ist an der denn vernünftig?“
„Alles. Einfach alles.“
In Fionas Augen blitzt es kurz auf und ich überlege, ob ich eventuell zu weit gegangen sein könnte. Doch dann ist es wieder vorbei und ich lebe noch. Glück gehabt.
„Du bist bescheuert“, teilt sie mir abschließend mit.
Darauf kann ich mich mit ihr einigen und meine Aufmerksamkeit wieder auf die Königin richten. Wir scheinen da zu sein, wo das auch immer ist. Irgendwo im Schloss, mehr weiß ich nicht. Nicht nur, dass ich Fiona geärgert habe, wir sind darüberhinaus auch noch kreuz und queer durch das Schloss gelaufen.
Es ist ein kleiner Raum. Zumindest im Vergleich zum Salon. Die Möblierung äußerst sparsam, um nicht zu sagen karg. Eigentlich befindet sich nichts im Raum bis auf den Spiegel, was uns klar wird, nachdem die Königin mit einer theatralischen Geste die Abdeckung entfernt.
„Et voilà!“
Ich mustere den Spiegel. „Ich dachte, der hängt an der Wand.“
„Warum sollte er?“
„In den Filmen tut er das halt immer. Ist ja auch egal. Und jetzt?“
„Jetzt lassen euch meine liebe Stieftochter und ich allein, damit ihr vertraulich mit der Retterin des Universums reden könnt. Ihr findet uns im Salon.“ Sie winkt und schwebt zur Tür, dicht gefolgt von Schneewittchen, deren mürrischer Gesichtsausdruck verrät, dass sie für das weitere Amüsement der bösen Königin sorgen wird.
Ich hebe unwillkürlich die Hand und öffne den Mund, aber bevor ich noch mehr tun könnte, sprechen zum Beispiel, hält mir Fiona den Mund zu. Erst als die Königin mitsamt Schneewittchen draußen ist, schüttele ich die Hand ab und wende mich der blonden Vampirin zu.
„Was soll das?“
„Was wolltest du ihr denn sagen?“
„Ich wollte sie fragen, wie man den blöden Spiegel bedient. Was ist daran so verkehrt?“
„Erstens ist der Spiegel nicht blöd und zweitens wird er es uns selbst verraten. Es sei denn, er ist jetzt beleidigt, weil du ihn blöd genannt hast.“
Ich öffne den Mund und erneut werde ich am Sprechen gehindert. Diesmal allerdings nicht von Fiona, sondern von der tiefen, brummigen Stimme, die plötzlich da ist.
„Das könnte ich in der Tat sein.“
Selbst Fiona zuckt zusammen. Dann wendet sie sich an den Spiegel und erwidert: „Sie hat es nicht so gemeint.“
„Mit wem redest du?“, erkundige ich mich.
„Mit dem Spiegel. Oder hast du ihn nicht gehört?“
„Das war der Spiegel?“ Neugierig trete ich vor selbigen und blicke hinein. Nichts als Schwärze. Nicht einmal mein Spiegelbild ist zu sehen.
„Ja, das war ich.“ Wieder diese tiefe, brummige Stimme. „Aber ich bin nicht blöd.“
Oh mein Gott! Ein Sensibelchen-Spiegel!
„Tut mir leid, war wirklich nicht so gemeint. Ich wusste ja nicht einmal, dass du … dass du reden kannst. Und so.“
„Deswegen seid ihr doch hier.“
„Äh, ja … das stimmt. Aber ich dachte, durch dich kann Fiona reden. Mir war leider nicht klar, dass du auch reden kannst. Ich meine, so als Spiegel.“
„Demnach bist du noch nie einem sprechenden Spiegel begegnet?“
„Um ehrlich zu sein, nein. Ich bin ziemlich vielen Dingen und Gattungen zum ersten Mal begegnet in den letzten Tagen.“
„Ich verstehe. Dann will ich es dir mal nicht übel nehmen.“
„Vielen lieben Dank, mein lieber Spiegel.“
Fiona tritt mich gegen die Wade und ich starre sie empört an. Doch sie tut so, als merkte sie das gar nicht und übernimmt die Konversation mit dem Spiegel.
„Wir müssen unbedingt mit der echten … also, mit der ursprünglichen Fiona reden. Kannst du sie herrufen?“
„Nein, das kann ich nicht.“
„Nicht?“, erwidert Fiona enttäuscht.
„Ihr könnt das wahrscheinlich.“
Fiona blickt mich an. „Wir? Ich habe keine Ahnung, wie.“
„Ich habe eine Idee, wie das gehen könnte“, erkläre ich. „Sie hat mir versprochen, dass sie immer dabei ist. Aber der Spiegel ist jetzt so dunkel, dass sich nichts darin spiegelt.“
„Ups. Entschuldigt bitte. Ich war vorhin verärgert über deine Bemerkung und habe ganz vergessen, mich danach wieder aufzuklaren.“
Dieser Spiegel ist ja echt sehr empfindlich. Kaum ist er mal ein bisschen beleidigt, setzt er die schlimmste Waffe ein, die er hat: Er spiegelt nicht.
Doch dann ist alles vergessen, was ich jemals dachte oder wusste. Denn im klar werdenden Spiegel zeichnen sich immer deutlicher die Umrisse einer Räumlichkeit ab, die ganz sicher nichts mit dem Raum zu tun hat, in dem wir stehen.
Und außerdem ist da nur eine Fiona zu sehen.
Sie lächelt und kommt näher, bis sie fast aus dem Spiegel heraustritt. Unwillkürlich strecke ich eine Hand aus, aber ich berühre nur das Spiegelglas.
„Hi Mädels“, sagt Fiona mit glockenklarer Stimme. „Warum hat das so lange gedauert?“

(Geht weiter, versprochen!)