Leseprobe 7: Fiona – Der Beginn ( Irgendwas stimmt nicht )

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Dark Doom. Nomen est omen. So dunkel wie meine Laune. Die Räume sind in düstere Farben getaucht, selbst auf der Tanzfläche herrscht Dunkles vor. Die Wände sind kahl, wie die Räume eines alten Geisterschlosses. Vielleicht gar so kahl wie die Seelen der Leute, die hier verkehren. Freaks. Die Mindestanforderungen sind Ringe in den Nasenflügeln und Teufelsbilder auf den Oberarmen. Einige haben sich Stifte in die Schädelknochen einpflanzen lassen, andere können ihre Zungen aneinanderketten.
„Das ist meine Anti-Depressions-Kur“, erkläre ich James, der an der Bar steht.
„Gibt es hier auch Drogen?“
„Sicher. Aber da gibt es für mich eine fest definierte Grenze. Nikotin und Alkohol sind meine Drogen, sonst nur noch Musik. Da bin ich eigen.“
„Ehrlich?“
„Ja. Ich habe es noch nicht einmal probiert. Und es ist mir ganz egal, ob du es glaubst oder nicht.“
„Ich glaube es.“
Statt einer Antwort leere ich mein Glas. Das kalte Bier kommt in meinem bisher arbeitslosen Magen an und entfaltet sofort heftigste Wirkung. Binnen weniger Minuten merke ich es im Kopf. Als Gegenmittel lasse ich Nikotin ran. Schweigend beobachte ich die Leute. James steht neben mir herum, gelegentlich an seiner Cola nippend. Er macht nicht den Eindruck, als würde er sich amüsieren.
„Wann warst du das letzte Mal in einer Disco, James?“, erkundige ich mich.
„Ist das eine Disco?“
Ich schenke ihm mein bezauberndstes Lächeln und gehe auf die Tanzfläche. Ich liebe das Tanzen. Zwei Jahre lang nahm ich sogar Ballettunterricht und gab es nur aus Zeitmangel auf. Sehr zum Bedauern von Jamie Glannis, die mir viel Talent bescheinigt hat, gab ich damals dem Kampfsport den Vorzug. Doch das ändert gar nichts daran, dass ich tanzen liebe und kann.
Und während der DJ seine Vorliebe für Nightwish demonstriert, tanzen meine Gedanken davon. Das Bild von Anne taucht vor mir auf. Das Mädchen hält mir mit großen Augen ein Kondom hin. Nein, hat es natürlich nicht. Aber es zeichnet sie, die Kondome. Nur Kondome, gebrauchte, benutzte, mit Samenflüssigkeit im Reservoir. Anne ist elf und eines der Opfer des Kinderpornorings. Und der Grund für meine eigenartige Laune, eine perverse Mischung aus Traurigkeit, Wut und Empörung. Die Laune, die jeden halbwegs gesunden Menschen nach dem Besuch in einem Waisenhaus, in dem die Opfer eines Kinderpornorings untergebracht sind, befallen muss.
Linda, die für die Betreuung der befreiten Kinder verantwortlich ist, erzählte uns, dass die meisten Kinder unbewusst mit künstlerischen Mitteln versuchen, das Erlebte irgendwie zu verarbeiten. Das Waisenhaus und die Mitarbeiter des Jugendamtes versuchen, diese Mechanismen zu fördern, so gut es geht. Aber es sei nicht einfach, die Kinder ausreichend mit dem zu versorgen, was sie jetzt am meisten brauchen: mit Liebe und Menschlichkeit. Ein Psychologe würde sich zwölf Stunden am Tag mit den Kindern beschäftigen, eigentlich viel zu wenig bei so vielen Kindern.
Von Laura bekam ich eine Kerze geschenkt, die aussah wie der Penis eines sehr gut gebauten, blauhäutigen Mannes. Laura ist 9. Mit dem strahlendsten Lächeln, das ich jemals bei einem Kind gesehen habe, erklärte sie mir: „Ich mochte am liebsten die gelben, die schmeckten nach Vanille.“
Als ich mich vor dem Waisenhaus auf die Treppe setzte, zitterten meine Beine. Vor Wut.
„Langsam tut es mir ernsthaft leid, dass diese Bestien einen so schnellen Tod gefunden haben“, erklärte ich leise.
James zündete eine Zigarette an und schob sie mir zwischen die Lippen. „Lass die Vergangenheit in Ruhe, okay?“
„Verdammt, James, empfindest du nichts?“
„Natürlich bin ich wütend und traurig, aber ich habe gelernt, mich davon nicht vereinnahmen zu lassen. Vergangenheit heißt so, weil es vergangen ist. Vorbei. Oder denkst du, der qualvolle Tod der Männer, die diese Kinder so missbraucht haben, würde irgendwas an der Lage der Kinder ändern?“
„Natürlich nicht!“ Ich starrte meine Stiefelspitzen an. „Also gut, hauen wir hier ab. Heute Abend muss ich in den Dark Doom!“
„Was ist das?“, erkundigte sich James irritiert.
Nun weiß er es. Während ich tanze, lehnt er an der Bar und beobachtet mich. Nicht nur er. Ich trage immer noch die Shorts, das Top und schwitze. Verständlich, dass die Jungs darauf abfahren. Verständlich? Ich höre abrupt auf zu tanzen und gehe zu James.
„Was ist?“
„Ich habe genug getanzt. Gehen wir nach oben!“
„Was ist dort?“
„Weniger Lärm!“
Auf der Galerie kann man sitzen oder stehen, Billard spielen oder Kicker, sich einfach nur unterhalten über die neuesten Piercingtrends oder die besten Second Hand Shops, wer in seinem Outfit einer wandelnden Leiche am nächsten kommt – oder wo es den besten Stoff gibt. In unserer Nähe, nur wenige Tische weiter, sitzen zwei Dealer mit Kundschaft.
„Ungewöhnlich, dass die zu zweit sind“, bemerkt James.
„Kriegst du alles mit?“
„Ich bemühe mich. Genau wie du.“
„Ich bemühe mich auch“, grummle ich. „Was denkst du, was verkaufen die?“
„Alles, was in ist. Keine Ahnung. Ecstasy oder etwas Ähnliches.“
„Man müsste mal die Polizei rufen …“
„Wozu? Im besten Fall bekommen die beiden eine Nacht kostenlose Logis und Verpflegung. Zwei Wirrköpfe, die der Illusion erliegen, auf diese Weise ihr verpfuschtes Leben reparieren zu können. Reich wird aber ein anderer.“
„Niemand ist unverwundbar.“
„Das stimmt. Es kommt nur auf die Waffe an.“
„Wann wurdest du so fatalistisch?“
„Es ist schon lange her“, erwidert James grinsend. „Wann wirst du es werden?“
„Niemals!“
„Gott sei Dank, dass junge Menschen so pathetisch sein können. Sonst sähe die Welt verdammt schlecht aus.“
„Nimmst du mich eigentlich ernst?“
„Durchaus. Ich habe ja gesehen, was denen widerfährt, die es nicht tun. Aber ich bin doppelt so alt wie du und habe Dinge erlebt, von denen du nicht einmal ahnst, dass es sie gibt. Mit wachsender Erfahrung wird man einerseits ruhiger, andererseits aber auch zynischer. Das ist aber normal.“
Es tröstet mich nicht wirklich.
„Kennst du eigentlich dieses Gefühl, dass du explodieren könntest, möchtest, dass du nicht stillsitzen kannst, aber die Energie in dir möchte nicht einfach nur raus, sondern sie möchte zerstören, kaputt machen, vernichten? Egal, wer was sagt, es ist immer falsch? Du hasst die ganze Welt. Um dich abzureagieren, unternimmst du alles Mögliche, aber ganz egal, wie sehr du dich anstrengst, das Gefühl in dir wird immer stärker. Nichts scheint Erleichterung zu bringen …“
„Ich habe es schon mal erlebt“, nickt James.
„Und was hast du getan?“
„Ich hatte die Wahl zwischen dem Umbringen einer bestimmten Person oder mich zu besaufen. Da mir meine Freiheit viel wert ist, habe ich den Alkohol gewählt.“
„Willst du damit sagen, ich soll mich gnadenlos besaufen?“
„Nein. Ich will damit sagen, dass aufgestaute Aggression gefährlich werden kann.“
„Stimmt. Man sollte sich abreagieren …“
„Hey, wo willst du hin?“
„Zerstören!“, erwidere ich, während ich bereits unterwegs bin.
Ich bleibe neben den Dealern stehen. Hastig werden Geld und Ware weggeräumt.
„Was willst du?“, blafft mich einer der Dealer, ein hagerer, junger Mann mit Schnäuzer, unfreundlich an. „Siehst du nicht, dass sich hier Erwachsene unterhalten?“
„Erwachsene sehe ich hier wirklich nicht. Du meinst doch nicht euch, oder?“
„Tickst du eigentlich noch richtig?“, fragt der andere Dealer, klein und untersetzt, aber auch wesentlich besonnener als sein Kumpel. „Willst du was Bestimmtes?“
„Was hast du denn zu bieten?“
„Was du willst. Willst du etwas, was eher wirkt, oder lieber eine lange Geschichte?“
„Drogen wollte ich eigentlich überhaupt keine.“
„Du blöde Schnepfe, überleg dir besser, was du sagst!“ Der Schnauzbärtige macht den Eindruck, als wollte er mich an den Haaren ziehen.
„Ich weiß genau, was ich sage.“ Ich setze mich neben den blassen Jüngling, der seine Drogen in unerreichbare Ferne entschwinden sieht. „Kennt ihr den Film Natural Born Killers, in dem das Pärchen eine ganze Kneipe massakriert?“
„Ja. Und?“
„Nichts. Ich war nur neugierig.“
„Wenn du uns verarschen willst, such dir andere!“, fährt mich der Dicke an. „Und jetzt verschwinde, wenn du nichts kaufen willst!“
„Warum bist du so unfreundlich? Ich habe dir doch nichts getan. Oder willst du mich unbedingt zum Weinen bringen?“
„Die hat einen Knall“, sagt der Dicke zu seinem Kumpel. „Hey, Kleine, wo bist du denn ausgebüxt?“
„Ich bin geistig völlig in Ordnung. Im Gegensatz zu euch. Ihr verteilt hier Gift an die Kids, die sich volldröhnen und meinen, sie bräuchten das auch noch. Dabei gibt es hier genug andere Drogen, Musik und Alkohol. Ich denke, ihr seid ziemliche Mistkerle. Ihr solltet jetzt aus Dark Doom verschwinden.“
Die Gesichter der beiden Dealer sind zum Schießen. Auch die Leute, die in der Nähe sitzen und unsere Unterhaltung verfolgen können, sind spätestens jetzt davon überzeugt, dass ich völlig daneben bin.
„Was sagst du da? Hör zu, hau jetzt ab, sonst …“
„Sonst was?“, erkundige ich mich süßlich.
„Sonst vergesse ich mein gutes Benehmen und wende Gewalt an.“
„Und du glaubst, dass so ein Arschloch wie du …?“
Weiter komme ich nicht. Der Schnauzbärtige erhebt sich und greift gleichzeitig nach mir. Ich schlage seinen Arm zur Seite, packe ihn an den Haaren und reiße plötzlich seinen Kopf nach unten. Mit einem unangenehmen Krachen treffen Kopf und Tisch zusammen. Jetzt erst reagiert der Dicke und greift in seine Hosentasche. In seiner Hand kommt ein Butterfly zum Vorschein. Die Klinge und mein Bein schnellen gleichzeitig hervor. Der Tritt fegt die Messerhand beiseite und setzt Massen in Bewegung, als die kinetische Energie in Brusthöhe auf den Dicken übertragen wird. Erst das Geländer stoppt ihn äußerst unsanft.
Der Schnauzbärtige richtet sich auf. Das aus seiner Nase strömende Blut hat sich über seinem Gesicht verteilt, wahrscheinlich ist die Nase sogar gebrochen. Aber diese Jungs sind hart im Nehmen. Ich warte ab, bis die Messerklinge hervorblitzt, dann wehre ich mit links seinen Stoß ab, mit der rechten Faust einen schnellen und harten Schlag gegen seine Seite ausführend. Genau unterhalb des Rippenbogens, eine sehr empfindliche Stelle. Aufquiekend lässt er das Messer los. Mein linker Fuß schnellt hoch und gibt dem Gesicht den Rest. Damit ist er jedenfalls außer Gefecht gesetzt.
Der Dicke greift nach einem Stuhl und versucht damit sein Glück. Ich weiche mühelos aus und verpasse ihm einen Drehtritt gegen die Wange. Er torkelt durch die Gegend und bricht dann bewusstlos zusammen.
Ehe ich meinen Sieg auskosten kann, ist James da, packt mich an der Hand und zerrt mich fort. „Los, weg hier, bevor die Rausschmeißer kommen!“
„Mit denen werde ich auch noch fertig“, erwidere ich protestierend.
„Davon bin ich absolut überzeugt. Ich habe ja gesehen, wie du mit denen nur gespielt hast. Aber es reicht trotzdem. Ich möchte nicht, dass du eine Massenprügelei anzettelst.“
Er hat ja recht. Ich bin betrunken und außer Kontrolle. Bei einer Massenprügelei gäbe es Verletzte, im schlimmsten Fall auch Tote. Immerhin bin ich nicht so besoffen, dass ich das nicht verstehen könnte, und so lasse ich mich von James wegschleifen. Wir tauchen in der Masse unter und schleichen uns aus der Disco.
An der frischen Luft atme ich tief durch.
„Ich hoffe, du fühlst dich jetzt wenigstens besser, sonst hat es sich überhaupt nicht gelohnt“, bemerkt James. Weder seinem Gesichtsausdruck noch seinem Tonfall ist Verärgerung anzumerken. Es klingt, als hätte er gesagt: Die Sterne leuchten heute noch heller als sonst.
„Es hält sich in Grenzen“, erwidere ich leise. „Das war dumm von mir.“
„So könnte man es auch sehen. Andererseits, es mussten ja keine Unschuldigen leiden, also ist es vielleicht doch nicht so schlimm.“
„Danke. James, bring mich nach Hause!“
„Aber gern.“
Ich ziehe ihn an mich. „Aber dorthin, wo ich jetzt zu Hause bin. Will nicht bei meinen Eltern abgeliefert werden. Für mich gilt die Gewährleistungspflicht nicht.“
„Das ist schade. Ich werde sehen, was ich mit dieser Situation anfangen werde. Erst mal kannst du bei mir schlafen …“
„In deinem Bett?“
„Meinetwegen auch das.“
Ich küsse ihn, die Beine um ihn schlingend, und lasse mich zum Auto tragen. Und so nimmt die Nacht doch noch ein gutes Ende.

Als es hell wird, drehe ich mich blinzelnd um. James steht in der Tür, die Hand liegt noch auf dem Lichtschalter.
„Mach bitte die Festbeleuchtung aus, James!“
Er gehorcht und kommt näher.
„Was machst du da?“
„Ich schaue mir einen Film an. Bringing Up Baby.“
„Wusste gar nicht, dass ich das habe.“
„Ich habe ihn mitgebracht.“
„Aha. Hast du überhaupt geschlafen?“
„Nein. Es gibt etwas, was mich stört. Darüber wollte ich nachdenken, und das kann ich am besten, wenn ich mir Cary und Katherine anschaue.“
„Was stört dich? Hast du schon Bammel vor der Hochzeit?“
Lachend schüttle ich den Kopf und biete ihm von meiner Milch an. „Quatsch, da freue ich mich drauf. Nein, es hat überhaupt nichts mit dir zu tun. Aber es ist noch sehr unausgegoren, darum erzähle ich dir noch nichts davon.“
„Sag mir wenigstens, womit es zu tun hat. Mit den Kindern?“
„Indirekt. James, ich werde es dir beichten, sobald ich meine diesbezüglichen Gedanken geordnet habe, okay? Es ist zu wichtig, um leichtfertig damit umzugehen.“
„Na gut. Aber versprich mir, nichts Unüberlegtes zu tun.“
„Habe ich das jemals getan?“
„Ja.“
„Ungerecht. Ich mag schon mal hitzköpfig und impulsiv sein, aber nicht unüberlegt. Das ist sehr wohl ein Unterschied.“
„Stimmt, du bist hitzköpfig und impulsiv. Aber ich gebe zu, dass dein Handeln von tiefer Einsicht zeugt. Siehst du auch ein, dass du dir vielleicht mehr anziehen solltest als ein kurzes T-Shirt?“
„So kurz ist es auch nicht. Außerdem haben wir Sommer. Ich friere nicht. Geh du lieber wieder ins Bett, du brauchst den Schlaf.“
„Oho, es geht schon los!“
„Meinetwegen brauchst du auch nicht ins Bett gehen, aber stör mich nicht beim Denken. Guck mit, wenn du willst. Der Film ist wirklich gut. Und sehr lustig.“
„Wovon handelt er denn?“
„Von einem Liebespaar und einem Leoparden, der jede Menge Verwirrung stiftet. Eigentlich sind sie so was wie Knochenjäger. Schau es dir einfach an und sei still.“
Und so sitzen wir da wie ein altes Ehepaar, aneinander gekuschelt, nachts um vier, ich trinke dabei warme Milch, und wir schauen uns einen alten Schinken von 1938 an. Irgendwie lustig. Zumindest ist James still, vor allem beim Schlafen. Ich kann in Ruhe meinen Gedanken nachhängen. James wird nur kurz wach, als ich mir Chips hole.
Als der Film zu Ende ist, weiß ich, was ich tun werde. Mindestens einer Person wird es überhaupt nicht gefallen, aber daran bin ich ja inzwischen gewöhnt.

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