Leseprobe 2: Fiona – Entscheidungen

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Katharina zuckt die Achsel. „Ich habe wirklich keine Ahnung. Und ich sag dir mal was. Wir sind jetzt ziemlich weit gegangen, sehr viel weiter, als wir eigentlich wollten. Den Point of no Return haben wir lange hinter uns gelassen. Oder siehst du das anders?“
Ich verneine.
„Also, was haben wir zu verlieren? In meinen 400 Jahren habe ich so was noch nicht erlebt, jetzt kenne ich dich und schon erkunde ich das Innere der Erde. Hey, das ist einfach nur geil! Es gibt genau zwei Dinge, die man in so einer Situation tun kann: Eins ist, dass man Angst davor hat und zurückgeht in sein kuscheliges Wohnzimmer. Die Möglichkeit haben wir eigentlich gar nicht, habe ich aber der Vollständigkeit halber erwähnt. Das andere ist, mitten ins Abenteuer zu springen. Wofür entscheidest du dich?“
Ich erwidere Katharinas herausfordernden Blick. „Ich liebe Abenteuer, das weißt du. Aber ich möchte schon gerne wissen, welcher höhere Sinn hinter dem Ganzen hier steckt.“
„Wozu? Was würde dir das bringen, wenn du das wüsstest?“
„Vielleicht käme ich mir dann nicht wie eine Marionette vor.“
„Du bist doch keine Marionette. Denn du kannst darüber nachdenken, ob du springst oder nicht. Es ist deine Entscheidung.“
„Mir fällt da so was wie der Sachzwang ein“, entgegne ich.
„Ja, sicher. Und welcher Sachzwang verbietet es dir zu springen?“
„Der Sachzwang, dass ich mir alle Knochen brechen werde dabei.“
„Eben.“ Katharina grinst. „Und, wofür entscheidest du dich?“
„Das ist ja wohl klar“, erwidere ich mürrisch. Ich sehe nach unten. Zum nächsten Vorsprung, der von hier oben eher wie eine Landeplattform aussieht, sind es etwa 20 Meter, vielleicht auch etwas mehr. Die Plattform ist geschätzt zwei mal zwei Meter. Die einzige Möglichkeit, ohne allzu heftige Verletzungen aufzukommen, besteht darin, sich nach innen abzurollen.
„Lebst du noch oder springst du schon?“, erkundigt sich Katharina.
„Ich denke darüber nach, wie ich es am geschicktesten anstelle, möglichst wenige Knochen zu brechen“, erwidere ich. „Die einzige, sinnvolle Möglichkeit dürfte darin liegen, sich abzurollen, und zwar nach innen.“
„Sehe ich auch so“, nickt sie. „Du hast noch keinen solchen Sprung gemacht?“
„Nein, wann auch?“
„Dann ist es natürlich ein echter Adrenalintreiber. Du hast, wenn du keinen Fehler machst, wirklich gute Chancen, das heil zu überstehen. Wichtig ist, dass du deinem Körper vertraust. Er weiß genau, was zu tun ist.“
„Ihm vertraue ich schon …“
„Deinen Verstand solltest du einfach abschalten so lange.“
„Leicht gesagt.“
„Das machst du doch sowieso, wenn du kämpfst, oder?“
Ich nicke. Dann springe ich, einfach so. Damit überrasche ich sowohl meinen Verstand als auch Katharina. Die Felswand kommt näher, und die Plattform auch. Ich spüre eine absolute Ruhe in mir, treffe die Plattform ganz mittig und als meine Füße den Boden berühren, führt der Rest des Körpers die Flugbewegung ansatzlos fort. Mit einer leichten Drehung sorge ich dafür, dass ich mich über die Schulter abrolle und kontrolliert in die Öffnung hineinrolle.
Dann bleibe ich atemlos liegen, denn trotz allem war der Aufprall sehr hart. Es fühlt sich in etwa so an, als würde eine gigantische Hand meine Lungen zusammenpressen und damit das Atmen unmöglich machen. Ein absolut beschissenes Gefühl. So ungefähr scheint sich auch Katharina zu fühlen, nachdem sie ebenfalls gelandet ist und regungslos liegenbleibt. Nach einiger Zeit, die mir wie Stunden vorkommt, drehe ich ihr den Kopf zu.
„Ich liebe Luft. Ich liebe Sauerstoff.“
Katharina atmet langsam und tief durch, dann sagt sie nur: „Ich auch.“
Ich richte mich auf und blicke mich um. Vorsichtig, weil ich jeden Knochen, jeden Muskel einzeln spüre. Wir befinden uns in einem Korridor, der weit in den Berg oder was auch immer hineingeht. Die Wände, der Boden, die Decke, alles leuchtet von innen in einem freundlich warmen Braunton. Der Boden fühlt sich angenehm an, nicht weich, aber auch nicht so hart, wie ich es bei Fels erwarten würde. Und er ist körperwarm.
„Warm ist es ja, aber nicht so warm, wie es in dieser Tiefe der Theorie nach sein müsste, vermute ich.“
Katharina tastet die Wände ab und zuckt die Achseln. „Ich weiß weder, in welcher Tiefe wir uns befinden, noch wie warm es hier sein müsste, nach irgendwelchen Theorien. Aber ich bin mir sehr sicher, dass keine Theorie der Welt ein solches Korridorsystem vorhersagt!“
„Das kommt noch hinzu. Wir sollten mal nachschauen, wohin der Korridor führt.“
„Aha, die Neugierde ist erwacht.“ Katharina grinst und zupft ihre Minimalkleidung zurecht. „Was anderes wird uns aber vermutlich auch gar nicht übrig bleiben.“
Ich mustere sie.
„Was denn?“, fragt sie verwirrt.
„Du bist verdammt sexy, und das irritiert mich total. Bis jetzt hat es nur James geschafft, mich so durcheinanderzubringen, und er ist ein Mann. Du bist eine Frau.“
„Und zwar eindeutig“, grinst sie, während sie auf mich zukommt.
„Warte, warte!“ Sie bleibt stehen und blickt mich fragend an. „Hör zu, ich will dich nicht beleidigen … aber ich möchte das nicht tun.“
„Kein Problem“, erwidert sie. „Ich kann mich auch selbst befriedigen. Gehen wir jetzt?“
Während sie im Korridor vorauseilt, werfe ich einen Blick gen Decke und seufze. Dann folge ich ihr.
Die geometrische Exaktheit des Korridors erstaunt mich. Ziemlich genau in einem rechten Winkel zur Außenwand führt er in die Tiefe des … was auch immer. Der Erde. Einer tektonischen Platte. Der Hölle. Jedenfalls ziemlich genau gerade. Ich frage mich, wer oder was eine solche Struktur so tief unter der Erdoberfläche geschaffen hat und wozu.
Meine Verwunderung steigert sich, als wir an eine Gabelung gelangen. Ein Korridor kreuzt horizontal quer, einer senkrecht.
Ich schaue Katharina an. „Und jetzt?“
„Ich würde sagen, umkehren macht am wenigsten Sinn von allen sinnlosen Alternativen“, erwidert sie.
„Gut, dann bin ich dafür, dass wir geradeaus weiter gehen.“
Katharina nickt und tritt an die Kreuzung. Mit wenigen Schritten gelangt sie auf die gegenüberliegende Seite. Ich folge ihr und werfe dabei längere Blicke in die kreuzenden Korridore. Insbesondere den senkrechten finde ich spannend. Wer hat sich darin jemals wie fortbewegt? Er ist genauso wie die anderen beiden, das heißt: Wände und Decke glatt. Keine Leiter oder sonst irgendein Mechanismus erkennbar, der das Gehen in diesem Korridor ermöglichen könnte. Sind die geflogen?
Katharina zuckt die Achseln, obwohl ich gar nichts sage. Dann setzen wir den Weg fort. Dabei bewundere ich Katharina, die selbst auf diesem Boden mit absolut traumwandlerischer Sicherheit in ihren Overknees mit den dolchartigen Absätzen schreitet.
Plötzlich bleibt sie stehen.
„Was ist denn?“, erkundige ich mich hinter ihr.
„Da kommt jemand“, erwidert sie.
Ich trete neben sie und starre voraus. Dann erkenne ich auch, was sie sieht. Weit entfernt ist etwas, aber es nähert sich uns mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit. Ich kann es nicht genau erkennen, aber es ist golden und groß. Und verdammt schnell.
„Das Ding ist mir nicht ganz geheuer“, teile ich Katharina mit.
„Mir auch nicht“, sagt sie düster. „Es sieht aus wie ein goldenes Skelett.“
Sie hat recht. Das Ding, das sich uns da rasend schnell nähert, ist ein goldenes Skelett. Erinnert mich ein wenig an den gehäuteten Terminator. Aber nur ein wenig.
„Es wird uns über den Haufen rennen!“, rufe ich.
Katharina schüttelt den Kopf. „Es sieht uns.“
Auch damit behält sie recht. Ich beobachte angespannt, wie das Ding, nur noch wenige Meter vor uns, die leeren Augenhöhlen auf uns richtet, bereit, im letzten Moment zur Seite zu springen. Doch das ist nicht nötig. Höchstens zwei Meter vor uns bremst das Skelett ab.
Auf einmal ist es beängstigend still.
Katharinas Körper entspannt sich etwas.
Das Skelett scheint uns zu mustern, wir mustern zurück. Es überragt uns um mindestens eine Kopflänge, eher mehr. Die Knochen sind wie blank poliert, jeder Millimeter glänzt wie reines Gold. Nur dass dieses Gold hart aussieht. Sehr hart.
Katharina streckt vorsichtig die linke Hand aus, berührt damit die Rippen des goldenen Skeletts in Herzhöhe. Die Reaktion ist überraschend heftig und schnell. Die Faust des goldenen Skeletts trifft Katharina am Kopf, so dass sie mehrere Meter zurückfliegt. Danach schwingt die Faust in meine Richtung, doch ich ducke mich unter ihr weg und springe nach hinten. Als das Skelett mir folgt, trete ich mit aller Kraft gegen die Beckenknochen. Es ist, als würde ich gegen eine meterdicke Stahlwand treten. Die Energie des Aufpralls rast durch mein Bein und wirft mich um. Es ist das erste Mal, dass ich mich selbst von den Füßen trete.
Die Knochenfinger schließen sich um meinen Hals und heben mich mühelos in die Höhe. Das wird langsam unangenehm. Mit beiden Händen umfasse ich das sich stählern anfühlende Handgelenk und trete mehrmals und wuchtvoll gegen die Rippen des Dings. Genauso könnte ich einen Tresor bearbeiten. Wobei Letzterer wohl eher nachgeben würde. In meiner Verzweiflung und weil mir nichts Besseres einfällt, stecke ich meine Finger in die leeren Augenhöhlen im goldenen Totenkopf.
Die Reaktion überrascht, nein, sie erschreckt mich geradezu. Mit einem wilden Aufschrei lässt mich das Ding los und taumelt zurück. Ich betrachte meine Finger in der festen Erwartung, an ihnen Blut und die Reste von Augen vorzufinden. Aber sie sind sauber, fast schon klinisch rein.
„Was zur Hölle …?“
Das Ding rappelt sich langsam auf. Ich werfe einen hektischen Blick auf Katharina, die regungslos auf dem Boden liegt. Dann sehe ich wieder das Skelett an.
„Hör zu, was du auch immer bist, ich stecke dir meinen ganzen Arm in den Hohlkopf, wenn es sein muss!“
Das Skelett mustert mich, macht aber keine Anstalten, mich anzugreifen.
„Verstehst du mich etwa?“, frage ich misstrauisch.
„Ja“, antwortet es mit einer Stimme, die selbst Thor zur Ehre reichen würde.
„Das ist ja toll. Warum hast du versucht, mir das Genick zu brechen?“
„Ihr seid Eindringlinge. Meine Aufgabe ist es, diesen Ort zu beschützen. Diesen Ort und seine Bewohner.“
„Aha.“ Ich mustere ihn, weiterhin misstrauisch. „Und was jetzt?“
„Das weiß ich nicht. Noch niemand hat es geschafft, mir Schmerzen zuzufügen. Ich bin verwirrt.“
„Das bin ich auch.“ Ich gehe langsam rückwärts, bis ich bei Katharina bin. Ihr Kopf sieht übel aus.
„Sie ist tot“, sagt das Skelett.
„Das gibt sich“, erwidere ich und hocke mich langsam hin, den Blick unverwandt auf das Skelett gerichtet. „Was hast du jetzt vor?“
„Ich warte ab.“
„Was wartest du denn ab?“, frage ich entgeistert. „Ich glaube nicht, dass du irgendwie eine Eingebung von Gott oder so kriegen wirst.“
„Warum nicht?“
„Ach du Scheiße!“ Kopfschüttelnd taste ich nach Katharinas Puls. Er ist da, wenn auch schwach.
„Sie ist ein Dämon, sie lebt wieder“, stellt das Skelett fest.
„Ja, ich weiß.“
„Du bist kein Dämon. Der Dämon könnte dich töten.“
„Deine Welt ist etwas eindimensional“, erkläre ich. „Das ist Nomén, sie wird mir nichts tun.“
„Nomén?“ Das Skelett setzt sich in Bewegung. „Sie ist Nomén?“
„Hey, hey!“ Ich springe auf und stelle mich dem goldenen Skelett in den Weg. „Was soll das werden?“
„Geh mir aus dem Weg, oder ich zertrete dich!“, herrscht mich das Skelett an.
Statt einer Antwort springe ich blitzschnell hoch und stoße den Zeigefinger der linken Hand in sein rechtes Augenloch. Aufbrüllend taumelt das Skelett zurück. Ich setze nach, beide Beine um die Rippen schlingend, halte mich mit einer Hand dort fest, wo normalerweise sein Genick wäre und stoße mit Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand in seine Augenhöhlen. Das Skelett fällt brüllend auf die Knie und schlägt wild um sich. Ich beschließe, dass es gesünder für mich ist, Abstand zu gewinnen und springe nach hinten weg.
„So“, sage ich dann keuchend. „Sie ist meine Freundin, und wenn du ihr was antust, gibt es Ärger mit mir. Klar?“
Das Skelett hebt den Kopf und starrt mich an. Das ist irgendwie unheimlich, dass es dabei zwei Löcher auf mich richtet.
„Wer bist du?“
„Oh, kommen wir jetzt zum Protokoll?“, erkundige ich mich spöttisch. „Mein Name ist Fiona Flame. Ich bin eine Kriegerin. Und du?“
„Ich bin Goldenes Skelett. Ich beschütze die Bewohner der Engelhöhlen.“
„Engelhöhlen? Wohnen hier Engel?“ Das würde die seltsame Architektur erklären.
„Nein“, schüttelt Goldenes Skelett den Kopf. „Es gibt keine Engel.“
Ich zucke die Achseln. „Wer weiß das schon? Wenn es Gottes Statthalter gibt …“
„Wen?“
„Schon gut, vergiss es. Also, sind wir jetzt klar? Du lässt sie in Ruhe?“
Er nickt langsam. „Aber dafür müsst ihr mir helfen.“
„Helfen? Dir? Wobei?“ Ich werfe einen Blick nach hinten auf Katharina und sehe, dass sie sich bewegt.
„Die Bewohner zu finden. Sie sind verschwunden. Alle.“
„Das ist ja interessant. Wirklich sehr interessant.“ Ich gehe zu Katharina, die sich mit leicht glasigem Blick aufsetzt.
„Was ist passiert?“, fragt sie. „Ich fühle mich, als hätte mich ein Dampfhammer getroffen.“
„Das kommt dem sehr nahe, was tatsächlich geschehen ist“, erwidere ich amüsiert. „Komm, ich helfe dir!“
Ich lege einen Arm um sie und mit meiner Unterstützung richtet sie sich auf. Dabei fällt ihr Blick auf Goldenes Skelett, und sie zuckt zusammen.
„Ja, genau, er war es. Er verteidigt brav das Ganze hier, obwohl es hier niemanden gibt …“
„Doch, sie sind nur verschwunden!“, unterbricht er mich.
„Oder so. Jedenfalls scheint er dich zu kennen, denn er wollte noch mal auf dich los, als ich deinen richtigen Namen erwähnte.“
„Nomén?“, fragt diese stöhnend.
„Ja, genau.“
Katharina sieht das Skelett an. „Woher kennst du mich?“
„Ich habe von dir gehört“, murmelt das Skelett, sichtlich nicht gewillt, die Frage zu beantworten. „Es ist egal. Ich habe der Kriegerin versprochen, dir nichts zu tun.“
Katharina sieht jetzt mich an. „Wie zum Teufel hast du das Ding so friedlich bekommen?!“
„Niemand mag es, wenn man in seinem Hirn rumfummelt. Nicht einmal ein Skelett.“
Katharina starrt mich entgeistert an. Dann kapiert sie. Ein breites Grinsen erscheint in ihrem Gesicht. „Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen“, sagt sie.
„Ja, eine feste Umarmung kann sehr motivierend sein“, sage ich. „Wie auch immer, das ist nicht alles.“
„Gibt es mehr von dem?“
„Keine Ahnung. Ich hoffe nicht. Aber er will, dass wir ihm helfen, die verschwundenen Bewohner dieser Engelhöhlen zu finden.“
„Engelhöhlen?“, wiederholt Katharina erstaunt.
„Ja. Kennst du sie?“
„Ich habe davon gehört“, antwortet sie nachdenklich. „Es sind Legenden, und es ist sicher 200 Jahre her, dass ich das letzte Mal davon gehört habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es sie gibt.“
„Na ja, jedenfalls gibt es hier keine Engel, behauptet er.“
Katharina nickt. „Ja, die Höhlen heißen wohl so wegen der warmen Wände und des Lichts. Aber wieso sind die Bewohner verschwunden?“
„Kommt mit!“, brummt Goldenes Skelett und stapft in die Richtung los, aus der er vorhin angestürmt ist. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.
„Ich glaube, er will, dass wir ihm folgen“, meint Katharina.
„Ja.“
„Worauf warten wir dann noch?“
„Auf nichts.“ Missmutig setze ich mich in Bewegung. Katharina legt lachend einen Arm um mich und begleitet mich auf engem Körperkontakt. Irgendwie habe ich nicht einmal etwas dagegen.

Das Skelett führt uns nach einer gefühlt ewig langen Wanderung in den Wohnbereich der Bewohner. Ich stehe fassungslos vor den riesigen Bögen und starre auf die unzähligen Gänge, die in die Wohnungen führen. Ich fühle mich mitten in die fröhliche Version eines Alien-Films versetzt, als würde ich auf ein Raumschiff blicken, das von Wesen bewohnt wird, die alle die Größe eines Blauwals haben. Oder noch größer sind. Der Korridor, auf dem wir hierhergekommen sind, ragt über einen Abgrund hinaus, dessen Boden ich nicht erkennen kann. Zu beiden Seiten gehen Gänge ab und münden in Öffnungen in den Felswänden, die offenbar in die Suiten der Wesen führen, die hier wohnen. Die Gänge sind abgerundet, mit einem geschätzten Durchmesser von vier Metern.
Ich wende mich an das Skelett. „Verdammt, was für Wesen wohnen hier?“
„Die Noyerh“, antwortet das Skelett emotionslos.
„Die was?“
„Noyerh.“
„Aha.“ Ich blicke Katharina fragend an, doch diese schüttelt ratlos den Kopf. „Wie sehen denn diese … Noyerh aus?“
„Sie haben einen großen, weichen Körper. Sie bewegen sich schlängelnd vorwärts. Ihre Haut ist meist hellbraun, einige wenige haben eine dunkelbraune bis schwarze Färbung. Jedes ihrer fünf Augen ist etwa so groß wie euer Kopf. Zähne haben sie nicht, stattdessen eine sehr kräftige Kiefermuskulatur, mit der sie ihre Nahrung zermalmen.“
„Haben … haben sie Arme oder Beine?“, erkundigt sich Katharina.
„Nein“, antwortet das Skelett. „Sie wären hier kontraproduktiv.“
„Das hast du aber schön gesagt!“, sage ich spöttisch. „Kontraproduktiv. Wie lange hast du gebraucht, dieses Wort auswendig zu lernen?“
„Eine Sekunde.“
Ich atme tief durch. Katharina legt mir eine Hand auf die Schulter. „Fiona, Schatz.“
„Schon gut“, murmele ich. „Geht schon wieder.“
Katharina nickt. Sie tritt nach vorne, bis an den Rand des Abgrunds, und starrt nach unten. Dann fährt sie herum.
„Und diese riesigen Wesen waren auf einmal weg? Alle?“
Das Skelett sieht stumm auf den Boden.
„Hallo? Was ist das denn schon wieder?“ Katharina schüttelt ungläubig den Kopf.
„Ich … ich habe nicht aufgepasst“, sagt das Skelett leise.
„Wie bitte? Wie meinst du das, du hast nicht aufgepasst?“
„Ich war einige Wochen lang mit mir selbst beschäftigt gewesen“, erwidert das Skelett in gereiztem Tonfall. „Ich habe mich auseinandergenommen und wieder zusammengebaut. Als ich zurückkam, waren alle fort.“
„Machst du das öfter? Ich meine, das mit dem Puzzlespiel?“
Katharina grinst.
„Ab und zu. Wenn ich das nicht tue, sterbe ich.“
„Oh, noch so ein Mysterium, das ich wohl nie begreifen werde.“ Ich schlage mit der flachen Hand leicht gegen meinen Kopf. „Egal. Entweder ich wache endlich mal auf und es ist alles nur ein Traum, oder ich muss mich damit abfinden, dass ich wahnsinnig geworden bin.“
„Alles ist ein Traum“, bemerkt das Skelett.
„Nein! Nein! Sag nichts! Ich will jetzt nicht philosophische Gespräche mit einem goldenen Skelett führen! Ganz sicher nicht!“
„Was willst du dann?“, erkundigt sich Katharina.
„Nach Hause!“
„Das ist ganz einfach“, erklärt sie. „Dazu musst du dich einfach dreimal um deine eigene Achse drehen, deine Hacken dreimal zusammenschlagen und ganz laut sagen: Nirgendwo ist es schöner als zu Hause!“
„Arschgesicht!“
„Bitte, was bin ich?“
„Ein Arschgesicht“, sage ich grinsend. Katharina grinst zurück. Dann erwidert sie: „Sei froh, dass ich nicht pupse.“
Ich kriege einen Lachkrampf. Katharina auch. Wir wälzen uns lachend auf dem Boden. Irgendwann drohe ich zu ersticken und zwinge mich mit äußerster Anstrengung, mit dem Lachen aufzuhören. Das ist wirklich nicht einfach, denn jedes Mal, wenn ich Katharinas Gesicht sehe, sprudelt es aus mir heraus. Aber irgendwann schaffe ich es doch, ernst zu bleiben. Heftig keuchend sitze ich auf dem Boden und blicke zu dem Skelett hoch, das uns regungslos beobachtet.
„Seid ihr fertig?“, erkundigt es sich.
„Ich glaube schon. Hilf uns hoch!“ Das Skelett reicht uns seine Hände. Ich packe seine linke und spüre auf der nackten Haut die Berührung seines … ja, was? Was spüre ich? Berühre ich Knochen? Sein Körper ist sehr glatt und kalt.
„Du glaubst wirklich, du bist wach?“, fragt das Skelett ernst.
„Ich bilde mir das ein, ja.“
„So ist es. Du bildest es dir ein.“ Damit wendet es sich ab und marschiert über den Abgrund. Nachdem wir einen verwirrten Blick miteinander gewechselt haben, folgen Katharina und ich ihm. Es führt uns in eine der Suiten. Als wir in die Öffnung gelangen und die Suite einsehen können, stockt uns beiden der Atem.
Die Wände des riesigen Raums sind genauso wie alle Wände dieses Erdteils warmbraun und strahlen in dieser Farbe. Der Raum ist fast kreisförmig, sehr hoch und die Decke wird von mehreren Säulen gestützt. In der Mitte steht etwas, dessen Bedeutung sich mir nicht erschließt. Spiralförmig windet sich eine Art Rampe nach oben, in einer Art überdimensionalen Kelch mündend.
Ich werfe einen fragenden Blick auf das Skelett.
„Das ist das Bett eines Noyerh“, antwortet es.
„Das Bett?“
„Ich hasse es, mich zu wiederholen.“ Das Skelett klingt gereizt.
„Ich hasse auch eine Menge“, erwidere ich. „Ich hasse es zum Beispiel, dass ich hier unten bin, irgendwo in einer Welt, die mir völlig fremd ist und von der ich nicht einmal sicher bin, dass ich nicht alles bloß träume …“
„Was brauchst du, um davon überzeugt zu sein, dass du nicht träumst?“, erkundigt sich Katharina, die in der Zwischenzeit in den Raum reingegangen ist und nun am Beginn der Rampe steht.
„Eine gute Frage. Wie kann man erkennen, dass man nicht träumt?“
„Ich kann dir die Arme brechen, dann weißt du es“, brummt das Skelett.
„Auch die Schmerzen könnte ich träumen. Es ist ein Märchen, dass man im Traum keine Schmerzen spürt.“
„Woher weißt du das?“, fragt Katharina und sieht mich an.
„Erfahrung.“
Katharina belässt es dabei und fragt nicht weiter.
Sie wendet sich an das Skelett. „Womit haben diese … Wesen sich so im Alltag eigentlich beschäftigt?“
„Das weiß ich nicht“, erwidert das Skelett.
„Wie, du weißt das nicht?“
„Das kann ich nicht wissen. Meine Aufgabe ist nur, sie zu beschützen. Was sie tun, warum sie es tun, das interessiert mich nicht.“
„Tolle Einstellung“, knurre ich.
„Was hast du gesagt?“
„Ich sagte, du hast eine tolle Einstellung!“
„Das liegt nicht an meiner Einstellung“, erwidert das Skelett frostig. „Es gehört zu meinen Aufgaben, nichts zu wissen!“
„Wahrscheinlich, weil wer nichts weiß, auch nichts falsch machen kann. Ich wäre darauf an deiner Stelle nicht besonders stolz.“
Die leeren Augenhöhlen starren mich an. So ein Totenkopf hat ja keine besonders aussdrucksstarke Mimik, dennoch sehe ich dem nicht vorhandenen Gesicht die Wut an.
„Reg dich ab, Goldie. Ich kann ja auch nichts dafür, dass das so ist. Bislang hat es dich ja auch nicht gestört.“
„Was nicht heißt, dass mich deine Unverschämtheiten kalt lassen“, erwidert das Skelett donnernd.
„Mach dir nichts draus. Ich bin gut darin, niemanden kalt zu lassen.“
„Ich weiß“, murmelt Goldie.
„Woher?“, frage ich überrascht.
„Ich weiß es eben. Was habt ihr jetzt vor?“
„Wieso wir?“, erkundigt sich Katharina.
„Wenn ihr diesen Ort hier verlassen wollt, dann solltet ihr die Noyerh finden.“
„Klingt nach Erpressung!“, stelle ich fest.
„Es ist eine Tatsache. Ohne meine Hilfe schafft ihr es nicht, und ich helfe euch nur, wenn ihr mir helft. Ein faires Geschäft.“
„Ich fasse das nicht“, erwidere ich. „Ein goldenes Skelett erzählt mir was von fairen Geschäften!“
„Man weiß nie, was einem hier unten widerfährt.“
Ich schüttle nur noch stumm den Kopf, dann sehe ich Katharina an. Diese zuckt ratlos die Schultern. Mein Blick geht wieder zu Goldenes Skelett.
„Wie kommst du auf die Idee, dass wir etwas schaffen, was du nicht hinkriegst?“
„Nomén und eine Kriegerin.“
Ich liebe so ausführliche und eindeutige Antworten! Doch ich verzichte darauf, das auszudiskutieren. Stattdessen beschließe ich, dass wir in unserer Situation kaum eine andere vernünftige Wahl haben, als bei diesem wandelnden Knochengerüst zu bleiben.
„Gib uns wenigstens einen Anhaltspunkt, wonach wir suchen“, sage ich schließlich.
„Nach Noyerh.“
„Fantastisch. Es sieht nicht nur so aus, das Ding hat wirklich kein Gehirn. O mein Gott!“
„Ja, das ist hart“, sagt Katharina nickend. „Na schön, versuchen wir es mal mit Logik. Wie man unschwer erkennen kann, sind diese Noyerh ziemlich groß. Niemand packt sie mal eben in die Handtasche und nimmt sie mit.“
„Na ja, außer derjenige ist noch viel größer.“
„Und spaziert dann hier rum?“ Katharina sieht mich mitleidig an. „Saugt das Ding dir Gehirn ab oder was?“
„War ein Scherz“, knurre ich.
„Ach.“ Katharina wendet sich an das Knochengerüst. „Ein bisschen wirst du ja über diese … ähm … Wesen doch wissen, oder? Wie sehen sie übrigens aus?“
„Sie sind groß, länglich, ein wenig wie Raupen.“
„Und, entpuppen sie sich?“
„Das weiß ich nicht“, kommt die Standardantwort.
Katharina und ich seufzen. „Gibt es irgendwelche gemeinschaftlichen Räume?“, frage ich.
„Gemeinschaftliche Räume?“
„Ja, Bad, Toilette, Kosmetikstudio, Fitnessstudio … was weiß ich! Irgendwas, was sie gemeinsam nutzen!“
„Ja, Bad.“
Ich starre das Skelett an, dann Katharina. Sie zuckt mit den Schultern. „So ist das eben“, sagt sie. „Ein Skelett ist ein Skelett und kein Alleinunterhalter!“
„Echt wahr?“
„Ja. Was willst du überhaupt im Bad?“
Jetzt starre ich nur sie an. „Meine Liebe, glaubst du, dass wer auch immer reinspaziert ist und diese … was auch immer einfach mitgenommen hat?“
„Unwahrscheinlich.“
„Genau, weil dann hätte es einen Alarm gegeben und unser Goldie hier hätte es mitgekriegt. Also wurden sie so entführt, dass die anderen es nicht mitkriegen konnten. Und was eignet sich dafür besser als Klo oder Bad?“
„Hm. Da ist was dran.“ Katharina betrachtet mich respektvoll.
„Was denn? Darf ich nicht denken können?“
„Doch, doch.“
Das Bad ist auch riesig, aber damit haben wir ja gerechnet. Wir betrachten etwas irritiert eine Rinne, die sich zunehmend vertieft, bevor sie in der Wand endet.
„Ich will lieber nicht wissen, wie die … das machen“, stelle ich fest.
„Es ist doch eindeutig“, meint Katharina.
„Sei still! Ich sagte, ich will das nicht wissen! Kennst du die Bedeutung von nicht nicht?“
Katharina grinst. „Ich liebe dich auch. Okay, nun sind wir hier. Und was jetzt?“
Achselzuckend drehe ich mich einmal um die eigene Achse. Der Raum ist denkbar einfach konstruiert. Ein goldenes Rechteck. In der Mitte die Rinne, die in die Wand führt. Drei Wände, die vierte ist die Tür. Hier kann sich nichts und niemand verstecken, erst recht niemand, der eine riesige Raupe mitnehmen kann. Auch nicht in der Jackentasche.
„Keine Ahnung.“ Ich zucke erneut die Achseln. „Ich hasse das. Ich weiß nicht, wo wir sind, warum wir hier sind und vor allem weiß ich nicht, wie wir hier wieder wegkommen. Ich will in mein Bett!“, kreische ich.
„Wenn ihr müde seid, könnt ihr schlafen“, schlägt das Skelett vor.
„Schlafen?“ Ich starre ihn an. „Was redest du da für ein blödes Zeug?“
„Du hast doch gesagt, du willst in dein Bett“, erwidert das Skelett.
„In mein Bett! In mein eigenes! Kapierst du das?“
Das Skelett weicht vor mir zurück. „Ich bin ja nicht taub.“
„Aber hirnlos. Hirnlos!“ Ich springe gegen ihn. „Vollidiot!“ Keuchend bleibe ich stehen und überlege, was ich als Nächstes mache.
„Fiona.“
Ich drehe mich zu Katharina um. „Ja?“
„Was tust du?“
„Das weiß ich noch nicht. Bevorzugt durchdrehen!“
„Wozu? Mich beeindruckst du damit nicht und das Gestänge da auch nicht.“
„Ich bin kein Gestänge“, murmelt das Skelett.
„Na gut, dann drehe ich nicht durch. Trotzdem, ich habe auf diesen Mist hier keine Lust. Wir sind in die Katakomben, um diese blöden Cuculus, oder wie sie heißen, zu finden. Stattdessen hocken wir hier, ich weiß nicht, wie viele Hunderte von Metern unter der Erdoberfläche, und unterhalten uns mit … mit so … mit so einem Klappergerüst!“
„Ich bin auch kein Klappergerüst“, grummelt das Skelett. „Ihr seid beide sehr unfreundlich!“
Wir sehen ihn an. „Hilf uns lieber“, sagt Katharina dann. „Es muss hier doch irgendwas geben, einen Hinweis. So große Wesen können nicht einfach so verschwinden!“
„Ich bin auch ratlos“, erwidert Goldie.
Stöhnend lasse ich meinen Blick schweifen. Beim Anblick der Rinne fällt mir was ein. „Wo führt eigentlich diese … äh … dieser Pisskanal überhaupt hin?“
„Pisskanal?“, fragt Goldie verwundert.
„Ja, diese Rinne hier. Ist das kein Pisskanal?“
„Die Noyerh pissen nicht.“
„Wie meinst du das, die pissen nicht?“
„So wie ich es sagte“, erwidert Goldie mit einem Anflug von Gereiztheit.
„Und was ist das dann für eine Rinne? Und warum hast du uns das nicht vorhin schon gesagt?“
„Ihr habt ja nicht gefragt.“
Ich wende mich ab und stopfe mir eine Faust in den Mund, weil ich nicht schreien will. Dann werfe ich einen Blick auf Katharina, die aussieht, als wüsste sie nicht genau, ob sie lachen oder weinen sollte.
„Also gut, Goldie, dann frage ich dich jetzt: Wofür ist diese dämliche Rinne?“
Das Skelett mustert mich, bevor es eine Antwort gibt, eine Antwort, die mich nicht befriedigt: „Ich weiß es nicht.“
„Sehen wir es uns an“, meint Katharina. Sie wandert zur Wand und legt sich auf den Boden. Ich schließe mich ihr an, gemeinsam versuchen wir herauszufinden, wohin die Rinne genau führt, was sich hinter der Wand befindet. Das Einzige, was wir erkennen können, ist der leicht faulige Geruch.
„Hm. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, mein Vater wohnt da“, sagt Katharina.
„Der stinkt so?“, frage ich verwundert.
„War ein Scherz!“ Katharina erhebt sich. „Hier kommen wir nicht weiter. Goldie, streng jetzt mal dein nichtvorhandenes Gehirn an, bitte. Gibt es irgendeinen Ort hier, der irgendwie anders ist als der Rest? Etwas Besonderes? Ist dir irgendwas aufgefallen? Egal was, jede Kleinigkeit könnte wichtig sein.“
„Die Müllschlucht“, erwidert Goldie fast wie aus der Pistole geschossen.
„Müllschlucht?“ Ich verschlucke mich beinahe.
„Schaut es euch selbst an“, brummt Goldie beleidigt und stapft davon. Katharina und ich sparen uns den Blickwechsel und eilen ihm hinterher.


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