Wiederkehrer: Wer hat in meinem Bett geschlafen?

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Fortsetzung von Schneewittchen und sieben Monsterzwerge.

Sie starrt mich entgeistert an.
Ich starre auf ihre linke Hand, dann hebe ich den Kopf, bis unsere Blicke sich kreuzen.
„Was machst du hier?“, fragt sie. „Entweder ziehst du dich aus und kommst unter die Dusche oder verschwindest!“
Ich räuspere mich und beschließe, so zu tun, als wäre nichts Besonderes. Natürlich von Schneewittchen und ihren Monsterzwergen abgesehen.
„Schneewittchen ist da.“
„Na und?“
„Mit einem Van. Außerdem wollten ihre Zwerge mich töten.“
„Ihre Zwerge wollten dich töten?“ Sie richtet sich auf und fährt mit den Händen durch ihre nassen Haare. Dadurch kann ich einen Blick auf ihre Muschi erhaschen. Natürlich rasiert. War ja klar.
Ich hole tief Luft. „Genaugenommen sind es keine echten Zwerge, sondern irgendwelche kleinen Monster.“
Sie bemerkt meinen Blick, tut aber so, als würde es sie nicht interessieren. Na klar, auf einmal. Warum glotze ich sie überhaupt so an? Vermutlich, weil ich auch mal so ausgesehen habe. Vor vielen Jahren. Durchtrainiert, schlank, fast jeden Abend unterwegs. Bis ich Ben traf. Von ihm gibt es ja auch keine Steigerung, also konnte ich aufhören zu suchen. Ich hatte den Mann meiner Träume gefunden. Und viele andere Träume zerstört. Mir war nie so richtig klar, wieso er mich nahm. Aber wenn ich mir Fiona 2 so anschaue, dann beginne ich zu ahnen, was Ben damals gesehen hat.
Nun ja, er mutierte zum Arschloch und ich zur verweichlichten Akademikerin. Während des Studiums ging es noch, auch wenn ich zu den Älteren in den Hörsälen gehörte, hatte damals der Zerfall meiner Magie noch nicht eingesetzt, mit den jungen Kichererbsen, die frisch von der High School kamen, konnte ich es locker aufnehmen. Außerdem wurde jedes Mädchen bleich, wenn ich meinen Namen nannte: Fiona Hal, Ehefrau des berühmten bestaussehenden Mannes der Erde. Hach!
Plötzlich wird mir bewusst, dass all diese Erinnerungen gar nicht echt sind. Aber wo kommen sie dann her? Eine Illusion, wie ich? Alles nur geträumt, aufwachen, Lady!
Fionas Gesicht ist dicht vor mir und sie fuchtelt vor meinem herum.
„Was … was ist los?“, stottere ich verwirrt.
„Wo warst du?“
„Ich …“ Mit einer fahrigen Bewegung greife ich an mein Gesicht. Dadurch rieche ich sie plötzlich, ihre nasse, nackte Haut, die nassen Haare, ihre Erregung, und mache einen hektischen Schritt zurück.
„Ich fresse dich schon nicht“, sagt sie grinsend.
„Das ist auch nicht, wovor ich Angst habe.“
„Ist mir klar. Also, wo warst du?“
„Ich hatte plötzlich so … Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es waren Flashbacks.“
„Wieso waren es keine?“
„Weil ich Flashbacks erkenne! Ich bin Psychologin!“
„Wirklich?“
„Nein.“ Ich sacke in mich zusammen. „Das ist es ja. All meine Erinnerungen, sie sind doch eine Illusion? Wie wir beide auch?“
„Also, ich fühle mich schon ziemlich echt. Warum sollten deine Erinnerungen nur eine Illusion sein?“
Während ich noch darüber nachdenke, rubbelt sie sich trocken. Gründlich. Überall. Ich schlucke. Verdammt, warum bringt sie mich so durcheinander? Kommen etwa die Lesbengene unseres Originals durch?
Ich schäme mich sofort für meinen Gedanken. Als Psychologin weiß ich es doch besser, es gibt keine Lesbengene! So eine Scheiße. Wie durcheinander muss ich sein, um so einen Mist auch nur zu denken?
„Sind wir keine Illusion?“
Sie hält inne und sieht mich an. „Was ist keine Illusion? Hast du das immer noch nicht kapiert? Nichts ist echt. Oder alles, nur eine Frage der Betrachtungsweise.“
„Aber ich habe echten Kopfschmerz gespürt.“
„Und, was heißt das? Schätzchen, wenn ein ganzes Schloss eine Illusion sein kann, wieso dann nicht auch ein wenig Kopfschmerz?“
„Es heißt doch, im Traum spürt man keinen Schmerz. Schmerz dient als Realitätscheck. Ich brauche mich nur zu zwicken, um aufzuwachen.“
„Aufzuwachen in was genau?“
„Äh …“
„Eben. Also hör auf, über so einen Schwachsinn rumzugrübeln. Deine Erinnerungen sind nicht weniger echt als alles andere. Deine Tochter hat die Matrix erwähnt. Im Grunde genommen ist alles wie eine Matrix, nur mit dem Unterschied, dass es keine roten Pillen gibt. Es gibt gar keine Pillen, denn die Pillen bedeuten eine Wahlmöglichkeit, und die haben wir nicht.“
„Ich … ich verstehe das nicht.“
„Was willst du daran verstehen? Es reicht, wenn du es akzeptierst, weil du eh keine andere Möglichkeit hast. Außerhalb der Illusion sind die Götter, für uns unerreichbar. Wir kommen aus der Illusion genausowenig raus wie eine Filmfigur aus dem Film.“
„Das hat es gegeben“, murmele ich.
„Du bist aber nicht Jeff Daniels.“ Sie mustert mich. „Zum Glück. Nichts gegen ihn, aber du siehst selbst jetzt noch besser aus.“
Damit holt sie mich in die Realität zurück. In meine Realität.
„Arschloch!“, erwidere ich wütend. „Schneewittchen hat uns zum Essen eingeladen. Zieh dich an und komm!“
Dann gehe ich. Und knalle die Tür zu. Aber so richtig ordentlich.
Dämliches Arschloch!

Die Zwergenmonster sitzen erwartungsfroh am Tisch. Als sie Fiona erblicken, verändert sich ihr Gesichtsausdruck und vermutlich würden sie sogar aufspringen, wenn Schneewittchen nicht mit einem einzigen Ausruf dafür sorgte, dass sie keine Dummheit begehen.
Ich sehe Fiona an, dass ihr der Zwischenfall nicht entgeht, aber sie reagiert nicht darauf.
„Ah, Schneewittchen!“, ruft sie fröhlich.
„Kennen wir uns?“ Schneewittchen runzelt nachdenklich die Stirn.
„Bislang nicht. Aber du bist berühmt. Allerdings sind die Zwerge im Märchen netter.“
„Das ist eine lange Geschichte“, murmelt sie. „Setzt euch, damit wir beginnen können.“
Da es offensichtlich nur einen Stuhl im Haus gibt, der für normalgewachsene Menschen und Vampire gemacht ist, müssen wir mit Ministühlen vorliebnehmen, wie sie auch die Monsterzwerge benutzen. Andererseits haben wir dadurch keinen langen Weg mit dem Löffel vom Teller zum Mund, im Gegensatz zu Schneewittchen. Sie scheint eine bewundernswerte Routine darin entwickelt zu haben, die Suppe im Löffel vom Teller zum Mund zu transportieren, ohne auch nur einen Tropfen dabei zu verlieren.
Aber wer weiß, wie lange sie das schon übt.
„Ich glaube, ihr habt noch gar nicht gesagt, wie ihr heißt“, stellt Schneewittchen plötzlich fest.
„Fiona“, sagt Fiona.
„Ich heiße Fiona.“ Sage ich.
„Ach. Ihr zwei seid euch ähnlich, dass ihr aber auch noch gleich heißt … Was ist denn?“ Sie herrscht einen der Monsterzwerge an, der aufgeregt an ihrem Ärmel zupft. Dann beugt sie sich zu ihm herunter und er flüstert ihr etwas ins Ohr.
„Oh, meine Zwerge kennen euch.“
Fiona und ich sehen uns fragend an. „Sie kennen uns?“, fragt dann Fiona verblüfft.
„Ja, sie haben euch … eigentlich nur eine von euch … fast getötet. Sie waren mit Schneewittchen … Wie, mit Schneewittchen? Das bin ja ich, und ich weiß nichts davon!“ Das Zwergenmonster redet aufgeregt auf Schneewittchen ein, aber das nicht nur sehr leise, sondern auch noch in einer mir völlig unbekannten Sprache. „Oh, das war gar nicht wirklich Schneewittchen, sondern eine Lilith. Ich verstehe.“
„Na, wenigstens du verstehst etwas“, grummelt Fiona.
Schneewittchen lächelt. „Sei nicht wütend, liebe Fiona. Die Gopf-Dämonen wurden von Vampiren getötet, als sie Fiona und die Lilith begleitet haben, ihre Erinnerungen an Fiona sind nicht angenehm.“
„Gopf-Dämonen?“ Fiona starrt die häßlichen und mir sehr unsympathischen Geschöpfe mit einer Mischung aus Ekel und Misstrauen an.
„Ich sagte doch schon, das ist eine lange Geschichte“, erwidert Schneewittchen. „Doch nun frage ich euch, wie sich das mit Fiona verhält. Mir scheint, ihr seid gar nicht Fiona. Keine von euch beiden.“
„Doch, irgendwie schon“, murmele ich. „Auch das ist eine lange Geschichte.“ Ich löffele den letzten Rest aus meinem Tellerchen und lege dann den Löffel daneben. „Wir sind sozusagen nicht das Original. Aber wir stammen von ihm ab.“
„Das erinnert mich an ein Märchen. Mir fällt bloß nicht ein, an welches.“ Schneewittchen starrt durch ein Fenster nach draußen. Schließlich zuckt sie die Achseln. „Na egal. Und was macht ihr hier?“
„Wir verstecken uns, bis wir eine Idee haben, was wir sonst noch tun könnten“, erwidere ich.
„Wer ist hinter euch her?“
„Aelfric.“
„Sagt mir nichts. Also gut, ihr könnt hierbleiben, solange ihr wollt. Trotzdem wäre es gut, wenn ihr euch bei Gelegenheit nach einem eigenen Haus umsehen würdet. Hier gibt es immer mal was zu haben. Die Fluktuation ist ziemlich hoch.“
„Die Fluktuation ist ziemlich hoch?“ Ich starre Fiona an. „Ich dachte, hier kommen immer nur welche hinzu.“
„Das habe ich auch gedacht. Von was für einer Fluktuation redest du, Schneewittchen?“
„Nicht wichtig. Jedenfalls könnt ihr hierbleiben. Die Gopfs werden euch eine Kammer herrichten, bis dahin könnt ihr in meinem Zimmer schlafen.“
„Und du?“
„Ich schlafe solange bei meinem Liebling“, erwidert Schneewittchen und krault dem Gopf, der von der Begegnung mit der echten Fiona erzählt hat, das Fell auf dem Kopf.
„Ist ja ekelhaft“, sagt Fiona.
„Sie sehen nicht so hübsch aus wie die echten Zwerge, aber in einer Hinsicht sind sie sogar besser.“
Verdammt, wie kriege ich jetzt die Bilder aus meinem Kopf?!
Um mich abzulenken, erkundige ich mich: „Was ist denn mit den echten … Oh, ich vergaß, das ist eine lange Geschichte!“
„Genau“, sagt Schneewittchen lächelnd. „Und nun wird es Zeit, ins Bett zu gehen. Der Wecker geht früh.“
„Aber es ist noch hell!“, protestiere ich.
„Ihr müsst ja nicht schlafen. Aber wir gehen jetzt auf jeden Fall ins Bett.“
Haben sich alle gegen mich verschworen? Ich werfe einen Blick auf die unverschämt grinsende Fiona. Dann beobachte ich die Gopfs dabei, wie sie blitzschnell den Tisch abräumen, während Schneewittchen anfängt zu spülen. Trotzdem hat sie keine Gelegenheit, den ersten noch tropfenden Teller in die Geschirrablage zu legen, so schnell sind die Gopfs mit den Abtrockentüchern dabei. Sie prügeln sich sogar beinahe darum, wer abtrocknen darf.
„Cool! So was brauche ich für meinen Haushalt auch!“
„Was?“ Fiona sieht mich an, als wäre ich auch ein Gopf.
„Was meinst du mit was?“
„Jetzt sag nicht, du bist so ein Hausfrauchen, das nichts Besseres zu tun hat, als das Häuschen in Ordnung zu halten, während der Mann arbeitet!“
„Das habe ich auch schon gehabt“, erwidere ich. „Was ist denn so schlimm daran?“
„Oh mein Gott! Bin ich froh, dass Aelfric uns getrennt hat und all diese Eigenschaften á la Hausfrau und verweichlicht bei dir geblieben sind!“
„Mir scheint, du könntest jeden Macho in den Schatten stellen“, erwidere ich kühl.
„Ich lasse mir nur nichts von irgendwelchen Typen befehlen, das ist alles.“ Sie sieht Schneewittchen an, die ihre Schürze auszieht und dann auf uns zukommt. „So, wir sind fertig und gehen ins Bett. Macht bitte keinen Lärm, die Gopfs müssen schlafen. Bis auf zwei.“ Sie lächelt ihren Lieblingsgopf an. „Kommt, ihr Süßen. Gute Nacht, Fiona. Gute Nacht, Fiona.“ Sie nickt uns zu, dann zieht die ganze Bande ab.
Fiona und ich starren uns an.
„Jetzt habe ich Bilder im Kopf, wie Schneewittchen mit zweien dieser … in einem zu kleinen Bett … Oh mein Gott!“
„Das ist nicht schön“, bestätigt Fiona. „Ich glaube, ich würde lieber auf Sex verzichten, als mit diesen …“ Sie vollendet den Satz bewusst nicht. Ist auch nicht nötig.
„Für wie lange?“
„Hm“, sagt sie nur. Sie erhebt sich. „Komm, lass uns auch ins Bett gehen.“
Das kann ja heiter werden, denke ich, während ich ihr folge. Ich versuche, mich an die Größe von Schneewittchens Bett zu erinnern. Wie überzeuge ich diese notgeile Vampirin davon, dass sie ihre Klauen von mir zu lassen hat?
Seufzend beschließe ich, dass mir wohl nichts anderes übrigbleibt, als die Dinge auf mich zukommen zu lassen und entsprechend zu reagieren. Und wenn alle Stricke reißen, erinnere ich mich halt daran, dass alles nur Illusion ist.
Verdammte Scheiße.

Das Bett ist eng. Daran gibt es keinen Zweifel. Für ein schlankes Schneewittchen allein reicht es, selbst wenn sie ein, zwei Zwerge dabei hat. Für eine schlanke Fiona allein reicht es auch. Sogar für eine fette Fiona wie mich reicht es, alleine. Aber für die andere Fiona und mich zusammen?
Fiona mustert mich. „Und?“
„Eng.“
„Das ist wahr. Aber es müsste gehen.“
Jetzt mustere ich sie, bis sie fragt: „Was?“
„Hör zu, ich will wirklich und ganz ernsthaft keinen Sex mit dir.“
„Ich habe verstanden, vorhin schon!“
„Ich möchte nur, dass es da keine Missverständnisse gibt“, erwidere ich leise. „Jedenfalls wird keine von uns nackt schlafen.“
„Wieso willst du mir jetzt schon vorschreiben, wie ich zu schlafen habe?“
„Das will ich nicht. Wenn du auf dem Boden schläfst, darfst du meinetwegen auch nackt schlafen.“
„Na toll.“ Fiona beginnt, sich auszuziehen, lässt aber Shirt und Slip an. Nach kurzem Zögern folge ich ihrem Beispiel. „Du legst dich an die Wand“, sagt sie dann.
„Wieso denn ich?“
„Nur für den Fall, dass einer der Zwerge Appetit bekommt. Ich glaube, ich werde besser mit denen fertig als du. Oder siehst du das anders?“
„Nein!“, erwidere ich wütend. Und lege mich auf der Wandseite ins Bett. Fiona macht es sich neben mir gemütlich. Und schon zeigt sich das nächste Problem: Die Decke ist zu schmal. Sie reicht für uns beide nur, wenn wir uns zusammenkuscheln.
Womit habe ich das bloß verdient?
Gut, es ist eigentlich gar nicht so unangenehm, auf Tuchfühlung mit Fiona zu liegen. Und solange sie nicht an mir rumgrabscht, werde ich es auf jeden Fall aushalten.
Sie dreht mir den Kopf zu.
„Was?“, frage ich, aggressiver, als ursprünglich geplant.
„Wie viele Nächte wollen wir so verbringen?“
„Wieso fragst du ausgerechnet mich das? Wer hat uns hierher gebracht?“
„Du.“
„Weil du es gesagt hast! Ich war nur ausführendes Organ!“
„Das hast du schön gesagt“, grinst sie. „Hör zu, wir müssen irgendwie mit Fiona reden. Mit dem Original.“
„Ich denke, du willst sie töten?“
„Ja, das wollte ich.“ Sie starrt nachdenklich die Decke an. „Aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, dass das eine gute Idee ist.“
„Und was hat diesen Gesinnungswandel bei dir ausgelöst?“
„Ich habe über Aelfric nachgedacht. Wenn er uns erzeugt hat, gibt es dafür einen Grund. Einen, der vor allem für ihn gut ist. Der für unser Original auf jeden Fall schlecht ist. Aber für uns wahrscheinlich auch. Oder glaubst du, er hat uns aus Fiona erschaffen, weil er denkt, wir würden schön brav das tun, was er will? So gut kann er Fiona doch gar nicht kennen!“
„Da ist was dran“, murmele ich. „Aber warum gibt es uns dann? Falls wir überhaupt irgendwas mit Fiona zu tun haben?“
„Wie meinst du das?“
„Du gehst doch offensichtlich davon aus, dass wir Anteile von Fiona repräsentieren. Du die Wilde, ich die Brave. Stimmt?“
„Ganz falsch liegst du damit nicht.“
„Und wenn das gar nicht stimmt? Wenn wir nur irgendwelche Marionetten in seinem Spiel sind, bloß um genügend Krieger anzulocken für was auch immer? Er will doch dieses Universum zerstören.“
„Will er das?“ Sie starrt mich überrascht an. „Woher weißt du das?“
„Ich … ich habe keine Ahnung. Auf einmal hatte ich diesen Gedanken im Kopf … verdammt, was hat das zu bedeuten?“
Fiona dreht sich auf die Seite und wie zufällig kommt dabei ihre Hand auf meiner linken Brust zu liegen. Ich unterdrücke meinen Impuls, ihre eine zu scheuern. Einerseits, weil es viel zu eng ist, um ausreichend Schwung holen zu können. Und andererseits, weil ich wissen will, ob sie eine nachvollziehbare Antwort auf meine Frage hat.
„Du scheinst Erinnerungsfetzen vom Original zu haben, wie vorhin schon. Als wenn du mit ihr auf irgendeine Weise in Verbindung stehen würdest.“
„Jaaa … vielleicht stimmt das.“
Fiona zieht eine Augenbraue hoch. „Willst du mir was erzählen?“
„Ähm … ich … ich habe niemandem davon erzählt, weil ich Angst hatte, alle würden mich für so verrückt halten wie ich.“
„So, so. Du hältst dich also für verrückt?“
„Zunehmend weniger.“
Sie lacht, dadurch bewegt sich ihre Hand auf meiner Brust. Verflucht, eigentlich sollte mir das unangenehm sein. Ist es aber nicht. Im Gegenteil.
Ich konzentriere mich auf unser Gespräch.
„Ganz ehrlich, wenn ich verrückt bin, sind es alle anderen auch. Das weiß ich inzwischen.“
„Ich widerspreche dir nicht“, erwidert sie amüsiert. „Also, was willst du mir zunehmend mehr erzählen?“
Jetzt kann ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Vielleicht stammen wir wirklich von der echten Fiona ab, es gibt trotz aller Unterschiede auch einige prägnante Gemeinsamkeiten. So zum Beispiel einen sehr ähnlichen Humor.
„Ich … ich hatte zwei Begegnungen mit meinem Spiegelbild. Und … und beim zweiten Mal hat sie gesagt, sie sei die echte Fiona.“
„Das hat sie gesagt?“
„Na ja, nicht wirklich, als Spiegelbild konnte sie nicht sprechen. Aber ich habe es mit geschickt gezielten Fragen herausgefunden. Wozu bin ich Psychologin und Profilerin?“
„Unser gemeinsamer Humor verbindet uns“, sagt sie grinsend.
Was ist los? Kann sie meine Gedanken lesen? Oder ticken wir einfach zu ähnlich? Was ja meine Vermutung bestätigen würde.
„Was hat sie noch gesagt?“
„Eigentlich nichts weiter. Sie wollte, dass ich mich zusammenreiße und auf die Suche nach meinen Kindern begebe. Ich war nämlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch nach der Begegnung mit deinen netten Hausfrauenvampiren.“
„Lenk nicht ab.“
Ich denke kurz darüber nach, sie doch zu ohrfeigen. Dann eben mit wenig Schwung. Ein bisschen würde es ihr ja trotzdem wehtun. Und mir eine große Genugtuung verschaffen.
Schließlich entscheide ich mich dagegen. Es wäre kindisch, und hier ist mein Erwachsenen-Ich gefragt.
„Vielleicht wusste sie, dass wir uns auf diese Weise begegnen würden.“
„Gut möglich“, sagt Fiona nachdenklich. „Wir sollten sie fragen.“
„Wie denn? Ich habe hier schon in jeden Spiegel geschaut, aber sie reagiert nicht. Mein Spiegelbild ist völlig normal: fett und alt.“
„Kann es sein, dass du eine kleine Psychose hast? Bloß weil ich dich vorhin mal fett genannt habe, bist du es noch lange nicht. Und alt schon mal gar nicht.“
„Verglichen mit dir schon“, erwidere ich leise.
„Das glaube ich jetzt nicht! Ist dir klar, dass du dich mit dir selbst vergleichst?“
„Natürlich ist mir das klar! Schließlich habe ich auch mal so ausgesehen wie du! Nur solche Zähne hatte ich nie … Und wild war ich auch, sonst wäre ich nicht mit Ben verheiratet. Aber die Zeiten sind schon lange vorbei!“
„Wirklich?“ Sie mustert mein Gesicht. „Das kaufe ich dir nicht ab. Allerdings habe ich keine Lust, dich zu analysieren.“
„Ist ja auch mein Job.“
„Eben. Ich bin mehr für das Pragmatische zuständig. Und mein Pragmatismus sagt mir, dass wir in Schneewittchens Bett liegen.“
„Ja. Und?“
„Sag mal, kennst du das Märchen überhaupt nicht? Oder blockiert das Selbstmitleid deine Denkvorgänge völlig?“
„Wie kannst du es …!“ Ich verstumme, als mir plötzlich klar wird, was sie meint.
Jetzt zieht sie beide Augenbrauen hoch und sieht mich lächelnd an.
„Meinst du wirklich, das funktioniert?“
„Lass es uns doch ausprobieren. Wir fragen Schneewittchen morgen. Mit etwas Glück wissen wir danach mehr. Zu verlieren haben wir doch nichts, oder?“
Ich nicke. Die widerspenstige Locke auf der linken Seite fällt mir auf die Stirn. Das bedeutet, dass unsere Gesichter sich ziemlich nahe sind.
„Dann sollten wir jetzt schlafen“, schlage ich vor.
„Willst du das wirklich?“
Ich nicke.
Dann küsst sie mich.
Und ich will das nicht. Wirklich nicht. Auf gar keinen Fall.

„Wie habt ihr geschlafen?“, erkundigt sich Schneewittchen.
Fiona verschluckt sich und ich sehe sie missbilligend an.
„Ich verstehe“, sagt Schneewittchen.
„Das bezweifle ich“, erwidere ich kühl. „Und wir wollen dich was fragen.“
„Aha.“ Sie schiebt uns zwei Tassen mit dampfendem Kaffee unter die Nasen. „Was wollt ihr essen? Ich habe kein Fleisch da, wenn du was Blutiges willst, muss ich erst einkaufen gehen.“
„Brauchst du nicht“, sagt Fiona abwinkend. „Mir reicht der Kaffee. Und dir?“ Dabei sieht sie mich fragend von der Seite an.
Was ist jetzt schon wieder los? Was soll dieser Blick? Ich atme tief durch und beschließe, ihn zu ignorieren.
„Hast du Marmelade?“
„Klar! Und Croissants! Ist das in Ordnung?“
„Das ist sehr in Ordnung.“ Ich entspanne mich etwas.
Nachdem Schneewittchen mir meine Wünsche erfüllt hat und ich Croissants mit Erdbeermarmelade in mich hineinstopfe, erkundigt sie sich: „Und was wollt ihr mich fragen?“
Ich blicke Fiona an, die ihre Kaffeetasse in den Händen hält. Und jetzt große Augen macht. Wobei ich nur ihr rechtes Auge sehen kann, das andere wird von der widerspenstigen Locke verdeckt.
„Wieso ich?“
„Es war deine Idee. Und ich esse.“
„Fadenscheinig, sehr fadenscheinig. Aber egal. Schneewittchen, wie ist dein Verhältnis mit deiner Stiefmutter?“
„Kompliziert. Warum?“
„Wir würden gerne deine Stiefmutter um einen Gefallen bitten. Und vielleicht könntest du uns zu ihr begleiten und ein gutes Wort für uns einlegen.“
„Hm. Was für einen Gefallen?“
„Wir müssten mal mit ihrem Spiegel reden.“
„Mit ihrem Spiegel reden?“ Schneewittchen starrt uns an, als hätte Fiona ihr vorgeschlagen, einen der Zwerge zum Abendessen zu schlachten.
„Um genau zu sein, mit der echten Fiona.“
„Oh. Ich verstehe. Nun, wie ich bereits sagte, es ist kompliziert. Aber für euch tue ich es.“
„Tust du was?“, erkundigt sich Fiona, offensichtlich verwirrt.
„Ich begebe mich in die Höhle der Löwin, auch als Schneewittchens Stiefmutter bekannt. Gut, so schlimm ist das natürlich nicht wirklich. Wundert euch nur nicht, wenn es dabei lautstark zugeht. Wir sind nicht gerade die besten Freundinnen. Aber es wird kein Blut fließen.“
„Wie tröstlich“, murmele ich.
„Aber eine Sache möchte ich von euch wissen.“
„Was denn?“, fragt Fiona.
„Was ist heute Nacht passiert?“
„Nichts“, erwidere ich hastig. „Gar nichts!“