Wiederkehrer: Schneewittchen und sieben Monsterzwerge

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Ich erhebe mich langsam. Alles tut weh. In einer Welt, die nur Illusion ist, ziemlich seltsam. Illusionierter Schmerz. Klasse. Fühlt sich auf jeden Fall sehr real an. Realer als meine Umgebung.
Die andere regt sich auch. Stöhnend hebt sie den Kopf und blickt sich um. Dann sieht sie mich an.
„Wahnsinnige! Was hast du getan?“
Ich zucke die Achseln. „Wie soll ich das wissen? Und überhaupt, wieso ich?“
„Weil ich so eine Scheiße nicht bringen würde und die anderen können das nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass sie verschwunden sind.“
Das ist wahr. Genau wie das Schloss sind die Hausfrauenvampire, Michael und die Vampirjäger verschwunden. Wir befinden uns in einem Wald, allerdings ist dieser Wald mehr als seltsam. Brauner Boden, wie Lehm, braune Bäume, braune Blätter. Nur der Himmel, der ist nicht braun, der ist blau. Ein kleines Stückchen Normalität in diesem Irrsinn.
„Ich weiß trotzdem nicht, was passiert ist!“
„Du hast ein Logout erzeugt“, erklärt Fiona 2, während sie sich aufrichtet. „Und uns beide in ein Schwarzes Loch geschleudert.“
„Daran erinnere ich mich, dass ich mich auf dich geworfen habe und plötzlich ein Loch da war. Aber was ist ein Logout?“
„Ist dir gar nicht aufgefallen, wie alles auseinandergebrochen ist? Erst haben sich die Wände verdreht, als würde unsere Realität ausgewrungen werden, dann war da das Schwarze Loch und du hast dich auf mich geworfen. In der Verborgenen Welt sind Logouts nicht ganz so selten, aber ich habe noch keins erlebt. Sie passieren schon mal in einem Moment höchster emotionaler Erregung.“
„Aha. Also gut, nehmen wir einmal an, ich habe so ein Logout erzeugt. Und was machen wir jetzt?“
Sie zuckt die Achseln. „Warum hast du es überhaupt getan?“
„Keine Ahnung!“ Ich hole tief Luft, denn plötzlich schießt tierischer Schmerz durch meinen Kopf. Der bringt mir auch die Erinnerung wieder. „Ich … ich wusste plötzlich das mit Aelfric, oder? Und dass wirklich alles nur eine Illusion ist. Ich bekam rasende Kopfschmerzen und wurde wohl ohnmächtig.“
„Ja, aber nicht für lange. Dann bist du aufgesprungen, hast rumgeschrien, er hätte keine Kontrolle mehr über dich und dann ist die Welt zusammengebrochen. Hast du toll gemacht.“
Ignorier sie, Fiona. Ignorier sie einfach. Ich beuge mich hinunter und berühre den Boden. Fühlt sich tatsächlich an wie Lehm. Trockener Lehm, zum Glück, sonst sähen wir aus wie Lehmbauarbeiter.
Ich schaue hoch. Fiona beobachtet mich. Unsere Blicke begegnen sich.
„Was?“, frage ich, aggressiver als geplant.
„Ich glaube, im Moment hat Aelfric keine Kontrolle über uns. Mit einem Logout wird er nicht gerechnet haben. Das ist unsere Chance. Er darf uns nur nicht lokalisieren. Wir sollten untertauchen.“
„Um was zu tun?“
„Durchatmen. Nachdenken.“
„Ach ja. Übrigens, wieso atmest du? So als Vampir?“
„Wie sollte ich sonst an Sauerstoff kommen?“
„Du bist doch tot!“
„Tot? Nein, bin ich nicht. Ich bin ein Vampir.“
„Aber Vampire sind doch tot.“
„Blödsinn. Das ist nur ein Mythos.“
„Wieso ist ausgerechnet das ein Mythos und der Rest nicht?“
„Da ist noch mehr Mythos. Ich esse zum Beispiel gerne Knoblauch. Und die Sonne ist mir auch egal. Sonst noch was?“
„Ja. Wie tauchen wir unter?“
„Tja, wie tauchen zwei Verrückte in der Verborgenen Welt unter?“ Sie kaut an ihrer Unterlippe herum. Das erinnert mich daran, dass ich das auch oft tue und damit regelmäßig Ben zum Ausflippen bringe. Ich weiß gar nicht, was er hat. Das sieht doch irgendwie sogar erotisch aus, stelle ich fest, während ich Fiona 2 beobachte.
„Vermutlich am besten, indem wir uns dort aufhalten, wo viele Verrückte sind.“
„Na, dann sind wir hier falsch!“
Sie lacht. Sieht süß aus. Mir fällt ein, dass ich es nicht leiden kann, wenn ich süß genannt werde. Oder war das unser Original? Egal. Sie sieht trotzdem süß aus. Selbst mit den Eckzähnen, die jetzt nicht ausgefahren sind, aber dennoch erkennbar anders als normal.
„Ja, wir müssen nach Somnita. Da würden wir kaum auffallen.“
„Somnita?“
„Das Traumland. Die Heimat aller Wesen, die je geträumt wurden.“
„Äh, willst du mich verarschen?“
„Niemals!“ Sie lacht wieder. „Komm schon, noch nie von Somnita gehört?“
„Nein! Sonst würde ich nicht fragen!“
„Also gut. Menschen und auch andere Wesen, die ein Bewußtsein haben, egal ob sie auf der Erde leben oder auf einem anderen Planeten, schlafen und träumen. In ihren Träumen entstehen neue Geschöpfe: Traumwesen. Auch die Märchenfiguren, die du kennst, wie zum Beispiel Schneewittchen, sind so entstanden. In die Gefrorene Welt, in die Realität, schaffen sie es nicht, aber sie verschwinden nicht einfach, wenn der Träumende aufwacht. Sie existieren weiter im Traumland, in Somnita.“
„Alle?!“
„Alle. Somnita ist ziemlich groß, insbesondere da in der Verborgenen Welt Raum und Zeit keine echte Bedeutung haben.“
„Ja, ich weiß schon, sie sind auch nur Illusion.“
„Genau“, sagt sie grinsend. „Da würden wir nicht wirklich auffallen.“
„Ja, das kann ich mir vorstellen. Wir wären noch die normalsten vielleicht. Ich meine, es gibt schon ziemlich schräge Fantasiegestalten. Die gibt es da alle?“
„Ja, alle.“
„Hitler auch? Und Stalin? Und …“
„Wieso sollte es die da geben? Sie waren doch echt.“
„Nein, sie waren Albtraumgestalten. – Also gut, aber wie kommen wir dahin?“
Sie sieht mich an. Mit einem undefinierbaren Ausdruck. Obwohl … ich kenne ihn … So sehe ich wahrscheinlich aus, wenn ich meinem Gegenüber mitteilen will, dass er genau weiß, was er zu tun hat. Zum Beispiel Ben, wenn er versucht, sich davor zu drücken, seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen.
„Was?“
„Du bringst uns dahin.“
„Ich? Wie denn?“
„So wie du uns hierher gebracht hast.“
„Das habe ich ja nicht mit Absicht gemacht. – Moment mal, redest du etwa davon, ich soll wieder ein Logout machen?“
Sie zuckt mal wieder die Achseln. „Wenn es anders nicht geht, dann eben mit einem Logout.“
„Du bist mir ja witzig.“ Ich blicke mich um. Öde und braun überall. Hier bleiben will ich auf keinen Fall. Also kann ich auch versuchen, uns in das Traumland zu befördern. Habe zwar keine Ahnung, wie das funktionieren soll, aber anderseits habe ich uns wohl auch hierher gebracht, ohne dass ich eine Ahnung hätte, wie ich das geschafft habe. Insofern sind unsere Chancen gar nicht so schlecht.
Da sie in Filmen immer die Augen schließen und sich dann ganz doll konzentrieren, was ich als Psychologin einfach nur lustig finde, vor allem wenn ich an den Workshop vor drei Jahren denke, bei dem ich ansatzweise gelernt habe, wie Hypnose funktioniert, trete ich zu Fiona 2 und nehme ihre Hände.
„Du liebst mich ja doch“, sagt sie amüsiert.
„Halt die Klappe, ich muss mich konzentrieren!“
Grinsend presst sie die Lippen zusammen, sodass ich ganz froh bin, einen Grund zu haben, die Augen zu schließen. In der Gefroren… in der Realität wäre das einfach nur lächerlich, was ich hier mache, aber in dieser abgefahrenen Matrixwelt könnte das sogar funktionieren. Wenn ich nur wüsste, wie ich mir Somnita vorzustellen habe …
„Hey, das kannst du ja richtig gut!“
Ich reiße die Augen auf. „Was?“
„Du hast es geschafft!“, sagt Fiona 2 strahlend.
Ich betrachte entgeistert unsere Umgebung. Im Wald stehen wir jedenfalls nicht mehr. Nicht einmal irgendwo draußen. Wir befinden uns in einer – Hütte. Das trifft es wohl am ehesten. Eine Hütte. Die Decke etwas niedrig, kaum höher als wir, aber eine Hütte.
Wir stehen genau neben einem langen Holztisch mit acht Stühlen daneben.
Acht?
„Wo zum Teufel sind wir gelandet?“, flüstere ich.
„Vielleicht hätte ich vorhin nicht Schneewittchen als Beispiel nehmen sollen“, erwidert die Andere. „Aber gut, Hauptsache außerhalb der Reichweite von Aelfric, dem irren Zombiekönig.“
Ich mustere sie verwirrt. „Wie … wie habe ich das geschafft?“
„Wie soll ich das denn wissen? Du bist hier die Psychotante. Außerdem ist es mir egal. Wir sind hier, nur das zählt.“
Eigentlich hat sie recht. War ich nicht früher auch so pragmatisch? Nicht die schlechteste Art, mit solchen Ausnahmesituationen umzugehen. Ich nicke also.
„Dann sollten wir die Suppe probieren, die nicht vorhandene. Und uns ins Bettchen legen.“
Ihre Augen leuchten auf. „Gemeinsam?“
„Ach verdammt, jetzt hör endlich auf damit! Warum bist du so scharf darauf, mit mir zu schlafen?“
„Schlafen will ich gar nicht.“
„Du weißt genau, was ich meine!“
„Ja, ist ja gut. Warum? Weil ich genau weiß, dass es einfach nur geil wäre. Wir würden beide den besten Orgasmus unseres Lebens haben, eine absolut orgastische Erfahrung, die anders ist als alles, was wir je erlebt haben und erleben werden.“
„Also, es fängt schon damit an, dass ich nicht lesbisch bin.“
„Aber unser Original schon.“
„Sie ist lesbisch?“ Ich starre Nummer 2 fassungslos an.
„Okay, sie ist nicht lesbisch, eher bi. Aber ihre größte Liebe ist eine Frau.“
„Eine Frau? Ich meine, aber wohl kaum sie selbst, oder?“
„Natürlich nicht. Kannst du dich denn gar nicht daran erinnern?“
Ich schüttle stumm den Kopf.
„Vielleicht willst du dich nur nicht daran erinnern. Ich glaube, sie würde es auch gerne vergessen.“
„Warum das denn?“
„Weil Katharina den Kontakt abgebrochen hat.“
„Das hört sich nach einer komplizierten Beziehung an. – Also schön, dann habe ich halt irgendwie schon mal mit einer Frau geschlafen. Aber ich weiß nichts davon und will es auch nicht, du hast recht. Davon unabhängig stelle ich es mir äußerst seltsam vor, mit mir selbst zu schlafen.“
„Hast du dich noch nie selbstbefriedigt?“
„Das ist was anderes!“
„Wieso?“
„Wieso? Weil du trotz allem nicht ich bist. Ich fühle, was ich fühle, nicht was du fühlst! Wenn ich Sex mit dir hätte, dann nicht mit mir selbst, sondern mit einem Menschen, den ich einfach nur sehr, sehr gut kenne. So, wie sich eineiige Zwillinge kennen.“
„Nur mit dem Unterschied, dass wir nicht verwandt sind.“
„Unsere Beziehung existiert de jure einfach nur nicht, aber biologisch und psychisch wäre es nicht viel anders als eine sexuelle Beziehung zwischen eineiigen Zwillingsschwestern.“
„Das hast du aber schön gesagt“, erwidert sie grinsend. „Und trotzdem finde ich die Idee faszinierend. Und erregend. Aber gut, dann eben nicht. Vielleicht änderst du ja mal deine Meinung.“
„Ausgeschlossen.“
Sie diskutiert nicht länger mit mir. Gemeinsam durchsuchen wir das Häuschen. Es sieht ganz danach aus, dass wirklich Schneewittchen mit ihren Zwergen hier wohnt. Dafür spricht auch, dass ein Bett deutlich größer ist als die anderen. Außerdem gibt es zwei Badezimmer, in einem ist alles größer, passend für uns. In dem anderen hat alles genau die richtige Größe für Kinder oder eben Zwerge.
„Wie geht es weiter?“, erkundige ich mich.
Sie zuckt die Achseln. „Ich glaube, ich werde jetzt duschen.“
„Duschen?“
„Ja. Du hast vorhin gebadet, aber ich bin dreckig. Zumindest fühle ich mich so.“
„Aha. Na, dann geh mal duschen.“
„Willst du nicht doch mit?“, fragt sie mit schiefgelegtem Kopf.
„Nein! Los jetzt, verschwinde!“
Lachend verzieht sie sich in das größere Bad, während ich die Küche unter die Lupe nehme. Irgendwo finde ich ein Brotlaib und breche mir was ab. Das trockene Brot kauend gehe ich vor die Tür.
Keine Ahnung, was ich erwartet habe, aber es überrascht mich. Strahlender Sonnenschein, Temperatur deutlich über 30 Grad und ein Van.
Er fährt gerade vor, und noch bevor er zum Stillstand gekommen ist, gehen die Türen auf und springen die Zwerge raus. Zwerge? Diese Zwerge stammen definitiv nicht aus dem Disneyfilm! Sie sind eigentlich überhaupt keine Zwerge, obwohl sie klein sind. Aber sie haben Klauen und dazu Zähne wie Piranhas. Ehe ich mich versehe, haben sie mich umringt und gegen die Hauswand gedrängt. Ich spüre den stinkigen Atem, als einer von ihnen meinen Hals zwischen die Zähne nimmt.
„Aufhören!“
Sofort lassen die Biester von mir ab, behalten mich aber im Auge. Sie erwecken den Eindruck, als wären sie sofort bereit, mich in Stücke zu reißen. Und ich glaube, sie hätten damit auch keine große Mühe.
Welcher Idiot hat das Märchen bloß so verniedlicht?
Dann betrachte ich die Frau, die mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Sie hat auch im Van gesessen und kommt jetzt ruhig auf uns zu.
Das muss Schneewittchen sein. Und wenigstens sie ist wie im Märchen. Sie trägt ein weißes, schenkellanges Kleid und hochhackige Sandalen. Die langen, schwarzen Haare fallen offen auf den Rücken. Ihr Gesicht ist schön, absolut ebenmäßig, mit vollen, roten Lippen und großen, dunklen Augen.
„Ich bin Schneewittchen“, sagt sie. „Tut mir leid, dass ich nicht schneller Einhalt gebieten konnte, aber ich musste noch das Auto parken.“
Okay, wenn schon die Zwerge keine Zwerge sind, müssen die Pferde auch keine Kutsche ziehen. Und vermutlich existiert hierzulande auch das Problem der Klimaerwärmung nicht, selbst wenn es heiß wie in der Hölle ist.
„Hauptsache, du bist nicht zu spät gekommen“, erwidere ich und mustere die Monsterzwerge misstrauisch.
„Lasst sie in Ruhe!“, befiehlt Schneewittchen.
„Da drin ist noch eine Frau. Sie sieht mir ziemlich ähnlich. Kann sein, dass sie etwas gewalttätiger reagieren würde als ich, wenn die sie angehen.“
„Dann würden die Zwerge sie zerfleischen.“
„Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Am besten, wir probieren es nicht aus.“
„In Ordnung. Du solltest sie vorwarnen. Was macht sie?“
„Sie duscht.“
Schneewittchen zieht die Augenbrauen hoch.
„Sie fühlte sich dreckig.“
„In Ordnung. Ich bereite uns was zu essen vor. Ihr seid unsere Gäste.“ Dann wendet sie sich an die Monsterzwerge: „Räumt den Garten auf, aber flott! Danach gibt es Essen!“
Sie hat ihre Gesellen gut im Griff, das muss ich neidlos anerkennen. Sie verziehen sich wie ein Haufen schnatternde Gänse hinters Haus und ich gehe rein. Schneewittchen folgt mir, biegt dann links ab zum Speisesaal.
Ich bleibe kurz vor der Badezimmertür stehen und überlege, ob ich klopfen soll. Dann entscheide ich mich dagegen und gehe einfach hinein.