Leseprobe 6: Fiona – Der Beginn

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Das Telefon klingelt.
„Hallo, Brodwich“, melde ich mich müde.
„Woher weißt du, dass ich es bin?“
„Wer sollte es sonst sein?“
„Na schön. Hast du das Geld?“
„Ja, habe ich. Also erzähl jetzt endlich, wie es weitergeht. An mir kann es nicht mehr liegen, wenn ich zu spät komme.“
„Mädchen, halt dich zurück. Ich bestimme immer noch, wo es lang geht, klar?“
„Dann bestimm doch.“
„Fahr zum Central Up und geh in die U-Bahn-Station. Warte dann auf weitere Instruktionen.“
Aufgelegt.
„Zum Central Up, James.“
James startet den Motor und gibt Gas. Ich stelle erneut überrascht fest, dass außer mir auch noch andere schnell fahren können. Viertel vor drei hält James den Jaguar neben der Treppe zum Subway an. Ich atme tief durch. In meinem Magen rumort es.
„Irgendwas sagt mir, dass die nächsten Stunden oder Tage ziemlich scheiße sein werden“, sage ich leise.
„Leider kann ich dem nicht widersprechen“, erwidert James.
„Ist das deine Art, Trost zu spenden?“
Nur seine Augen lächeln, während er mit der rechten Hand durch meine kurzen Haare fährt. Die Hand bleibt an meiner Wange haften, der Daumen berührt meine Lippen.
„Ich liebe dich, Fiona Carter. Weil du so bist, wie du bist. Eine intelligente und mutige Wildkatze.“
„Genug der Nettigkeiten, sonst werde ich noch ganz rührselig.“
„Und deinen Zynismus liebe ich auch.“
„Dann liebst du also auch meine Verrücktheit? Prima!“ Ich beuge mich rüber und küsse ihn. „Wenn du, sofern ich lebend zurückkomme, nicht um meine Hand anhältst, mache ich Bungeejumping – ohne Seil!“
Ich lasse ihn völlig verdutzt im Wagen zurück und sprinte nach unten. 12 Minuten vor 15 Uhr. Das Telefon klingelt, und ich gehe hektisch ran.
„Bist du schon unten?“
„Ja, ich bin an der Station am Central Up.“
„Gut. Dann steige in die Linie 3 uptown. Nach zwei Stationen steigst du um in die Linie 1 stadteinwärts. Nach drei Haltestellen verlässt du den Zug und wartest auf weitere Instruktionen. Angekommen?“
„Klar und deutlich.“ Das hätte ich mir sparen können, er hört es sowieso nicht mehr.
Um 14:53 steige ich in die Linie 1 ein. Für die drei Haltestellen braucht der Zug fünf Minuten. Zwei Minuten vor drei komme ich an einer Haltestelle an, die hoffentlich meine letzte sein wird. Sofort klingelt das Telefon.
„Du bist erstaunlich pünktlich, Fiona Carter“, sagt Brodwich spöttisch.
„Ihr könnt mich sehen?“
„Wir können mehr, als du dir mit deinem kleinen Hirn auch nur annähernd vorstellen kannst. Dreh dich nach links. Siehst du die Metalltür am Ende des Stegs?“
„Ja, ich sehe sie.“
„Sie ist nur angelehnt. Schließe sie hinter dir richtig.“
„Was ist mit meiner Mutter?“
„Was soll mit ihr sein? Du bist noch nicht bei uns.“
„Du verdammter Mistkerl!“, schreie ich, während ich bereits auf die Tür zulaufe. „Wenn du ihr noch mehr antust, verfüttere ich deine Eier an irgendwelche Straßenköter, ich schwöre es!“
Brodwich legt lachend auf. Die Tür fliegt beinahe aus den Angeln, so heftig stoße ich sie vor Wut auf. Dahinter wartet lediglich ein dunkler, dreckiger Gang. Nachdem ich die Tür sorgfältig zugemacht habe, wandere ich den Wartungsgang entlang. Über mir ein Geräusch, als würde Stahl an Stahl reiben. Als ich hochschaue, sehe ich das grinsende Gesicht von Charles Brodwich.
„Worauf wartest du noch, Mädchen? Beweg deinen Arsch hier rauf!“
Ich klettere hoch und gelange in einen muffigen Kellerraum. Ein Königreich, wenn ich wüsste, wo ich eigentlich bin. Ich mustere mein Empfangskomitee. Charles Brodwich, beide Arme in Gips. Er sieht ziemlich clownhaft aus. Daneben zwei Männer in schwarzen Overalls und mit Maschinenpistolen bewaffnet.
„Schmeiß deine Pistole auf den Boden!“, befiehlt Brodwich. „Aber vorsichtig rausziehen, es sei denn, du möchtest ausprobieren, wie viele Einschläge du noch bewusst mitkriegst.“
Ich ziehe die Pistole aus dem Halfter, mit Zeigefinger und Daumen am Griff haltend, werfe sie dann Brodwich vor die Füße. Er nickt und kommt näher. Dann holt er erstaunlich schnell aus und rammt mir seinen Unterarm in den Unterleib. Stöhnend sinke ich auf die Knie, lasse dabei den Geldkoffer fallen.
„Macht sie fertig und räumt danach auf. Ich will sie gleich bei ihren Eltern sehen.“
Ich höre ihn rausgehen. Einer der beiden Männer richtet die Mündung seiner Waffe auf mich, der andere beginnt damit, mich zu treten und zu schlagen. Er ist ein Profi. Ich trage keine ernsthaften Verletzungen davon, aber höllische Schmerzen. Sie hören auf, als ich atemlos und würgend auf dem Boden liege, vor Tränen unfähig, etwas zu sehen.
In diesem jämmerlichen Zustand erblicken mich meine Eltern. Sie sitzen nebeneinander auf zwei Stühlen, mit Handschellen aneinander gefesselt. Die linke Hand meiner Mutter ist mit einem blutigen Tuch verbunden, nicht sehr professionell. Mein Vater wirkt allerdings auch nicht sehr frisch. Seine Lippen sind geschwollen, und eine Platzwunde über dem rechten Auge zeugt ebenfalls davon, dass er zumindest versucht hat, sich zu wehren.
„Hi“, keuche ich und richte mich stöhnend auf. „Ihr habt euch gut versteckt …“
„Was machst du hier?“, fragt mein Vater, doch nicht mit der gewohnten Schärfe. Er klingt eher nach echter Sorge.
Ich betrachte meine Mutter, die keinen einzigen Ton von sich gibt. Ihre Augen verraten, dass sie unter Schock steht.
„Ich habe den netten Leuten hier ihr Taschengeld mitgebracht. Ihr kommt bald hier raus.“
„Du opferst dich tatsächlich für uns?“ Mein Vater starrt mich ungläubig an.
Ich atme ein paarmal tief durch, um die Schmerzen in meiner Bauchgegend zu bekämpfen. Viel bringt es nicht, also unterdrücke ich die Schmerzen einfach. Ich hätte nicht gedacht, dass es so geht.
„Ich dachte mir, ich hole euch hier raus, dann schnappe ich mir diese Clowns und übergebe sie der Polizei. Danach gehen wir irgendwo fein zu Abend essen.“
„Du hast Fantasie, Mädchen“, stellt Brodwich lachend fest. Er steht an die Wand gelehnt. „Was glaubst du, warum ich dich so zusammenschlagen ließ? Mir ist bewusst, dass gegen dich Bruce Lee und Chuck Norris wie blutige Anfänger sind, schließlich habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie du neun schwere Jungs auseinandergenommen hast.“
„Leider habe ich es versäumt, dir auch noch die Knie zu brechen.“
„Oh, du bringst mich da auf eine Idee, Mädchen. Aber noch nicht. Ich brauche dich noch. Und deine Eltern auch.“
„Wie meinst du das?“
„Du bist eine wertvolle Geisel, aber zusammen mit deinen Eltern bist du noch wertvoller.“
„Hey, warte mal! Das war nicht abgemacht! Meine Eltern sollten freigelassen werden, sobald ich hier bin!“
„Selbst schuld, wenn du mir geglaubt hast.“
Ich brauche eine knappe Sekunde, um das zu verdauen. Dann setze ich mich in Bewegung.
„Lasst sie am Leben!“, brüllt Brodwich, während er zurückspringt.
Die beiden Jungs stürzen sich auf mich. Ich erwische den ersten mit einem Seitwärtskick, aber ich bin fürchterlich langsam. Irgendwas explodiert an meiner Schläfe. Im Fallen realisiere ich, dass es der Kolben der Maschinenpistole des anderen Kerls war. Der Aufprall auf dem Boden raubt mir den Atem, jedenfalls so lange, wie der Kerl braucht, um mit dem Fuß auszuholen und in mein Gesicht zu treten. Ich höre keinen Knochen krachen, aber das Feuerwerk ist verdammt hell. Als die Helligkeit dem normalen Tageslicht weicht, finde ich mich seitlich auf dem Boden liegend wieder. Der Boden ist mit Blut besprenkelt. Vermutlich aus meiner Nase. Beim Versuch, mich mit den Händen hochzudrücken, wird mir bewusst, dass meine Hände gefesselt sind. Auf dem Rücken.
„Durchsucht sie!“, befiehlt Brodwich kalt, neben meinem Kopf stehend. „Ich wette, sie ist verdrahtet. Selbst über eine Kamera würde ich mich nicht wundern. Seht auch in ihrer Wäsche nach!“
Ich lasse die Durchsuchung ohne Regung über mich ergehen. Nicht einmal als die Hose runtergezerrt wird, reagiere ich.
„Sie hat ihre Tage“, stellt einer der Kerle grinsend fest.
„Na und? Soll sie uns hier noch mehr vollbluten? Du sollst nach Mikrofonen und Ähnlichem suchen, nicht deine Gelüste ausleben!“
„Da kann ich euch etwas bieten!“ Der Junge reißt mir die Halskette runter und reicht sie seinem Herrn und Meister. Der schaut sich den Adler neugierig an und nickt dann anerkennend.
„Das ist gut. Die technische Ausrüstung unserer Polizei wird immer besser. Schade eigentlich.“ Er lässt die Minikamera fallen und zermatscht sie mit dem Absatz. „Zieh ihr die Hose wieder hoch. Wir haben noch viel vor.“
Ich setze mich vorsichtig auf. Mein Kopf hat viel Ähnlichkeit mit dem Inneren eines Schlagzeugs. Bereits diese einfache, langsame Bewegung löst eine Serie von nicht angenehmen Empfindungen aus. Ich wische mit der Schulter Blut von meinem Mund, um überhaupt sprechen zu können.
„Vor ein paar Tagen wachte ich noch als ein Mädchen auf, das manche Männer als hübsch bezeichnet haben. Damit ist es wohl jetzt vorbei.“
„Unglaublich!“ Brodwich schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich mag deine Art. Steh auf, du musst telefonieren!“
„Telefonieren?“
Einer der Kerle packt meine Haare und zieht mich hoch.
„Du musst den Negotiator anrufen, damit die guten Jungs erfahren, dass du mit dem Geld hier bei uns angekommen bist. Außerdem will ich wissen, ob das Flugzeug bereitsteht. Und vergiss nicht, dich nach dem Befinden von Jay zu erkundigen.“
„Du kannst mich am Arsch lecken, Brodwich“, erwidere ich, dann schreie ich auf, denn es tut höllisch weh, als an meinen Haaren gezerrt wird.
„Ich werde darüber zu einem späteren Zeitpunkt nachdenken. Da du offensichtlich wenig Respekt vor deinem eigenen Körper hast und Schmerzen einfach ignorieren kannst, werden wir entsprechende Fähigkeiten deiner Mutter prüfen …“
„Schon gut“, sage ich zähneknirschend und mit geschlossenen Augen. „Lasst meine Mutter in Ruhe, ich werde alles tun, was ihr wollt!“
„Das hört sich schon besser an. Gebt ihr ein Telefon … oh, ich vergaß! Dann wählt mal!“
„Barker“, meldet sich der Unterhändler.
„Fiona Carter. Hören Sie gut zu, Mann. Ich habe das Geld überbracht. Ist das Flugzeug bereit?“
„Es wird gerade vollgetankt. Wie geht es Ihren Eltern?“
„Den Umständen entsprechend. Ich habe keine Zeit für Romane. Wie steht es mit der Freilassung von Rollo?“
„Er ist bereits auf dem Weg zum Flughafen. Seine Freunde können ihn dort in die Arme schließen.“
„Na, dann ist ja alles bestens. Ich werde seinen Freunden die frohe Kunde überbringen … hey, ich habe mich nicht verabschiedet!“
Der Kerl steckt grinsend das Handy weg und verpasst mir eine kräftige Ohrfeige. Nur mit Mühe schaffe ich es, auf den Beinen zu bleiben.
„Danke“, sage ich dann, die Lippen leckend. „Das habe ich gebraucht!“
Brodwich schnaubt. „Unglaublich. Was muss man tun, um dich kleinzukriegen?“
„Wenn du dich in den Arsch ficken lässt, verrate ich es dir – vielleicht.“
„Auch gut. Schafft sie und ihre Eltern in eine Zelle, bis wir mit den Vorbereitungen fertig sind.“
„Aber gern!“ Der Kerl, nicht arm an Ideen, nutzt diesmal sein Knie. Der Stoß in die Magengrube lässt mich zusammenklappen.
Er zieht mich an den Haaren hinaus. Ich schaffe es zwar, auf die Füße zu kommen, aber nicht lange. So stolpere ich hinter ihm her, hauptsächlich damit beschäftigt, das Gleichgewicht nicht völlig zu verlieren. Trotzdem bekomme ich mit, wie wir an diversen Zellen, die durch schwere Metalltüren gesichert sind, vorbeikommen. Die kurze Wanderung endet in einer davon. Mein bester Freund schleudert mich gegen die Wand. Ich sacke nach unten und aus den Augenwinkeln sehe ich meine Eltern reinkommen.
„Wartet!“, krächze ich. „Beantwortet mir wenigstens eine Frage!“
„Was ist?“
„Die Zellen … wer ist darin?“
„Kannst du dir das nicht denken?“
„Die Kinder?“
„Du solltest in einer Quizshow auftreten, würdest garantiert gewinnen.“
„Was wird mit ihnen?“
„Das ist die zweite Frage, aber ich will mal nicht so sein. Im Büro warten ein paar Kanister, gefüllt mit Benzin, auf das Feuerchen, das urplötzlich entstehen wird, nachdem wir weg sind. Keine Zeugen, gute Zeugen.“
„Wenn du schon so auskunftsfreudig bist, sagst du mir noch, wie ich dich nennen soll?“
„Terminator.“
Mit einem dumpfen Knall schließt sich die Tür. Ich presse meine Stirn gegen die Wand und flenne los. Meine Mutter nimmt mich in die Arme, streichelt tröstend meinen Kopf. Ich drücke mich an sie, zwinge mich, mit dem Heulen aufzuhören. Es ist noch lange nicht vorbei. Und ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich die Kinder vor dem Gegrilltwerden retten kann.
„Was machst du nur, Kind“, seufzt meine Mutter. „Warum reizt du diesen Mann noch so? Wie bist du nur so weit gekommen?“
„Sieh mich an! Sehe ich aus wie deine Tochter? Das ist wohl eher ein Zombie, oder? In dem Augenblick, als diese Scheißkarre meinen Bruder zermatscht hat, veränderte sich diese Welt unwiderruflich für mich. Ich wusste es da bloß noch nicht. Seitdem habe ich Menschen getötet, geschlagen, verhört. Und jetzt sitze ich hier, durchgeprügelt und sollte eigentlich am Boden zerstört sein. Stattdessen denke ich nur darüber nach, wie ich diese Kinder retten kann. Bin ich noch ganz dicht? Ich liefere mir einen Psychokrieg mit einem durchgeknallten Psychopathen und weiß gar nicht mal sicher, wer die größere Psychose hat, er oder ich. Tu mir einen Gefallen, Mama, frag mich bloß nicht, wie ich so weit gekommen bin, okay? Nimm es einfach hin, dass ich einige sehr seltsame Dinge tun werde.“
„Aber diese Verletzungen, diese Schmerzen …“ Sie streichelt mein Gesicht, berührt die Narbe an der Wange. Ich verkneife es mir, sie auf ihre eigenen Verletzungen anzusprechen. Vielleicht merkt sie diese ja gar nicht.
„Du hast es doch gehört“, knurrt mein Vater. „Deine Tochter ist ja richtig hart im Nehmen! Wo selbst die meisten Männer schon um Gnade bitten, legt sie noch eins drauf. Ja, richtig hart ist sie. Wie eine weibliche Mischung aus Rocky und Rambo. Nur viel Weibliches kann ich an ihr nicht mehr entdecken.“
„Sei nicht so grausam, Jason. Vergiss nicht, sie ist nur hier, weil sie bereit war, sich für uns zu opfern!“
„Das stimmt. Entschuldige bitte, Barbara. Ich glaube, ich bin etwas gereizt nach alldem hier. Also gut, Fiona, was geschieht als Nächstes?“
Ups! Was ist denn mit dem los? Offensichtlich bereut er bereits wieder, was er vorhin vom Stapel gelassen hat. Na ja, mir kann es nur recht sein, wenn ich vernünftig mit ihm reden kann.
Ich rappele mich auf und beginne, in der kleinen Zelle auf und ab zu gehen. Zum Glück ist die Zelle nicht zu klein.
„Wir werden irgendwann in den nächsten Stunden zum Flughafen fahren. Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass ihr vorher schon freigelassen werdet. Das war leider ein Schuss in den Ofen. Ich werde mir also etwas einfallen lassen müssen.“
„Und was hast du gedacht, was sie mit dir vorhaben, als du dich auf diesen Wahnsinn eingelassen hast?“
„Nichts Gutes.“ Ich schaue ihn an, dann zwinge ich ein schief geratenes Grinsen auf mein Gesicht. Wahrscheinlich bekomme ich dadurch Ähnlichkeit mit dem Glöckner von Notre Dame.
„Hast du dem einen Kerl die Ellbogen zertrümmert?“
„Leider habe ich nicht mehr kaputt gemacht. Damals habe ich nicht gewusst, wer er wirklich ist, das ist meine einzige Entschuldigung.“
„Er hat nicht vor, dich gehen zu lassen“, stellt meine Mutter mit einer erschreckenden Nüchternheit fest.
„Davon gehe ich aus. Vielleicht darf ich in zehntausend Meter Höhe aussteigen. Ohne Fallschirm.“
„Was tust du da eigentlich?“, erkundigt sich mein Vater, mein Treiben irritiert beobachtend.
„Ich male. Buchstaben. Worte. Sätze.“
„Und für wen?“
„Für denjenigen, der am Monitor sitzt und meine Position verfolgt. Ich hoffe inständig, dass die Ortsbestimmung wirklich so exakt ist, wie die behaupten, sonst erkennen sie nichts. Und einer muss auch noch darauf kommen, dass ich gerade eine Nachricht übermittle.“
„Du hast einen Sender bei dir?“
„Nicht an mir. In mir.“
„In dir?“
„Hey, Dad, sei nicht so fantasielos! Ich bin trotz allem eine echte Frau, okay?“
„Ich … äh, ich glaube, ich weiß, was du meinst …“
Ich gehe meine Nachricht ab. Sie werden verbrennen. Rettet Kinder. Jeden Buchstaben wiederhole ich zweimal. Es werden wohl keine Idioten sein, die mich beobachten. Hoffentlich nicht. Oh Gott, wenn die Kinder so grausam sterben müssen! Scheiße, Fiona, konzentrier dich lieber darauf, was du tust! Denk an nichts anderes als daran. Dich ausruhen oder deine Wunden lecken kannst du auch später. Du hast schließlich ziemlich genau gewusst, was dich erwarten wird, oder? Außerdem möchtest du bald Hochzeit feiern, dann musst du dich wirklich konzentrieren.
Ich schaffe es gerade noch, den letzten Buchstaben einmal zu gehen, da wird die Tür aufgerissen. Zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Jungs eskortieren den Terminator. Er kommt auf mich zu, drückt mich, am Hals gepackt, gegen die Wand. Seine freie Hand umschließt meine Brust und drückt fest zu. Ein Zucken der Augenlider ist die einzige Reaktion, die ich mir leiste.
„Du bist nicht so verweichlicht wie andere Mädchen in deinem Alter“, sagt der Terminator. „Das gefällt mir. Ich glaube, wir werden viel Spaß miteinander haben.“
„Das kann ich dir versprechen“, erwidere ich zähneknirschend.
„Nicht so voreilig!“ Er rammt mir sein Knie in den Unterleib. Während ich mich nach Luft schnappend krümme, verbindet er mir die Augen mit einem schwarzen Tuch. „Zur Sicherheit. Blinde Löwinnen sind weniger gefährlich. Außerdem hat deine Mutter noch einige Finger, die wir ihr abschneiden könnten.“
„Mach nur weiter so“, erwidere ich keuchend, „irgendwann werde ich dir dann in die Fresse kotzen!“
Er packt meine Haare und reißt meinen Kopf hoch. „Wenn du das tust, frisst du Scheiße. Echte Scheiße.“
„Aber bitte mit Knoblauch … aua!“
„Fiona!“, schreit meine Mutter. „Hör bitte auf damit, ihn zu reizen!“
„Genau, Fiona, hör auf deine Mutter. Obwohl ich zugeben muss, dass es mir riesig viel Spaß macht, diese Sachen mit dir zu machen.“
„Fein“, erwidere ich, die Bitte meiner Mutter ignorierend. „Es wird auch mir Spaß machen, jede Lektion mit dir durchzuexerzieren.“
„Du hältst wohl nie das Maul? Soll ich dir die Zunge rausreißen?“
„Und dich damit des Vergnügens berauben, mit mir feuchte Zungenküsse auszutauschen? Mach dich doch nicht lächerlich!“
„Ach ja? Glaubst du ernsthaft, ich riskiere es, dass du mir die Zunge abbeißt, Hexe?“
„Der Trick war wohl nicht besonders gut, nicht wahr? Schade eigentlich …“
„Ja, schade eigentlich. Gehen wir!“
Eine kräftige Hand packt meinen Oberarm und führt mich. Unsere Schritte klingen hohl auf dem Korridor. Dann geht es eine Treppe rauf. Ich rieche, dass die Luft frischer wird. Ein leichter Windstoß berührt meine Haut. Weitere Männer stoßen dazu. Dass es Männer sind, erkenne ich an ihrem Geruch und an ihren harten Schritten. Hinter mir gehen meine Eltern. Ich rieche ihre Angst. Höre sie stoßweise atmen. Dann kommen wir ins Freie. Wir steigen in einen Van, trotzdem stoße ich mir den Kopf und lasse mich fluchend auf den Sitz sinken. Im Hintergrund lacht jemand.
Die Fahrt dauert etwa eine Viertelstunde. Jemand tritt an das Auto heran.
„Fahren Sie hinter dem weißen Wagen her, er führt Sie zum richtigen Flugzeug“, sagt eine männliche Stimme.
„In Ordnung. Keine Dummheiten, sonst sind die Geiseln tot!“ Wie zur Bekräftigung spüre ich plötzlich die kalte Mündung einer Waffe am Hals.
„Schon gut“, sagt beschwichtigend der fremde Mann, vermutlich ein Polizist. „Wir werden nichts unternehmen, wenn ihr vernünftig seid.“
„Ihr seid nicht in der Position, Forderungen zu stellen!“, erwidert Brodwich.
„Doch. Wenn ihr den Geiseln was antut, verliert ihr euer Schutzschild, und dann gnade euch Gott. Also spielt lieber nicht mit dem Feuer.“
„Vielen Dank für den guten Rat“, sagt Brodwich sarkastisch. „Und jetzt tritt zur Seite!“
Der Van setzt sich wieder in Bewegung, nur der Fahrbahnbelag ändert sich. Offensichtlich sind wir auf dem Rollfeld des internationalen Flughafens, auf dem Weg zum Fluchtflugzeug. Die Bestätigung dafür erhalte ich beim Aussteigen. Die Motoren des Flugzeugs laufen bereits. Ich stolpere die Treppe rauf, und erst drinnen wird mir die Augenbinde abgenommen.
Es herrscht die typische Düsternis in Großraumflugzeugen. Zwei Gänge, in der Mitte drei Sitzplätze, an den Fenstern zwei. Außer uns keine weiteren Fluggäste, was nicht weiter erstaunlich ist. Aber auch keine Flugbegleiterinnen. Nur zwei Piloten, die bereits im Cockpit sitzen.
„Die Alten setzen sich hin und schnallen sich an!“, befiehlt Brodwich. „Dann fesselt sie aneinander. Rechte Hand an rechte Hand und so weiter.“
Während die Anweisung ausgeführt wird, schaue ich mich weiter um. Es gibt nichts Ungewöhnliches zu sehen, aber ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass eine Regierung wie die von Newope Kidnapper wie diese einfach ziehen lässt. Außerdem spüre ich es einfach, dass da noch was kommen muss.
„Die Piloten sagen, dass die Maschine in einer Viertelstunde bereit sein wird“, meldet einer der Kerle.
Zusammen mit Brodwich besteht die Bande der Kidnapper aus acht Männern, die alle in schwarz gekleidet und mit Pistolen bewaffnet sind. Einige mustern mich mit unverhohlener Begierde, die auch Brodwich nicht entgeht. Er grinst, doch da ist keine Freude, keine Fröhlichkeit in seinen Augen. Er kommt näher, bis unsere Gesichter sich beinahe berühren.
„Dann haben wir ja noch etwas Zeit, nicht wahr? Die sollten wir auch nutzen. Okay, drei Leute schieben Wache, die anderen können mit ihr machen, was sie wollen. Außer umbringen, natürlich.“
Es ist ein Gefühl, als wäre plötzlich gähnende Leere im Kopf. Gleichzeitig geht ein unterirdisches, kaum spürbares Rumoren vom Magen aus. Die Beine werden weich, Hitzewellen steigen hoch, bedingt durch den plötzlichen Adrenalinanstieg im Blut. Nur dumpf höre ich das Grölen der Männer, die mich in der Nähe meiner Eltern zu Boden reißen. Da meine Hände gefesselt sind, wird das Hemd einfach zerrissen. Die anderen Kerle sind damit beschäftigt, mir Schuhe, Jeans und Schlüpfer auszuziehen. Dann erinnern sie sich wieder daran, dass ich meine Tage habe. Ein Hindernis ist das für sie nicht. Einer von ihnen reißt brutal den Tampon raus und hält ihn erstaunt hoch.
„Das Ding hat ja eine unglaubliche Saugkraft!“, stellt er fest.
„Zeig mal her!“ Der Terminator untersucht den Tampon, nicht ohne vorher daran zu riechen. „Hm … ich freue mich schon auf deine Muschi, Mädchen. Aber erst mal dieses Ding hier … ich würde sagen, das ist so was wie ein Funksender in Miniatur. Das habt ihr ja richtig schlau eingefädelt! Aber jetzt ist es Geschichte.“ Er lässt den Sender fallen und zermatscht ihn mit dem Absatz. „Aber der Trick war wirklich gut. Erst serviert ihr uns eine Kamera, die wir finden sollen, und den wirklich kritischen Teil versteckt ihr einfach in deinem Körper. Klasse. Aber es wird dir gar nichts helfen. Zur Belohnung werde ich der erste sein, der dich fickt. Wie gefällt dir das?“
„Ist dein Schwanz denn groß genug, dass ich ihn spüren werde?“
„Ich denke schon.“ Er packt ihn aus, und ich muss unwillkürlich schlucken. „Die Kinder haben mich geliebt, Schätzchen. Mann, sie haben vielleicht geschrien, wenn ich sie zum ersten Mal …“
„Genug!“, brülle ich wütend und versuche, mich aufzurichten. Ich werde an den Haaren zurückgezogen und festgehalten. Mit der anderen Hand packt der Kerl meinen Hals, zwei andere Männer halten meine Beine gespreizt fest.
Ich gebe meinen nutzlosen Widerstand auf. Er führt nur dazu, dass ich mich verspanne, und das würde die nächsten Minuten unnötig schmerzhaft machen. Sie werden so schon mehr als hart sein.
Terminator ist über mir. Er verzieht das Gesicht vor Entzücken, während er eindringt. Ich brauche meine gesamte Willenskraft, um keine Regung zu zeigen. Doch den größten Schmerz empfinde ich nicht im Unterleib. Er kommt, als mir plötzlich mit grausamer Klarheit bewusst wird, dass ich gerade vergewaltigt werde. Ich! Ich, die bisher Männer ausgelacht hat, wenn ihre Augen vor Geilheit fast rausfielen, ich, die alle Männer an die Wand geklatscht hat, wenn sie aufdringlich wurden, ich liege nackt im Flugzeug zwischen der Sitzreihe am Fenster und der mittleren Sitzreihe und werde vergewaltigt, kaum drei Meter von meinen Eltern entfernt.
„Endlich eine Regung“, sagt Terminator, dessen Gesicht sich genau über meinem befindet, und der mich genau beobachtet. „Ist dir etwa klar geworden, in welcher Lage du dich befindest?“
Es kostet viel Kraft, nicht einfach zu schreien und zu weinen, sondern eine passende Antwort zu geben: „Du wilderst ja nicht in unentdeckten Gärten, Schlappschwanz, aber die wenigsten brauchen so lange. Und auf die Größe brauchst du dir so viel auch nicht einzubilden. Glaubst du, ich lasse mich freiwillig mit Nieten ein?“
Terminator schnaubt. „Alle Achtung, Mädchen. Fast schon schade, dass du auf der falschen Seite stehst. Und jetzt entschuldige mich, ich muss eben in dir kommen.“
Ich beobachte ihn dabei. Er schließt die Augen wie alle Männer. Seine Gesichtszüge entgleisen ihm, sein Unterleib klatscht wild gegen meinen. Es tut höllisch weh. Vor allem werde ich dabei mit seinem ganzen Gewicht auf meine Arme gedrückt. Als er fertig ist, öffnet er wieder seine Augen und grinst.
„Bist du auch gekommen?“
„Du bist ein Vollidiot“, kläre ich ihn auf, kann aber nicht verhindern, dass meine Augen sich mit Tränen füllen.
„Hey, du leistest dir ja eine Schwäche! Na schön, ich will dich nicht länger blockieren. Der Nächste, bitte!“
Als der vierte Kerl in mich eindringt, verliere ich die Beherrschung. Sein Stöhnen geht unter in meinem Geheul, zumindest für mich. Der Griff um meinen Hals wird fester, so dass ich doppelt um Atem ringen muss. Als dann endlich auch dieser Kerl von mir steigt, drehe ich mich auf die Seite, die Beine angezogen, von Weinkrämpfen geschüttelt.
„Lasst sie da liegen!“, befiehlt der Terminator. „Ich wollte schon immer bei einem Start im Cockpit sein!“
Ich bleibe allein.
Meine Augen brennen, vielleicht noch mehr als mein Unterleib. Und ich bin froh über meinen halbwegs vernünftig proportionierten Körper und über meine langen Beine. Denn dadurch sind meine Arme im Verhältnis zum Oberkörper relativ lang. Mein Schluchzen wird leiser, hauptsächlich auch, weil ich mich darauf konzentriere, die Hände nach vorne zu bekommen. Mit einiger Mühe gelingt es mir aber, meine Hände nach vorne zu ziehen. Damit habe ich einen entscheidenden Vorteil gegenüber meiner Situation vor wenigen Minuten. Ich atme tief durch, spüre die Wut in mir aufsteigen und erlaube ihr, den Schmerz zu verdrängen.
Ich werfe einen kurzen Blick von unten auf meine Eltern und bedeute ihnen mit dem Zeigefinger am Mund, dass sie sich still verhalten sollen. Dann robbe ich auf allen Vieren auf das Cockpit zu.
Acht Männer, wobei einer von ihnen im Kampf nicht ins Gewicht fällt. Aber es wird trotzdem heftig werden. Sehr, sehr heftig, zumal meine Hände immer noch gefesselt sind.
Mein Freund Rollo ist auch da, ich kann ihn hören. Offenbar gibt es Streit mit dem Tower, der die Starterlaubnis verzögert. Rollo droht damit, meiner Mutter die ganze Hand abzuhacken. Bis auf einen sind alle Kerle in und vor dem Cockpit versammelt. Dieser eine steht vor den Businessclass-Sitzen, die Pistole locker in der Hand haltend. Er konzentriert sich so sehr auf das Gespräch mit dem Tower, dass er nichts von dem drohenden Unheil mitkriegt.
Lautlos nehme ich die Uhr ab und aktiviere den Spritzmechanismus. Ich kann nur hoffen, dass das Ding wirklich funktioniert. Eine Wiederholmöglichkeit gibt es nicht, schon mal gar nicht mit einer Kugel im Kopf. Ich bin erstaunlich ruhig. Mein Puls ist normal, meine Hände zittern kein bisschen, die Gedanken sind glasklar. Ich sollte über einen Berufswechsel nachdenken.
Zwischen mir und dem Bewacher gibt es etwa zwei Meter, die ich nicht unbemerkt überwinden kann. Wenn ich Pech habe, ist er mit der Pistole schneller als ich mit der Uhr. Im Moment schaut er nicht in meine Richtung. Ich richte mich schnell auf, ziele mit der Uhr auf seine Kehle und drücke ab. Ein dünner Strahl kommt aus der Spritzöffnung heraus geschossen, überwindet die Distanz bis zu dem Kerl und trifft dann seinen Hals etwas oberhalb des Adamsapfels.
Die Hand des Kerls mit der Pistole sinkt wieder hinunter, die Waffe entgleitet seinen Fingern. Aus dem aufgerissenen Mund kommt kein Laut. Dort, wo sich vorhin noch sein Hals befand, klafft jetzt ein etwa faustgroßes Loch. Ich zwinge mich, meinen Blick abzuwenden, stoße den Kerl gegen die Wand, mit der gleichen Bewegung die Pistole an mich raffend.
Der Rest geschieht unglaublich schnell.
Aus dem Cockpit kommt der Terminator angeschossen. Ich bücke mich während des Feuerns. Die Kugel reißt ihm das halbe Gesicht weg. Weitere Schüsse erklingen aus dem Cockpit, jemand schreit vor Schmerzen. Ich hechte nach links, so dass ich das Cockpit endlich einsehen kann. Einer der Piloten hängt über dem Steuerknüppel, der andere jagt gerade mehrere Kugeln in den ihm am nächsten stehenden Kidnapper. Ich erblicke Rollo. Seine Waffe hebt sich, die Mündung in meine Richtung weisend. Dann verteilt sich seine Gehirnmasse auf der Windschutzscheibe. Mit Brodwich zusammen sind noch vier über. Einer von ihnen hält bereits seine Pistole auf mich gerichtet. Ich springe zur Seite, auf die Wand zur Toilette hin, gleichzeitig schieße ich. Etwas trifft mich hart in Brusthöhe und lässt mich das Gleichgewicht verlieren. Auch mein Duellgegner geht in die Knie, gleich von zwei Kugeln getroffen.
„Raus hier!“, schreit Brodwich. „Sie sind im Anmarsch!“
Mein Versuch, ihnen hinterherzuschießen, scheitert an Kraftlosigkeit. Aber sie kommen nicht weit. Offenbar werden sie draußen bereits erwartet. Ganze Schussserien erklingen, und die Schmerzensschreie zeugen davon, dass auch Brodwich nicht entkommen kann.
Ich lasse meine Waffe los und taste die linke Seite in Brusthöhe ab. Die Finger färben sich rot. Das ist übel. Ich hatte nicht vor, heute schon zu sterben. Dabei ist es ein schöner Tag. Ich ertaste die Schusswunde, ohne dass ich Schmerzen fühle. Ich glaube nicht, dass das ein gutes Zeichen ist. Ich probiere, ob ich aufstehen kann, doch das führt nur dazu, dass rasender Schmerz plötzlich durch meinen Brustkorb schießt. Aufstöhnend lasse ich mich ganz fallen und beschließe, für den Rest meines Lebens hier liegen zu bleiben.
Aus dem Cockpit kommt der überlebende Pilot, seine Pistole in der Hand haltend. Er vergewissert sich, dass der Kerl, der mich erwischt hat, wirklich tot ist. Die zweite Kugel, die dem Kerl die halbe Seite weggerissen hat, stammte aus der Pistole, die der Pilot krampfhaft festhält. Er kniet sich neben mir nieder.
„Ich bin Polizeibeamter“, sagt er. „Haben Sie Schmerzen?“
„Mir geht es bestens“, erwidere ich keuchend. „Wieso fragen Sie?“
Er kommt nicht zu einer Antwort, denn das Flugzeug wird von maskierten Männern gestürmt. Innerhalb weniger Minuten haben sie es komplett durchsucht und melden an die Zentrale, dass die Luft rein ist. Dann tritt einer von ihnen zu uns und mustert mich. Schließlich spricht er in sein Mikrofon: „Sechs Tote, einer davon ist von uns. Außerdem ist Fiona Carter schwerverletzt. Sie hat eine Schussverletzung. Die Kugel hat möglicherweise die Lunge durchbohrt.“
„Das … das ist unwahrscheinlich“, widerspreche ich, mühsam das heftige Würgegefühl unterdrückend, das sich Bahn brechen will. „Dann würde ich Blut spucken.“
„Sie ist zumindest bei Bewusstsein und stellt Diagnosen“, fügt der Maskierte hinzu.
„Kümmert sich jemand auch um meine Eltern?“, erkundige ich mich.
„Selbstverständlich. Ihre Mutter hat einen Schwächeanfall erlitten, Ihr Vater kümmert sich um sie. Was können wir für Sie tun?“ In der Zwischenzeit hat ein anderer Befreier eine Decke besorgt und auf mich gelegt. Erst danach befreit er mich von meinen Fesseln.
„Wie wäre es, die Kugel rauszuoperieren?“
„Das sollten wir vielleicht den Fachleuten überlassen.“
Jemand kommt mit einem Erste-Hilfe-Kasten an, holt eine Mullbinde raus, schneidet ein viereckiges Stück ab und legt es auf meine Wunde. „Pressen!“, befiehlt er und drückt meine Hand dagegen.
„Behandelt ihr angeschossene Frauen eigentlich immer so behutsam?“, will ich wissen, da ich sonst ja doch nichts zu tun habe.
Der Maskierte, der zuerst zu mir gekommen ist und der Truppenführer zu sein scheint, schüttelt den Kopf. „Normalerweise nicht. Aber normalerweise haben angeschossene Frauen nicht vorher vier Schwerkriminelle erschossen beziehungsweise verätzt und sich überhaupt sehr tapfer verhalten. Sie sind eine ungewöhnliche Frau, Fiona.“
„Heute ist vielleicht doch mein Glückstag“, stelle ich fest. „Ich werde von einem Elitepolizisten gelobt. Das glaubt mir keiner!“
Der Befreier schmunzelt unter seiner Maske. „Da kommt der Arzt und jemand, den Sie wahrscheinlich kennen …“
Ich verrenke mir fast den Hals, trotzdem kann ich beide erst sehen, als die Sitzreihen nicht mehr zwischen uns sind. Beim Anblick von James wird mir warm ums Herz. Er hockt sich neben mir nieder und streichelt mein Gesicht.
„Hallo“, begrüße ich ihn. „Ich habe Flugangst, deshalb habe ich verhindert, dass die Maschine abhebt.“
„Du bist verrückt.“
„Stimmt. Hast du die Ringe dabei?“
„Ringe?“
Ich seufze. „Also muss ich Bungee-Jumping machen, ohne Seil.“
„Warte, warte! Ich habe es nicht vergessen! Aber irgendwie hatte ich keine Zeit, Ringe kaufen zu gehen, tut mir leid. Ich verspreche, wir werden es schnellstmöglich nachholen!“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich …“
„Ich störe nur ungern diese herzergreifende Romanze“, unterbricht uns der Arzt. „Aber sie muss dringend medizinisch versorgt werden. Zum Glück hat die Kugel keinen wirklich großen Schaden angerichtet, aber es war nur eine Frage von Millimetern. Außerdem hat sie etliche Prellungen. Ganz abgesehen von der Vergewaltigung.“
„Woher wisst ihr das?“
„Wir haben Kameras installiert. Deswegen waren die Befreier auch so schnell da und konnten die Flucht der Überlebenden verhindern.“
„Na ja, das hörte sich nicht so an, als wenn sie wirklich Überlebende wären …“
„Jetzt sind sie es auch nicht mehr“, sagt der Anführer der Befreier.
„Nehmen Sie die Pille?“, fragt der Arzt, während er eine Spritze aufzieht.
„Ja. Was ist das?“
„Ein Beruhigungsmittel. Ihr Herz klopft wie verrückt. Merken Sie es gar nicht?“
„Nicht wirklich …“
„Das ist der Schock. Okay, das wird etwas piksen. – So, das war’s. Hat es weh getan?“
„Was?“
Der Arzt grinst. „Ihre Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, ist bewundernswert. Aber nicht mehr nötig. Gut. Sie kommen gleich in ein Krankenhaus und werden operiert. Der Krankenwagen muss jeden Moment da sein.“
Er ist bereits da. James hält meine Hand fest, während ich auf eine Trage verladen und nach draußen gebracht werde. Und dann verlasse ich mit Blaulicht und Sirene den Flughafen, ohne davon etwas gesehen zu haben. Schweinerei.
Aber wenn ich ehrlich sein soll, habe ich jetzt nur noch einen einzigen Wunsch: Ganz viel zu schlafen!

„Wann kann ich gehen?“
Der Arzt schaut mich über seinen Brillenrand hinweg an. „Junge Dame, dass Sie bereits laufen können, ist schon ein Wunder. Vor kaum mehr als einer Woche wurden Sie als halbe Leiche bei mir abgegeben, jetzt sind Sie munter wie ein Fisch im Wasser. Sie sind ein medizinisches Wunder, wenn ich das mal so formulieren darf. Trotzdem, ich hätte ein sehr schlechtes Gewissen, wenn ich Sie zu früh entlassen würde. Ich möchte Sie noch für mindestens zwei Wochen hierbehalten.“
„Was? Ich werde hier noch wahnsinnig vor Langeweile!“
„Lesen Sie, nutzen Sie die Zeit zum Entspannen.“
„Mann, draußen ist Sommer, die Sonne scheint, meine Freunde sind alle am Strand, nur ich hocke hier drin.“
„Fiona, ist Ihnen eigentlich klar, dass Sie dem Tod nur gerade so eben von der Schippe gesprungen sind? Manche Menschen könnten nur aufgrund der Prügel, die sie bezogen haben, noch nicht aufstehen. Die Kugel ist zwar an allem Lebenswichtigen vorbeigegangen, aber trotzdem haben Sie ein Loch in der Brust, und ich habe Ihnen vor drei Minuten erst die Fäden gezogen. Warum gönnen Sie sich nicht mal eine kleine Verschnaufpause?“
„Na ja, dazu werde ich noch viel Zeit haben, wenn ich mal in der Holzkiste von den Würmern gefressen werde.“
„Das war drastisch. Wollen wir hoffen, dass es noch lange nicht so weit ist.“
„Ja, sicher. Was ist denn nun? Ich gebe Ihnen noch bis Ende der Woche, dann gehe ich.“
„Darüber unterhalten wir uns noch.“
Ich lasse ihn in dem Glauben und gehe auf mein Zimmer, das ich nur mit mir selbst teile. Mein Vater wartet bereits auf mich, die Schachfiguren sind aufgestellt, Kaffee und Kuchen stehen einladend auf dem Nachtschränkchen.
„Und? Was hat er gesagt?“
„Er war nicht gerade begeistert von meinem Terminplan.“
„Das wundert mich nicht. Ich habe dich nach der Operation besucht. Du lagst da auf der Intensiv, voller Schläuche, mit dem dicken Verband, das Gesicht grün und blau … ich hätte darauf gewettet, dass du frühestens in zwei Monaten allein auf die Toilette gehen kannst.“
„Jetzt übertreib mal nicht.“ Ich beiße herzhaft in den Berliner. „Wie geht es Mama?“
„Sie trägt es mit Fassung. Vorhin hat sie gesagt, den Topf beim Kochen kann man auch mit zwei Fingern hochhalten.“
„Seit wann kocht sie selbst? Na ja, egal. Du bist dran.“
Ich habe in den letzten Tagen Schach spielen gelernt. Als mein Vater mich das erste Mal besuchte, war ich noch nicht wirklich fit. Ich bemerkte ihn sogar erst, als er den Stuhl ans Bett heranzog und sich setzte. Er wirkte noch abgespannt. Eine Platzwunde an seiner Stirn war mit Pflaster zugeklebt. In seinen Augen sah ich etwas, was früher nie da gewesen war: Respekt.
„Hallo“, sagte er leise. „Wie fühlst du dich?“
„Ich müsste lügen, wenn ich sagen wollte, es geht mir gut.“
Er lächelte schwach. „Immerhin ist dein Geist wohl schon wieder fit. Das freut mich. Als sie dich weggefahren haben, machte ich mir wirklich Sorgen. Aber die Ärzte haben dich wohl ganz gut wieder hingekriegt.“
„Ich hoffe es. Mama liegt auch hier?“
„Ja, eine Etage tiefer. Sie ist ziemlich vollgepumpt mit Schmerzmitteln und schläft zum Glück viel. Ich hoffe, sie kann den Verlust ihrer Finger einigermaßen gut verkraften. Schon die Art, wie sie es getan haben, erinnerte mich an einen schlechten Horrorfilm.“ Er schwieg ein paar Sekunden, bevor er zögernd fortfuhr: „Fiona … ich bin natürlich nicht nur hier, um Small Talk zu halten. Deswegen eigentlich gar nicht. Ich bin hier, weil ich dir Danke sagen und mich entschuldigen wollte.“
„Aha … ich bin etwas überrascht … positiv.“
„Ich hatte in den letzten 24 Stunden ziemlich viel Zeit zum Nachdenken. Ich glaube, ich habe dich bisher in deinem Leben oft nicht so gut behandelt. Wir wollen fair sein, du hast es uns auch nicht immer leicht gemacht. Trotzdem, ich hätte wahrscheinlich mehr Geduld mit dir haben müssen. Tja, ich kann nur eins sagen: Das hier ist eine ganz besondere Situation, die besonders starke, emotionale Elemente enthält. Da neigt man schon mal dazu, Versprechungen zu machen, die im Alltag vielleicht keinen Bestand haben. Ich kann nur sagen, dass ich versuchen werde, in Zukunft toleranter mit dem umzugehen, was du präsentierst, was du bist. Bist du bereit, so was wie einen Neuanfang mit mir zu wagen?“
„Ähm … ich glaube, ich muss gleich heulen … irgendwie ist das schon komisch. Da muss erst so was Schreckliches passieren, damit man sein Leben überdenkt. Wahrscheinlich komme ich auch nicht ungeschoren davon. Wie auch immer, natürlich bin ich bereit. Ich bin absolut nicht scharf darauf, Krieg gegen dich zu führen.“

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