Leseprobe 5: Fiona – Der Beginn

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Meine Eltern sitzen noch am Frühstückstisch, als ich runterkomme.
„Na, willst du endlich wieder arbeiten?“, empfängt mich mein Vater.
„Guten Morgen“, erwidere ich mürrisch. „Lass mich bloß in Ruhe! Ich glaube, ich werde demnächst ausziehen, wenn das so weitergeht. Ich kann deine zynischen Anspielungen nicht mehr ertragen. Außerdem werde ich wirklich arbeiten, aber bei der Polizei.“
„Wofür hältst du dich eigentlich? Für einen weiblichen Columbo? Und was die zynischen Bemerkungen angeht, die hast du selbst zu verantworten.“
„An unserer ausgezeichneten Beziehung trage ich ganz sicher allein die Schuld. Nur habe ich jetzt keine Lust, darüber zu diskutieren. Gleich kommen Laura und Ben, um mich abzuholen. Wenn ihr nämlich wirklich Interesse daran hättet, was ich mache, wüsstet ihr, was gestern so passiert ist.“
„Zumindest sind die äußerlichen Veränderungen nicht zu übersehen“, bemerkt mein Vater spöttisch. „Hast du dich wieder geprügelt?“
„Ich wurde angeschossen.“
Das sitzt. Meine Mutter lässt ihr Besteck fallen, und selbst mein Vater vergisst für einen Moment, dass ich nur die missratene Tochter bin.
„Angeschossen?“
„Oh, bin ich zu euch durchgedrungen? Zwei Berufskiller haben versucht, mich ins Jenseits zu befördern. Jetzt sind sie dort. Savage haben sie dafür aber umgelegt. Aufgehängt.“
„Oh mein Gott!“ Mutter starrt mich entsetzt an. „Was ist mit seiner Mutter?“
Ich schüttle den Kopf. „Weiß nicht. Wahrscheinlich war die Polizeipsychologin bei ihr.“
„Fiona, rede endlich!“ Mein Vater starrt mich mit einer Mischung aus Wut und Angst an.
Scheiße! Ich wünschte, ich müsste es nicht tun. Ich hasse es. „Es … es tut mir leid. Aber das, was ich euch gleich sagen werde, ist nicht sehr angenehm. Ich wollte es auch nicht glauben, aber dann habe ich es mit eigenen Augen gesehen. Norman … Norman wurde umgebracht, um andere zu warnen. Er … scheiße!“ Ich hole tief Luft. „Er hat Pornofilme gedreht, Savage auch. Mit Kindern und Erwachsenen. Dann hat er die Produzenten erpressen wollen, dafür haben sie ihn umgebracht. Und jetzt auch Savage. Und weil ich das rausgefunden habe, sollte auch ich dran glauben. Zwei Killer auf Motorrädern haben mich verfolgt, einer bis in ein Kaufhaus …“
„Du warst das?“, fragt mein Vater ungläubig. „Ich habe die Überschrift gelesen, nicht den ganzen Artikel.“
„Vater! Hast du mir überhaupt zugehört?“
„Natürlich. Aber ich glaube dir nicht.“
„Das habe ich mir gedacht“, erwidere ich resigniert. „Ich habe einen Film gesehen, in dem beide mitgespielt haben. Und wir haben gestern Nachmittag den Videothekar verhaftet, der den Schund unter der Ladentheke verkauft. Mutter …?“
Sie starrt an mir vorbei, die Augen weit aufgerissen. Mein Vater springt auf und holt zwei Tabletten. Er sorgt dafür, dass Mutter beide nimmt und viel Wasser hinterhertrinkt.
„Das hast du sauber hingekriegt“, sagt er dann zu mir. „Ihr psychischer Zustand war sowieso labil, das mit den Filmen hat ihr den Rest gegeben. Wenn es überhaupt stimmt. Gnade dir Gott, wenn du hier einen zusammenfantasiert hast!“
„Du spinnst wohl“, flüstere ich. Um mich herum dreht sich alles. „Interessiert es euch wirklich nicht, dass ich fast getötet und angeschossen wurde?“
„Aber du lebst noch, Norman nicht.“
„Aha, wäre ich tot, dann würdet ihr mich also ganz doll liebhaben, aber da ich noch lebe und euch grausame Wahrheiten erzählen kann, bin ich – ich, Fiona, eure Tochter – euch vollkommen egal! Weißt du was? Ich hasse euch!“
Ich springe auf und renne raus. Mein Vater versucht zwar, mich zurückzurufen, aber ich würde höchstens zurückgehen, um ihn umzubringen. Ich setze mich vor dem Haus auf die Stufen und drücke mein brennendes Gesicht gegen die nackten Knie. Dass für meinen Vater das Nesthäkchen Norman, ein Junge auch noch, mehr bedeutet hat als ich, das ist mir schon seit Langem klar. Für ihn ist er sogar bereit gewesen, sein Büro zu verlassen, wenn er ein Spiel hatte. Für mein Schulabschlussfest, bei dem die Abiturzeugnisse feierlich überreicht wurden, ließ er sich mit einem dringenden Besprechungstermin entschuldigen – durch seine Sekretärin. Trotzdem habe ich bis vorhin gedacht, er würde wenigstens akzeptieren, dass auch ich sein Fleisch und Blut bin. Trotz der vielen Streitereien, die wir gehabt haben, bei denen ich als Kind auch die eine oder andere Ohrfeige kassiert habe, habe ich irgendwie erwartet, dass mein Tod ihn traurig machen würde. Doch jetzt bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.
Als ich zu Laura und Ben ins Auto steige, starren sie mich fragend an. Ich bitte um ein Papiertaschentuch, wische damit mein Gesicht halbwegs trocken und putze mir die Nase.
„Ich habe mich mit meinem … Vater unterhalten“, erkläre ich dann trotzig.
„Muss eine bemerkenswerte Unterhaltung gewesen sein“, meint Laura.
„Ich möchte nicht darüber reden, okay?“
„Kein Problem. Aber über deine Kleidung sollten wir reden.“
„Was ist damit?“
„Sie ist nicht ganz angebracht. Nicht wirklich.“
Warum regen sich alle über meine Kleidung auf? Es ist Hochsommer und heiß. Sowohl das Top als auch die Jeans-Shorts tragen lediglich dieser Tatsache Rechnung. Und zu solchen Shorts passen Cowboystiefel am besten. In der Innenstadt laufen Dutzende von gutaussehenden Frauen so rum, außerdem einige, die es lieber nicht tun sollten.
„Es ist heiß“, erwidere ich die Kurzfassung meiner Gedanken.
„Ist ja auch egal“, winkt Laura ab. „Ich persönlich würde mich selbst bei der größten Hitze nicht so anziehen.“
„Warum nicht? Beim Schwimmen trägst du keinen Bikini?“
„Doch, eigentlich schon. Hör zu, Fiona, vergessen wir dieses Thema. Uns ist durchaus klar, dass du dich emotional in einer sehr schwierigen Situation befindest.“
„Schön gesagt, danke. Und nachdem auch das geklärt ist, sollten wir uns den alltäglichen Aufgaben widmen. Was machen wir mit Stanley Mime?“
„Wir müssen irgendwie aus ihm ein paar Namen rausquetschen“, antwortet Ben, während er sich endlich nach rechts in den Querverkehr einfädelt. Ich wäre schon zehnmal gefahren. Deswegen sitze ich auch nicht am Steuer.
„Das hört sich gut an. Ich glaube bloß nicht, dass eine Nacht im Knast reicht, ihn mürbe zu machen.“
„Wir werden ihn im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten permanent verhören. Ich glaube nicht, dass er sehr widerstandsfähig ist. Er ist in Wirklichkeit ein Versager, der in seinem jämmerlichen Leben noch nichts Gescheites zustande gebracht hat.“
„Na, dann ist es ja einfach“, stelle ich spöttisch fest.
Ich ignoriere bei unserem Einzug ins Präsidium die gierigen Blicke geiler Männer und die neidischen Blicke feiger Frauen. Feige? Was ist mutig daran, mit so wenig Stoff am Hintern rumzulaufen, dass ein Teil der Arschbacke raushängt? Okay, so dramatisch ist es nicht. Aber wenn du ehrlich zu dir bist, Fiona, mit dem Wetter hat dein Aufzug heute wirklich nichts zu tun. Nur, ich will ja gar nicht ehrlich sein.
Stanley Mime macht nicht den Eindruck eines Mannes, der ernsthaft in Erwägung zieht, mit der Polizei zu kooperieren. Daran ändert sich auch in den nächsten Stunden nichts. Vor Ben türmen sich die leeren Kaffeebecher, und der Aschenbecher könnte eine Leerung ganz gut gebrauchen. Ich halte mich die ganze Zeit diskret im Hintergrund. Und beobachte Stanley. Gegen Mittag mache ich den Vorschlag, Ben abzulösen. Er winkt.
„Mach nur. Viel Erfolg.“
Es ist mit Sicherheit gegen die Vorschriften, aber ich bin allein mit Mime. Als Erstes biete ich ihm Kaffee an, was bis jetzt keiner getan hat. Er nimmt dankbar an. Ich schaue ihm zu, wie er den Kaffee schlürft.
„Müsste bei so viel Zucker doch ekelhaft süß sein“, bemerke ich.
„Kaffee muss süß sein.“
„Wie die Kleinen?“
„Was für Kleine? Ich habe wirklich keine Ahnung, was ihr von mir wollt. Ich hatte einen einigermaßen guten Job. Den kann ich mir ja jetzt wohl abschreiben.“
„Du findest bestimmt was Neues. Kakerlaken deiner Sorte fallen auch immer auf die Füße.“
„Ist das der Preis für den Kaffee? Dass ich mich beleidigen lassen muss?“
„Nein, natürlich nicht. Den Kaffee gibt es umsonst. Hey, Stanley, was ist das eigentlich für ein Gefühl, von einer Zehnjährigen einen geblasen zu bekommen?“
„Das ist ziemlich billig“, knurrt er.
„Klar. Aber es ist auch ziemlich billig, wenn du behauptest, von all dem nichts zu wissen. Ich meine, ich habe persönlich ein Pornovideo von dir in die Hand gedrückt bekommen, auf dem Kinder zu Sex gezwungen werden. Sexueller Missbrauch von Kindern, das ist schon ziemlich heftig. Da werden selbst Leute, die andere auf brutalste Weise gefoltert und getötet haben, plötzlich zu Moralaposteln. Ben … Ben ist der Beamte, der sich bisher um deine Antworten bemüht hat, also, dieser Ben erzählte mir vorhin von Claas Hendriks. Ein Geschäftsmann von tadellosen Manieren und exzellentem Ruf. Leider hatte er etwas unglückselige Neigungen. Aufgrund eines psychischen Defekts, der wohl was mit seiner Kindheit zu tun hatte, konnte er nur in Kindern kommen. Irgendwann brachte er sein Opfer mal um. Und das erregte ihn so sehr, dass er fortan diesen ganz besonderen Kick brauchte. Er hat insgesamt sieben Kinder im Alter zwischen acht und dreizehn erst umgebracht und sich anschließend an ihnen vergangen. Aber, wie so oft, auch er wurde gefasst und überführt. Na ja, sie haben ihm den Damm nähen müssen. Sage und schreibe 27 andere Gefängnisinsassen haben ihn innerhalb von einer Stunde gefickt. Als er Anzeige erstatten wollte, riet ihm der Gefängnisdirektor ernsthaft, sich das genau zu überlegen, sein Gefängnis hätte zurzeit etwa 3000 Insassen. 3000 Schwänze im Männerarsch, das kann böse enden.“
„Warum erzählst du mir diese Horrorgeschichte?“, erkundigt sich Stanley.
„Damit du schon mal anfangen kannst, deine Schließmuskeln zu trainieren.“
„Ich bin aber kein Kinderschänder!“
„Das behauptest du. Was wir dir jedenfalls nachweisen können, ist der Vertrieb von Kinderpornos. Da machen die anderen im Knast aber keinen großen Unterschied mehr. Glaub mir, du wirst gut durchtrainierte Schließmuskeln im Gefängnis brauchen.“
„Ihr könnt mir gar nichts nachweisen.“
„Ich denke, meine Zeugenaussage wiegt mehr als dein Schweigen. Als Beweis haben wir immerhin die Kassette. Dazu kommen zwei Tote. Mein Freund, du steckst in sehr ernsthaften Schwierigkeiten. Da ist allerdings noch eine andere Sache. Du musst wissen, ich bin ein Krimifan. Da gibt es einen uralten Trick, der mir wirklich gut gefällt. Der Chef von Ben und Laura lässt gerade eine Pressemitteilung abfassen, dass wir eine heiße Spur haben. Aufgrund der Aussage eines Kronzeugen sind bald weitere Festnahmen zu erwarten. Um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden, können wir leider keine Namen nennen. Andererseits – wenn du dich weigerst, mit uns zusammenzuarbeiten, können wir dich natürlich tatsächlich nicht weiter festhalten.“
„Du lügst! Das ist illegal, also wird das auch nicht gemacht.“
„Bist du sicher? Ich sehe schon, du hast überhaupt keine Ahnung von echter Polizeiarbeit. Na ja, du wirst es ja erleben. Ich sage jetzt Bescheid, dass das Verhör wegen Ergebnislosigkeit beendet wird.“ Auf dem Weg zur Tür drehe ich mich noch einmal um. „Ach ja, wie werden eigentlich Verräter bei euch denn bestraft?“
„Fick dich ins Knie!“
„Ich weiß zwar nicht wie das geht, werde es aber bei Gelegenheit mal ausprobieren. Ich besuche dich dann in der Pathologie.“
Der Junge ist widerstandsfähiger, als ich dachte. Er ruft mich erst zurück, als ich schon die Hand am Türgriff habe. Ich drehe mich mit einem fragenden Blick um.
„Du hast was von einem Kronzeugen gesagt“, sagt Stanley und leckt sich über die Lippen. „War das ein Scherz oder so was?“
„Da lässt sich sicherlich etwas machen, entsprechendes Entgegenkommen deinerseits vorausgesetzt.“
„Du bist doch eigentlich keine echte Polizistin, nicht wahr? Du bist doch die Schwester von Norman Carter.“
„Das kann dir doch egal sein, welche Rolle ich spiele. Du bist hier in U-Haft bei der Polizei und wirst von mir offiziell verhört.“
„Also gut, wenn ich es von einem Polizeioffizier höre, dass ich in das Verfahren für Kronzeugen reinkomme, liefere ich euch alles, was ich weiß. Aber dann kein Gefängnis und dafür Schutz, bis ihr die Drahtzieher der Organisation kassiert habt.“
„Bist du sicher, dass du so wertvolle Informationen hast?“
„Ich kann euch zumindest sagen, wer das Material liefert und direkten Kontakt zu den Hintermännern hat. Damit müsstet ihr an diese herankommen, oder?“
„Möglicherweise. Okay, ich werde den Lieutenant informieren. Aber ich warne dich. Du hast nur eine Chance. Wenn du uns verscheißerst, endoskopiere ich dich mit der bloßen Hand!“
„Vielleicht wäre das ja ganz geil“, grinst er.
„Ganz sicher nicht.“
Jack Siever schaut erst einmal etwas dumm aus der Wäsche, als ich ihm von dem Deal erzähle. Nach kurzem Überlegen nickt er aber und meint, ich solle mich bei ihm bewerben. Gleichzeitig greift er nach dem Telefon, um mit dem Staatsanwalt zu sprechen.

Ich betrachte die Pistole, die Laura mir hinhält. „Habe noch nie so ein Ding in der Hand gehabt.“
„Aber Schusswaffen schon?“
Ich muss unwillkürlich grinsen. „Die richten aber keinen Schaden an!“
„Die hier auch nur bei unsachgemäßem Gebrauch. Und wenn wir schon alle Regeln ordentlicher Polizeiarbeit über Bord werfen, dann auch richtig. Es steht ja wohl fest, dass wir es nicht mit besonders skrupelbehafteten Leuten zu tun haben. Jetzt nimm schon!“
Ich lege die Hand um den Pistolengriff. Kühl und hart.
„Dieser Knopf entsichert die Waffe. So kannst du nachsehen, ob sich eine Kugel im Lauf befindet. Und wenn du das hier drückst, verlässt diese Kugel den Lauf durch diese Mündung. Möglicherweise wird dadurch ein menschliches Leben auf dieser Welt beendet. Also schön vorsichtig sein. Und damit das auch klappt, möchte ich dich bitten, auf dieses Pappmännchen da hinten zu schießen. Versuch einfach nur, es zu treffen. Egal wo.“
„Ganz egal?“
Laura nickt und setzt den Ohrschutz auf. Ich folge ihrem Beispiel, dann lege ich die Pistole an. Mit dem Daumen entsichere ich die Waffe. Auch wenn ich noch nie eine Waffe in der Hand gehalten habe, weiß ich, dass Kimme und Korn eine Linie bilden müssen. Zuerst ziele ich ganz genau auf das Herz des Pappkameraden, dann fällt mir ein, dass der Rückstoß die Pistole hochreißen wird. Also ziele ich etwas tiefer.
Der erste Schuss zerfetzt den oberen Rand des Kopfes. Der zweite trifft den Hals. Der dritte und alle restlichen durchlöchern das aufgemalte Herz.
Als die Zielscheibe herangefahren ist und alle die Einschüsse sehen können, herrscht nur noch betroffenes Schweigen. Schließlich fragt Siever: „Wo haben Sie hingezielt?“
„Jedes Mal auf das Herz. Aber die ersten beiden Schüsse waren Mist, weil ich zu hoch gehalten habe.“
Siever schaut Laura und Ben an. „Legt euch niemals mit ihr an. Ich weiß nicht, wie sie das macht. Jedenfalls ist sie ein Natural Born Killer. Glück für uns, dass sie nicht auf der Gegenseite steht. Wann kriege ich die Bewerbung?“
Laura reicht mir stumm das Schulterhalfter. Ich sehe ziemlich idiotisch aus, bauchfreies Top und eine Pistole unter der Achsel. Andererseits, einmal haben sie schon versucht, mich umzubringen. Beim nächsten Mal kann ich mich wenigstens effektiver wehren. Die Wunde am linken Oberarm pocht leise, wohl auch wegen der Erschütterungen bei den Schüssen.
Gerry Malcolm. Das ist der Name, den Stanley Mime ausgespuckt hat. Er ist der Polizei nicht unbekannt. Seine Hauptdelikte sind bewaffneter Raub, Autodiebstahl und am häufigsten Körperverletzung, einmal mit Todesfolge. Strafmildernder Umstand war die Tatsache, dass der Getötete selbst die Schläge provoziert hatte. Dass die Schläge von Gerry etwas heftiger ausfielen, das war ja nun wirklich nicht seine Schuld. Meinte er …
„Das sind die Typen, die ich so liebe“, bemerke ich im Auto, während wir uns sichtbar dem Ghetto nähern. Ghetto, so habe ich South Village getauft. Äußeres Anzeichen ist das zunehmende Alter und der immer vernachlässigtere Zustand der Gebäude.
„Ich glaube kaum, dass in eurem Viertel viele von denen rumlaufen“, erwidert Laura leicht gereizt.
„Das stimmt allerdings.“ Ich betrachte im Vorbeifahren eine Gruppe Jugendlicher vor der Filiale einer Megastore-Kette. Greg könnte dabei sein. „Aber hier dafür umso mehr.“
„Wann hast du dich denn hierher verirrt?“
„Als ich mit Greg zusammen war. Er war der Leader einer Gang und wohnte hier im Viertel bei seiner Mutter. In den zwei Monaten, die wir zusammen waren, schlief ich öfter hier.“
„Wie kamst du denn an so einen?“
„Wir haben uns beim Karatetraining kennengelernt. Allerdings wollte er eigentlich nur schnell Karate lernen, um sich in seiner Gang besser durchsetzen zu können. Darum fehlte ihm die nötige Willenskraft. Als ich ihm gesagt habe, dass es aus ist mit uns, ging er sogar auf mich los.“
„Und dann?“
„Da passierte nicht viel. Er trainierte damals seit einem halben Jahr, ich seit sieben. Aus Wut darüber, dass er tatsächlich versucht hat, mich zu verprügeln, war ich nicht sanft zu ihm. Na ja, im Ficken war er jedenfalls um Klassen besser.“
„Musst du dich immer so vulgär ausdrücken?“ Laura schüttelt verärgert den Kopf.
„Das ist nicht vulgär, das ist ungeschminkt, ohne Pathos, wie es ist. Ficken ist jedenfalls bestimmt treffender als miteinander schlafen. Es ist keineswegs nötig, dabei zu schlafen. Ich glaube, ich hätte mich von einer Brücke gestürzt, wenn jemals ein Kerl in mir eingeschlafen wäre.“
„Ist das nur Angabe, oder hast du wirklich den größten Teil deines Lebens damit verbracht, dich durch die Männerwelt Skylines zu schlafen?“
„Ich gebe nie an.“
„Wie viele?“
„Was?“
„Männer. Oder waren auch Frauen dabei?“
„Keine Frauen. Ich habe es zwar noch nicht probiert, aber der Gedanke hat schon keinen Reiz für mich. Tja, wie viele? So genau weiß ich es nicht. Viele.“
„Was ist denn mit Aids oder überhaupt, allgemein mit Geschlechtskrankheiten?“
„Was soll sein? Schon mal was von Gummi gehört?“
„Immer? Hast du einen ganzen Vorrat bei dir?“
„Nicht immer. Ich entscheide es intuitiv.“
„Das macht HIV auch“, bemerkt Ben zynisch.
„Schon möglich“, erwidere ich achselzuckend. „Wir müssen alle mal sterben.“
„Fragt sich nur, wie.“
„Sagen dir Namen wie Rock Hudson oder Freddy Mercury etwas?“, erkundigt sich Ben.
„Willst du mich verarschen? Sagt dir der Name John Wayne etwas? Hot Spot, Krebs, krepiert. Kein Sex, kein Aids, trotzdem krepiert. Und viele andere auch. Kennst du Lex Barker? Durchtrainiert, sportlich, mit kaum mehr als 50 Herzversagen. Mann, Ben, kapierst du es nicht? Der Tod holt dich, wenn er es will, nicht wenn du es willst. Du kannst gar nichts dagegen machen.“
„Tut mir leid, das ist mir etwas zu heftig. Gilt das für dich immer, oder nur beim Sex?“
„Ben, zwei Profikiller haben es nicht geschafft, mich in die Kiste zu bringen. Glaubst du wirklich an Zufälle?“
„Du hast verdammt viel Glück gehabt, das ist alles.“
„Oh Mann, Ben, ich verrate dir ein offenes Geheimnis: Natürlich war ich in der Kneipe und habe mich mit Brodwich und Kumpanen geprügelt. Neun Mann gegen eine Frau. Weißt du, in welchem Zustand die neun Männer sich hinterher befanden? Ich habe so was vorher noch nie gemacht und mir fast in die Hose geschissen. Es gibt Gott und es gibt Schutzengel, und meine Schutzengel sind verdammt aufgeweckt. So wie es aussieht, will Gott mich noch am Leben erhalten. Worüber sollte ich mich da aufregen?“
„Glaubst du den Müll eigentlich, den du da verzapfst?“, fragt Ben verzweifelt.
„Ist es denn Müll? Vergiss es, Ben, du hast keinen Sinn für das Mystische. Ich bin eigentlich voll die Asketin. Eine größere Gottesleugnerin wirst du nicht finden. Quatsch, gegen Gott habe ich eigentlich gar nichts. Ich bin Kirchenhasserin. Jede Form von Kirche ist mir zuwider. Gott gar nicht. Es ist eine Definitionsfrage. Aber eins weiß ich: So wie ich Auto fahre, so wie ich eigentlich alles in meinem Leben mache, müsste ich schon längst die Radieschen von unten beobachten. Wahrscheinlich werde ich 100 oder älter. Hoffentlich finde ich dann noch Männer, die keine Angst davor haben, mich anzufassen.“
„Fiona, du bist eine Vollidiotin!“ Ben hakt mich offensichtlich ab. Für ihn sind nur diejenigen Menschen, die realistisch genug denken, in 666 nur eine Zahl zu sehen.
„Wahrscheinlich“, flüstere ich. „Da ist übrigens das Haus, in dem Malcolm wohnt.“
Das Haus hat fünf Stockwerke, davor einen Parkplatz und Garagen. Zur Rückseite hin gibt es vermutlich weitere Garagen und Gärten. Typisches Haus in dem Ghetto. Genauso typisch sind die spielenden Kinder in ihren abgewetzten Klamotten mit den Holzschwertern. Demnach lief gestern wieder ein Hau-und-Degen-Film im Fernsehen. Nicht nur für diese Gegend typisch sind die Blicke, welche die etwas älteren Jungs mir zuwerfen. Dabei sehe ich aus wie eine Vogelscheuche. Platzwunde an der rechten Wange, Schürfwunde am Kinn und dicker Verband am linken Oberarm. Okay, dazu braungebrannte Beine und flacher Bauch, Männerträume.
Hm …
Im Treppenhaus stinkt es. Nach Nikotin und Alkohol, aus einer Wohnung zusätzlich nach Pisse.
„Die könnten auch mal einen Klempner rufen“, stellt Laura angewidert fest.
„Vielleicht wohnen hier Natursektliebhaber“, erwidere ich grinsend.
„Du etwa auch?“
Ich verziehe das Gesicht. „Nein, das nicht. Habe zwar viele Dinge ausprobiert, aber Natursekt oder Kaviar – nein danke!“
„Und hintenrum?“
„Na klar! Muss nur richtig vorbereitet sein.“
„Alles klar. Themenwechsel. Da ist die Wohnung von Malcolm.“
Laura läutet Sturm. „Polizei! Machen Sie die Tür auf!“
Die Kugel bricht durch das Holz und pfeift knapp an ihr vorbei. Etwas bleich hechtet sie zur Seite. Ben und ich reißen unsere Pistolen hervor, dann trete ich die Tür ein. Etwas unüberlegt, aber ich habe mal wieder Glück. Niemand zu sehen. Ich renne an Ben vorbei, obwohl er versucht, mich zurückzuhalten. Wahnsinnige soll man doch gehen lassen! Ich kann Malcolm hören. Er klettert gerade aus dem Küchenfenster und feuert dabei noch nebenbei in meine Richtung. Während ich mich ducke, zerspringt über mir die getroffene Wanduhr.
Ben kommt hechelnd neben mir an. „Bist du bescheuert?! Willst du dich umbringen lassen?“
„Reg dich ab. Ihr solltet ihn lieber unten abfangen.“
„Und du?“
„Ich mache Treibjagd!“
„Das gefällt mir aber …“ Den Rest kriege ich nicht mehr mit, als ich zum Fenster sprinte und vorsichtig nach unten schaue. Malcolm bewältigt gerade die letzten Meter, ohne nach oben zu schauen. Ich springe auf den Sims und von dort auf die Feuerleiter. Lasse mich an einer Strebe hinuntergleiten, wobei meine Hände etwas warm werden. Fluchend hebe ich meine Pistole wieder vom Boden hoch, wohin ich sie vor Schmerz fallen ließ. Dann nehme ich die Verfolgung des Flüchtigen auf. Natürlich macht er es uns allen unnötig schwer, indem er über die Hinterhofgärten geht. Zäune und Ähnliches stellen für ihn kein Hindernis dar, für mich aber auch nicht. Auf die Idee, mal nach hinten zu schauen, kommt er allerdings nicht, sonst bliebe er vielleicht sogar stehen. Wer läuft schon vor einem einsamen Mädchen davon, vor allem, wenn man ein stadtbekannter Schläger ist? Nicht so gut fürs Renommee.
Malcolm ist groß, kräftig und durchtrainiert. Das beweist er durch die Schnelligkeit, mit der er Zäune überwindet, aber auch seine Laufgeschwindigkeit ist nicht ohne. Trotzdem verringert sich der Abstand zwischen uns. Mein geringeres Gewicht erlaubt es mir, niedrigere Zäune auch im Freiflug zu nehmen. Dann bleibt der Kerl auf einem Hof, der von Garagen gesäumt wird, endlich stehen und dreht sich um. Ich richte meine Pistole auf ihn, er seine auf mich. Das weckt unangenehme Erinnerungen.
„Du bist also dieses Wundermädchen“, keucht er. „Dein Ruf eilt dir inzwischen voraus!“
„Du bist ein richtiger Poet“, erwidere ich, mich über mich selbst wundernd. Eigentlich müsste meine Hose schon ganz nass sein. Wieso empfinde ich keine panische Angst? Ganz im Gegenteil, ich genieße es! „Wagst du es auch abzudrücken? Es dauert ein Momentchen, bis die Kugel hier ist. Sie hat etwa eine Geschwindigkeit von, sagen wir mal, 6000 Kilometern in der Stunde. Das sind acht bis zehn Meter zwischen uns, macht etwa 5 Millisekunden. In dieser Zeit habe auch ich abgedrückt, glaub es mir. Dein Kollege war sogar langsamer als ein Messer. Also, was ist? Willst du es probieren?“
„Du bist wahnsinnig“, sagt er, sich die Lippen leckend. „Wer bist du, zum Teufel?“
„Mein Name ist Fiona Carter, und ihr habt meinen Bruder auf dem Gewissen. Wie wollen wir es handhaben? Okay, ich gebe dir eine faire Chance. Wir legen beide die Pistolen weg und tragen es mit bloßen Händen aus. Wenn du es schaffst, mich aufs Kreuz zu legen, kannst du abhauen. Okay?“
„Hör zu, ich habe 20 Jahre Kampfsporterfahrung.“
„Das ist gut, denn dann wird es nicht so langweilig. Machen wir es? Warte nicht lange mit der Entscheidung, gleich sind die Kollegen hier.“
„Also gut. Ich werde mit Freude erzählen, dass ich der Gans aus Derek die Schnute gestopft habe.“
„Werd lieber nicht übermütig. Ich zähle bis drei, dann legen wir beide unsere Pistolen auf den Boden und kicken sie gesichert weg. In Ordnung?“
„Fang an!“
Wir bringen die Prozedur hinter uns. Dann richtet sich der Gorilla auf und bleckt die Zähne. Er würde es wahrscheinlich grinsen nennen.
„Komm, greif an!“, fordert er mich auf.
Ich tu ihm den Gefallen, aber sehr, sehr halbherzig. Er schlägt mein Bein zur Seite und lässt seins hochschnellen. Ich weiche zurück, immer und immer wieder. Was er anfangs noch als Spiel locker macht, wird langsam zu wütenden Attacken. Ich begnüge mich damit, ihn immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Mag ja sein, dass er 20 Jahre Kampfsporterfahrung hat. Aber er scheint es nie richtig gelernt zu haben. Durch seine Kraft und Brutalität kann er sich bei Leuten, die nicht selbst trainieren, sicherlich durchsetzen und denen auch imponieren. Er beherrscht zumindest einige Kicks, wenn auch sehr unsauber. Aber von durchdachten Kombinationen hat er noch nie etwas gehört.
Dann wird es mir zu bunt. Ich wehre seinen nächsten Tritt mit dem linken Bein ab und ziehe mit dem rechten übergangslos hinterher. Die Stiefelspitze erwischt seine Magengrube. Ich drehe mich um die eigene Achse, mein linker Absatz explodiert auf seinen Rippen. Malcolm hebt ab und schlittert noch zwei, drei Meter nach der Landung weiter.
Während er noch damit beschäftigt ist, sich zu sammeln, hole ich meine Pistole und richte sie auf seine Eier.
„Ich habe es noch nie gemacht, daher weiß ich nicht so genau, wie die Auswirkungen wären“, fange ich an, „aber ich könnte mir gut vorstellen, dass so ein Schuss in die Kronjuwelen zwar schmerzhaft, aber nicht tödlich ist. Ich meine, du hast mich angegriffen, ich musste mich verteidigen. Wer weiß schon, dass du kampftechnisch eine Niete bist?“
Malcolm setzt sich auf, die Rippen mit schmerzverzerrtem Gesicht massierend.
„Bleib sitzen, sonst kannst du dir Plastikeier annähen lassen“, sage ich ruhig.
Er wirkt, als wollte er meine Warnung ignorieren. Dann scheint er sich daran zu erinnern, wie es Brodwich ergangen ist, als er meine Worte nicht ernst nahm, denn er bleibt sitzen.
„Du bist eine Schlampe, eine verfluchte“, teilt er mir dann mit.
„Deine Ansichten interessieren mich nicht. Irgendein Arschloch wie du hat meinen Bruder gekillt, und plötzlich stelle ich fest, dass mir diese Scheißshow sogar Spaß macht. Insofern hätte ich kein Problem damit, dir die Eier wegzuschießen. Gib mir nur einen Grund. Tust du das? Jetzt?“
„Du bist ja völlig durchgedreht!“ Malcolm kriecht auf dem Hintern rückwärts.
„Hey, beweg dich lieber nicht!“ Ich hebe die Pistole an, die Mündung nach wie vor auf seine Eier gerichtet. Dann lasse ich ein Grinsen über mein Gesicht huschen. „Hör nicht auf mich, Gerry. Tu es, ich möchte so gern auf dich schießen.“ Ich krümme leicht den Zeigefinger. „Los, flieh, greif mich an, sitz nicht so rum!“
„Pass mal auf, Mädchen …“ Gerry schwitzt. „Ich habe dir nichts getan, deinen Bruder habe ich auch nicht gekannt. Was soll das also?“
„Scheißer, hör auf zu lügen, okay? Wir wissen genau, dass du ein Kurier bist! Schau mich an! Gerry Malcolm, wessen Eier soll ich denn wegschießen? Deine? Oder gibt es da noch jemanden?“
„Wer sagt mir denn, dass du nicht trotzdem abdrückst, nachdem du den Namen hast?“
„Keiner“, antworte ich grinsend. „Wenn ich ehrlich sein soll, wäre es mir sogar lieber, wenn du es vorziehst, dein Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Doch genug der Vorfreude. Ich bin schon feucht im Schritt bei dem Gedanken, dir eine Kugel in den Schritt zu verpassen. Also, ich zähle bis drei. Wenn du lieb bist, wehrst du dich, versuchst zu fliehen, gibst mir endlich den Grund. Eins-zwei …“
„Warte! Warte, verdammt! Er heißt Jay King Rollo! Ich schwöre, dass ich nichts weiß! Er ist derjenige, der die Hinterleute kennt! Nimm jetzt endlich die Waffe weg!“
„Du verdirbst mir den Spaß, wenn du die Wahrheit gesagt hast. Das macht mich verdammt wütend! Aber … warum sollte ich dir glauben?“
„Verdammt, warum sollte ich lügen? Du schießt mir doch die Eier weg, wenn ich lüge!“
„Ich kann es aber jetzt nicht überprüfen. Ich denke, ich blase dir schon mal ein Ei weg. Als Vorschuss. Was hältst du davon?“
„Verdammt, nein! Hör jetzt auf!“
Er scheint richtig erleichtert zu sein, als mit quietschenden Reifen Laura und Ben neben uns anhalten. Als die beiden rausspringen, drücke ich ab. Außer einem matten Klack ist nichts zu hören.
„Habe nie behauptet, eine Kugel wäre im Lauf“, sage ich lächelnd.
Malcolm ist weiß wie das Gewand eines Gespenstes. Seine Adern schwellen an, er sieht aus, als würde sein Kopf gleich platzen.
„Aber im Magazin schon …“ Die Kugel trifft neben ihm den Boden, jagt als Querschläger jaulend davon und bleibt in einem Garagentor stecken.
„Was soll das?“, fährt Laura mich an.
„Oh, nichts. Ich habe nur eine Unterhaltung mit ihm geführt.“
„Sie ist völlig durchgedreht!“, brüllt Malcolm. „Sie wollte mir die Eier wegschießen! Sie ist verrückt!“
„Die Idee mit den Eiern ist nicht schlecht“, konstatiert Ben. „Aber natürlich darf eine Polizistin so was nicht. Fiona, was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen?“
„Na ja, wir sollten lieber Jay King Rollo besuchen. Vielleicht kann er was zu meiner Verteidigung vorbringen.“
„Oh, der ist das?“ Ben geht zu Malcolm, um ihm Handschellen anzulegen. „Jemand, der so heißt, kann ja auch nicht dicht sein.“
„So wie ihr“, erklärt Laura. „Na los, packt den Mistkerl ins Auto und lasst uns zu dem König der Zuhälter fahren.“

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