Leseprobe 4: Fiona – Der Beginn

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Ich hasse es. Ich hasse es, im Rampenlicht zu stehen. Schon wenn gelegentlich mein Vater, bedingt durch seine Position infolge seiner finanziellen Macht, ins Zentrum des öffentlichen Interesses geriet und die Fotografen auftauchten, sah ich immer zu, dass ich möglichst weit weg kam. Doch diesmal ist mir dieser Fluchtweg verwehrt. Denn ich bin die Hauptperson.
Die Fotografen sind schon da, als ich auf einer Trage in den Ambulanzwagen getragen werde. Doch als die mit mir losfahren wollen, erhebe ich lautstarken Protest. Schließlich hat die Kugel meinen Arm nur gestreift. Sicher, es tut höllisch weh. Und eigentlich habe ich auch keine Ambitionen zur Heldin. Aber noch viel weniger Lust habe ich, die Nacht im Krankenhaus zu verbringen. Deswegen stelle ich den Arzt vor die Alternativen, mir die Wunde entweder an Ort und Stelle zu nähen oder zuzusehen, wie ich unbehandelt die Flucht ergreife. Als gewissenhafter Arzt wählt er natürlich die erste Alternative.
Während aufgrund der Spritze mein linker Arm langsam taub wird und der Arzt ihn säubert und die Wunde desinfiziert, betrachte ich den Fahrer, ohne ihn wirklich zu sehen. Tatsächlich laufen vor meinem geistigen Auge die Bilder der jüngsten Vergangenheit ab. Ich sehe die Polizisten, die auf die Toilette stürmen und entgeistert den Toten betrachten, dann mich. Ich, das ist ein Bündel Elend auf dem Boden, zusammengekauert und hemmungslos flennend. Einer von ihnen ruft Verstärkung herbei und schildert knapp die Situation, der andere versucht, aus mir wieder einen verständigen Menschen zu machen. Das ist ein ziemlich schwieriges Unterfangen, dennoch schafft er es irgendwann, dass ich ruhiger werde. Ich kann mich sogar aufsetzen und die rechte Hand auf die blutende Wunde pressen. Zwischenzeitlich wurde auch die unfreiwillige Zeugin entdeckt und beruhigt. Da sie bestätigt, wenn auch nur stockend, dass ich das Opfer, nicht die Täterin bin, untersuchen die Polizisten die Leiche, ohne fündig zu werden. Und da sie auch noch tot ist, ist es nicht einfach, sie zu ihrer Identität zu befragen.
„Was wollte er von Ihnen?“, erkundigt sich ein Polizist zwischendurch.
„Mich erschießen“, antworte ich schniefend.
„Wieso? Die Leute sagen, er hat Sie durch das ganze Kaufhaus gehetzt.“
„Er war schon auf dem Highway hinter mir her, zusammen mit einem Kollegen …“
„Da gab es wohl einen Unfall.“
„Der andere Kerl wurde überrollt. Dieser war geschickter.“
„Aber nicht geschickt genug“, meint der andere Polizist mit einem Blick auf das Messer.
„Ich bin zu jung zum Sterben.“
Der Polizist schüttelt den Kopf, der erste bemerkt: „Ich bin noch keiner jungen Frau begegnet, die mit einem Messer einen Profikiller killt, als der sie erschießen will. Das ist mehr als nur Überlebenswille.“
„Außer etwas mehr als einem Jahrzehnt Kampfsport habe ich nichts vorzuweisen. Kommt eigentlich bald mal ein Arzt?“
„Er ist gleich hier, Miss …“
„Carter. Mein Name ist Fiona Carter.“
„Die Tochter des Softwareunternehmers?“
„Ja“, erwidere ich mürrisch.
„Interessant. Erst der Bruder, jetzt Sie.“
Ich finde das auch interessant, aber anders als der Polizist.
Der erste Nadelstich, den ich trotz Betäubung spüre, reißt mich aus meinen Gedanken und lässt mich zusammenzucken.
„Hey, nicht bewegen!“, schimpft der Notarzt.
„Tut mir leid“, erwidere ich leise.
Während der Arzt den letzten Faden reinzieht, erscheint in der Tür der Schatten des Lieutenants. Ich mustere ihn nervös. Vorbei die Zeit der Ausreden, hier gab es zu viele Zeugen. Wie soll ich dafür eine plausible Erklärung finden?
„Sie hätten intensiver nachdenken sollen“, bemerkt er gleichmütig. „Die Blockade Ihrer Denkvorgänge hätte Sie leicht das Leben kosten können.“
„Wir müssen alle mal sterben.“
„Eine dämliche Antwort, oder?“
Er hat leider recht. Ich nicke stumm.
„Wir müssen ernsthaft miteinander reden. In welches Krankenhaus werden Sie gleich gebracht?“
„In gar keins“, beeile ich mich zu antworten. „Ambulante Behandlung und fertig.“
„Gegen meinen ausdrücklichen Rat“, fügt der Arzt hinzu.
„Sie ist ziemlich stur“, sagt Jack Siever. „Aber mir passt das gut in den Kram.“
„Wollen Sie mich verhaften?“, erkundige ich mich kleinlaut.
„Das sollte ich eigentlich tun. Aber ich habe keine Handhabe. Immerhin gibt es eine zuverlässige Zeugenaussage, dass Sie in reiner Notwehr gehandelt haben. Ich könnte Sie höchstens unter Polizeischutz stellen. Leider habe ich nicht genug Leute, also müssten Sie doch ins Gefängnis …“
„Vergessen Sie es. Eher schieße ich mir den Weg frei.“
„Womit?“, fragt er süffisant.
„Es gibt genug Waffen um mich herum. Muss mich nur bedienen.“
„Langsam traue ich Ihnen sogar das zu. Ich denke, wir können uns gegenseitig das Leben einfacher machen. Sie erzählen mir, was los ist, im Gegenzug können wir uns darüber unterhalten, wie Sie sich an den Ermittlungen beteiligen. Was halten Sie davon?“
„Das kommt darauf an, was Sie mit ‚an den Ermittlungen beteiligen‘ meinen.“
„Nun, ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass Sie Ihre Fähigkeiten aktiv einsetzen. Natürlich im Rahmen eines Teams und nicht unbedingt mit den Vollmachten einer Polizistin.“
„Und Sie versuchen nicht, mich zu beschützen oder nach Hause zu schicken?“
„Beschützen schon, allein dadurch bereits, dass Sie sich im Team befinden. Zu Hause könnte ich Ihre Sicherheit nicht garantieren, daher nein.“
„Na schön. Sobald ich hier weg kann, werde ich Ihnen etwas zeigen. Aua!“
„Entschuldigung“, brummt der Arzt und weckt ganz und gar nicht den Eindruck, als meine er es ernst.
Nachdem er mit seiner Folterbehandlung endlich fertig ist, betrachte ich meinen verbundenen Oberarm. Faszinierend. Eine Schusswunde. Jemand hat auf mich geschossen, hat versucht, mich zu töten. Stattdessen ist er jetzt tot. Das allererste Mal, dass ich gewaltsam das Leben eines anderen Lebewesens, eines anderen Menschen, beendet habe. Ich bin mir nicht sicher, dass mich diese Tatsache so erschüttert, wie sie es sollte.
„Hat er schön gemacht“, sagt der Lieutenant.
„Wie? Was?“
„Der Verband ist schön. Aber trotzdem könnten Sie mit der Bewunderung dieses wunderbaren Beispiels ärztlicher Verpackungskunst aufhören.“
„Sie sind gar nicht romantisch, Lieutenant. Also gut, ich muss zu meinem Auto.“
Dessen Anblick treibt mir die Tränen in die Augen. Tapfer öffne ich die Tür und hole die Videokassette unter dem Sitz hervor.
„Was ist darauf? Politiker heimlich bei Sexspielen gefilmt?“
„Schlimmer, viel schlimmer. Haben Sie in Ihrem Büro einen Videorekorder?“
Er nickt amüsiert.
„Lachen Sie nicht. Wegen der hier hat jemand versucht, mich umbringen zu lassen.“
„Wegen dieser Kassette?“
„Indirekt schon, ja.“
Der Lieutenant fährt mich in seinem Buick ins Präsidium. Um in sein Büro zu kommen, müssen wir durch einen großen Raum mit gut zwei Dutzend Schreibtischen und ebenso vielen Menschen. Ich würde verrückt werden, müsste ich hier arbeiten. Siever lässt zwei Polizisten mitkommen, einen jungen, elegant gekleideten Mann und eine Frau, der man deutlich jede ernüchternde Erfahrung ihres Lebens ansieht. Er macht die Tür zu und bietet mir einen Sitzplatz an.
„Das ist Fiona Carter“, sagt er. „Fiona, die Detectives Laura Holler und Ben Norris. Ihr seid ab sofort ein Team.“
„Was?“ Laura Holler starrt ihren Chef völlig entgeistert an.
„Fiona bekommt Hilfspolizistinstatus nach § 566 des Bürgergesetzbuchs. Das Gesetz ist zwar gut 150 Jahre alt, aber immer noch gültig.“
„Aber … aber sie ist doch völlig unerfahren“, stottert Laura.
„Das sind Polizeianwärter auch, wenn sie ihr Praktikum anfangen. Immerhin hat sie es geschafft, zwei professionelle Killer zu erledigen, die sie töten sollten.“
„Das ist gut fürs Kino, aber nicht für unsere alltägliche Arbeit.“
„Ein wenig Abwechslung ist eigentlich ganz interessant. Betrachtet es mal anders: Da Fionas Leben bedroht wird, müssen wir sie sowieso beschützen. Mit ihr in einem Hotelzimmer zu hocken auf unbekannte Dauer, wäre doch noch viel schlimmer und langweiliger. Das ist nämlich die Alternative.“
„Alles, nur das nicht! Also gut. Aber ich kann nicht versprechen, ihr immer jeden Schritt haarklein zu erklären.“
„Das ist auch nicht nötig“, erwidere ich. „Folgende Fakten: Das Auto, mit dem mein Bruder getötet wurde, hat das Kennzeichen SEV-09-6. Der Halter des Fahrzeugs ist Charles Brodwich und hat angeblich ein Alibi …“
„Nicht nur angeblich. Das Alibi ist wasserdicht, wir haben es überprüft.“ Ben Norris blättert in seinem Notizblock. „Um die fragliche Zeit war er bei seinen Eltern, die diese Aussage übereinstimmend bestätigt haben. Er kann unmöglich am Steuer gesessen haben.“
„Schön, aber das ist nicht so wichtig. Ich kann damit leben, dass er nicht selbst gefahren ist. Er ist trotzdem nicht sauber.“
„Das ist wahr. Genau wissen wir es nicht, aber er ist wahrscheinlich ein kleiner Haifisch. Nicht bedeutend genug, dass wir uns um ihn kümmern.“
„Meinetwegen. Richtig interessant wird es durch das hier.“ Ich halte die Kassette hoch und Siever zeigt auf den Videorekorder, der in einer Ecke rumsteht. Ich spule einige Meter zurück und schalte dann ein.
Alle drei Polizisten lehnen sich vor, als ihnen klar wird, was sie sehen. Am interessantesten ist das Gesicht des Lieutenants. Spielte bis jetzt stets ein leicht spöttischer Ausdruck in seinen Augenwinkeln, so ist das jetzt völlig weg. Als er zwischendurch mal einen Blick auf mich wirft, sehe ich nur aufrichtige Anteilnahme und tiefe Nachdenklichkeit.
Nach einigen Minuten schalte ich den Videorekorder wieder aus. Es ist still. Die Polizisten leisten Verdauungsarbeit.
Schließlich bricht Siever das Schweigen: „Das ist in der Tat sehr interessant. Das gibt dem Fall eine Wendung, mit der ich absolut nicht gerechnet habe. Woher haben Sie das?“
„Unter der Hand in einer Videothek bekommen, nachdem mir Savage davon erzählt hat.“
„Aha. Ihnen erzählt er also alles, nur uns nicht. Womit hat er begründet, dass Norman sterben musste? Oh, das tut mir leid …“
„Schon gut. Damit muss ich sowieso fertig werden. Norman und Savage haben dafür Geld gekriegt, während die meisten der Kinder gezwungen wurden. Und werden. Als Norman das klar wurde, hat er versucht, die Schweine zu erpressen. Sie haben dann ein Exempel statuiert.“
„Das alles hat Savage erzählt?“
„Ja.“
„Wie zum Teufel haben Sie das hingekriegt?“
„Kinder reden mit Kindern eher als mit Erwachsenen …“
„Das ist aber jetzt mehrdeutig“, bemerkt Ben Norris.
„Sagen wir es mal so: Ich bin noch nicht so alt, dass ich alles Kindliche verloren hätte. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Ich denke, wichtig ist, dass aus einem tragischen Unfall eine richtig große Sache geworden ist. Immerhin sind die Mistkerle bereit, dafür zu töten, dass sich niemand in ihre Angelegenheiten mischt. Was habt ihr also jetzt vor?“
„Erst einmal ist das ein Mordfall und damit unser Bereich“, stellt der Lieutenant fest. „Also gut, Fiona, ich erkenne an, dass Sie ein Naturtalent sind. Sicherlich hatten Sie auch viel Glück, aber daneben haben Sie auch sehr viel Zivilcourage bewiesen. Ich biete Ihnen ganz ernsthaft eine gleichberechtigte Zusammenarbeit an. Wir brauchen Savage als Zeugen, deswegen ist eine Ihrer ersten Aufgaben, ihn zur Zusammenarbeit zu bewegen. Haben Sie Interesse?“
„Klar. Es ist allemal interessanter als eine Trainee-Stelle bei meinem Vater. Aber nur unter einer Bedingung: Ich bin bei allem dabei. Nicht dass es heißt, jetzt ist es brenzlig, bleib zu Hause.“
„Einverstanden, allerdings in dem Maße, wie ich das verantworten kann. Wenn Sie verletzt oder getötet werden, weil ich nicht die Bremse gezogen haben, haben wir alle einen Schaden davon.“
„Schön. Was ist mit den beiden Killern? Kennen wir deren Identität? Ihr habt ständig was von professionellen Killern erzählt.“
„Das waren sie auch. Bezahlte Berufskiller, seit Langem gesucht. Sie haben Glück gehabt, dass die beiden Sie unterschätzt haben. Sie hielten Sie für keine große Aufgabe und sind entsprechend etwas lax an die Sache herangegangen. Was einem wirklich guten Berufskiller nicht passiert wäre.“
„Ich habe schon mein ganzes Leben immer wieder solche Glücksfälle erlebt. Sie müssen mir zu Hause aufgelauert haben. Die Frage ist, woher sie wussten, dass ich zu Hause sein würde. Als ich nach Hause kam, waren sie nicht da, und ich war nicht lange dort … es sei denn, sie haben mich beobachtet. Scheiße!“
„Was ist?“
„Dann wissen sie wahrscheinlich auch, dass ich mit Savage geredet habe!“
„Wo ist er jetzt?“
„An einem Ort, wohin er und Norman sich öfter zurückgezogen haben. Ich brauche ein Auto!“
„Wir kommen mit“, sagt Laura.
„Aber ich fahre. Ich weiß, wo es ist.“
Ich fahre zum ersten Mal einen zivilen Einsatzwagen. Wahrscheinlich verstoßen wir damit gegen sämtliche Vorschriften, dass ich mit Blaulicht und Martinshorn durch die Stadt rase. Zumal ich jetzt noch weniger Rücksicht auf irgendwas nehme als sonst. Ich glaube, Laura und Ben bereuen inzwischen sehr, dass sie mich haben fahren lassen. Ben atmet sogar hörbar aus, als ich den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Spielplatz abstelle.
Dann laufe ich vor, trotz der Warnrufe der beiden, die es nicht ganz schaffen, hinter mir herzukommen. Aber die Sorge, ja, Angst um Savage lässt mich sogar die berechtigte Vorsicht vergessen. So komme ich schweißgebadet auf der kleinen Lichtung an, von der aus man das Baumhaus sehen kann.
In der Ferne ist das Rauschen der Autobahn zu hören, in den Bäumen zwitschern Vögel. Ein leichter Wind geht leise durch das Laub, lässt einzelne Blätter rascheln. Irgendwo klopft ein Specht und erbittet Einlass. Die sich bewegenden, belaubten Äste werfen Schattenspiele auf den Boden und auf das Gesicht von Savage.
Dutzende von Fliegen umschwärmen ihn.

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