Leseprobe 3: Fiona – Der Beginn

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„Er hat nach Ihnen gefragt“, teilt mir die diensthabende Schwester ungefragt mit, als ich im Krankenhaus antanze.
„Hat er auch gesagt, warum?“
„Nein. Er hat nur gefragt, wann Sie kommen.“
„Das ist aber immerhin mehr als vorher.“
„Haben Sie ein Berufsgeheimnis? Oder teilen Sie uns mit, wie Sie das geschafft haben?“
„Es ist ein Berufsgeheimnis.“
Savage liegt scheinbar genauso da wie gestern. Das Buch neben ihm auf dem Schrank. Als ich jedoch leise „Hallo“ sage, da dreht er den Kopf und schaut mich an.
„Endlich.“
„Hast du etwa auf mich gewartet?“
„Vielleicht.“
„Vielleicht ist keine Antwort.“
„Sind Engel so? Ja oder nein? Nichts dazwischen? Ich liebe Farben. Und ich liebe Engel. Einen Engel.“
Ich verspüre den innigen Wunsch, mich irgendwo zu setzen. Es kostet Kraft weiterzumachen.
„Engel sind dazu da, um geliebt zu werden. Liebe ist etwas Schönes.“
„Engel sieht man aber erst, wenn man tot ist.“
„Das ist nicht wahr. Du siehst mich doch.“
„Ich bin tot.“
„Du bist nicht tot, Sava. Vielleicht wünschst du es dir, tot zu sein. Aber du lebst. Sonst wäre ich nicht hier.“
„Hast du Angst vor den Toten?“
„Nein, aber ich mag mehr bei den Lebenden sein. Der Tod ist ziemlich langweilig, weißt du.“
„Kennst du das Lied, in dem es heißt, dass wir noch so jung sind, aber schon daran denken, von dieser Welt zu fliehen?“
„Natürlich. Ein sehr trauriges Lied, traurig-schön. Es gibt andere, fröhlichere Lieder.“
„Ich mag dieses Lied sehr. Diese Welt ist so grausam. Oder sehe ich aus wie ein Gewinner? Wenn du ein Engel bist, besorgst du mir einen CD-Player und diese CD. Schaffst du das?“
„Natürlich …“
Ich fahre in die Stadt und kaufe einen Discman und einige CDs. Auch diese CD. Ich setze mich in ein Eiscafé und höre mir das Lied an, immer wieder. Es ist ein grausames Lied. Wie viele Teenager haben sich deswegen wohl umgebracht? Meine Gedanken schweifen ab. Können Engel wirklich fliegen, über den Wolken, die Menschen, klein wie Ameisen, unter sich beobachten, wie sie ihr kümmerliches Leben leben, an ihren Idealen hängen und nicht ahnen, wie bedeutungslos sie doch in Wirklichkeit sind? Ich wünschte, ich könnte ein Engel sein. Engel, lern fliegen …
„Signorina, ist alles in Ordnung?“
Mir wird plötzlich bewusst, dass der italienische Kellner schon mehrmals diese Frage gestellt hat. Ich nehme den Kopfhörer ab und schaue ihn seufzend an, meine Tränen abwischend. Dann nicke ich. Ich fürchte, meine Stimme habe ich nicht unter Kontrolle.
Ich laufe durch die Innenstadt, völlig orientierungslos. Mein Kopf ist leer. Was ist bloß los mit mir? Kann ein Lied einen Menschen derart durcheinanderbringen? Komm schon, Fiona, mach dir nichts vor! Es ist nicht das Lied, es ist dein Leben! Dieses scheißverfluchte Leben, das Lied bringt es dir nur in Erinnerung. 23 sinnlose Jahre liegen hinter dir, und das tut weh, verdammt weh! OK, ändere es doch!
Niemand ändert sein Leben einfach so. Will ich das wirklich, wirklich, wirklich? Brücken könnten dabei abbrennen, und das gemächliche Bächlein würde vielleicht zu einem reißenden Fluss. Von Krokodilen zerfetzt zu werden, ist bestimmt nicht so angenehm. Und doch, es ist so schön und beruhigend, im stillen Wald zu stehen, die Füße vom ruhigen Wasser umspült, Sonnenschein dringt durch das Laub und dann der Gesang der Vögel. Irgendwo sind vielleicht die Wolken, irgendwo donnert und blitzt es wahrscheinlich, aber hier, hier ist paradiesische Ruhe. Das willst du aufgeben? Diese idyllische Langeweile? Närrin …
Meine Hand zittert beim Anzünden der Zigarette. Ich fahre nach Hause, nehme eine volle Whiskyflasche mit auf mein Zimmer und mache sie innerhalb einer Stunde knochentrocken. So bleibt mir wenigstens keine Erinnerung an den Rest des Tages.

Beim Frühstück sehe ich meinen Vater wieder. Er mustert mich mit einem undefinierbaren Blick. Ich weiß schon, wieso. Genauso starrte mich das Mädchen im Spiegel an. Eine Flasche Whisky hinterlässt grausame Spuren. Da hilft auch keine kalte Dusche.
„Wird das jetzt zu deiner Angewohnheit?“, erkundigt er sich.
„Vater, lass das. Ich bin auch so schon beschissen genug drauf.“
„Das nennt man Kater.“
„Darauf kann ich wirklich verzichten! Herzlichen Dank für dein Mitgefühl!“
Arschloch! Vor Erregung schmeiße ich die Tasse mit der Milch um, aber es ist mir so egal. Ich hole den Discman und die CDs und fahre ins Krankenhaus. Zu dem Jungen, der an Engel glaubt. Der an das Schöne im Tod glaubt. Verflucht. Ästhetik des Todes, so ein Blödsinn! Tod ist immer grässlich, ich habe es gesehen. Wenn du in die gebrochenen Augen eines toten Dreizehnjährigen geschaut hast, dann wirst du nie wieder denken, der Tod hätte etwas mit Ästhetik zu tun.
Savas Augen leuchten heller als Supernovas, als ich ihm den CD-Player und die CDs auf das Bett lege. Mit freudiger Erregung legt er eine CD, die CD, in das Gerät, stülpt sich den Kopfhörer über und drückt den PLAY-Knopf. Sein Gesicht erstrahlt, während er zurückgelehnt die Musik hört. Ich trete derweil ans Fenster und schaue hinaus.
Oh ja, die Welt ist grausam. Und wie viele kommen auf die Welt, um als Verlierer geboren zu werden? Fragt sich nur, wer die größeren Verlierer sind: Diejenigen, die sterben, oder diejenigen, die überleben? Der Himmel ist wolkenverhangen. Keine dunklen Regenwolken, die in einem die verborgenen Todessehnsüchte wecken können. Leicht gräulich, fast so, als würden sie eigenes Licht abstrahlen. Jemand, vielleicht Gott, hat einen Vorhang über die Erde gelegt. Er hätte besser schwarzen Stoff genommen.
Oh ja, die Welt ist grausam.
Aber nicht grausamer als der Tod.
Ich wende mich an Sava. Er beobachtet mich.
„SEV-09-6“, sagt er.
„Bitte?“ Ich brauche einen Moment. Sava wiederholt nicht. Ich tu das für ihn. „SEV-09-6?“
Sava nickt. „Lass mich allein, Engel. Du musst fliegen.“
„Brauchst du noch etwas?“, erkundige ich mich.
„Du weißt, was ich brauche“, lautet seine geheimnisvolle Antwort, und mehr lässt er auch nicht aus sich herauskitzeln.
Ich fahre nach Hause, dabei mute ich meinem Gehirn eine ungewohnte Tätigkeit zu: Nachdenken. Eigentlich müsste ich mit meiner Information zur Polizei gehen. Doch was dann? Sie vernehmen den Mann, vielleicht gibt er einen Unfall zu und dass er den Kopf verloren hat. Er geht dafür nicht einmal ins Gefängnis. Die Alternative: Ich versuche selbst rauszufinden, wem das Auto mit diesem Kennzeichen gehört. Und dann? Da fällt mir nur noch mein Versprechen ein.
Das erste Problem ist, den Halter zu ermitteln. Meine Bekanntschaften bei der Polizei sind nicht gerade zahlreich. Und ich kenne keinen einzigen Polizisten oder einen Verwaltungsangestellten, der für mich die nötigen Informationen auf inoffiziellem Wege besorgen würde. Aber … vielleicht kenne ich doch jemanden, der zumindest die richtigen Leute ansprechen kann. Ob er dies auch tut, steht auf einem ganz anderen Blatt. Es ist zumindest einen Versuch wert.
Ich schleiche mich ins Haus, damit keiner mich sieht, auch Nicholas nicht. Meine Eltern scheinen gar nicht da zu sein, zumindest steht der große BMW nicht in der Garage. Ich ziehe mich um. Kurze Hosen, bauchfreies Top, Sportschuhe. Zumindest verbessert das meine Chancen. So hoffe ich es. Dann begebe ich mich in meine Sonnenecke. Hier pflege ich mich nackt zu bräunen. An zwei Seiten von Bäumen verdeckt, auch vom Haus her ist der Platz versteckt; die Nachbarsgrundstücke sind auch weit weg. Bis auf eins, aber das ist in diesem Fall sogar ein Vorteil. Ich schwinge mich über den Zaun und bahne mir meinen Weg durch das Gestrüpp zum Haus hin, das deutlich kleiner ist als unseres. Dafür wohnen auch nur zwei Menschen darin.
Leslie Flame ist eine alte Schulfreundin von mir. Jetzt studiert sie Wirtschaftswissenschaften, was sie in den Augen meines Vaters zu einem vollwertigen Menschen macht, im Gegensatz zu mir. Ihr Vater, James, der sie allein erzieht, war zehn Jahre beim Geheimdienst und verfügt angeblich über einige Kontakte, immer noch. Jetzt arbeitet er als Immobilienmakler, insbesondere für Geschäftsklientel. Er gehört zu den wenigen Glücklichen, die einen sauberen Ausstieg geschafft haben.
Übrigens ein Mann wie aus dem Bilderbuch. Obwohl er langsam auf die 50 zugeht, sieht er noch aus wie die Jungs aus der Marlbororeklame. Klasse! Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er einer der ersten Männer war, mit denen ich geschlafen habe. Vor 7 Jahren. Ich war damals minderjährig, eine Tatsache, die er immer im Hinterkopf behalten musste, wenn ich ihn um kleine Gefallen bat.
Er hockt jetzt neben der Terrasse und versucht, bunten Blumen Leben einzuhauchen. Ich nähere mich ihm leise bis auf wenige Schritte und räuspere mich. Er fährt so heftig herum, dass ich unwillkürlich zurücktrete. Nachdem er mich erkannt hat, lässt er die kleine Harke sinken und atmet tief durch.
„Du bist etwas wahnsinnig, junge Dame“, sagt er mit seiner tiefen, leicht vibrierenden Stimme. Vielleicht vibriert aber auch nur mein Gehirn.
„Ähm … ich hatte eigentlich nicht vor, dich zu erschrecken. Deine heftige Reaktion hat mich überrascht …“
„Na schön. Wenn du zu Leslie willst, sie ist an der Uni.“
„Ich wollte aber nicht zu Leslie.“
„Aha.“ Er mustert mich gründlich, und ich überlege, vielleicht doch lieber zur Polizei zu gehen. „Meinst du nicht, es ist doch irgendwann mal verjährt?“
„Äh … irgendwie schon … ich meine … hör zu, dieses eine Mal noch, danach lasse ich dich in Ruhe. Aber es ist sehr wichtig für mich. Und ich brauche nur eine Information von dir.“
„Soso … und deswegen läufst du rum wie eine Nutte?“
Vermutlich werde ich tatsächlich rot, entgegen meinen sonstigen Angewohnheiten.
„Wir haben Sommer …“
„Dreh dich mal um.“
„Wieso?“
„Ich vermute, deine Arschbacken hängen raus …“
„Die Hose ist etwas knapp geschnitten“, gebe ich zu. „Schau nur in meine Augen.“
Jetzt schmunzelt er doch. „Damit du mich hypnotisieren kannst?“
„Komm schon, du musst zugeben, dass ich eigentlich nie irgendwie unverschämt in meinen Forderungen war. Es waren eher Gefälligkeiten, um die ich dich gebeten habe.“
„Ja, aber mit sehr viel Nachdruck.“
„Na ja. Ich habe mich aber auch immer erkenntlich gezeigt.“
„Wie man es nimmt.“
„Hat dir mein Kuchen nicht geschmeckt?“
„Lassen wir das Thema. Was soll ich für dich tun?“
„Ich habe ein Kennzeichen und weiß nicht, wer der Halter des zugehörigen Autos ist. Das möchte ich ändern.“
„Wie kommst du darauf, dass ich dir dabei helfen kann?“
„Ich hoffe es. Es ist mir wirklich sehr wichtig.“
„Was ist das für ein Auto? Wurde Norman damit getötet?“
„Ja.“
„Dann kann die Polizei dir sagen, wem es gehört.“
„Die wissen nicht, dass ich das Kennzeichen habe.“
„Fiona, das ist kein gutes Spiel. Du bringst dich in eine Situation, aus der du nicht mehr ohne Blessuren rauskommst. Was genau hast du vor, wenn ich dir die Information gebe?“
„Ist das wichtig?“
„Vielleicht ist es besser, wenn ich es nicht weiß. Warte hier!“
Er geht ins Haus, zum Telefonieren. Ich schaue mir die Blumen an. Der geborene Gärtner ist er nicht. Am liebsten würde ich mich hinhocken und selbst Hand anlegen. Aber es ist sein Garten. Ich sollte einfach nicht mehr herkommen. Er ist wütend auf mich, und eigentlich ist das auch gerechtfertigt. Seit sieben Jahren komme ich gelegentlich vorbei und will was von ihm, dafür, dass er damals einmal ran und rein durfte. Ausgeglichen ist das wirklich nicht. Okay, das ist das letzte Mal. Aber auf diese Information kann ich nicht verzichten.
Als er zurückkommt, drückt er mir meinen Zettel mit dem Kennzeichen in die Hand. „Hier. Von mir hast du das nicht.“
„Danke. Ich verspreche, ich werde dich nicht mehr belästigen.“
„Wir werden sehen.“
Ich nehme denselben Weg zurück, den ich gekommen bin. In unserem Garten angekommen, werfe ich endlich einen Blick auf den Zettel. Charles Brodwich. Den Namen wird es nicht allzu oft geben. Ich werde im Internet auch schnell fündig. Die Adresse ist allerdings nicht gerade vertrauenserweckend. Anderson Road geht quer durch Center Village, das schon lange nicht mehr das blühende Zentrum von Skyline ist. Im Gegenteil. Dorthin ziehen zu müssen bedeutet einen echten sozialen Abstieg.
Ich fahre also nach Center Village, voller Hoffnung, dass ich auch mit meinem eigenen Wagen wieder da rausfahren werde. Die Adresse von Brodwich sieht gar nicht mal heruntergekommen aus. Den Wagen sehe ich allerdings nirgendwo, was aber nichts bedeuten muss. Er wohnt im dritten Stock eines Mietshauses, dessen Glanzzeit schon lange vorbei ist. Im Flur riecht es nach verbranntem Essen und Moder. Hinter der Nachbarstür schreien Kinder.
Auf mein Klingeln hin geht Hundegebell los, aber niemand öffnet. Nach dem zweiten Klingeln und wildem Gebell in höchster Lautstärke und wechselnden Frequenzen, reißt jemand die Tür der Nachbarswohnung auf und eine Frau, die ihre Glanzjahre ebenfalls schon hinter sich hat, schreit mich an, ob ich nicht mal langsam kapieren würde, dass das dämliche Arschloch nicht da ist.
„Wo könnte ich ihn denn finden?“
Sie mustert mich. Mir wird bewusst, dass es wohl besser gewesen wäre, wenn ich mich umgezogen hätte.
„Wenn er sich ein Flittchen bestellt, könnte er wenigstens da sein“, meint sie schließlich. „Versuch es bei Derek. Da treibt er sich oft rum.“
„Wo ist das?“
„Du kennst dich hier wohl überhaupt nicht aus? Die Straße nach rechts, an der dritten Ecke auf der linken Seite. Ich würde da allerdings an deiner Stelle nicht hingehen. Nicht so.“
„Danke.“ Auf der Straße atme ich erst mal tief durch. In Filmen sieht so was immer viel einfacher aus. Ich fahre die kurze Strecke zur Kneipe. Davor steht auch ein Geländewagen. Ich betrachte seine Rückfront. Wenn Blut daran geklebt hat, dann wurde es sorgfältig wieder entfernt. Überhaupt sieht der Wagen wie neu poliert aus. Ich kann mir schon denken, warum.
Mein Herz klopft wie wild, als ich die Kneipe betrete, die nach dem gleißenden Sonnenlicht wie eine Dunkelkammer wirkt. Ich bleibe ein paar Sekunden stehen, um mich daran zu gewöhnen.
Es sind mit dem Wirt etwa neun Männer in der Kneipe, auf zwei Gruppen verteilt. Kein einziger davon sieht so aus wie mein Traummann. Sie sind sogar meilenweit davon entfernt. Neun Augenpaare starren mich unverhohlen an. Am liebsten würde ich umkehren und davonlaufen. Wahrscheinlich können sie gegen das Licht jedes einzelne meiner Schamhaare sehen.
Ich gehe betont unaufregend zur Theke. „Ein helles Bier!“
„Bier?“, fragt der Wirt nach.
„Ja. Hast du keins?“
Statt einer Antwort greift er nach einem Glas und zapft. Links und rechts von mir sitzt jeweils eine Gruppe, und in einer davon Charles Brodwich. Ich widerstehe der Versuchung, erraten zu wollen, wer es ist. Als der Wirt mir das Bier vor die Nase stellt, trinke ich die Hälfte auf einen Zug. Trotz Klimaanlage im Auto habe ich einen höllischen Durst.
„Ich dachte immer, um diese Zeit schlafen sich Nutten aus“, bemerkt einer der Männer und erntet damit großes Gelächter. „Aber vielleicht wurde sie letzte Nacht nicht so gefordert!“
Scheiße. Darauf muss ich reagieren, und zwar richtig.
Ich drehe den Kopf, bis ich ihn direkt anschauen kann. „Halt die Schnauze.“ Ganz sicher bin ich mir zwar nicht, ob das die richtige Reaktion war, aber … mal schauen.
Dass es doch die falsche Reaktion war, zeigen mir die Gesichtsausdrücke der anderen Männer. Auch der Sprecher, der nicht eben klein und schwächlich wirkt, zeigt Anzeichen von Gewaltbereitschaft. Als Mann wäre ich schon mitten in einer Prügelei, einer Hure geht ‚Mann‘ wohl nicht ganz so schnell an die Kehle. Aber ich bin ja Großmeisterin im Provozieren, selbst wenn ich es gar nicht möchte.
„Kleine, ich würde mich an deiner Stelle verpissen“, sagt der Wirt jovial.
„Danke der Fürsorge, ich kann selbst auf mich aufpassen.“
„Ach, wirklich?“ Der große Mann kommt näher. „Und wie machst du das? Mit deinen beiden Waffen? Sie sind ein bisschen zu klein geraten, um als Totschläger benutzt zu werden.“
„Machst du dich über meine Titten lustig, Arschloch?“ Ein Teil meines Ichs beobachtet mit wachsender Sorge, wie ein anderer Teil zunehmend Gefallen an der Situation gewinnt.
„Sagtest du Arschloch?“
„Laut und vernehmlich …“
Arme wie Schraubstöcke packen mich an den Schultern und heben mich mühelos in die Höhe, bis meine Füße den Boden nicht mehr berühren.
„Sei froh, dass du nur eine armselige Nutte bist. Nur darum kriegst du eine Chance. Verpiss dich aus der Gegend, okay? Ich will dich hier nie wieder sehen.“
Als er mich fallen lässt, zupfe ich mein Top zurecht. Am liebsten würde ich der Aufforderung Folge leisten, aber der vorsichtige Teil in mir ahnt, dass es nicht so leicht sein kann.
„Ich bin hier noch nicht fertig“, hört dieser Teil aus meinem Mund. „Ich suche Charles Brodwich.“
„Was willst du von ihm? Das Einzige, was er mit Weibern macht, ist durchficken!“ Natürlich erntet er herzhaftes Lachen.
„Er hat meinen Bruder mit seinem Auto getötet. Dafür kommt auch er nicht ungestraft davon.“
„Was habe ich getan?“ Brodwich ist also in der anderen Gruppe. Ein glatzköpfiger, sehniger Mann mit tätowierten Armen. Er trägt eine Jeansweste und eine schwarze Armeehose. „Du spinnst wohl völlig!“
„Dein Auto wurde eindeutig erkannt“, erwidere ich.
„Bist du ein Cop? Wo ist deine Verstärkung?“
„Ich brauche keine Verstärkung. Leute, das hat mit euch nichts zu tun. Lasst mich das in Ruhe mit diesem Mistkerl ausdiskutieren …“
„Schmeißt sie raus“, sagt Brodwich verächtlich und wendet sich ab.
Der große Mann kommt wieder auf mich zu. Ich sorge mit einem Seitwärtskick dafür, dass er in einem Bogen zurückfliegt und bei der Landung Stühle und einen Tisch zerdeppert. Nach einer Schrecksekunde versuchen gleich zwei andere Jungs, mich zu packen. Ich weiche dem Ersten aus, den anderen stoppt ein Fußtritt in die Magengrube nachhaltig. Dann kümmere ich mich um den Ersten, der erneut meine Kreise stört. Sprung, zwei Tritte in schneller Folge, einer gegen die Nase, der zweite gegen das Kinn. Er wird von der Theke unsanft aufgehalten, doch sein Schwung sorgt dafür, dass er einen Purzelbaum rückwärts schlägt.
Der Rest ist allerdings auch nicht untätig geblieben. Ein Tischbein trifft mich mit einem klatschenden Geräusch am nackten Bauch, ein zweiter Schlag erwischt meine Backe und sorgt für einen Flug mit harter Landung. Das kostet wohl Zähne. Ich bleibe benommen liegen. Immerhin, drei von den Kerlen haben Tuchfühlung mit mir gehabt. Das ist gar keine schlechte Bilanz.
Jemand zieht mich von hinten hoch und hält mich fest, die Arme auf den Rücken gedreht. Vor meinem verschleierten Blick erscheint Brodwich.
„Das war beeindruckend“, sagt er grinsend. „Wir haben also Karate gelernt. Dann wollen wir mal sehen, welche sonstigen Qualitäten du hast!“
Seine Hände bewegen sich in Richtung meiner Brüste, mein Fuß in Richtung seiner Eier, nur wesentlich schneller. Er klappt förmlich zusammen. Mein anderer Fuß schnellt hoch, an meinem Kopf vorbei. Er wird von der Nase des Jungen gestoppt, der mich festhält. Mit einem Aufschrei taumelt er zurück und lässt mich dabei los. Ich fahre herum und lasse aus diesem Schwung heraus einen Tritt gegen seine Rippen los. Das setzt ihn endgültig außer Gefecht.
Bleiben nur vier weitere.

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