Leseprobe 2: Fiona – Der Beginn

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Es gibt Tage, deren herausragendstes Kennzeichen ihre Unvergänglichkeit ist. Sie werden einfach nicht alle. Jeder Blick auf die Uhr zeigt dieselbe Zeit. Du gehst langsamer, du isst langsamer, du denkst langsamer. Eigentlich sind alle Voraussetzungen gegeben, mehr aus deinem Tag zu machen. Aber wenn du dann um neun ins Bett gehst, weil du vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen stehen kannst, hast du nicht das Gefühl, überhaupt etwas getan zu haben. Du denkst nur: Du hast heute bestimmt zwei Kilo zugenommen!
Solche Tage gibt es auch, allerdings könntest du auf sie auch schmerzfrei verzichten.
Ich höre am nächsten Morgen als Erstes die Vögel. Das beruhigt mich. Der Albtraum ist vorbei. Ich stehe auf und gehe im Nachthemd in den Garten. Das taufeuchte Gras kitzelt meine Füße, und noch hat die Sonne nicht die Temperatur, die sie mittags haben wird. Es ist kurz nach sechs. Die Stille hat den Frieden des Todes, nur nicht so dunkel. Ich hocke mich neben den Teich und betrachte die Enten. Wie immer halten sie einen sicheren Abstand zu mir ein. Eigentlich würde ich sie gern streicheln. Aber wahrscheinlich hätte ich auch was dagegen, wenn ein 20 Meter großes Wesen mich streicheln wollte.
Ich bin keine Frühaufsteherin, vermutlich ist mein Verstand gerade deswegen besonders klar heute Morgen. Sofern mein Verstand jemals ein Stadium der Klarheit erreichen kann. Ich laufe in mein Zimmer und suche den Schlüssel für die Schatzkiste. In der Schatzkiste habe ich vor Jahren mal meine größten, wichtigsten Schätze versteckt. Alles Dinge, die mir mal viel bedeutet haben, deren Magie sich aber im Verlauf meiner Kindheit verloren hat.
Nur darum finde ich schnell, was ich suche. Die anderen Dinge, darunter die früher so wertvolle, zerschlissene Puppe, die ich von der Oma geschenkt bekommen habe, werfe ich achtlos zur Seite. Nur dieses Buch, das betrachte ich mit gemischten Gefühlen. An das, was darin beschrieben ist, glaube ich schon lange nicht mehr. Und der gestrige Tag war auch nicht gerade dazu angetan, daran etwas zu ändern.
Ich dusche und ziehe mich an. In der Küche begegne ich meinem erstaunten Vater.
„Was ist denn mit dir los? Wir haben Sonntag.“
„Ich war gestern früh im Bett. Bis später.“
Anscheinend hat sich bei Savage nicht viel geändert. Außer, dass ein ganzer Tag oder ein Jahr vergangen ist. Ich ziehe einen Stuhl zum Bett und setze mich. Dann lege ich das Buch auf den Tisch.
„Ich habe dir was mitgebracht, Sava.“
Es ist, als würde ich mit der Wand sprechen. Ich lehne mich zurück und warte. Das kann ich zur Not auch. Dabei lasse ich den Blick schweifen, sehe aber nichts. Nichts von der realen Welt. Es gab eine Zeit, da sah man Norman oft bei CSE. Das hat dann aber nachgelassen, und ich frage mich unwillkürlich, warum eigentlich. Norman liebte Computer, die Spiele, die noch in Entwicklung waren. Er war ein begeisterter Hobbytester. Gewesen. Gewesen. Gewesen. Fiona, er ist tot. Er wird nichts mehr testen. Gibt es Gott? Scheiße, Fiona, das ist eine Falle! Natürlich fragen sich in so einer Situation selbst gläubige Menschen, ob es Gott geben kann. Warum sollte Gott einen Dreizehnjährigen auf diese brutale Weise zu sich holen? Dabei lautet die richtige Frage: Ist Gott wirklich so?
„Was?“
Außer dem Mund des Jungen hat sich nichts bewegt. Ich habe Mühe, mein Erschrecken und dann meine Freude zu kaschieren. Meine Stimme klingt belegt, als ich antworte.
„Ein Buch.“
Wieder kommt eine lange Pause, aber nicht mehr so lang wie vorhin.
„Was ist drin?“
„Geschichten und Bilder.“
„Schöne Geschichten?“
„Sehr schöne. Von Engeln, die den Menschen Glück und Freude bringen.“
„Bist du auch ein Engel?“
„Ich glaube es nicht. Sehe ich wie ein Engel aus?“
„Ich glaube schon. Nur die Flügel kann ich nicht sehen.“
„Die nehme ich ab, wenn ich bei den Menschen bin.“
„Warum?“
„Na ja, ich denke, dass die meisten Menschen sonst Angst vor mir hätten. Sie sind es nicht gewohnt, dass Engel um sie herumschwirren.“
„Sind Engel denn nicht eigentlich unsichtbar?“
„Normalerweise sind sie es. Aber sie können sich den Menschen auch zeigen, wenn sie wollen. Manchmal ist es wichtig, dass die Menschen akzeptieren: Es gibt Engel.“
„Der Glaube müsste reichen.“
„Glaube ist so eine Sache. Ein Gefühl. Wenn dieses Gefühl ganz, ganz tief aus dem Herzen kommt, dann ist es Glaube. An was glaubst du denn, Nor… Sava?“
Verflucht! Ich schließe die Augen und kämpfe um meine Fassung. Als ich sie wieder öffne, merke ich, wie Savage mich anschaut.
„Engel weinen nicht“, sagt er ruhig.
„Vielleicht doch …“
„Engel weinen nicht.“
„Auch Engel können Gefühle haben. Es ist nicht verboten, etwas zu fühlen.“
„Ich bin müde, Engel. Komm morgen wieder.“
„In Ordnung, Sava. Das Buch lasse ich dir hier, okay?“
„Okay.“
Draußen werde ich vom Arzt in Begleitung einer Krankenschwester abgefangen.
„Er hat mit Ihnen geredet?“, fragt er. „Wie haben Sie das geschafft?“
„Ich habe versucht, mich in eine Kinderseele hineinzuversetzen. Und mich dabei an das erinnert, was mir vor zehn Jahren wichtig war. Ich schätze, Savage war nie weit weg, sonst hätte mein primitiver Trick nicht geholfen. Allerdings ist es noch nicht geschafft.“
„Aber es ist ein ernstzunehmender Fortschritt. Kommen Sie morgen wirklich wieder?“
„Natürlich. Ich habe es ja versprochen. Oder möchten Sie das nicht?“
„Doch, ich finde es sehr gut. Ich freue mich, dass es noch Menschen gibt, die nicht nur sich selbst und die eigenen Interessen sehen. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie nur Bescheid, Miss Carter.“
„In Ordnung.“
Im Auto wird mir bewusst, was für ein Arschloch ich bin. Und wie ich nur mich selbst sehe! Dass dabei Sava geholfen wird, ist zwar gut, aber nur ein Nebeneffekt. Doch Rache ist mein Antrieb, nicht Altruismus. Wo sind bloß die Flügel?
Ich fahre nach Hause, hole meine Sportsachen und fahre anschließend zum Training. Nachdem ich den Sandsack verprügelt habe, bis meine Hände rot wie gekochte Krebse sind und die Schienbeine brennen, geht es mir etwas besser. Einige der anderen Trainierenden und die Trainer wissen, was mit mir los ist. Normalerweise würde mein Verhalten nicht geduldet werden, unter diesen Umständen sagen sie nichts. Kredit.
Trotz des Sommers ist es schon fast dunkel, als ich das Sportcenter verlasse. Auf dem Parkplatz begegne ich Mike, einem jungen Chinesen, dem schon einige Male ein Trainerjob angeboten wurde. Chinesen sind keine schlechten Liebhaber, aber Mike hat ein Problem damit zu verstehen, dass ich nicht in ihn verliebt bin.
„Was gibt es?“, begrüße ich ihn, in der Hoffnung, dass ihm das direkt einen Dämpfer verpasst.
„Ich wollte mich erkundigen, wie es dir geht“, erwidert er beherrscht. „Wir haben uns schon einige Tage nicht gesehen.“
„Das kann sein. Du wirst dich daran gewöhnen.“
„Einfach so? Ein, zwei tolle Ficks, erledigt?“
„Hast du ein Problem damit?“
„Irgendwie schon. Die Mentalität dahinter verstehe ich nämlich nicht. Mit jemandem ins Bett gehen nur wegen des Sex?“
„Weswegen sonst? Doch nicht wegen der Liebe. Sex und Liebe können zusammen kommen, sie müssen aber nicht. Ich war noch nie verliebt, Mike. Vielleicht kommt es irgendwann mal. Aber nicht jetzt, nicht mit dir. Sorry.“
„Du tust mir leid, Fiona. Ehrlich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du bist nur eins von diesen reichen Flittchen, deren Emotionschip einen Kurzschluss hat.“
„Was bin ich dann?“
„Keine Ahnung. Einer wie dir bin ich noch nicht begegnet.“
„Immerhin. Lässt du mich jetzt fahren?“
Er geht zur Seite. „Als wenn ich dich halten könnte. Gibt es eigentlich jemanden, den du über dir akzeptierst?“
„Nur beim Vögeln. Gute Nacht, Mike. Such dir lieber ein anständiges Mädchen.“
Ich gebe Vollgas beim Anfahren. Die 6 Zylinder des BMWs lassen die Räder durchdrehen, bevor die Antischlupfregelung greift und den Wagen nach vorne schießen lässt. Wenn ich, wie jetzt, nicht richtig entspannt bin, leidet jedes Mal mein Fahrstil darunter. Das bedeutet: Fährt ein normal fahrender Mensch mit 60 durch die Kurve, nehme ich entspannterweise selbige mit 80 und in schlechter Laune mit 120. Nun hat ein tiefergelegter 3er BMW mit 3-Liter-Maschine sicherlich eine recht ordentliche Straßenlage, aber auch dieser Wagen muss sich an die Gesetze der Physik halten.
Andererseits, wer will schon ewig leben? Für ein bisschen Spaß kann man auch schon mal zwei Sätze Reifen verschleißen, während andere nur einen brauchen. Wäre ich altruistisch veranlagt, würde ich darüber nachdenken, dass ich am Steuer eines solchen Autos das Leben meiner Mitmenschen in Gefahr bringen könnte. Aber ich bin es nicht, auch wenn ich vor Schulen und Kindergärten grundsätzlich abbremse. In 5 Jahren habe ich noch keinen einzigen Unfall gebaut. Und darauf bin ich sogar stolz. Nur ob es mein Verdienst oder der meines Schutzengels ist, das konnte ich bislang noch nicht entscheiden.
Ich stelle den Wagen direkt vor dem Haus ab. Nicholas kann ihn wegfahren, wenn er stört, der Schlüssel steckt. Ich schleiche mich am Wohnzimmer vorbei und befinde mich schon halb auf der Treppe, als der Schatten meines Vaters in der mächtigen Tür erscheint.
„Du warst lange weg, Fiona.“
„Bin auch schon lange volljährig, Vater.“
„Schon gut, lass uns nicht darüber diskutieren.“
„Einverstanden, ich gehe schlafen.“
„Ich möchte aber trotzdem mit dir reden.“
„Worüber?“, erkundige ich mich misstrauisch.
„Nicht hier auf dem Flur. Komm bitte in den Salon.“
Ich denke nur kurz darüber nach, genau das nicht zu tun. Dann beschließe ich, so was wie Gehorsam vorzutäuschen und folge ihm. Er ist allein. Mama schläft wahrscheinlich schon. Von der Bar hole ich mir eine Whiskyflasche, die nicht mal halbvoll ist, und setze sie an den Mund.
„Fiona!“
„Was? Du wolltest mit mir reden, oder?“
„Was ist los mit dir? Die Ereignisse nehmen uns alle mit. Aber du verschwindest morgens aus dem Haus und kommst bei Dunkelheit wieder …“
„Ich habe trainiert!“
„Ja, immer dieses übertriebene Training! Kannst du nicht wenigstens jetzt mal darauf verzichten?“
„Gerade jetzt brauche ich es. Vater, darauf habe ich keinen Bock. War das alles, weswegen du mich sprechen wolltest? Dann gehe ich jetzt nämlich ins Bett!“
„Nein, obwohl es da einiges zu bereden gäbe. Verdreh nicht die Augen! Dein Lebensstil ist sehr unvernünftig. Auch wenn du als Alibi den Trainee spielst, vergeudest du dich und deine Lebenszeit. Aber das zählt jetzt vielleicht gar nicht mal so viel. Hör zu, wie ernst nimmst du die Bitte deiner Mutter?“
„Ich werde das Schwein töten.“
„Das habe ich befürchtet. Und dann wegen Totschlags ins Gefängnis gehen? Das ist es nicht wert. Der Mörder wird seine gerechte Strafe auch so bekommen.“
„Denkst du das wirklich?“ Ich bin sauer, darum zünde ich mir auch noch eine Zigarette an. „Auf welchem Jupitermond lebst du denn? Glaubst du ernsthaft, unsere Gerichte sind in der Lage, Gerechtigkeit zu sprechen? Als wenn sich Gerechtigkeit in von Menschen ausgesprochenen Maßstäben messen ließe! Justiz war und ist das Instrument der Mächtigen. Und dass du zu den Mächtigsten dieses Landes gehörst, macht es nicht einfacher, okay? Schon mal gar nicht für mich.“
„Du übertreibst ein wenig. Es gibt weit einflussreichere Männer in diesem Staat als mich …“
„Und wenn schon! Von der sogenannten Gerechtigkeit der Gerichte eines welchen Staates auch immer brauchst du nicht viel zu erwarten, wenn es darum geht, einen objektiven Maßstab anzulegen …“
„Und du verfügst über diesen Maßstab, ausgerechnet du, ein junges Mädchen, die Tochter von einem aus dem Establishment?“
„Ich bin kein junges Mädchen, sondern eine erwachsene Frau! Wann akzeptierst du das endlich?“
„Sobald du dich auch so benimmst.“
„Na super! Was muss ich dafür tun? Den Nobelpreis im Erwachsensein bekommen? Vergiss es. Eigentlich ist es mir sowieso scheißegal, was du über mich denkst. Was willst du überhaupt von mir?“
Mich schlagen, zumindest sieht er für einen Moment ganz danach aus. Ich weiß nicht, was ihn letztendlich davon abhält. Angst vor mir? Sicher, ich könnte ihn in wenigen Sekunden völlig schachmatt setzen. Rein technisch gesehen. Ob ich das wirklich wollte oder täte, steht auf einem gänzlich anderen Blatt. Er weiß das wahrscheinlich auch, also hält ihn etwas anderes davon ab, mir eine Ohrfeige zu verpassen. Und da er offenbar nicht so genau weiß, was er mit seinen Händen machen soll, holt er seine Pfeife hervor, stopft sie umständlich und zündet sie an.
Dies dauert etwa fünf Minuten. In dieser Zeit habe ich die Flasche geleert. Besser fühle ich mich nicht.
„Ich möchte, dass du mir versprichst, die Finger von Polizeiarbeit zu lassen“, sagt er schließlich, als ich schon längst vergessen habe, was ich ihn gefragt habe. Dass ich ihn überhaupt etwas gefragt habe …
„Du meinst, ich soll nicht versuchen, den Mörder zu finden und zu richten?“
„Wie sich das anhört!“, ruft mein Vater angewidert aus. „Du bist keine Richterin, außerdem ist es etwas vermessen zu glauben, du könntest besser sein als die Polizei.“
„Das ist nicht nur eine Frage von Bessersein. Die richtigen Informationen sind wesentlich wichtiger. Wer sie hat, ist am Drücker.“
„Welche Informationen hast du, an die die Polizei nicht auch rankommt? Hast du vielleicht ein supergeheimes Spionagesystem entwickelt? Oder hast du dich irgendwo reingehackt? Etwa beim FBI? Vielleicht kannst du ja eine Verschwörung aufdecken, in deren Rahmen Norman ermordet wurde, weil er zu viel von der geplanten Invasion der Marsmenschen wusste?“
„Okay, ich gehe jetzt ins Bett.“
„Allein, ausnahmsweise?“
„Meinst du nicht, du solltest mir wenigstens die Fotze lassen, wenn du schon Anspruch auf mein Gehirn erhebst?“
„Wie wäre es mit einer etwas zivilisierteren Ausdrucksweise?“
„Fotze ist ein Abfallprodukt der Zivilisation. Kein Naturvolk nennt das weibliche Geschlecht so, okay? Gute Nacht!“
Er hat es wieder geschafft! Ich liege heulend im Bett und wache am nächsten Morgen angezogen auf.

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