Leseprobe 1: Fiona – Der Beginn

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Millionärstochter mit 3 Promille im Blut in der Badewanne ertrunken.
‚Das wäre doch mal eine schöne Schlagzeile‘, schießt mir durch den Kopf, während ich langsam das volle Weinglas in der Hand hin- und herdrehe. Ich könnte es austrinken, untertauchen und einfach abwarten. Wie lange kann ich wohl die Luft anhalten?
Und was passiert beim Ertrinken? Vermutlich ist es ziemlich unangenehm. Andererseits, dann wäre wenigstens mein Tod eine nahtlose Fortsetzung meines Lebens.
Fiona, du bist dämlich.
Ich lasse vor Schreck fast das Glas fallen, als mein Vater die Tür aufreißt. Mit einem wilden Schrei setze ich mich auf, doch die Worte bleiben mir in der Kehle stecken. In seinen Augen sehe ich eine Panik wie niemals zuvor und wahrscheinlich niemals wieder. Ich stehe auf und bedecke mich mit einem Badetuch, obwohl ich mir sicher bin, dass ihm meine Nacktheit noch nicht einmal aufgefallen ist.
„Was … was ist los?“
Ich rechne damit, dass er mir etwas Schreckliches erzählt. Seine Schwester hat einen Herzinfarkt gehabt, seine Mutter ist endlich gestorben, ich weiß es nicht. Mit geschlossenen Augen warte ich auf seine Antwort.
Mit erstickter Stimme sagt er: „Norman … Norman ist tot …“
„Nor… Norman?“
Er nickt nur stumm, und in seinen Augen sehe ich die Bitte. Stummes Flehen, das möge alles nur ein Albtraum sein. Und auch ich flehe darum. Norman soll tot sein? Ausgerechnet er? Mein junger Bruder, ein Kind?
„Wie …?“
„Ich weiß … weiß es nicht genau. Ein Unfall …“
Ich atme tief durch.
„Jemand soll ihn identifizieren …“
Ich atme noch mal tief durch. „Ich fahre hin.“
„Deine Mutter lässt sich nicht davon abbringen. Ich werde sie begleiten.“
„Dann fahren wir gemeinsam hin. In fünf Minuten bin ich fertig!“
Zum Glück ist es Sommer und warm, darum sind meine nassen Haare nicht schlimm. Das T-Shirt klebt an meiner Haut, ebenso die Jeans. Doch das ist mir ziemlich egal. Ich helfe meinem Vater, meine fast erstarrte Mutter ins Auto zu setzen, dann halte ich die Hand auf. Nach kurzem Zögern reicht er mir den Wagenschlüssel. Ich fahre schnell. Der schwere Wagen hat keine Probleme, meine Fahrweise in sicheres Dahingleiten zu verwandeln. Und als ich vor dem Krankenhaus anhalte, hat die Klimaanlage den Innenraum auf Temperaturen herabgekühlt, bei denen selbst Polarbären sich wohlfühlen müssten.
Die Frau am Empfang telefoniert rum, nachdem ich ihr gesagt habe, warum wir hier sind. Kurze Zeit später holt uns eine Schwester ab und begleitet uns in ein Wartezimmer. Vater hält die in Tränen aufgelöste Mutter im Arm, während ich langsam herumspaziere.
Nichts deutet darauf hin, dass sich hinter der schweren Tür die Pathologie befindet. Mit all ihren Geheimnissen, mit all den Toten, die Anklage erheben. Anklage gegen den Tod, der sie aus dem Leben gerissen hat, manche viel zu früh, andere haben schon lange darauf gewartet. Sterben … das ist so ein grässliches Wort! Es ist das Ende, aber es ist noch viel mehr. Es bedeutet, dass alle Pläne, alles, was ich noch tun wollte, nun niemals mehr verwirklicht werden kann. Es ist das Endgültigste, was man sich vorstellen kann … nein, man kann es sich eigentlich nicht vorstellen, es ist noch endgültiger. Die Unterbrechung der Ewigkeit ist vorbei mit dem Tod …
Am liebsten würde ich jetzt eine Zigarette rauchen und bin froh, als endlich jemand kommt. Ein Mann im Anzug und eine einfach gekleidete Frau, nicht viel älter als 30. Ihr Blick fliegt
durch den Raum und bleibt an mir hängen. Sie flüstert dem Mann etwas zu, dann kommt sie zu mir und zieht mich abseits.
„Sind Sie Fiona Carter?“
Als ich nicke, fährt sie fort: „Mein Name ist Carola. Ich bin Psychologin. Meine Aufgabe ist es, die Hinterbliebenen in diesen Stunden zu unterstützen, ihnen Trost zu spenden. Ich habe das Gefühl, dass Sie stärker sind als Ihre Eltern. Oder ist es nur eine dünne Wand, die kurz vor dem Durchbrechen ist?“
„Die Wand ist stark …“
„Gut. Hören Sie, ich halte es für keine gute Idee, dass Ihre Mutter durch diese Tür geht. Wissen Sie schon, was passiert ist?“
„Nein …“
„Ihr Bruder wurde von einem Auto, einem Geländewagen, mit voller Wucht angefahren. Rückwärts, wahrscheinlich mit Absicht. Sein Freund war wohl dabei, aber er steht unter Schock. Können Sie sich vorstellen, dass Ihr Bruder nicht so aussieht wie früher?“
„Carola, ich glaube, es wäre schlimmer, meine Mutter nicht zu ihm zu lassen als der Anblick selbst.“
Die Psychologin mustert mich kurz. „Also schön. Notfalls gebe ich ihr ein Beruhigungsmittel. Der Herr ist übrigens von der Mordkommission, Lieutenant Jack Siever.“
Wir gehen durch die schwere Tür, durch einen kalten, schwach beleuchteten Gang und schließlich in einen Raum, der komplett aus Metall zu bestehen scheint. Graues Licht fällt auf die Wand mit den Türen, wie Schließfächer sehen sie aus. Es sind ja auch Schließfächer, aber ihr Inhalt erfreut niemanden. Ein Assistent öffnet eine der silbernen Metalltüren und zieht die Bahre heraus. Das, was darauf liegt, ist abgedeckt.
Man kann ihn noch erkennen. Das ist das Beste, was man über diesen Fleischklumpen sagen kann. Selbst ich muss die Luft anhalten, um den Mageninhalt am Hochsteigen zu hindern. Und natürlich hat meine Mutter einen Zusammenbruch. Mit professionellen, schnellen Handgriffen zieht die Psychologin den Ärmel hoch und schiebt die Nadel der Spritze unter die Haut. Die verdrehten Augen meiner Mutter schließen sich langsam. Zwei herbeigerufene Pfleger setzen sie in einen Rollstuhl und bringen sie weg. Vater folgt ihnen.
Ich werfe einen Blick auf den nun wieder abgedeckten Leichnam.
„Absicht?“
„Es gibt leider keinen Zeugen außer Savage Norton, und der hat einen ziemlichen Schock. Aber so viel haben wir herausgefunden: Der Geländewagen hat angehalten. Es gab einen Wortwechsel. Der Fahrer fuhr dann weiter, hielt an und setzte plötzlich zurück. Norman hatte keine Chance.“
„Hat Sava den Wagen beschreiben können?“
„Leider nein. Und jetzt redet er gar nicht mehr.“
Carola legt mir die Hand auf den Arm. „Hören Sie, Fiona, Ihre Eltern behalten wir für eine Nacht hier. Fahren Sie zu Verwandten oder Freunden. Bleiben Sie auf keinen Fall allein. Ich gebe Ihnen meine Karte, wenn Sie möchten, können Sie mich anrufen. Jederzeit …“
Ich stecke die Karte ein, ohne einen Blick darauf zu werfen. „Danke. Jetzt möchte ich lieber allein sein.“
„Sind Sie sicher?“
„Absolut. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Carola.“
Sie lässt mich nur ungern ziehen, das ist klar. Aber ich möchte wirklich allein sein. Trotzdem fröstelt es mich, als ich vor dem großen Haus aussteige. Irgendwie bin ich froh, dass Nicholas da ist. Er wartet in der Tür auf mich. Die Traurigkeit in seinen Augen sticht mitten ins Herz. Wortlos drücke ich mich an ihn, wütend, weil ich nicht weinen kann. Das kommt später, nachts, nach einem langen Abend vor dem Fernseher. Ich weiß gar nicht, was sich da abspielt. Ich sehe es, aber es dringt nicht bis zu meinem Bewusstsein vor. Auf dem Tisch die Flasche Wein, mit der ich mich besaufen wollte. Ich schaffe gerade mal ein Glas davon, und das bringt keine Erleichterung.
Nachts finde ich keinen Schlaf. Weinkrämpfe schütteln mich, und als ich endlich ruhiger werde, kommen die Bilder. Der zerschundene Körper auf der Bahre, die Umrisse unter dem Laken. Offene Augen, die mich anstarren, und die Hand, die nach mir zu greifen scheint. Mit einem Schrei setze ich mich auf. Durch das offene Fenster rauscht kühler Sommerwind und lässt Gänsehaut auf meiner schweißnassen Haut entstehen. Ich ziehe mir einen Morgenmantel an und setze mich auf die Fensterbank. Der Vollmond leuchtet mit gespenstischer Helligkeit und taucht den großen Garten in seltsam weißes Licht, in dem die Schatten zum Leben erweckt werden. Mit zitternden Händen zünde ich mir eine Zigarette an. In meinem Magen rumort es. Der Wein kann es nicht sein. Aber die Zigarette beruhigt mich etwas. Ein Blick auf die Uhr: halb vier. Bald werden die ersten Sonnenstrahlen die unheimlichen Mondschatten verjagen. Doch noch ist nichts davon zu spüren. Der Wind lässt die Blätter und das Gras leise flüstern, und irgendwo hebt ein Schmetterling ab. Die Nacht lebt.
„Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Anfang“, flüstere ich. „Oh mein Gott, was für eine Scheiße!“
Als die Zigarette bis auf den letzten Tabakkrümel aufgeraucht ist, gehe ich wieder ins Bett und schlafe sofort ein.
Savage ist ungewöhnlich bleich. Er liegt in dem Krankenhausbett, die Arme über der Decke. Er habe sich seit Stunden nicht gerührt, sagte die Schwester. Seine Augen sind geöffnet, aber es gibt keine Reaktion, als ich das Zimmer betrete und leise „Hallo!“ sage. Aus unerfindlichen Gründen möchte ich wieder weinen. Ich schlucke hörbar die Tränen runter. Dafür bin ich nicht hier. Es ist so schon schwer genug.
Ich war gerade aufgestanden und noch im Nachthemd, als meine Eltern nach Hause kamen. Stumm umarmte ich Mama. Ihre Tränen schienen versiegt zu sein. Während die beiden sich ins Wohnzimmer setzten, machte ich einen starken Kaffee und servierte ihn selber. Nicholas kümmerte sich um das Frühstück, das wir schweigend einnahmen.
Erst danach sprach mein Vater mit schwerer Stimme: „Wer tötet ein Kind?“
Eine rhetorische Frage, trotzdem fühlte ich mich zu einer Antwort herausgefordert: „Jemand, der Kinder hasst.“
Mama schaute mich an, und ich hatte Mühe, den Blick nicht abzuwenden. „Kann man Kinder hassen?“
„Offensichtlich, denn sonst wäre Norman nicht tot.“ Es versetzte mir einen Stich, den Namen heute zum ersten Mal nicht nur auszusprechen, sondern auch an ihn zu denken.
„Norman ist nicht tot“, erwiderte Mama heftig. „Er ruht sich nur aus.“
Geräuschvoll schob ich den Stuhl zurück und stand auf.
„Wo gehst du hin?“, erkundigte sich mein Vater.
„Den Mörder finden.“
„Wirst du es schaffen?“
„Vielleicht.“
Meine Hand lag auf der Türklinke, als Mamas leiser Ruf mich verharren ließ. „Ja?“
„Wenn du ihn findest, töte ihn“, sagte sie. „Töte ihn.“
Ich blickte sie an. Sie meinte es ernst, sehr ernst. Ich ließ den Satz in mein Herz, wo er sich einnistete und es auf eisige Temperaturen schockgefror. Dann nickte ich und ging, um mich anzuziehen.

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