Wiederkehrer: My home is my castle

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Ihr Blick irritiert mich. Graue Augen wirken eh schnell kalt, und teilnahmslos, obwohl mir bisher gar nicht so bewusst war, dass dies auch für mich gilt. Jetzt ist Fiona sauer und nicht nur ihre Stimme kalt wie Eis am Nordpol, auch ihr Blick. Ist das auch bei mir so, wenn ich wütend bin? Das wäre ja furchtbar!
„Was hast du nit Hans Klein zu tun?“
„Jetzt nichts mehr“, erwidert sie.
„Aber du kanntest ihn?“
„Sicher. Wir haben regelmäßig gefickt. Sprich, er war so was wie mein fester Freund. Und außerdem ein Verbindungsmann, vor allem für die anderen. Im Gegensatz zu mir vertragen sie nämlich kein Sonnenlicht. Aber der Idiot dachte allen Ernstes, er wäre eine Reinkarnation Adolfs und wollte in einen Vampir verwandelt werden, um als Unsterblicher das Vierte Reich zu errichten.“
„Und da hast du ihn getötet?“
„Ich tat so, als würde ich auf seinen Wunsch eingehen, aber ich habe den Prozess nicht zu Ende geführt. Also ist er einfach verblutet. Ich kann so einen Klein-Hitler nicht gebrauchen.“
„Hm. Und ich sagte noch scherzhaft zu der Spurensicherung, die Adresse des Mörders wäre Salzburger Vorstadt 15.“
„Ist das Hitlers Geburtshaus?“
Ich nicke. „Mal was anderes. Was waren das für Kampfamazonen, die uns überfallen haben?“
„Du meinst, die von dir deine Kinder…ausgeliehen haben?“
„Ausgeliehen nennst du das?!“ Ich atme tief durch. „Ja, die meine ich.“
„Wie ich schon sagte, ich bin deren Chefin. Das ist der Drachenorden. Alles Mädels, frustrierte Vorstadthausfrauen, die ich verwandelt habe. Aber irgendwie schaffe ich es nicht, dass sie nicht allergisch auf das Sonnenlich reagieren. Porphyrie.“
„Aha.“
„Du siehst deine Kinder nie wieder“, sagt sie plötzlich.
„Deine taktische Vorgehensweise ist ja von beeindruckender Durchdachtheit“, erwidere ich.
„Das stimmt. Du verstehst sie nur nicht.“
„Auch das stimmt. Du willst doch was von mir. Und dann haust du mir so was um die Ohren? Auch wenn du vielleicht keine Psychologie studiert hast, so viel Intelligenz traue ich mir ja auch ohne Studium zu!“
„Ich sagte doch, du verstehst es bloß nicht“, sagt sie kühl. „Und hör endlich auf, so verdreht zu reden. Da kriege ich Zustände von. Früher hast du garantiert normal gesprochen, kann das sein?“
„Das tue ich immer noch, ich habe lediglich gelernt, auf meine Ausdrucksweise und meine Formulierungen zu achten. Was gefällt dir an meiner Art zu reden nicht?“
„So viel Intelligenz traue ich mir ja auch ohne Studium zu!“, äfft sie mich nach. „Hallo? So redet doch kein normaler Mensch.“
„Normale Menschen reden ja auch nicht mit sich selbst, während sie in der Badewanne sitzen und ihr zweites Ich daneben auf einem Stuhl.“
„Ich hatte einen besseren Vorschlag, aber du wolltest ja nicht.“ Und bevor ich darauf etwas erwidern kann, springt sie auf und beugt sich über mich: „Wir beide, du und ich, wir können die Welt beherrschen.“
„Die Welt beherrschen? Wozu soll das gut sein?“
„Das kann auch nur eine Psychologin fragen!“ Die Entfernung zwischen unseren Gesichtern beträgt höchstens 30 cm. Ich rieche Blut aus ihrem Mund. Nicht stark, gerade eben noch wahrnehmbar. Ihre Zähne sind weiß, fast schon blendend weiß. Ob sie gebleicht werden?
„Lässt du deine Zähne bleichen?“, erkundige ich mich.
„Was?“
„Ob du deine …“
„Ich habe das verstanden!“ Sie holt tief Luft. Eine Vampirin, die atmet? „Hör zu, ich will, dass du dich auch in eine Vampirin verwandelst. Gemeinsam machen wir aus dem Drachenorden die mächtigste Geheimgesellschaft des Universums. Natürlich wird das ein paar Jahrhunderte dauern, aber wir hätten ja Zeit.“
„Warum sollte ich mich auf diesen Schwachsinn einlassen?“
„Weil ich dann deine Kinder freilasse. Weigerst du dich, mache ich sie zu Vampiren. Ist das Motivation genug?“
Ich starre sie fassungslos an. Kann das sein? Kann es wirklich sein, dass ich mich so verändern könnte, dass ich zu einem solchen Ungeheuer werden würde? Was müsste dafür geschehen?
„Denkst du darüber nach, wie ich zu so einem Monster werden konnte?“
„So in etwa.“
„Das ist eine Frage der Motivation. Ich halte es nicht für schlimm, wenn deine Kinder zu Vampiren würden. Bin ja schließlich auch einer und es hat mir nicht geschadet, im Gegenteil. Aber ich weiß, dass du es anders siehst und damit erpressbar bist. Aus meiner Sicht würde ich deine Kinder belohnen, ein klein bisschen wünsche ich mir sogar, dass du Nein sagst.“
„Das kannst du haben“, erwidere ich gepresst. „Aber wenn du meinen Kindern – unseren Kindern! – etwas antust, ziehe ich dir bei vollem Bewusstsein jeden Zahn einzeln!“
Fiona lächelt. Das sieht sogar richtig süß aus.
„Jetzt weißt du, wie ich zu einem Monster werden konnte“, sagt sie. „Ich bezweifle allerdings, dass dir das gelänge. Du bist nur eine behäbige, bequeme und fette Kopie von mir.“
Ich bekomme Schnappatmung. Eine Sache ist, wenn ich mir selbst vor dem Spiegel genau diese Dinge sage, eine andere, wenn diese dumme Pute mir das an den Kopf wirft. Dass sie vermutlich zehn Kilo weniger auf die Waage bringt als ich, ist egal. Oder auch nicht.
„Du weißt, dass es wahr ist!“ Sie packt meinen Bauch. „Schwabbel, Schwabbel.“
Ich packe ihren Hals und drücke kraftvoll zu, richte mich dabei auf. Sie reißt überrascht die Augen auf, dann umfasst sie mein Handgelenk.
„Lass mich los, ich will dir nicht wehtun“, sagt sie.
„Solche Hemmungen habe ich nicht. Wo sind meine Kinder?“
Wir befinden uns in Augenhöhe. Allerdings stehe ich nackt in einer mit Wasser gefüllten Blechwanne, also nicht besonders stabil, mein jüngeres Ebenbild angezogen auf dem Steinboden, durchtrainiert und kampferprobt.
„Schließe dich mir an, dann sorge ich dafür, dass Ben sie zurückbekommt.“
„Ich fasse das nicht! Hör zu, ich breche dir das Genick, wenn du mir nicht sagst …“
„Du kannst mich nicht töten. Erstens bin ich ein Vampir und zweitens bin ich du. Außerdem befindest du dich nicht in der Position, mir Bedingungen zu stellen. Schon allein, weil ich dir kampftechnisch überlegen bin.“
„Ha!“
Sie schlägt meine Hand zur Seite. Obwohl ich damit gerechnet habe, verliere ich trotzdem das Gleichgewicht, als sie dabei auch noch zurückspringt. Während ich über den Rand der Wanne kippe, könnte sie mich mühelos erledigen, aber das ist ja nicht das, was sie will.
Sie kniet sich auf meinen Rücken und zieht meinen Kopf an den Haaren nach oben.
„Wärst du jemand anderes, hätte ich dich jetzt getötet“, sagt sie, und es klingt wütend. „Ich gebe dir noch eine Chance, gut darüber nachzudenken, wie du dich entscheidest. Du hast noch genau 24 Stunden!“
Dann schlägt sie meine Stirn gegen den harten Boden. Nicht so fest, dass etwas kaputt geht, aber fest genug, um mich für einige Sekunden benommen zu machen. Als ich wieder halbwegs Herrin meines Körpers bin und mich aufrichte, was vermutlich ziemlich unelegant aussieht, ist sie bereits durch das Fenster abgehauen.
Ich wanke zum Fenster und starre hinaus. Eine schneebedeckte nächtliche Landschaft, in der Fiona lachend auf ein düster im Nachthimmel hochragendes Schloß zuläuft.
Mir wird bewusst, dass ich nackt und nass bin und bereits vor Kälte zittere. Hastig schlage ich das Fenster zu, suche und finde ein Badetuch, das ich um mich binde und gehe zur Tür. Dabei frage ich mich, was die anderen davon abgehalten hat, nach mir zu sehen, bei dem ganzen Lärm. Haben sie gedacht, ich spiele mit mir selbst?
Wutentbrannt reiße ich die Tür auf und sehe – niemanden.
Ich finde sie in der Bar, wo sie Trübsal blasen. Das hört auf, als ich, immer noch in das Badetuch gewickelt, angestürmt komme und sie brüllend zusammenscheiße.
Erschrocken starren sie mich an.

Nachdem wir uns von Papa Nuki verabschiedet haben, klettern wir aus dem Fenster und springen hinunter in den Schnee. Was die doofe Zicke kann, können wir schon lange.
Der Marsch zum Schloss ist anstrengend. Zum einen, weil der Schnee hoch ist, teilweise sinken wir bis zu den Knie ein. Zum anderen, weil die Entfernung doch größer ist als geschätzt. So kann das Augenmaß täuschen.
Als wir dann endlich vor dem Schloss stehen, sind wir erst einmal ratlos. Alles ist dunkel und nirgendwo ein Zugang zu erkennen. Genauer gesagt, gibt es einige Fenster, aber keine Öffnung in der Mauer, die das Schloss umgibt.
„Das kann doch nicht sein!“, bemerke ich genervt.
„In der Verborgenen Welt schon“, erwidert Professor Zweistein. „Hier, wo selbst die Illusion nur Illusion ist …“
„Hör auf!“, schreie ich ihn an. „Hör bloß auf! Ich will das nicht hören! Ich bin so schon völlig durcheinander, jetzt komm mir nicht mit dieser dämlichen Illusionsscheiße! Okay?“
Er nickt stumm.
„Also, mich interessiert nur eines: Wie kommen wir in das Schloss?“
„Du willst es ja nicht hören“, antwortet Michael.
„Ich will nichts über diese Illusionen in Illusionen hören, aber ich will hören, wie wir da reinkommen!“
„Das ist das Problem.“
„Wie, das ist das Problem? Du willst mir nicht ernsthaft erzählen, diese Mauer ist bloß eine Illusion?“
„Wenn alles eine Illusion ist, warum sollte es dann ausgerechnet bei dieser Mauer anders sein?“
„Weil ich es nicht will!“
„Aha“, sagt er nur.
Ich wende mich ab und berühre die Mauer. Von wegen Illusion. Langsam gehe ich an der Mauer entlang, taste sie Millimeter um Millimeter ab, bis ich das Schloss einmal umrundet habe und wieder bei dem Vampir und den Vampirjägern ankomme, die mich irritiert ansehen.
„Keine Illusion“, erkläre ich.
„Für eine Psychologin ist deine Beweisführung ziemlich naiv“, erwidert Michael.
„Hast du zu viele Zähne?“, erkundige ich mich.
Der Professor hebt die Hände. „Das bringt uns nicht weiter. Fiona 2 ist da drin, irgendwie. Also muss es einen Weg geben.“
„Fiona 2 weiß ja, dass alles Illusion ist, also kann sie diese auch manipulieren“, sagt Michael.
„Hm.“ Ich starre ihn an. „Mal angenommen, ich glaube diesen Scheiß. Müsste ich dann nicht auch durch die Mauer kommen?“
„Nur wenn du diesen Scheiß glauben würdest.“
Hm. Ganz unlogisch ist das nicht, vorausgesetzt, ich vergesse alles, was mit klarem Verstand zu tun hat.
Ich werfe einen grimmigen Blick auf ihn, dann trete ich wieder zu der Mauer. Der Schnee ist tief und nasskalt, insbesondere der, welcher in meinen Stiefeln anfängt zu schmelzen. Ich habe also überhaupt keine Lust, noch länger hier zu bleiben. Ob es an dieser Tatsache liegt oder daran, dass ich in meiner Verzweiflung bereit bin, nahezu alles zu glauben, das weiß ich nicht, Fakt ist aber, dass die Mauer auf einmal nicht mehr so stabil ist wie sie grad noch war. Sie ist zwar noch da, zumindest sehe ich sie, aber ich spüre sie nicht mehr. Ich kann durch sie hindurchgreifen.
Ich sehe die anderen an, dann stecke ich vorsichtig meinen Kopf hindurch. Der Professor sagt zwar noch etwas, was nach einer Warnung klingt, aber ich höre es nicht mehr deutlich genug, um zu verstehen, was er will. Ist mir auch egal, denn ich blicke jetzt in den schneebedeckten, ausgestorbenen Schlossgarten, in dem lediglich etliche, durchaus bedrohlich wirkenden Steinengel Wache schieben.
Ich ziehe mich zurück und wende mich meinen Begleitern zu: „Alles klar, niemand zu sehen.“
Diese erwidern den Blick auf eine Art, die ich nicht so richtig deuten kann. Vielleicht denken sie aber auch einfach nur, ich wäre dämlich. Von ihrer Warte aus gesehen vermutlich mit einer gewissen Berechtigung.
Stumm tritt Michael an mir vorbei und prallt an der Wand ab.
„Was zum …?!“
„Du hältst die Illusion wohl für echt?“, erkundige ich mich schadenfroh. „Du musst nur daran glauben, dass diese Mauer gar nicht da ist …“ Ich unterbreche mich, da er aussieht, als würde er mir sonst den Mund zuhalten. Oder etwas Unbedachtes tun.
„Ich glaube, die Mauer reagiert auf dich“, sagt der Professor.
„Wie, was?“ Noch während es mir rausrutscht, wird mir klar, dass es gar nicht so abwegig ist. Ich strecke die Hand aus, bis sie die Mauer berührt, die wie ein Hologramm nachgibt. Dann blicke ich Michael an, der den Blick kurz erwidert, dann die Mauer ebenfalls mit der Hand berührt. Diesmal bietet sie keinen Widerstand. Ein weiterer Blick, dann geht er durch die Mauer. Der Professor und Alfredo folgen ihm, Letzterer etwas widerwillig. Und ich mache das Schlusslicht.
Innerhalb der Mauern wirkt alles noch unwirklicher. Die seltsame Farbe des Himmels, der von einem unsichtbare Vollmond ausgeleuchtet wird, der zudem noch Schatten der steinernen Engelsfiguren auf den jungfräulichen Schnee wirft, die Stille, wenn wir von dem Keuchen der anwesenden Männer absehen, die alten Gemäuer des Schlosses … surreal, so richtig surreal.
„Wie geht’s weiter?“, fragt Alfredo.
„Bin ich eure Fremdenführerin, oder was? Ich bin doch auch zum ersten Mal hier!“
„Hätte sein können, dass du durch Fiona 2 weißt, wie wir gehen müssen“, erwidert er leise.
Ich verkneife mir eine Bemerkung über ängstliche Riesen, nicht dass er mir noch in den weißen Schnee pinkelt. Stattdessen gehe ich vor und der Rest folgt mir.
Irgendwie hätte ich jetzt gerne eine Waffe. Am liebsten einen Silberdolch oder so was.
Als wir zwischen zwei Engelsstatuen durchgehen, kommt es mir so vor, als würden sie uns beobachten. Eigentlich unmöglich, aber andererseits … ne, Fiona, ne. So kitschig bist du nicht, also deine Kopie auch nicht.
Wir finden schließlich einen Eingang. Er ist nicht besonders imposant und an einem Seitenflügel des Schlosses, also wahrscheinlich so was wie ein Seiteneingang. Vielleicht für das Personal. Oder für die Hausfrauenvampire.
Ich bleibe stehen und schüttel den Kopf.
„Was ist los?“, erkundigt sich Michael.
„Sie hat Hausfrauenvampire.“
„Sie hat was? Ich meine, wer? Fiona 2?“
„Ja, die Vampire, die dich so vermöbelt haben, das waren mal frustrierte Hausfrauen. Das sollte dir zu denken geben.“
Ich kann meine Schadenfreude nicht ganz verbergen, als ich seinen Gesichtsausdruck sehe. Kurz denke ich daran, dass ich ihn nicht so reizen sollte, schließlich ist er ein Vampir und ich nur eine missglückte Kopie … oder was auch immer.
Mir fällt ein, wie Fiona 2 meinen Bauch berührt hat. Und andere Teile meines Körpers. Eigentlich war es gar nicht schlimm. Ich meine, ich berühre mich ja auch, zum Beispiel wenn ich mich wasche. Und natürlich auch bei der Selbst…
„Fiona?!“
Ich zucke zusammen und starre Michael an. „Was ist?“
„Du warst ganz weggetreten!“
„Ich … nicht wichtig. Können wir jetzt weitergehen?“
Michael schüttelt den Kopf und murmelt: „So kenne ich dich …“
Hä? Ich frag lieber nicht. Wahrscheinlich will ich die Antwort gar nicht wissen.
Eine Treppe schlängelt sich nach oben, über sie gelangen wir in die Halle. Sie wird von mehreren Fackeln an den Wänden erleuchtet. Zumindest ist es nicht gänzlich dunkel. Nur kalt, so kalt, dass unser Atem kondensiert.
„Gespenstisch“, flüstert Alfredo.
„Mach dir nicht in die Hose!“, flüstere ich zurück. „Was ist hier gespenstisch? Jemand hat zu viele Horrorfilme gesehen!“
„Eben“, erwidert der Professor. „Schaut mal, da vorne ist Licht!“
Er deutet auf eine Tür. Es gibt viele Türen und gegenüber der Haupttür, schwer, mit zwei Flügeln, geht eine geschwungene Treppe nach oben und mündet in einer Galerie, von der vermutlich die anderen Räumlichkeiten abgehen. Rechts von dieser Treppe ist eine nur angelehnte Tür und durch den Spalt dringt flackerndes Licht.
„Ich würde sagen, sie erwartet uns“, bemerkt Michael.
„Quatsch! Sie rechnet doch gar nicht damit, dass wir durch die Mauer kommen!“
Er blickt mich an. „Bist du sicher?“
Nein, natürlich bin ich mir nicht sicher. Eine meiner neuesten Erkenntnisse über mich ist ja, dass ich völlig unberechenbar bin. Das hat mir Fiona 2 eindeutig gezeigt. Das tut weh, dies auf eine solche Art und Weise zu erfahren, und ich habe nicht vor, das mit irgendeinem Vampir, der behauptet, mich ganz gut zu kennen, zu besprechen.
Er zieht eine Augenbraue hoch, dann tritt er zur Seite. „Nach dir, Madam.“
Wenn das hier vorbei ist, werde ich mich ernsthaft mit ihm unterhalten müssen. Keine Ahnung, was dabei passiert, immerhin habe ich noch nie einen Vampir verprügeln wollen … doch, habe ich. Das tat weh.
Ich beschließe, dass ich mich auf Fiona 2 konzentrieren sollte und gehe entschlossen auf die angelehnte Tür zu.
Dahinter verbirgt sich anscheinend der Speisesaal. Jedenfalls steht ein langer, reich gedeckter Tisch darin. Auf diesem mehrere Kerzen, die für das flackernde Licht sorgen, zusammen mit einigen Fackeln an den Wänden.
Fiona 2 sitzt am Kopfende, genauso angezogen wie vorhin, die Füße auf dem Tisch. Sie mustert uns neugierig und absolut nicht überrascht. Im Gegenteil, sie scheint uns bereits erwartet zu haben.
„Was hat euch aufgehalten?“, fragt sie mit diesem zynischen Unterton in der Stimme, der mir vorhin schon aufgefallen ist und der mich auf Dauer sehr aufregen würde. Habe ich das auch?
„Du hast vergessen, die Außenbeleuchtung einzuschalten“, erwidere ich.
„Ich glaube, wir beide haben einen ähnlichen Humor“, sagt sie lächelnd.
Ich werfe einen Blick auf meine Begleiter, die uns etwas fassungslos anstarren. Es ist schließlich Michael, der als Erster seine Beherrschung wiedererlangt.
„Ihr habt beide denselben schrägen Humor, glaube ich. Doch das hilft dir jetzt auch nicht, Fiona 2!“
„Oh“, erwidert sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Wieso bin ich die Nummer 2, wieso nicht sie?“
„Weil du die jüngere bist“, erkläre ich.
Sie lacht laut. „Das hätte von mir sein können. – Nun, wollt ihr nicht Platz nehmen? Dann können wir mit der Vorspeise beginnen.“
„Wie, was?“
„Wir können wie zivilisierte Menschen miteinander reden, dazu ist ein Abendessen der passende Rahmen.“
„Zivilisierte Menschen entführen keine Kinder!“
„Sei doch nicht so kleinlich. Was ist jetzt, setzt ihr euch oder nicht?“
„Nein. Du verrätst uns, wo meine Kinder sind, wir holen sie und sind auch schon wieder weg!“
Sie nickt. „Schöner Plan.“ Dann schnippt sie mit der rechten Hand und plötzlich lösen sich aus der Dunkelheit an den Wänden entlang knapp fünfzehn Schatten – ihre Hausfrauenvampire.
Michael zischt.
„Va… Vampire?“, stottert Alfredo.
„Frustrierte Hausfrauenvampire“, erwidere ich grimmig und entdecke die Vampirin, die mich neben dem Auto zusammengeschlagen hat. Sie lächelt mich an.
„Setzt euch doch“, sagt Fiona 2 und nimmt schwungvoll ihre Füße vom Tisch.
Ich warte nicht auf die anderen und nehme rechts von Fiona 2 Platz. Sie mustert mich mit einem angedeuteten Lächeln, dann beobachtet sie die anderen dabei, wie sie meinem Beispiel folgen und sich ebenfalls setzen.
„Trinkt und esst, so viel ihr könnt. Wer weiß, wann es wieder was zu essen gibt!“
„Wieso?“
Sie zuckt die Achseln. „Nur so. Ich habe keine prophetischen Gaben, falls du wissen willst, was die Zukunft bringt.“ Sie hebt ein Glas. „Ich trinke auf die Liebe!“
„Auf die Liebe?“, erwidere ich. „Gerade du?“
„Warum nicht?“ Sie nimmt einen Schluck. „Ich liebe leidenschaftlich und aus allen Poren. Wenn ich liebe. Ich kann aber genauso leidenschaftlich auch hassen.“
„Ich weiß.“
„Natürlich, wir sind da gleich. Nur dass du deine Gefühle unterdrückst und ich nicht.“
Ich schnaube. Mehr bekommt sie nicht. Soll sie doch denken, was sie will.
„Sehr amüsant, wirklich sehr amüsant“, sagt plötzlich der Professor. „Aber wir sollten jetzt zum Wesentlichen kommen, weswegen wir eigentlich hier sind.“
„Ein gutes Stichwort!“, erwidert Fiona 2. Sie setzt das Glas ab und greift in eine Schüssel mit gebratenen Schenkeln. Von welchem Wesen sie stammen, das kann ich nicht so genau erkennen. Und ich glaube, ich will es auch nicht. „Wollt ihr nicht doch was essen? – Nun, das Wesentliche. Wie wir alle wissen, bis auf Fiona, ist das hier alles eine einzige Lüge. Moment, ich korrigiere. Streng genommen ist alles andere eine Lüge und das hier die Wirklichkeit. Die Gefrorene Welt, die aus erstarrter Energie besteht, ein Gefängnis für die Seelen …“
„Das ist so nicht richtig“, unterbricht Michael sie. „Die Gefrorene Welt hat durchaus einen Sinn.“
„Welchen denn?“ Fiona 2 mustert ihn provozierend. „Es ist ein Spiel, du Narr! Die Götter spielen mit uns Monopoly, das ist der einzige Sinn nicht nur der Gefrorenen Welt. Alles, das gesamte Universum, ist Monopoly, aber die Gefrorene Welt ist das Gefängnis. Gehe nicht über Los, ziehe keine 4000 Dollar ein, verreck! So sieht das aus, willst du das leugnen?“ Sie hat sich vorgebeugt und starrt ihn an, das Gesicht wutverzerrt.
Wow! Ich muss zugeben, das klingt irgendwie aufregend, irgendwie faszinierend. Es fiele mir nicht schwer, es zu glauben. Wie leicht ist es doch, die Verantwortung für das eigene Handeln abzugeben und in die Hände irgendwelcher mysteriöser Götter zu legen.
Jede Religion lebt doch davon.
Fiona 2 scheint zu ahnen, was ich denke, denn sie wendet sich mir zu. „Da ich dich ziemlich gut kenne, kann ich mir vorstellen, was in deinem kleinen Psychologenhirn für Gedanken herumwirbeln“, sagt sie lächelnd.
Ich atme tief durch. Ihr mit den Krallen durchs Gesicht zu fahren wäre im Moment nicht besonders klug.
„Woran glaubst du? Dass einfach alles so da ist? Oder aus einem großen Knall entstanden ist und wieder dorthin zurückkehrt? Mal ehrlich, ist das so viel intelligenter als der Glaube an mysteriöse Götter?“ Sie grinst. „Oh ja, ich kenne dich, wir sind sozusagen aus demselben Holz geschnitzt, meine Liebe.“ Sie lehnt sich zurück und macht eine ausladende Geste. „Sieh dich doch um. Die Vampire, Michael, der Professor, Alfredo, wir beide, wir bestehen alle aus Molekülen, diese aus Atomen, diese aus Elektronen und dem Kern, der Kern aus Neutronen und Positronen, diese aus … nun, ich könnte ewig so fortfahren. Hast du dich jemals gefragt, was der Grund dafür ist? Hast du dich jemals gefragt, ob das alles einfach nur so da ist? Hast du dich jemals gefragt, ob der Glaube an Götter nicht genauso schwachsinnig ist wie der Glaube an die Naturwissenschaft? Ob nicht beides nur Religionen sind?“ Sie beugt sich wieder vor. „Meine Liebe, die Götter, die ich meine, von denen ich denke, dass sie der Grund für unsere Existenz sind, die sind weder gut noch böse, solche Konzepte interessieren sie nicht, sie verstehen sie nicht einmal, so primitiv sind diese Konzepte. Götter sind für uns wie wir für Ameisen: unbegreiflich. Und vielleicht gibt es wieder andere Wesen, die sind für die wie sie für uns, und so wie Ameisen nichts von unseren Göttern auch nur ahnen, so ahnen wir nichts von den Göttern der Götter. Wie im Großen so im Kleinen. Dieser Spruch enthält die gesamte Weisheit der Schöpfung.“ Fiona 2 nimmt ihr Glas und lehnt sich zurück. Während sie trinkt, beobachtet sie mich über den Glasrand hinweg.
„Beeindruckende Rede“, sage ich langsam. „Mir ist nur nicht klar, was du überhaupt willst.“
„Leben. Leben, lieben, lachen. Saufen und ficken. Und was willst du?“
„Meine Kinder zurück.“
„Okay, das ist auch ein Ziel. Aber wo bleibst du dabei? Wann hast du dich eigentlich selbst verloren, weißt du das noch?“
„Wer sagt denn, dass ich mich verloren habe?“
„Schaust du denn nie in den Spiegel?“
Ich gebe keine Antwort. Tief in meinem Inneren weiß ich genau, dass sie recht hat. Egal, wie sehr ich meine Kinder liebe, egal, wie sehr ich Ben liebe, die Frau, die mich seit Jahren jeden Morgen aus dem Spiegel ansieht, die ist mir fremd. Die Kraft, die Fiona 2 aus jeder Pore versprüht, die hatte ich früher auch, aber irgendwann verlor ich sie, und ich weiß nicht einmal, wann und wie.
„Doch, du schaust“, sagt Fiona 2 leise und ihre Stimme ist so weich, wie sie vor paar Stunden auch schon war, als sie hinter mir stand und meinen Körper unter Wasser berührte. „Komm mit mir, ich gebe dir die Kraft zurück.“
„Mit dir gehen? Wohin denn?“
„Lass dich nicht darauf ein“, sagt Michael plötzlich. „Das ist eine Falle. Sie ist nicht du, sie ist nur eine billige Kopie.“
„Eine billige Kopie?“ Fiona 2 lacht kurz auf. „Wer sieht der ursprünglichen Fiona denn ähnlicher, sie oder ich?“
Michael sieht mich an und schüttelt den Kopf.
„Keine Antwort? Auch das ist eine Antwort.“
„Fiona, bitte, vertraue mir!“
Ich sehe ihn an. „Warum sollte ich das tun? Hast du nicht meine Kinder und mich entführt? Ohne deine … Heldentat säße ich gar nicht hier!“
„Oh oh!“, sagt Fiona 2.
„Du irrst dich, Fiona. Aelfric zieht die ganze Zeit die Fäden aus dem Hintergrund, er hätte dann eben irgendetwas anderes gemacht.“
Ich mustere ihn. Kann ich ihm trauen? Kann ich meiner Kopie trauen? Kann ich überhaupt irgendjemandem trauen? Mir zum Beispiel?
Ich wende mich an Fiona 2: „Wohin gehen? Wie?“
Sie wirft Michael einen kurzen Blick zu und als der schweigt, antwortet sie: „Das Bluttanz-Ritual. Es würde uns wieder vereinen, zu der Fiona machen, die wir waren und wieder werden müssen. Dann könnten wir zurück in die Gefrorene Welt und unseren Platz dort einnehmen. Mächtiger, stärker als je zuvor.“
„Und die echte Fiona auslöschen“, stellt der Professor fest.
Fiona 2 zuckt die Achseln. „Sie ist nicht echter als wir. Und sie ist eh eine Gefangene von Aelfric. Er hat uns beide aus ihr erschaffen, also sind wir, einmal wieder vereint, Fiona. Wo ist das Problem?“
„Dass genau das der Plan von Aelfric ist. Ich weiß nur nicht, was er vorhat.“
Ich betrachte Michael. „Was sollte er schon vorhaben?“
„Das weiß ich eben nicht. Aber er tut all das ganz sicher nicht ohne Grund. Und weil seine Pläne ebenso sicher von Fiona nicht gutgeheißen wurden, ist sie seine Gefangene, gibt es euch. Und deswegen werde ich dem ein Ende bereiten.“
„Was hast du vor?“, erkundigt sich Fiona 2 amüsiert.
„Ich rufe weitere Krieger zu unserer Unterstützung. Manchmal hilft viel auch viel.“
„Tue das nicht“, flüstere ich.
„Und warum nicht?“
„Weil das genau das ist, was Aelfric will! Frag mich nicht, woher ich das weiß, aber ich weiß es. Aus irgendeinem Grund will Aelfric so viele Krieger wie nur möglich hier haben.“
„Erinnerst du dich etwa wieder?“ Michael sieht mich forschend an.
Das wüsste ich auch gern, was mit mir los ist. Ich habe plötzlich das Gefühl, mein Schädel müsste gleich zerplatzen.
„Ich weiß es nicht“, erwidere ich gepresst. „Aber mein Kopf tut höllisch weh!“ Ich atme tief durch, dadurch wird es etwas besser. „Ich weiß nur, dass Aelfric genau das will: Krieger hier haben.“
„Immerhin erinnerst du dich wieder an Aelfric, das ist auch schon eine Veränderung“, stellt der Professor fest.
„Ja.“ Ich drücke meine Handflächen gegen die Schläfen, als wieder eine Schmerzwelle durch meinen Kopf rast.
„Ich glaube, die echte Fiona macht sich bemerkbar“, meint Michael.
„Bist du sicher? Das wäre ein richtig gutes Zeichen. Wenn allerdings stimmt, dass es Aelfric nur um Krieger geht … Was will er mit ihnen?“
Ich schüttel den Kopf, was keine gute Idee ist. „Keine Ahnung. Oh Mann … wenn das Freiheit ist … dann weiß ich nicht, ob ich sie will …“ Die nächste Schmerzwelle reißt mich vom Stuhl. Mir wird schwarz vor Augen.