Wiederkehrer: Wer ist Fiona?

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Fortsetzung von Aelfric, der Zombie-König.

Hier geht es zur kompletten Version (so weit schon veröffentlicht).

 

Sie zwinkert mir zu.
Sie zwinkert mir zu?
Ich starre in den Spiegel. Hat mein Spiegelbild mir ernsthaft gerade zugezwinkert?
Hä?
Für einen flüchtigen Moment denke ich, dass ich weniger trinken sollte. Andererseits liegt das letzte Glas Whisky schon so lange zurück, dass ich nicht einmal mehr Restalkohol im Blut haben dürfte.
Okay, vielleicht ein wenig. Aber nicht genug für zwinkernde Spiegelbilder.
Ich beobachte mein Spiegelbild, kann aber nichts Verdächtiges entdecken. Eine fünfunddreißigjährige Blondine mit schulterlangen Haaren und leicht geränderten Augen, was nicht unbedingt am Alter liegt.
Der nackte Körper ist annehmbar. War schon mal besser, die Bauchmuskeln sind aber noch zu erahnen. Vielleicht sollte ich doch wieder anfangen zu trainieren, bevor ich beim Sex eher schlappmache als Ben. Was ja kein Wunder wäre, so wie er sich fit hält. Kein Gramm Fett an ihm.
Und es wird ganz viele Weiber geben, die alles oder zumindest sehr viel dafür tun würden, mit ihm ins Bett zu hüpfen. Ich erinnere mich wieder an die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass der blendend aussehende Olympiastar die Tochter des CSE-Chefs heiraten will.
Die weibliche Hälfte der Nation trug Schwarz an jenem Tag, als die Hochzeit stattfand.
Die Konkurrenz ist also groß und schläft ganz sicher nicht. Zumindest nicht ohne Ben.
Also wieder trainieren.
Doch erst die Kinder in die Schule bringen.
Ich ziehe schwarze Nylonstrümpfe, schwarze halbdurchsichtige Seidenunterwäsche an, dazu einen knielangen Bleistiftrock, auf der linken Seite angeschlitzt. Außerdem eine dunkelblaue, fast schwarze Chiffon-Bluse und einen Blazer.
Ich überlege kurz, ob ich Stiefeln anziehen soll, entscheide mich aber schließlich für High Heels.
Sandra verdreht die Augen, als sie mich sieht. „Mama, du bringst uns doch nur zur Schule, dafür musst du doch nicht so rumlaufen!“
„Wie laufe ich denn herum?“, erkundige ich mich, während ich mir einen Kaffee zum Mitnehmen mache. „Seid ihr eigentlich fertig? Wir müssen los.“
„Ich bin fertig!“, verkündet James und salutiert.
„Lass das, wir sind nicht beim Militär.“
„Aber du trägst eine Uniform.“
„Ich trage eine Uniform? Wie kommst du denn auf diese Idee?“ Unterdessen scheuche ich die beiden nach draußen und zum X3.
„Na, auf großen Festen laufen doch alle so rum!“
Sandra setzt sich mit der ihr gewohnten Selbstverständlichkeit nach vorne. Ihr Bruder beschwert sich, vermutlich aus Gewohnheit, er dürfte sowieso nicht nach vorne.
Erst als wir aus der Grundstückseinfahrt auf die Straße fahren, komme ich auf die Sache mit der Uniform zurück: „Die tragen doch nicht alle dasselbe.“
„Sieht aber für mich alles wie dasselbe aus“, erklärt James. Er macht nicht den Eindruck, als wäre er bereit, darüber zu diskutieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass Siebenjährige äußerst schlechte Diskussionspartner sind, und James ist zusätzlich auch noch Ben Hals Sohn.
Ich werfe einen Blick auf Sandra, die mich angrinst. Sie sieht es genauso wie ich, schließlich kennt sie ihren Bruder.
Vor der Schule kämpfe ich mich mit dem Wagen möglichst nahe an den Eingang heran und mache mir damit keine neuen Freunde.
Scheiß drauf.
„Holst du uns auch ab, Mama?“, erkundigt sich Sandra.
„Wahrscheinlich. Wieso?“
„James hat eine Stunde weniger. Ich werde Bescheid sagen, dass er in die Krippe kommt.“
„Krippe?“
„Sandra ist doof“, erklärt James.
„Wir Großen nennen Krippe die Beschäftigungsstunden für die Kleinen, wenn sie auf die Eltern warten. Da sind immer Lehrer dabei.“
„Ihr Großen, so so.“
„Ich bin doch groß“, sagt Sandra durch das geöffnete Fenster auf der Beifahrerseite. „Und ich will die Pille.“
„Waaas?!“
Sie grinst. „War nur ein Scherz. Bis nachher, Mama!“
Ich warte, bis sich mein Puls wieder normalisiert hat, bevor ich losfahre. Sandra hat sich eindeutig verändert in den letzten Monaten. Und sie ist hübsch. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie das nicht im Scherz sagt.
Vor diesem Moment habe ich definitiv Angst.
Zu Hause führt mich mein erster Weg zur Bar im Salon. Als ich das Glas an die Lippen führe, kommt Bruce herein.
„Sie haben Besuch, Mrs. Hal.“
Ich mustere ihn über den Glasrand hinweg.
„Besuch?“
„Ja, Madam.“
„Wo ist er?“
„Ich habe ihn in Ihr Büro geführt. Er kam vor etwa einer halben Stunde, nur kurz, nachdem Sie weggefahren sind.“
Ich nehme einen Schluck. „Wer ist es?“
„Ein Mann. Er wollte mir seinen Namen nicht nennen, aber er sagte, Sie würden ihn kennen.“
„Haben Sie darüber nachgedacht, die Polizei zu rufen, anstatt ihn in mein Büro zu führen?“
„Ja, Madam.“
„Und wieso haben Sie sich dagegen entschieden?“
„Er wirkte glaubwürdig darin, dass er Sie kennt.“
Das kann ich nicht nachvollziehen, als ich meinen Besucher erblicke. Verwaschene Jeans, ausgebleichtes Holzfällerhemd. Bart, der mindestens drei Tage alt ist. Er sieht auf jeden Fall so aus, dass ich es für angeraten halte, nach dem Handy zu greifen.
„Nicht die Polizei anrufen, Fiona.“
„Wie bitte? Ich glaube nicht, dass wir uns kennen.“
„Doch, Fiona, wir kennen uns sogar sehr gut. Ich bin es, Michael.“
„Also, Michael, entweder gehen Sie jetzt freiwillig oder ich rufe die Polizei. Und nehmen Sie sich in Acht, ich habe 20 Jahre Kampfsporterfahrung.“
„Ich weiß, wie gut du kämpfen kannst, okay? Du bist Fiona Flame und eine Kriegerin.“
„Ich heiße Fiona Hal, Flame hieß ich nie. Sie müssen mich mit jemandem verwechseln. Letzte Chance: Gehen Sie!“
Er steht auf und kommt auf mich. Ich spanne meine Bauchmuskeln an. Auch wenn ich nicht mehr in Form bin, glaube ich dennoch, dass ich mit einem Mann fertigwerde. Aber etwas mulmig ist mir schon.
„Fiona, Hugh ist tot!“, sagt er und bleibt vor mir stehen.
„Wer ist Hugh? Ich meine, wer war er? Ich kenne niemanden, der so heißt!“
Er starrt mich ungläubig an. „Was hat er dir bloß angetan?“
„Wer?“ Ich entsperre den Bildschirm von meinem Smartphone. „Mir reicht es jetzt. Ich rufe die …“
Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit reißt er mir das Handy aus der Hand. Als ich danach greife, macht er einen Schritt zurück und ich stolpere. High Heels sind für solche Situation denkbar ungeeignet.
„Ich schreie!“
„Okay, ich gehe jetzt. Aber ich werde nicht aufgeben, bis du dich wieder erinnerst, wer du bist.“ Er reicht mir mein Handy, das ich vorsichtig ergreife. „Also, wie gesagt, ich gehe jetzt. Wenn dir wieder einfällt, dass du mich doch kennst, ruf mich unter dieser Nummer an.“ Er gibt mir eine Karte, auf der nur ein Name steht und eine Telefonnummer.
„Michael Mysel“, lese ich laut. „Ganz ehrlich, der Name sagt mir absolut rein gar nichts. Gehen Sie jetzt bitte!“
Er nickt und geht an mir vorbei. „Ich finde allein raus.“
Ich bleibe noch eine ganze Weile stehen und sammle mich. Ein komischer Kerl war das. Und ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mich in Gefahr befunden habe oder nicht. Nach dem, was er gesagt hat, hält er mich für eine Freundin; da er aber offensichtlich ein Irrer ist, heißt das nicht viel.
Also habe ich mich in Gefahr befunden.
Ich gehe wieder in den Salon und fülle mein Glas nach. Als ich das Glas an die Lippen führe, klingelt das Handy.
Es ist Jack. „Hallo, Jack.“
„Hallo, Fiona. Störe ich?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Es gibt Arbeit.“
„Was ist passiert?“
„Ein Mord. Es sieht nach einem Ritual aus, eventuell sogar ein Serienmord. Können Sie herkommen?“
„Ja.“ Ich lasse mir die Adresse geben und denke kurz darüber nach, mich umzuziehen. Aber schließlich entscheide ich mich dagegen. Profilen kann ich auch in dieser Kleidung. Wenn ich dafür in irgendwelchen engen Löchern herumkriechen muss, habe ich halt Pech gehabt.
Auf der knapp zwanzigminütigen Fahrt denke ich daran, wie ich beschlossen hatte, Psychologie zu studieren, als Sandra ein Jahr wurde. Hätte ich damals schon gewusst, dass ich danach freiberuflich für meinen Onkel Steve als Profilerin arbeiten würde, hätte ich meine Entscheidung vielleicht überdacht.
Es ist echt nicht schön, was man als Profilerin so zu sehen bekommt. Das Körperliche ist nicht einmal am schlimmsten. Sicher, ab und zu rebelliert halt der Magen, aber das vergeht wieder.
Es sind die Schicksale, die mich manchmal bis tief in die Nacht verfolgen. Die armen Schweine, die abgeschlachtet werden. Und gelegentlich denke ich sogar, was für arme Schweine es sind, die aus den unterschiedlichsten Gründen andere abschlachten.
Scheißwelt.
Vor dem Haus, in dem der Mord geschah, der übliche Auflauf aus drei Neugierigen, vier Streifenwagen, dem Van der Spurensicherung und dem Mercedes des Captains. Keine Presse. Für die ist das bisher wohl nur ein gewöhnlicher, langweiliger Mord, einer von ziemlich vielen.
Das Haus befindet sich bereits in South Village, ein dreistöckiges, graues Haus, eingequetscht zwischen weiteren dreistöckigen, grauen Häusern. Eine Treppe führt hinauf zum Hauseingang, eine weitere hinunter zum Keller. Zwischen den beiden Treppen stehen die Mülltonnen.
Ich werde von einem Polizisten in Empfang genommen und ins Haus geführt. Es riecht nach Rühreiern und Desinfektionsmitteln. Die Wohnung, für die ein neuer Mieter gesucht werden muss, ein hoffnungsloses Unterfangen, egal wie gut die Tatortreiniger sind, ist in der ersten Etage.
Sie ist recht voll mit Menschen. In der kleinen, länglichen Diele treffe ich als Erstes auf Captain Jack.
„Danke, Fiona, dass Sie gekommen sind.“ Er gibt mir die Hand. Kräftiger Händedruck, aber zu trockene Haut.
Die Diele enthält einen Garderobenständer und drei Paar Schuhe, zwei Jacken, Spiegel, ein verblichenes Poster von einem Madonna-Konzert aus der Zeit, als sie noch jung war und fast gut aussah.
„Er ist im Wohnzimmer“, sagt Jack. „Sieht nicht so schön aus.“
Wo das Wohnzimmer ist, kann ich leicht erkennen, da sind die meisten Leute. Ich ziehe Handschuhe über, die mir Jack reicht, dann betrete ich den Ort des Geschehens.
Das Wohnzimmer sieht auch nicht besser aus als die Diele. Altes Sofa, Sessel, beide beigefarben, der Tisch zwischen ihnen aus dunklem Holzimitat, eine Ecke abgebrochen. Rechts stehen Regale mit Büchern und anderen Sachen darauf, die ich mir später näher ansehen werde. Zwischen zwei schmalen Fenstern der Fernseher.
Und zwischen dem Fernseher und dem Tisch die Leiche.
Begleitet von den Blicken der CSI-Leuten trete ich näher, dabei achte ich darauf, nicht in die riesige Blutlache zu treten. Obwohl, das sind keine fünf Liter, nicht einmal ansatzweise. Und eigentlich müssten es fünf Liter sein, denn aus dem zerfetzten Hals des etwa Vierzigjährigen, der mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegt, hätte sein ganzes Blut herausfließen müssen.
Sein Körper sieht auch so weiß aus, wie er sollte.
Aber wo ist das Blut?
„Das ist zu wenig Blut“, sage ich.
„Das haben wir auch schon festgestellt“, erwidert einer von den CSI. „Vermutlich war es ein Vampir, der vielleicht gestört wurde.“
„Ein Vampir?“
„War ein Scherz!“
„Das ist mir klar. Nur, wo ist das Blut? Er sieht aus, als wäre er nicht bewegt worden, nachdem sein Hals so zerfetzt wurde, das Blut hat sich um seinen Kopf herum verteilt. Haben Sie nachgesehen, ob er Blut unter dem Kopf hat?“
„Warum?“
„Weil wenn jemand ein Gefäß unter das Loch in seinem Hals gehalten hat, musste er dafür den Kopf angehoben haben. Es sei denn, er hatte eine Nierenschale oder so was.“
„Wir werden das prüfen.“
„Tun Sie das.“ Ich sehe mich um. Da der Körper bis auf den zerfetzten Hals keine Spuren von Gewaltanwendung aufweist, so weit ich es auf einen Blick erkennen kann, könnte es sein, dass er seinen Mörder gekannt hat. Oder er wurde völlig überrascht. So sehr, dass er sich sogar auf den Rücken legen ließ.
Zum Glück hatte er Parkettboden. Auch darüber wird sich der Vermieter freuen. Für mich ist das aber gut. Ich betrachte die Spuren im Holz, erst um den Sessel, dann um die Couch herum. Beide stehen noch anscheinend so, wie sie für gewöhnlich stehen. Hätte in diesem nicht wirklich großen Raum ein Kampf stattgefunden, wäre es anders.
„Suchen Sie was Bestimmtes, Fiona?“, erkundigt sich Jack.
„Es hat keinen Kampf gegeben. Würden Sie sich nicht wehren, wenn Ihnen jemand den Hals … nun ja, zerfetzen würde?“
„Normalerweise schon.“
„Eben.“
Ich werfe einen Blick in die anderen Räume. Kleines Bad, Schlafzimmer, einfach eingerichtete Küche. Nirgendwo ein Anzeichen dafür, dass sich der Mörder hier aufgehalten hätte. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer.
„Kennen Sie schon die Adresse des Mörders?“, erkundigt sich der CSI-Kerl von vorhin. Er scheint heute seinen witzigen Tag zu haben.
„Salzburger Vorstadt 15, Braunau am Inn“, antworte ich.
„Hä?“
„Da finden Sie den Mörder. Ganz sicher.“
Ich trete zu den Regalen, die ich bisher nicht genauer angesehen habe. Einige Bücher, hauptsächlich Romane und ein Österreich-Reiseführer. Hm. Viele Filme, meistens Blockbuster, einige Splatter und Pornos.
Und zwischen einer Sissi DVD-Box und „Angst vorm Fliegen“ ein Medaillon.
Es wirkt da zumindest schlecht platziert.
„Wo wurde er geboren?“, erkundige ich mich, während ich das Medaillon in die Hand nehme und den darauf abgebildeten Drachen betrachte. Er hat den eigenen Schwanz um den Hals geschlungen. Irgendwoher kenne ich das Symbol.
„In Wien“, erwidert Jack.
Ich fahre herum und starre ihn an. „Ehrlich?“
„Vielleicht ist die Adresse des Mörders richtig, die Sie genannt haben“, sagt der CSI-Kerl grinsend.
„Das glaube ich nicht.“ Ich mustere den Drachen. „Darf ich das mitnehmen?“
„Ja, aber wir nehmen es vorher als Beweisstück auf.“ Was so viel bedeutet, dass es in einen Beutel kommt, der beschriftet wird. Ich stecke ihn ein.
„Ich habe genug gesehen und melde mich nachher, wenn ich ein Profil erstellt habe“, erkläre ich an Jack gewandt.
„Das würde uns schon reichen“, erwidert Jack lächelnd. „Die Adresse finden wir auch selbst raus.“
Ich fahre nach Hause, bitte Bruce, die Kinder nachher abzuholen, dann gehe ich mit einem nachgefüllten Glas in mein Büro. Setze mich an den Schreibtisch, ziehe die Schuhe aus und lege das Medaillon im durchsichtigen Beutel vor mir auf den Tisch.
„Was willst du mir mitteilen?“, flüstere ich.

Fortsetzung: Down the vampire hole.