Friedhof der Drachen

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Thomas fluchte heftig, als der Schmerz in seinen Kopf stach. Im Dunkeln war er gegen etwas Hartes gelaufen, und als er es abtastete, erkannte er, dass es ein Stück des in den Weg ragenden Felsens war und ihm nun sein Blut warm an der rechten Gesichtshälfte hinabrann.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Sarah besorgt von hinten.
„Ja“, knurrte Thomas. „Der Berg ist dagegen, dass wir hier sind.“
„Hat er dich gebissen?“ Katharina klang amüsiert.
„So ungefähr.“ Thomas fragte sich, ob kleine Brüder wohl die große Schwester schlagen durften. Innerlich den Kopf schüttelnd vergaß er die Frage wieder und ging weiter. Es war eine blöde Idee, was sie hier machten. Nach dem lebensgefährlichen Abstieg durch den ausgetrockneten Brunnen stolperten sie durch völlige Dunkelheit, ohne die geringste Ahnung, ob sie überhaupt in die richtige Richtung gingen.
Als hätte Gott seine Gedanken gelesen, spürte er plötzlich einen leichten Windhauch, kaum wahrnehmbar. Ohne das Blut auf seinem Gesicht hätte er ihn vielleicht gar nicht bemerkt. Er blieb stehen und stöhnte leise auf, als Sarah von hinten gegen ihn lief und ihr Schwertgriff sich in seinen Rücken bohrte. Am liebsten hätte er sich umgedreht und ihr eine gescheuert. Schließlich war es ihre Schuld, dass sie sich hier unten befanden und eine nichtexistente Drachenperle eines nichtexistenten Drachen suchten. Sie und dieser dämliche Geist.
„Entschuldige“, murmelte Sarah.
„Pass doch auf“, murmelte er.
„Ich sagte doch … Warum bist du überhaupt stehen geblieben?“
„Ein Windhauch.“
„Hä?“
„Ich habe einen Windhauch gespürt, du Begriffsstutzige!“
„Thomas!“
„Sarah! Du nervst!“
„Du schon lange!“
„Sehr gut! Dann können wir ja sofort umdrehen und weiter zu diesem Lord …“
„Schluss jetzt! Ihr zwei seid ja furchtbar! Thomas, geh einfach weiter! Wir werden jetzt bestimmt nicht umdrehen. Los jetzt!“
Thomas schluckte eine unfreundliche Erwiderung herunter und gehorchte. In Wahrheit war er auch neugierig, was sie finden würden. Aber das mussten die beiden ja nicht wissen.
Der Windhauch wurde stärker und die völlige Dunkelheit ging in fast völlige Dunkelheit über. Bald konnte Thomas die Felswände erkennen und er wich zwei Vorsprüngen aus, die geeignet waren, für stärkeren Kopfschmerz zu sorgen. Und plötzlich standen sie im Freien.
Viel heller war es nicht als im Berg, aber das lag daran, dass die Schlucht sehr tief war. Über ihren Köpfen ließ sich der blaue Himmel erahnen.
„Jetzt müssen wir nur noch die verdammte Perle finden“, stellte Thomas fest.
„Was ist das?“ Sarah ging neugierig auf etwas Weißes zu. „Vielleicht ist das ja eine Perle …“ Sie kreischte in einem derart schrillen Ton los, dass Thomas‘ Kopfschmerzen zu einem Wirbelsturm wurden und er fast in Ohnmacht fiel. Gegen seine Übelkeit ankämpfend zwang er sich, das Schwert zu ziehen und Sarah zu Hilfe zu eilen.
„Was zum …“ Dann blieb er neben ihr stehen und starrte fassungslos auf die Drachengerippe. Es waren Dutzende, wenn nicht Hunderte. Der Anblick ließ keinen Zweifel daran, dass sie vor einem gigantischen Drachenfriedhof standen. Katharina gab einen seltsamen Laut von sich, als sie neben ihnen stehend begriff, was sie gefunden hatten.
„Sag nie wieder, dass es keine Drachen gibt!“
Thomas starrte jetzt Sarah an. „Was? Ach, hör doch auf. Mein Kopf zerspringt gleich.“
„Du hast Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Sarah mitfühlend.
„Ja, von deinem Gekreische.“
„Eher von dem Biss des Berges“, erwiderte Katharina amüsiert. Kleiner Bruder, große Schwester, dachte Thomas. Er beschloss, seine Rachegelüste vorerst hintanzustellen. Hier gab es Wichtigeres.
„Wie finden wir da den Schwarzen Drachen?“ Sarah sprach aus, was alle dachten. „Die haben alle weiße Knochen!“
„Wenigstens hatten Drachen ganz normale Knochen … au!“ Thomas schnappte nach Luft, als Sarahs spitzer Ellbogen sich nicht nur angedeutet in seine Seite bohrte. „Spinnst du?“
„Würdest du bitte endlich mit deinen völlig irrationalen Zweifeln aufhören? Die hier sind ja wohl echt, oder? Das nervt einfach nur noch!“
„Lass mir doch wenigstens meine irrationalen Zweifel.“
„Nein! Nein, nein und nochmals nein!“
„Ihr hört jetzt beide mit dem Kinderkram auf!“, rief Katharina. „Ich weiß echt nicht, warum ich mir das antue mit euch! Und warum wir hier unten sind. Bloß weil so ein Geist sich darauf beruft, dass du Königin von Untes sein könntest, wenn nicht der Fettsack seinen Arsch auf den Thron gesetzt hätte? Ich gehe!“
Thomas starrte seine Schwester ungläubig an. „Was ist denn mit dir los? Du kannst dich aufregen?“
„Darüber will ich nicht diskutieren. Wir gehen zurück …“
„Nein!“ Plötzlich war etwas in Sarahs Stimme, das die Geschwister zusammenzucken ließ. „Wir suchen die Perle des Schwarzen Drachens! Das ist meine Pflicht als Königin. Und ihr als meine Untertanen …!“
„Wie war das?“ Thomas schnaubte. „Untertanen? Verehrte Königin von Nichts, wir sind keine Unteser und auch keine Untertanen, schon vergessen? Ich dachte, wir wären als Freunde unterwegs. Und der Beischlaf war sicher auch nicht untertänig.“
„Oh mein Gott! Ihr werdet doch wohl nicht hier anfangen, über eure Praktiken zu streiten, oder? Im Übrigen, meine Liebste, gebe ich meinem kleinen Bruder recht. Untertanen sind wir ganz sicher nicht. Wieso sollten wir dir also helfen, eine Perle zu suchen, die es vielleicht gar nicht gibt?“
Sarah sank langsam auf die Knie und begann lautlos zu weinen. Thomas verdrehte die Augen.
„Ich weiß zwar, dass das nur gespielt ist, aber damit wir hier wegkommen, helfe ich dir. Los, steh auf. Du gehst voran.“
Sarah hörte auf zu weinen, sprang auf und lief los. Sie durchkämmten nebeneinandergehend den Friedhof, in der Hoffnung, dass es so einfach war. Aber natürlich war es das nicht, wie Thomas für sich feststellte, als sie zum zweiten Mal zwischen den Gerippen durchgegangen waren und nichts gefunden hatten. Es konnte nicht so einfach sein, das hätte jeder Erfahrung widersprochen, die er bisher in seinem Leben gemacht hatte. Für gewöhnlich und bis heute wurde im Gegenteil alles immer komplizierter, und es gab keinen Grund, warum sich das ausgerechnet heute hätte ändern sollen.
Er wurde nicht enttäuscht.
„Nichts!“, sagte Sarah traurig. „Das kann doch nicht sein! Ich meine, ich glaube einfach nicht, dass diese Viecher hier hin und her geflogen sind, bis sie irgendwann tot runtergefallen und verfault sind! Das macht doch keinen Sinn!“
„Endlich siehst du es ein.“
„Thomas! Sind hier Drachenskelette oder nicht?“
„Hier ist irgendwas, was Drachenskelette sein könnten. Also gut, meine Liebe, ich gebe zu, ich bin etwas enttäuscht. Ich habe mich schon auf das Drachenfrühstück gefreut.“
„Blödmann.“ Sarah verpasste ihm einen Stoß in die Seite, dann lief sie ziellos weiter. Sie ließ sich von ihrem Instinkt treiben, beobachtet von den Geschwistern.
Die Schlucht war lang und verwinkelt, und obwohl sie von der Stelle aus, wo Katharina und Thomas standen, gut einsehbar war, gab es dennoch Ecken, die sich vor ihren Blicken versteckten. So wunderte sich Thomas nur wenig, als sie den Aufschrei der Königin von Nichts hörten. Mit einem „Sie hat es doch gefunden!“ von Katharina rannten sie los. Sie fanden Sarah hinter einem Felsvorsprung stehend, dessen verkohlte Oberfläche Thomas vermuten ließ, dass er im Machtkampf der Drachen Opfer eines Feuersturms geworden war. Doch seine Gedanken verweilten nur kurz bei dem Monument, da sein Blick auf die große Öffnung in der Felswand gelenkt wurde, die Sarah entdeckt hatte.
„Bestimmt warten die überlebenden Drachen schon auf ihr Festmahl, nämlich auf uns“, bemerkte Thomas, sein Schwert ziehend.
„Welche Drachen? Die sind doch alle tot! Kommt!“ Sarah rannte voraus und wurde von der Dunkelheit verschlungen. Katharina und Thomas folgten ihr langsamer, bereit, ihrer leichtsinnigen Gefährtin zu Hilfe zu eilen.
„Kommt schon!“, rief Sarah von drinnen.
Sie stand inmitten einer riesigen Halle. Der Raum war groß genug, um sehr viele Drachen aufzunehmen. Er hatte eine annähernd rechteckige Form und schien nicht auf natürlichem Wege entstanden zu sein. Zumindest nicht in dieser Form.
„Der Versammlungsort für dunkle Riten?“ Thomas stellte für sich fest, dass er heute sehr zynisch war. Aber es gefiel ihm. Seine Wut musste endlich mal raus. Egal wie. Tote Drachen boten eine gute Gelegenheit dazu.
„Wie recht du hast.“ Seine Schwester ging tiefer in den Raum hinein. „Ich glaube, das ist eine Kirche. Und da vorne ist der Altar.“
Thomas fragte sich, welche Eingebung ihm das Richtige eingeflüstert hatte. Ja, das war eine Kirche. Ein Ort der Riten. Ob dunkel oder nicht, das wollte er nicht beurteilen. Was wusste er schon darüber, woran Drachen glaubten?
Jedenfalls waren sie nach langer Zeit die ersten Lebewesen, die sich hierher verirrt hatten. Der Boden war von dickem Staub bedeckt, in dem ihre Spuren sich gut abzeichneten. Oder nein, nicht die ersten. Thomas musterte die zahlreichen Spinnennetze. Er musste zweimal hinschauen, bis ihm klar wurde, dass die Größe der Netze sehr unterschiedlich war. In einigen von ihnen hätte auch er sich verfangen können, denn sie waren mehrere Meter im Durchmesser. Und als er mit dem Blick den armdicken Fäden eines der Netze folgte, erkannte er, dass er beobachtet wurde.
„Ein ungemütlicher Ort“, stellte er fest, den Schwertgriff fest umklammernd.
„Ja, schon lange nicht mehr sauber gemacht worden.“
„Genau das macht mir Sorgen. Die Spinnen könnten ausgehungert sein.“
„Du hast doch nicht etwa Angst vor diesen kleinen Tierchen?“, erkundigte sich Sarah spöttisch.
„Vor den kleinen habe ich keine Angst. Nur die großen machen mir etwas Sorge.“
Sarah und Katharina folgten seinem Blick und wurden, soweit er es in der Dunkelheit erkennen konnte, etwas bleich, als sie die riesige Spinne bemerkten.
„Oh. Hoffentlich bewacht sie nicht die Perle!“
„Du denkst schon wieder so optimistisch, Sarah“, knurrte Thomas. „Jetzt fehlt noch, dass sich die Perle auf dem Altar befindet!“
Das tat sie allerdings. Die drei starrten die schwarze Perle an, die in einer Art Schale auf dem Altar ruhte, genauso staubbedeckt wie alles andere in der Kirche.
„Das war ja ziemlich einfach“, fand Katharina. „Zu einfach.“
Sarah zuckte die Achseln. „Die Drachen sind halt tot. Los, lasst uns hier verschwinden!“ Damit griff sie nach der Perle, doch sie erstarrte inmitten der Bewegung. Die Geschwister brauchten nicht zu fragen, was sie so erschreckte, denn auch sie hörten und spürten das Grollen aus der Tiefe, das die Wände erzittern ließ.
„Das gefällt ihnen wohl nicht …“ Sarah presste die Lippen zusammen, dann packte sie die Perle und nahm sie an sich. Das Grollen wiederholte sich, aber leiser, langsam verklingend.
„Vielleicht ist der Berg nur sauer“, bemerkte Thomas, doch nicht einmal sich selbst konnte er damit überzeugen oder aufmuntern.
„Gehen wir“, sagte Sarah und begab sich mit der Perle in den Händen nach draußen. Sie wickelte sie in ihren Mantel, den sie sich um die Hüfte band. Dann machten sie sich an den Aufstieg. Ohne einen Zwischenfall erreichten sie die Höhle, wo der Geist bereits auf sie wartete.
„Habt ihr sie gefunden?“, fragte er aufgeregt.
Sarah nickte.
„Und auch vernichtet?“
Sarah schüttelte den Kopf. „Wir nehmen sie mit.“
„Nein! Ihr müsst sie vernichten! Euer Leichtsinn bringt Unglück über uns alle!“
„Sei still, du Narr!“ Sarah rannte nach draußen und atmete tief durch, als sie vor der Höhle im Sonnenlicht badete. Dann trat sie an den Rand des Abgrunds und bemerkte: „Wenn ich mein Königreich wiederhabe, werde ich mit einer Armee zurückkehren und herausfinden, was da unten ist.“
Dumpfes Grollen war die Antwort.

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