Wiederkehrer: Down the vampire hole

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Fortsetzung von Wer ist Fiona.

Hier geht es zur kompletten Version (so weit schon veröffentlicht).

 

Er kündigt sich aus der Ferne schon an und kommt dann wie ein Wirbelsturm angerast: James.
„Mama!“
Ich nehme ihn auf den Schoß und knutsche ihn ab. Das geht ihm dann doch zu weit: „Lass das, ich bin kein kleines Kind mehr!“
„Ach so. Das wusste ich nicht.“ Er geht nicht weiter darauf ein und ich winke Sandra zu, die kurz in der Tür auftaucht.
„Was machst du da, Mama?“, erkundigt sich James. „Und warum ist das im Beutel? Was ist das?“
Er nimmt das Medaillon und dreht es in der Hand hin und her.
„Das ist ein Beweisstück. Ich arbeite und versuche herauszufinden, was das ist.“
„Hast du es gefunden?“
„Ja, an einem Tatort.“
James blickt mich neugierig an. „Was für einem Tatort? Wurde wieder jemand getötet?“
Ich nicke und denke kurz darüber nach, ob es normal ist, dass Siebenjährige sich so ausdrücken, wenn es um das Töten geht. Sicher, er hat es ja schon ein paarmal mitbekommen, wenn ich von der Polizei angefordert wurde und irgendwie mussten wir ihm das erklären, was ich da tue. Kindern irgendeinen Blödsinn zu erzählen, davon halte ich nichts.
„Wer?“
„Ein Mann. Er heißt Hans Klein.“
„Komischer Name!“
„Stimmt. Er kam aus Österreich. So, und jetzt muss ich weiterarbeiten.“ Ich nehme einen Schluck vom Whisky. „Emma macht euch was zu essen.“
„Ich möchte aber lieber mit dir spielen!“
„Ich muss aber arbeiten und du hast Hunger. Nachher fahren wir zu Onkel Norman, aber bis dahin habe ich zu tun.“
„Ich. Will. Spielen! Mit dir!“
„James, das geht jetzt nicht. Geh bitte von mir runter und such Emma, okay?“
„Nein!“ Er haut auf die Tastatur, was unter anderem die geöffneten Browserfenster verschwinden lässt.
„James, verdammte Scheiße! Bist du völlig bescheuert? Hau ab!“ Entnervt stoße ich ihn von mir hinunter und er rennt heulend hinaus.
Scheiße!
Ich starre den Monitor an und überlege, James nachzurennen. Aber im Moment macht das eh wenig Sinn. Seufzend öffne ich den Browser wieder und suche im Verlauf die zuletzt geöffneten Fenster.
Drachenorden. Anfang des 15. Jahrhunderts gegründeter Adelsorden, katholisch. Von Kaiser Sigismund gegründet, damals König von Ungarn. Ungarn ist ein Nachbarland von Österreich.
Ordenssymbol ist ein Drache, der den Schwanz um seinen Hals schlingt.
Was zum Teufel geht hier ab?
Ich trinke den Rest vom Whisky, dann gehe ich in die Küche, wo Emma herumwirbelt.
„Gab es Ärger mit James?“, erkundigt sie sich.
„Ja. Ich war gereizt, er völlig aufgedreht von der Schule. Warum müssen Siebenjährige stundenlang herumsitzen? Das ist so bescheuert!“ Ich seufze wieder. „Ich glaube, ich mache ihm ein Schmalzbrot und entschuldige mich bei ihm.“
„Gute Idee“, sagt Emma nur.
Mit dem Schmalzbrot und einem Glas Orangensaft mache ich mich auf die Suche nach James. Ich finde ihn auf Anhieb in seinem Zimmer. Dort sitzt er auf dem Boden und baut einen Turm aus Legosteinen. Als ich hereinkomme, blickt er nicht einmal auf.
„Ich habe dir was zu essen und zu trinken gebracht“, sage ich.
„Hab keinen Hunger.“
Ich setze mich ihm gegenüber auf den Boden und stelle Teller und Glas vor mir ab.
„Soll ich dich füttern?“
„Nein!“
„Wirklich nicht?“ Ich breche ein Stück vom Brot ab und halte es ihm unter die Nase. Er gibt sich wirklich viel Mühe, es zu ignorieren, aber die Nasenflügel verraten ihn. Ich warte. Nicht lange, dann schnappt er plötzlich zu und schluckt das Brot hinunter.
Lächelnd halte ich ihm den nächsten Bissen hin. Diesmal geht es schneller. Zwei Minuten später ist das Brot alle. Ich lecke mir die Reste von den Fingern, dann reiche ich ihm den Saft. Er nimmt das Glas und trinkt gierig. Etwas Flüssigkeit läuft über das Kinn und tropft auf die Hose.
„Tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe“, sage ich.
„Schon okay“, erwidert er großzügig. „Was machen wir bei Onkel Norman?“
„Ich muss was Geschäftliches mit ihm besprechen. Wenn du willst, kannst du ja auch zu Hause bleiben und spielen.“
„Ich komme mit.“
„Gut.“ Ich erhebe mich. „Wir fahren in etwa einer Stunde los.“
„Okay.“ James konzentriert sich bereits wieder auf seinen Turm, aber sein Gesichtsausdruck ist weicher geworden. In einem spontanen Anfall beuge ich mich zu ihm hinunter und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. Er starrt mich empört an.
„Nur ein Kuss“, sage ich grinsend.
„Das war feucht!“
„Kommt vom Schmalz.“ Ich zwinkere ihm zu, dann gehe ich hinaus.

Es ist dunkel geworden draußen. Sandra und James sitzen vor einem riesigen Monitor und spielen.
„Das Spiel kommt nächsten Monat auf den Markt“, sagt Norman, während er die beiden lächelnd beobachtet. „’Down the vampire hole‘ heißt es.“
„Und so was lässt du meine Kinder spielen?“, frage ich entgeistert.
Er zuckt die Achseln. „Mach dir doch nichts vor, Schwesterchen. Obwohl es erst ab 12 freigegeben ist, wird es auch von Jüngeren gespielt. Wir können es gar nicht verhindern.“
Ich atme tief durch. Will nicht schon wieder einen Streit. Ungeschehen machen kann ich es sowieso nicht mehr und zumindest fliegen grad keine Gedärme über den Monitor. Heutzutage kann man ja schon darüber froh sein.
„Kinder verkraften oft mehr als Erwachsene“, erklärt Norman.
„Und man merkt, dass du keine Kinder hast“, erwidere ich. „Solche blöden Sprüche brauchst du in meiner Gegenwart nicht loszulassen, okay? Ich glaube, mit Kindern habe ich etwas mehr Erfahrung als du.“
Er grinst. „Schon gut, Schwesterchen. Will mich nicht mit dir streiten. – Hey, Kiddies, ihr könnt jetzt aufhören, eure Mutter ist fertig mit mir!“
„Schade!“, mault James rum, legt aber den Joystick aus der Hand. Sandra killt noch einen Vampir mit einem Kruzifix, dann hört sie auch auf.
„Und wir sehen uns am Samstag, um ins Kino zu gehen?“, fragt sie dann ihren Onkel.
Der nickt. „Klar, habe es dir ja versprochen. Ich hoffe, deine Mutter hat nichts dagegen.“
„Sie hat mich überredet, es ihr zu erlauben“, erkläre ich. „Also, alle bereit? Du schickst mir die Unterlagen zu, wenn sie fertig sind?“
„Ja, mach ich. Kommt gut nach Hause!“
Wir fahren mit dem Aufzug in die Tiefgarage, wo der X3 neben Normans Porsche steht. Papas Wagen ist schon weg.
„Was habt ihr eigentlich gemacht?“, erkundigt sich Sandra, als ich losfahre.
„Ich werde meine Aktienanteile verkaufen.“
„Warum? Der Wert wird bestimmt noch steigen!“
Ich werfe ihr einen Blick zu. „Kann sein, du Oberschlaue. Aber ich will sie nicht mehr haben.“
„Wie viel kriegst du denn dafür?“
Draußen ist es wirklich schon richtig dunkel. Ein Blick auf die Uhr sagt, dass die Kids schon im Bett sein müssten. Verärgert kaue ich auf meiner Unterlippe herum.
Dann fällt mir Sandras Frage wieder ein. „Zehn Millionen.“
„Das lohnt sich ja dann.“
„Boah, junge Dame, jetzt hör auf, so erwachsen zu tun! Meine Güte, mich beeindruckst du damit doch nicht!“
„Echt nicht? Komm schon, ich habe dein Gesicht gesehen, als ich sagte, dass ich die Pille will.“
„Das war ja auch was anderes. Ich finde, damit kannst du noch einige Jahre warten.“
„Zwei Mädchen in meiner Klasse sind keine Jungfrauen mehr.“
Ich verreiße fast das Steuer. „Das ist nicht zur Nachahmung empfohlen.“
„Du redest ja ganz schön geschwollen.“ Sandra lacht kurz auf. „Ja, ich will ja auch nicht. Aber ich will nicht als alte Jungfer sterben.“
„Keine Sorge, die Gefahr besteht noch lange nicht.“
„Mama, pass auf!“, schreit Sandra plötzlich.
Ich trete mit voller Kraft auf die Bremse, trotzdem bleiben nur wenige Zentimeter zwischen dem Kühler und dem Mann, der wie aus dem Nichts plötzlich vor uns auf der Straße steht.
Nur der schwere Atem von drei Menschen ist zu hören. Dann Sandra: „Ist er verletzt?“
„Keine Ahnung“, erwidere ich und schnalle mich los, um auszusteigen.
Da erkenne ich ihn plötzlich und ziehe die Hand vom Türgriff zurück.
„Was ist los, Mama?“, fragt Sandra.
Ich antworte nicht. Der geheimnisvolle Mann, der sich heute Vormittag Michael nannte, kommt um die Motorhaube herum auf meine Seite und bleibt neben der Fahrertür stehen. Ich lasse das Fenster nach unten gleiten.
„Hallo Fiona.“
„Sie sind wohl wahnsinnig, oder?“
Er schüttelt den Kopf. Wie hieß er noch gleich? Ach so, Michael. Bin ja ganz schön durcheinander.
„Hören Sie, Michael, falls das überhaupt Ihr richtiger Name ist, was soll das? Sie hätten sterben können!“
„Das glaube ich nicht. Rutsch rüber, ich fahre.“
„Wie bitte?“
Ich starre ihn an, dann die Pistole, die er plötzlich in der Hand hält und auf mich richtet.
„Rutsch rüber, ich fahre.“
Meine Einschätzung, dass ich mich in Gefahr befand, war also richtig. Und jetzt erfüllt sie sich auch noch, nur sind diesmal die Kinder ebenfalls dabei. So eine verdammte Scheiße. Nicht einmal meine Kampfsporterfahrung nützt mir etwas, denn ich kann und werde nicht riskieren, dass eine verirrte Kugel eins der Kinder trifft.
Also werfe ich einen Blick auf Sandra, die sofort versteht und nach hinten klettert, dann rutsche ich auf den Beifahrersitz. Michael steigt ein, die Pistole weiterhin auf mich gerichtet.
„Wenn Sie Geld wollen …“
„Will ich nicht. Sei still.“
Ich gehorche, es ist wahrscheinlich besser, ihn nicht zu reizen. Obwohl, so richtig schlau werde ich aus ihm nicht. Und das macht mir Angst. Ich bin studierte Psychologin, will demnächst promovieren, arbeite als Profilerin und ich werde nicht aus so einem Kerl schlau. Das ist nicht gut.
Nach dem Losfahren legt er die Pistole in seinen Schoß und sagt: „Ich hoffe, dir ist klar, dass du mit jeder unbedachten Aktion deine Kinder in Gefahr bringst.“
„Ich bin ja nicht blöd. – Was haben Sie mit uns vor?“
Er mustert mich von der Seite. „Ich wünschte, du würdest dich wieder erinnern, wer du bist und dass das alles nur eine total abgefahrene Illusion ist. Eine krasse Matrix-Nummer von diesem Aelfric-Clown.“
„Matrix?“, wiederhole ich. „Jetzt erzählen Sie mir aber bitte nicht, dass ich auf Déjà-vus achten soll!“
„Nein. Und auch nicht down the rabbit hole fallen.“
Ich schnappe nach Luft. Was zum Teufel ist hier los? Erst der tote Österreicher mit seinem Drachenorden und jetzt fallen den Vampiren Kaninchen hinterher. Das muss ein Albtraum sein, oder wenigstens ein Traum. So verrückt kann die Realität doch gar nicht sein!
Ich zwicke mich und es tut weh.
„Das nützt nichts, weil du nicht träumst“, erklärt Michael, dem meine Verwirrung wohl nicht entgeht. „Du bist wach, aber eben in einer künstlichen Realität gefangen.“
„Cool, wie bei Matrix?“, fragt Sandra von hinten.
„Nicht ganz. Aber so ähnlich.“
„Unterstehen Sie sich, mit meiner Tochter zu reden!“, fahre ich ihn an. „Wenn den Kindern was passiert, bringe ich Sie um!“
„Oh, das Muttertier!“ Er grinst. „Ich glaube dir das sogar, Schätzchen. Weißt du, du hast auch in der Realität eine Tochter, die Sandra heißt. Allerdings ist sie erst zwei Monate alt. Nur ist sie echt und braucht dich.“
„Ich glaube, Sie haben eine dringend benötigte Behandlung abgebrochen.“
„Oh, da kommt die Psychologin durch. Ich muss schon sagen, irgendwie bewundere ich den Clown auch wieder. Die Illusion ist wirklich fast perfekt.“
„Welche Illusion, verdammt nochmal?“
„Du glaubst mir ja doch nicht. Deswegen werde ich es dir beweisen.“
„Beweisen?“
„Ja, so, dass selbst du mir glauben musst. Und jetzt halt am besten die Klappe, okay?“
Ich gehorche, aus Einsicht. Und ich vermeide es, nach hinten zu meinen Kindern zu schauen. Nicht wegen des Irren, sondern weil ich den Kindern nicht zu deutlich zeigen will, wie viel Angst ich habe. Und sie würden es an meinem Gesichtsausdruck sehen. Und in meinen Augen.
Nach etwa zehn Minuten halten wir neben einem Friedhof, auf der Höhe einer kleinen Kapelle.
„Wir sind da“, sagt Michael und nimmt wieder die Pistole in die Hand. „Wir gehen jetzt in die Katakomben, so wie du mit Hugh zu Aelfric gegangen bist.“
„Wer ist dieser Hugh? Heute Vormittag hieß es noch, er ist tot.“
„Ist er auch. Er ist nicht mehr aus der Trance aufgewacht. Als James, dein Mann, das gesehen hat, rief er mich an. Er hat mir erzählt, was passiert ist und ich folgte dir. Ich habe gesehen, wie du bei Aelfric halb auf dem Tisch liegst. Also bin ich dir auch hierher gefolgt.“
„Also, die Geschichte von Reese war deutlich glaubwürdiger.“
Er lacht, hell und klar. „Wenigstens deinen Sinn für Humor hast du dir nicht nehmen lassen, Fiona. Aber ich würde es sehr begrüßen, wenn du dich jetzt einfach mal erinnern könntest, welchen Weg du mit Hugh gegangen bist.“
„Das kann ich aber nicht, weil ich erstens Hugh nicht kenne und zweitens niemals mit ihm irgendwo hingegangen bin!“
„Wir werden sehen. Steig aus …“
Anscheinend gehören die düsteren Gestalten, die aus der Kapelle schwirren, über den gut zwei Meter hohen Zaun springen und das Auto umstellen, nicht zu seinem Plan. Alles Frauen, dunkel gekleidet, finster dreinblickend.
„Was gibt das denn?“, fragt Michael. Seine Verwunderung wirkt echt.
Eine der Frauen bleibt einen halben Meter neben der Fahrertür stehen, deutet auf Michael und sagt in herrischem Ton: „Aussteigen!“
Er wendet sich den Kindern zu: „Ihr bleibt im Wagen, egal was geschieht!“
Dann steigt er aus. Er sagt etwas zu der Frau, aber so leise, dass ich es nicht verstehe.
Dann bricht die Hölle los.
Die Frau schlägt mit der Faust nach ihm, aber er schafft es auszuweichen. Den Rest bekomme ich nicht mehr mit, denn die Tür auf meiner Seite wird aufgerissen und ich werde am Arm gepackt und rausgezogen. Ich verfluche zum ersten Mal meine Entscheidung von heute, High Heels und engen Rock anzuziehen. Aber wie hätte ich auch ahnen können, dass wir entführt werden?
Ich stolpere und verliere dabei einen der Schuhe. Schon mal etwas. Ich rolle mich ab, dabei streife ich auch den zweiten Schuh ab und springe auf. Nur um einen Faustschlag in den Bauch zu kassieren.
Stöhnend klappe ich zusammen und muss anerkennen, dass meine Gegnerin einen unglaublich harten Schlag hat. Unabhängig davon, dass meine Bauchmuskeln längst nicht mehr so hart sind wie früher, tut es mehr weh als jeder Schlag, den ich jemals kassiert habe.
Mit einer Hand in meinen Haaren reißt sie meinen Kopf hoch und holt mit der anderen Hand aus. Meine Instinkte erwachen zum Leben. Ich lasse meine Faust nach oben schießen, genau zwischen ihre Beine. Sie quiekt und lässt mich los.
Benommen erhebe ich mich und sehe, wie zwei der Frauen die Hintertüren aufmachen und die Kinder rauszerren. Das lässt mich losmarschieren, dennoch komme ich nicht weit. Eine junge Schwarzhaarige verwickelt mich in einen Nahkampf und mir wird klar, dass sie übermenschliche Kräfte hat. Ich bin wirklich nicht langsam oder schwach, aber gegen sie habe ich keine Chance. Nach mehreren Treffern gehe ich zu Boden, unfähig, mich zu rühren. Ich spüre Blut in meinem Mund und aus der Nase laufen. Jetzt noch der finale Treffer und vorbei.
Doch er bleibt aus.
Es wird still.
Sehr still.
Bis auf mein röchelndes Keuchen.

„Mein Gott, was ist passiert, um Himmels willen!“
Es ist nicht einfach, den obercoolen Ben aus der Ruhe zu bringen, aber wir schaffen es.
„Wir wurden überfallen“, sagt Michael knapp. „Du bist Fionas Mann, richtig?“
„Ja, bin ich. Und wer bist du?“
„Michael. Hilf mir, sie ins Haus zu bringen.“ Michael zieht mich aus dem Wagen und trägt mich auf den Armen hinein. Ben geht vor, in den Salon. Ich werde auf der sandfarbenen, sauteuren Couch drapiert, mit meiner zerrissenen, dreckigen, blutigen Kleidung.
Irgendwie ist es mir scheißegal.
„Wo sind die Kinder?“, will Ben wissen.
„Entführt“, antwortet Michael.
„Entführt? Von wem?“
„Das wüsste ich auch gern. Ich habe so eine vage Idee. Menschen waren es jedenfalls nicht.“
„Wie bitte? Was dann?“
„Ich vermute mal, Vampire. Sie waren viel zu stark für Menschen.“
„Vampire?“ Ben sieht aus, als würde er gleich auf Michael losgehen. Da ich gesehen habe, wie Michael kämpfen kann, will ich das auf jeden Fall verhindern.
Ich setze mich stöhnend auf. Sofort sind beide Männer bei mir und stützen mich.
„Ben … es waren keine normalen Menschen … Keine Ahnung, was sie waren. Du weißt, dass ich kämpfen kann … aber ich hatte keine Chance!“
Ben sieht mich fragend an, dann wirft er einen Blick auf Michael. „Wo ist das passiert?“
„Neben dem Friedhof.“
„Neben dem Friedhof? Was um Himmels willen habt ihr da getan?“
„Das ist doch scheißegal!“, schreie ich. „Sie haben unsere Kinder, alles andere ist mir scheißegal!“
„Na na, ist ja gut. Wir kümmern uns um deine Kinder.“
„Wer ist wir? Du verfluchtes Arschloch, es ist alles deine Schuld!“ Ich gehe auf Michael los und schlage auf ihn ein. Allzu viel richte ich damit nicht aus, mein emotionaler Zustand erlaubt keine koordinierten Bewegungen. Schließlich breche ich weinend zusammen und werde von Ben aufgefangen.
Nachdem er mich wieder auf der Couch drapiert hat, wendet er sich Michael zu: „Ich will jetzt eine Erklärung. Wer bist du und was hast du mit meiner Frau und meinen Kindern am Friedhof gemacht?“
„Das ist nicht einfach zu erklären“, beginnt Michael. „Hör zu, Ben, das … ich … ach, verflucht.“ Er blickt mich an. „Fiona, kannst du dich immer noch nicht erinnern?“
„Erinnern? Woran soll sie sich erinnern?“
Ich sehe die beiden durch einen dicken Tränenschleier an. Vermutlich sehe ich aus wie ein schlecht geschminkter Clown.
„Er behauptet, das hier wäre alles nur eine Art Matrix und ich in Wirklichkeit jemand anderes. Und was ist mit Ben, wer ist er in Wirklichkeit?“
„Niemand“, erwidert Michael leise. „Ihn gibt es gar nicht.“
„Mich gibt es gar nicht?“, wiederholt Ben. „Soll ich mal das Gegenteil beweisen?“
„Versuch es lieber gar nicht, Ben, ich bin viel stärker als du.“
„Das stimmt“, bemerke ich schniefend. „Ich habe es gesehen. Und was machen wir jetzt?“
„Als Erstes werde ich erst einmal Hilfe holen“, antwortet Michael.
„Noch mehr Leute, die behaupten, ich müsste mich erinnern?“
„Ja, vermutlich. Entschuldigt mich bitte.“ Er holt sein Handy hervor und geht abseits. Ben wirft ihm einen Blick hinterher, dann setzt er sich neben mich.
„Ist er irre?“
„Ich glaube schon. Und trotzdem … da waren Frauen, vielleicht ein Dutzend. Und sie waren unglaublich stark. Ich kam nicht gegen sie an.“
Ben springt auf. „Entschuldige, ich hole was zum Saubermachen und Schmerzmittel!“
Ich lege mich auf das Sofa, ziehe die Beine an und starre mit verschwommenem Blick auf Michaels Rücken.
Kurz darauf dreht er sich um, steckt sein Handy weg und kommt zu mir.
„Zwei Freunde sind unterwegs. Professor Zweistein und Alfredo.“
„Waaa …?“ Jetzt bin ich mir endgültig sicher, das ist alles nur ein ganz dämlicher, böser Traum.
Ich will aufwachen! Sofort!
„Die beiden sind ausgewiesene Vampirexperten.“
„Vampirexperten? Willst du mich verarschen? Und du bist Graf Krolock, oder wie?“
„Kenn ich nicht.“
Ich schließe die Augen. Lieber Gott, lass mich bitte, bitte endlich aufwachen!
Stattdessen kommt Ben zurück, bepackt mit allerlei Zeugs und gefolgt von Bruce.
„Soll ich die Polizei anrufen?“, fragt dieser.
„Nein!“, rufen Michael und ich wie aus einem Munde.
„Sehr wohl, Madam. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“
Ich starre ihn an. Noch einer, der den Verstand verloren hat.
Lieber Gott, bitte, bitte … du weißt schon!
Als es klingelt, leuchten Michaels Augen auf und er eilt zur Haustür. Ben bleibt seelenruhig neben mir sitzen und fährt fort, mir das Blut aus dem Gesicht zu wischen, dabei diverse Platzwunden reinigend.
Michael kehrt mit zwei Männern zurück. Einer ist riesig, mindestens zwei Meter groß, der andere schlank und hager. Er trägt eine Art Arzttasche, geöffnete Jacke, darunter eine Weste und einen langen Schal um den Hals.
„Guten Abend zusammen“, sagt er. „Uns wurde gesagt, Sie haben Vampire am Hals?“
„Oh mein Gott!“, erwidere ich.
„Der kann dir nicht helfen, Fiona. Die beiden hier schon. Sie sind ausgewiesene …“
„… Vampirexperten, das sagtest du schon.“ Ich schließe die Augen. Vielleicht würde es helfen, die Hacken mehrmals zusammenzuschlagen und zu sagen, dass es nirgendwo so schön ist wie zu Hause.
„Genau so ist es. Wir verstehen eine Menge von Vampiren.“ Ich öffne die Augen wieder und starre Professor Zweistein an. Irgendwie kommt er mir bekannt vor, aber ich erinnere mich nicht, woher.
„Ich möchte bitte, bitte aufwachen“, sage ich.
„Dafür musst du akzeptieren, wer du wirklich bist“, erwidert Michael.
„Und wer bin ich denn?“
„Fiona Flame, eine Kriegerin.“
„Nein! Ich weigere mich! Scheiße, scheiße! Könnt ihr mich nicht einfach mal alle in Ruhe lassen?! Verschwindet, haut ab! Alle!“ Ich springe auf und renne aus dem Salon, nach oben, ins Schlafzimmer und schließe hinter mir ab.
Keuchend lehne ich mich gegen die Tür. Wieso renne ich eigentlich weg, wenn ich die anderen rausschmeißen will?
Ich wanke ins Bad und starre in den Spiegel. Eine Vogelscheuche blickt zurück. Die Haare total zerzaust, das Gesicht grün und blau, mehrere Platzwunden, die Oberlippe geschwollen, der Blaser halb in Fetzen, die Bluse ebenfalls.
Mein Spiegelbild hebt langsam eine Hand und winkt mir zu.

Fortsetzung folgt.