Wiederkehrer: Aelfric, der Zombie-König

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Fortsetzung von Zombieträume.

Hier geht es zur kompletten Version (so weit schon veröffentlicht).

 

„Das ist cool!“, sagt Hugh. „Viel cooler als zu träumen!“
Ich mustere ihn lächelnd. Wie ein kleines Kind steht er da und betrachtet seinen hypnotisierten Körper. James erhebt sich gerade und geht zu meinem erstarrten Körper, sieht ihn kurz an, dann wendet er sich kopfschüttelnd ab.
„Kann er uns sehen?“
„Nein“, erwidere ich. „Vielleicht spürt er uns, zumal er ja weiß, dass wir hier sind. Wenn du in deinem Traum den Körper verlässt, begegnest du da auch Menschen, die wach sind – also in der Illusion gefangen?“
„Ich glaube nicht, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin. Ich meine, im Moment fühle ich mich auch nicht anders, aber du sagst, dass wir die physische Welt sehen können.“
„Die Gefrorene Welt ist ja nur ein Abbild der Verborgenen Welt.“ Ich komme mir gerade sehr schlau vor. Als wenn ich das, was ich da sage, verstanden hätte. Obwohl, falsch ist es vermutlich nicht. Ich denke kurz an den Drachen und die Elfe und daran, dass ich mit ihnen wie ein Geist durch die Illusion des Klosters gewandert bin. Nur dass der Zauberer uns sehen konnte.
Wieso kann ich dann, wenn ich in meinem Körper bin, die Verborgene Welt nicht erkennen? So weit scheint es ja mit meinen Fähigkeiten nicht her zu sein.
Ich glaube, ich kriege Kopfschmerzen, wenn ich weiter darüber nachdenke.
„Fiona?“
Ich starre Hugh an. „Was ist?“
„Du warst plötzlich ganz abwesend, als wärst du weit weg. Wie kann das in der Verborgenen Welt passieren?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Außerdem, du darfst nicht vergessen, dass wir nicht frei von der Illusion sind. Immerhin müssen wir uns immer noch unsere Körper imaginieren.“
„Das stimmt.“
„So, und jetzt der Zombie-König. Wie kommen wir zu ihm?“
„Wir müssen in die Katakomben.“
„In die Katakomben?“
Er nickt. „Sag nicht, du weißt nicht, wo die sind!“
„Doch, das weiß ich.“ Ich kaue auf meiner Unterlippe herum. „Na gut, dann eben Katakomben.“
„Du warst aber da schon mal?“, erkundigt er sich zögernd.
„Ja, mehrmals. Meistens gab es Ärger. Na, egal.“
„Wie kommen wir am besten da hin? Wenn ich träume, bin ich schon in der Kapelle.“
„Oh, die Kapelle kenne ich auch. Ich glaube, so richtig Bescheid weißt du nicht, was alles möglich ist in der Außerkörperlichkeit. Kann das sein? Gib mir mal deine Hand.“
Er gehorcht und ich schließe die Augen, um uns zur Kapelle zu teleportieren. Ich mache das nicht zum ersten Mal, aber diesmal geht es beinahe schief. Keine Ahnung, warum, aber die Wände beginnen sich zu verformen, wie bei einem Logout. Doch bevor ich in Panik geraten kann, verschwinden sie gänzlich und stattdessen materialisiert sich um uns herum die Kapelle.
„Was war das denn?“, fragt Hugh entgeistert.
„Fast ein Logout“, erwidere ich.
„Ein was?“
„Logout.“ Ich habe überhaupt keine Lust, ihm zu erklären, was ein Logout ist. Zumal ich hauptsächlich damit beschäftigt bin, in Gedanken der Frage nachzugehen, was den Logout ausgelöst hat. Den Beinah-Logout.
„Ja, das habe ich verstanden, aber was ist ein Logout?“
„Das willst du nicht wissen. – Wie geht es weiter?“
Er sieht mich an, als wollte er sagen, dass er es sehr wohl wissen will, doch mein Blick überzeugt ihn schließlich vom Gegenteil. Stumm tritt er zu einer der Säulen und berührt sie mit einer Hand. Sie beginnt zu flattern und löst sich dann im Nichts auf. Ein Hologramm. Eine Illusion.
„Hast du wirklich nicht gesehen, dass die nicht echt ist?“, fragt Hugh verwundert.
„Ich bin eine Kriegerin, keine Göttin“, erwidere ich. Meine Laune wird immer schlechter.
Hugh schließt seinen sich öffnenden Mund wieder, ohne etwas zu sagen. Ein kluges Kerlchen.
Ich lasse ihn vorgehen. Die Treppe, die anstelle der Säule zu sehen ist, führt, wie könnte es anders sein, in die Tiefe. Warum ist mir nach Heulen zumute? Schon wieder spukt Katharina in meinen Gedanken herum. Keine gute Ausgangssituation für dieses Abenteuer.
Ich spüre es ganz deutlich, das wird böse enden. Sehr böse.

„Wie bist du eigentlich gestorben?“ Meine Stimme wirft ein seltsames Echo von den Wänden zurück. Seltsam, hier in der Verborgenen Welt. Andererseits, so viel habe ich bereits verstanden, in der Verborgenen Welt ist erstens alles möglich, sofern vorstellbar – und vielleicht auch noch mehr, aber das kriege ich ja nicht mit -, und zweitens bin ich zwar nicht mehr in der materiellen Welt, kann aber die Illusion trotzdem nicht einfach so ablegen.
Das Echo ist also wohl eher ein Nachhall in meinem Kopf. Wie gut, dass er rund ist.
Du bist dämlich, Fiona, erkläre ich mir.
„Ich wurde erschlagen“, antwortet Hugh.
„Erschlagen?“
„Bei einem Raubüberfall. Ist jetzt 15 Jahre her. Ich war damals 17. Meine Schwester hat überlebt, ihretwegen bin ich zurückgekommen.“
„Hm. Und was ist mit ihr?“
Er zuckt die Achseln. „Sie ist verheiratet und hat drei Kinder. Und ich schloss mich dem Nodus Sinuatrialis an.“
„Das war aber verdächtig knapp gefasst.“
„Ich kann das auch“, erwidert Hugh.
„Wer noch?“ Dabei weiß ich genau, wen und was er meint. Manchmal kann ich einfach nicht meine Schnauze halten, selbst wenn es vielleicht besser wäre.
„Hör zu, Fiona, du hast einen netten Mann und eine süße Tochter, warum machst du diese Scheiße?“
Was wird das denn? Die Retourkutsche?
„Weil ich eine Kriegerin bin?“
Er bleibt stehen und dreht sich zu mir um. Zwar steigen wir schon seit Minuten diese blöde Treppe hinab, aber aus irgendwelchen geheimnisvollen Quellen dringt genug Licht, dass wir uns und unsere Umgebung halbwegs gut erkennen können. Hugh mustert mich von oben bis unten. Was denn? Ich trage einen schwarzen Rolli, schwarze Jeans und schwarze, bequeme Schuhe. Ich könnte auch in meinen heißgeliebten Stiefeln und Hotpants herumlaufen, hier interessiert das keinen. Na ja, vielleicht ihn doch.
Ich spüre plötzlich Hitze zwischen meinen Beinen. Verflucht. Ich werde sicher nicht mit diesem Kerl hier vögeln, bloß weil James seit zwei Monaten nicht … Ich unterbreche meine eigenen Gedanken, bevor sie endgültig in eine Spirale abdriften, aus der ich nicht mehr herauskomme.
„Soweit ich es verstanden habe, hast du dich dafür entschieden.“
Wie, was? Ach so, Kriegerin. Süße Tochter. Und so.
„Da war ich nicht ich selbst“, erwidere ich murmelnd.
„Wirklich nicht?“
Ich starre in seine Augen. Will er mich ärgern? Oder ist ihm das wirklich nicht klar?
„Was meinst du?“
„Du hast dich doch vor deiner Geburt dafür entschieden, oder?“
„Sogar vor meiner Zeugung. Und?“
„Also warst du mehr du selbst als jetzt.“
Okay, er will mich nur verarschen.
„Aber ich war weniger Fiona als jetzt!“
„Das stimmt.“ Er grinst. „Lass uns weitergehen.“
Sehr gute Idee.
Nach einer Ewigkeit, zumindest fühlt es sich so an, was in der Verborgenen Welt eines gewissen Zynismus nicht entbehrt, erreichen wir einen See.
„Hm“, sagt Hugh.
„Was?“ Ich werde nervös. Es gefällt mir ganz und gar nicht. Was soll das heißen, „Hm“? Das ist an dieser Stelle ganz und gar nicht gut.
„Der See ist neu“, antwortet Hugh.
Meine schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen.
„Dir ist aber schon klar, was das bedeutet?“
Er nickt und betrachtet mit schiefgelegtem Kopf das Wasser.
„Seltsam. Siehst du diese … hm, also, sie sehen aus, wie Platten. Platten aus Metall.“
Er hat recht, der ganze See ist von Platten bedeckt, die aussehen, als wären sie aus Stahl. Schwarzer Stahl, glänzend. Sie liegen in regelmäßigen Abständen wie aufgereiht auf der Wasseroberfläche.
Hinter uns die Treppe, vor uns der See, sonst nichts.
Eindeutig eine Falle.
„Anscheinend will jemand, dass wir von Platte zu Platte hüpfen“, stellt Hugh fest.
„Bist du sicher? Wir sind in der Verborgenen Welt. Ich glaube eher, dass uns dein Zombie-König ärgern will. Ich vermute, es ist sicherer, auf dem Wasser zu gehen.“
„Auf dem Wasser zu gehen?“ Hughs Gesichtsausdruck sagt deutlich, was er über meinen Geisteszustand denkt.
Ich teste mit einem Fuß das Wasser. Widerstand. Fest. Etwas wackelig zwar, so ähnlich wie besonders fester Wackelpudding, aber zum Schwimmen absolut ungeeignet.
„Hm“, sagt Hugh. Muss eins seiner Lieblingswörter sein. Nicht besonders groß, sein Wortschatz, scheint mir.
„Hör auf mit ‚Hm‘. Wir gehen weiter. Wenn ich das richtig sehe, kennst du ab hier den Weg auch nicht.“
„Früher war er anders.“
„Sag ich doch.“
Als wir uns einer der Platten nähern, spüren wir deutlich, wie sie versucht, uns anzuziehen. Im Gegensatz zum Wasser ist sie überhaupt nicht fest, wir wären darin verschwunden, sie hätte uns aufgesogen wie ein schwarzes Loch. Was für ein Glück, dass meine Intuition mich selbst in der Verborgenen Welt nicht im Stich lässt. Meistens jedenfalls.
Hugh sagt erst einmal nichts mehr, was ich sehr gut finde. So kann ich meinen düsteren Gedanken nachhängen. Immer wieder werden sie von Katharina gestört, die Erinnerungen werden plötzlich sehr lebendig. Wie viel lieber wäre ich jetzt mit ihr unterwegs, meinetwegen auch in dieser unwirtlichen, von schwarzen Löchern destabilisierten Gegend.
Hugh ist kein Ersatz. Auf gar keinen Fall.
Dann erreichen wir einen Wasserfall, der in der schwarzen Tiefe verschwindet.
„Na toll“, bemerke ich.
„Wir könnten hinunter springen“, schlägt Hugh vor.
Ich mustere ihn. „Ganz sicher nicht. So wie ich das sehe, weiß dein Zombie-König schon lange, dass wir ihn besuchen wollen. Ich habe überhaupt keine Lust, ihm auch noch in den Rachen zu springen.“
„Bist du nicht unsterblich?“
„Ich regeneriere mich nur immer wieder. Aber das Sterben tut weh. Je nachdem, wie ich sterbe.“
„Ja, glaube ich“, sagt er leise.
Noch einer, der sein Trauma mit sich herumschleppt.
Da ich aber überhaupt keine Lust habe, mich mit ihm zu beschäftigen, betrachte ich den Wasserfall. Als er sich plötzlich verändert, schießt mir kurz der Gedanke durch den Kopf, dass die Unschärferelation neu überdacht werden sollte.
Ist natürlich Blödsinn, wir sind ja in der Verborgenen Welt, wo Illusionen wie die Quantenmechanik, die dazu dienen, die andere Illusion namens Materie zu erklären, völlig überflüssig sind.
Fakt ist – oder auch nicht -, dass aus dem Wasserfall eine einladende Wendeltreppe geworden ist.
„Siehst du“, sage ich zum entgeistert dreinblickenden Hugh, „er weiß, dass wir da sind. Außerdem ist er ein Spaßvogel!“
„Als Spaßvogel habe ich ihn bisher nicht kennengelernt“, murmelt Hugh, während wir die Wendeltreppe hinabsteigen.
Ich kümmere mich nicht um ihn. Meine Aufmerksamkeit gilt unserem Gastgeber, der unten auf uns wartet. Ein kleiner Mann, kleiner als ich. Gekleidet in eine Jacke und Hose, wie ich sie eher aus historischen Filmen über das Mittelalter kenne. Überhaupt wirkt er irgendwie auf mich sehr – alt. Wie ein Überbleibsel aus sehr alter Zeit. In der Verborgenen Welt, in der Zeit nur die Illusion ist, welche die materielle Welt zusammenhält, ein Paradoxon. Aber von solchen Paradoxa gibt es ja unendlich viele, sie sind der Kitt, der die Welt im Innersten zusammenhält.
„Willkommen!“, sagt er, als wir unten ankommen und auf ihn zugehen. „Willkommen in meiner kleinen Welt!“
„So klein sieht sie gar nicht aus“, erwidere ich, mich umsehend. Die Wendeltreppe ist verschwunden, wir befinden uns in einer großen Halle. Unwillkürlich kommt mir die Szene in den Sinn, wie Graf Dracula und Jonathan Harker sich zum ersten Mal begegnen. Allerdings bin ich nicht ganz so hilflos wie der Rechtsanwalt aus London.
Und eigentlich ist der Zombie-König bei Weitem nicht so furchteinflößend wie der Graf mit den spitzen Zähnen.
„Ein Scherzkeks, immer zu einem kleinen Scherz aufgelegt!“ Der Kleine kichert. „Nun, willkommen! Oder sagte ich das schon? Und du hast meinen großen Freund mitgebracht! Oder hat er dich gebracht?“
„Als wenn du das nicht genau wüsstest!“ Jetzt mustere ich ihn. Ein wenig hat er was von DeVito als Pinguin.
„Du hast natürlich recht, ich weiß es, schließlich bin ich hier zu Hause. Du bist bei mir, in meinem Heim! Nun, dann erlaube mir, dass ich mich dir vorstelle, schöne Frau! Ich bin Aelfric, Aelfric Darf!“
„Aelfric Darf?“ Soll ich darüber etwa lachen? Er wirkt allerdings nicht so, als wenn er einen Scherz machen würde.
„Genau, Aelfric Darf, in einem früheren Leben Elfenprinz, bevor mich die Verborgene Welt verschlang, wieder holte, mich auffraß. Aber ich bin ihr nicht bekommen, ich bin unverdaulich, ich hasse es, hier zu sein!“
Ein Elfenprinz! Ein Elfenprinz, der gegen sein Schicksal rebelliert, der sich weigert, sein vorübergehendes irdisches Dasein abzulegen. Warum eigentlich?
„Kommt mit, ich habe ein Mahl für euch vorbereiten lassen!“ Er eilt voraus und ich renne ihm hinterher.
„Ein Mahl?“
Er blickt mich von der Seite. „Ah, du bist misstrauisch! Was befürchtest du? Wir sind in der Verborgenen Welt!“
„Ja, sicher.“
Hinter uns höre ich Hugh hecheln. Ich glaube, der arme Kerl weiß nicht wirklich, was hier abläuft. So genau weiß ich es auch nicht, aber dass dieser kleine Ex-Elfenprinz was im Schilde führt, so viel steht fest.
Wir gelangen in einen anderen Raum, in dem ein reichhaltig gedeckter Tisch steht.
„Setzt euch!“, sagt Aelfric Darf und deutet auf zwei Stühle. Er selbst nimmt am Kopfende des Tisches Platz. „Langt zu, lasst euch nicht bitten, es ist alles da, es ist alles frisch, von den besten Köchen zubereitet!“
Ich greife nach einem Apfel und beiße hinein. Hugh wirkt, als wäre er am liebsten ganz woanders. Vorsichtig greift er auch nach einem Apfel, doch dieser verwandelt sich in seiner Hand in eine Ratte, die erst in seine Hand beißt und dann auf den Tisch und von dort auf den Boden springt, nur um quer durch den Raum auf eine alte Kiste zurennend von einem Blitz getroffen und verkohlt zu werden.
Aelfric lacht Hugh an. „Warum so verkniffen, mein Freund? So oft du doch schon hier warst, solltest du mich allmählich kennen!“
„Ja“, murmelt Hugh und starrt den Tisch an.
Ich wende mich Aelfric zu. „Du weißt, dass ich eine Kriegerin bin?“
„Und ob ich das weiß! Deswegen bist du ja hier!“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch und denke sofort an James, dem ich anscheinend schon die Mimik abgeschaut habe.
„Hast du wirklich gedacht, du bist freiwillig hier? Oh, bist du herrlich naiv, meine Liebe!“ Aelfric beißt lachend in etwas, was aussieht wie … wie … wie die Elfe aus „Hook“. Allerdings nur solange, bis Aelfric ihr den Kopf abbeißt. Das arme Ding hört auf zu zappeln.
Ich schüttele mich. „Äh … natürlich bin ich freiwillig hier. Was denn sonst?“
„Nun, weil ich dir Hugh geschickt habe. Ich wusste doch, du wirst dieser Einladung nicht widerstehen können! Und siehe da, hier bist du!“
„Aha. Nun gut, vergessen wir diesen Punkt mal, denn ich wollte ja hierher. Immerhin hat es wegen dir fast ein Blutbad gegeben. Als Kriegerin bin ich für das Gleichgewicht verantwortlich.“
„Ach ja, das Blutbad …“ Aelfric verspeist den Rest der Elfe und Hugh kotzt seinen Teller voll.
Toll.
Der kleine Prinz mustert den kotzenden Wiederkehrer, dann zuckt er die Achseln und strahlt mich an. „Möchtest du auch eine? Es gibt sie auch gegrillt und gebraten. Welldone oder blutig?“
„Danke, bin nicht hungrig“, erwidere ich und muss mich beherrschen, um nicht ebenfalls zu würgen. Bin mir grad nicht ganz sicher, ob das nur eine gutgemachte Illusion war oder echt.
„Schade, sie schmecken vorzüglich.“ Plötzlich beugt er sich vor und ich rieche Blut aus seinem Mund. „Deine Moral, die kannst du hier vergessen. Hier, meine Liebe, das ist die Realität, und das weißt du auch!“
Ja, ich weiß es. Wahrscheinlich besser, als er denkt.
„Moral ist was für Schwächlinge, was für Menschen und andere Wesen, die zu feige sind, das zu tun, was sie wirklich wollen. Und um sich selbst noch im Spiegel ansehen zu können, haben sie die Moral erfunden. Doch in Wirklichkeit, meine Liebe …“ Er nimmt einen gebratenen Schenkel vom Tisch, bei dem ich lieber nicht wissen möchte, wem oder was er mal gehört hat. „… in Wirklichkeit zählt die Moral gar nichts. In Wirklichkeit zählt weder was wir glauben noch was wir denken oder was wir träumen, in Wirklichkeit zählt, was wir tun!“
„Wir handeln aber nicht ohne Moral. Niemand von uns.“
„Ist das wirklich so?“ Er mustert mich amüsiert, dann wischt er sich die Hände an einem Tuch ab und greift nach seinem Becher. Die Flüssigkeit darin ist rot und ich glaube, ich will nicht wissen, um was es sich dabei handelt. „Nun, meine Liebe, es macht Spaß, mit dir zu diskutieren. Aber ich glaube, du bist aus einem ganz bestimmten Grund hier, denn du willst etwas von mir, nicht wahr?“
„Ich bin vor allem hier, weil ich wissen wollte, wer der Zombie-König ist.“
„Zombie-König?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen wendet er sich an Hugh. „Ich bin enttäuscht von dir, mein Lieber. Dem Namen mangelt es an allem, aber vor allem an Fantasie! Ich bin ein Elfenprinz, ich glaube, das habe ich schon erwähnt, auch dir gegenüber.“
„Das kann sein“, murmelt Hugh und starrt vor sich hin.
„Das kann nicht nur sein, das ist auf jeden Fall Fakt, mein lieber Wiederkehrer. Denn um Wiederkehrer geht es hier.“ Er blickt jetzt wieder mich an. „Meine Teuerste, ich brauche Energie!“
„Energie? Was für Energie? Und wofür? Du bist in der Verborgenen Welt, du hast so viel Energie, wie du nur willst!“
Er schüttelt langsam den Kopf. „Nein, nein, nicht so viel, wie ich will. Ich brauche sehr viel Energie! Ich hatte gehofft, die Wiederkehrer könnten sie mir liefern, aber nun habe ich eine bessere Idee, eine viel bessere Idee!“
„Was genau hast du vor?“
Lächelnd beugt er sich vor und ich stelle fest, dass sein Mundgeruch immer schlimmer wird. Was für ein Glück, dass ich diesen Kerl ganz sicher niemals küssen wollen werde.
„Liebst du Gott?“
„Wie? Was?“
„Gott. Du dienst ihm doch. Liebst du ihn?“
„Es gibt keinen Gott.“
„Natürlich gibt es Gott! Sogar mehr als einen! Es gibt viele Götter! Und sie spielen mit uns! Doch das werde ich beenden!“
„Was genau hast du vor?“
„Was ich vorhabe? Das kann ich dir sagen. Ich will die Illusion vernichten, ich will sie zerstören! Ich werde dafür sorgen, dass jegliche Illusion verschwindet, dass kein Wesen dieses Universums mehr in einer Illusion lebt, dass jedes Wesen dieses Universums die Welt so sieht, wie sie ist!“
„Das wäre das Ende der Gefrorenen Welt!“
„Genau!“ Aelfric nickt triumpfierend. „Und auch das Ende der Verborgenen Welt, denn die Götter würden sich uns endlich zeigen, sie würden aufhören sich zu verstecken und mit uns zu spielen!“
„Und wie willst du das anstellen, dass die Illusion verschwindet?“
„Durch eine Kettenreaktion. Die Illusion wird durch Energie aufrechtgehalten. Ich könnte böse sein und sagen, durch Blödheitsenergie, aber nein, so was tue ich natürlich nicht, und es stimmt ja auch nicht. Aber nehmen wir einmal an, an einer Stelle des Universums entstünde ein Riss in der Illusion. Du bist doch eine Frau, du weißt doch, was passiert, wenn erst einmal eine kleine Laufmasche im Strumpf drin ist?“
Ich nicke.
„Ich brauche nur einen ganz kleinen Riss in der Illusion der materiellen Welt und das würde eine Kettenreaktion in Gang setzen, an dessen Ende die totale Vernichtung von Materie stünde.“
„Und das wolltest du mithilfe der Wiederkehrer erreichen, die ja die Illusion durchschaut haben. Was ist schiefgegangen?“
„Du bist ja gar nicht so blond, wie du aussiehst.“ Aelfric lacht schallend und ich notiere mir eine Ohrfeige auf seinem Schuldenkonto. „Nun, die Energie von einer Handvoll Wiederkehrern reicht nicht aus, um die Kettenreaktion in Gang zu setzen. Einige von ihnen mutierten stattdessen sogar zu Zombies. Die habe ich in einem riesigen Labyrinth ausgesetzt, da dürfen sie sich gegenseitig zerfleischen.“
Autsch. Ich muss an Victoria denken.
„Und du hoffst, dass dir Krieger weiterhelfen könnten?“
„Ich sag ja, du bist gar nicht so …“ Er unterbricht sich, vielleicht ist mein Blick selbst für ihn deutlich genug. „Ich glaube, viel mehr als zwei Dutzend sind von euch gar nicht nötig und die Laufmasche breitet sich aus! Ist das nicht ein wunderbarer Gedanke? Keine Geburt mehr, kein Sterben, keine Agonie in der verhassten Materie, keine Kriege, kein Sex, keine Lügen, nichts, was diese verfickte Illusion aus uns macht!“
„Für einen Elfenprinzen hast du ja eine ganz schön vulgäre Ausdrucksweise.“
„Das sagst ausgerechnet du?“
„Ich bin ja kein Prinz. Und ich lebe in der materiellen Welt, in der diese Ausdrücke zeitgemäß sind. Elfen haben bestimmt nicht so geredet.“
„Das stimmt“, erwidert er lächelnd. „Aber ich beobachte euch Menschen schon lange. Eure Art zu reden verändert sich ständig und eigentlich ist auch deine Ausdrucksweise schon veraltet.“
„Bin ja auch kein Teenager mehr.“
Aelfric nickt und starrt mich an. „Was sagst du? Wäre das nicht schön, endlich dieses Gefängnis hinter dir zu lassen und das Universum zu sehen, wie es wirklich ist?“
„Du meinst, für den kurzen Moment, bevor die Götter uns in den Ursprungszustand zurückversetzen? Oder Schlimmeres? Nein, ich bin nicht interessiert.“
Er starrt mich immer noch an. „Wieso nicht? Wovor hast du Angst?“
„Angst? Ich? Und außerdem, du traust mir ja ganz schön viel zu.“
Seine rechte Augenbraue geht hoch. „Ich traue dir viel zu? Oh, meine Liebe, eigentlich ist es so, dass du dir zu wenig zutraust, dass du gar nicht weißt, wie mächtig du in Wirklichkeit bist!“
Verdammt! Was haben die alle? Auch Katharina hat mir ständig was davon erzählt, dass gottweißwie mächtig ich wäre. Am Ende glaube ich das noch.
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich.
Er nickt. „Und was für eine! Aber gut, wenn du nicht willst, ich werde schon jemanden finden. Du wirst sicherlich verstehen, dass ich nicht zulassen werde, dass du meine Pläne durchkreuzt!“
Ich zucke die Achseln. „Willst du mich töten? Dann komme ich wieder.“
„Oh ja, das weiß ich. Nein, meine Liebe, ich handhabe solche Herausforderungen anders. Ich sorge dafür, dass du gar nicht mehr weißt, wer du bist.“
„Aha. Und wie willst du das anstellen?“
„Ich bin ein Elfenprinz, schon vergessen? Und außerdem sind wir ja in der Verborgenen Welt. Im Gegensatz zu dir kenne ich meine Macht. Wie findest du zum Beispiel diese Schlafillusion?“
Eine Antwort schaffe ich nicht mehr. Ich werde sehr plötzlich sehr, sehr müde. Ich bekomme es nicht einmal mehr mit, wie mein Kopf auf die Tischplatte knallt. Cut.

„Mama, Sandra hat mich getreten!“
Ich blicke Sandra an.
„Gar nicht wahr, er lügt!“
Ich blicke James an. Der Kleine sieht lächelnd zurück.
„James, du ärgerst Sandra nicht und Sandra tritt dich dann auch nicht. Klar? – Hier, dein Kakao.“
James nimmt den Becher und trinkt daraus, während er auf den Fernseher starrt.
„Mama, darf ich heute Abend zu Onkel Norman?“, fragt Sandra.
„Was willst du bei ihm?“
„Er hat mich eingeladen. Wir gehen ins Kino.“
„Ins Kino?“
„Ja, in ‚Transformers 4‘.“
„Das ist nichts für kleine Kinder.“
„Mama, ich bin 12!“
Seufzend sehe ich Ben an, der so tut, als ginge ihn das alles gar nichts an. Aber er scheint zu spüren, dass er nun doch reagieren muss und blickt von seiner Zeitung hoch.
„Stimmt, Sandra ist schon 12. – Schatz, ich muss los, ich habe eine Besprechung. Bringst du heute die Kinder in die Schule?“
„Äh … was? – Ja, okay. Mach ich.“
„Danke, Schatz!“ Er faltet die Zeitung zusammen, erhebt sich vom Frühstückstisch, gibt mir einen Kuss und winkt den Kids zum Abschied zu.
Weg ist er.
Toll.
„Darf ich nun oder darf ich nicht?“, mault Sandra herum.
„Ja, du darfst.“ Ben wird das bereuen. Und wie er das bereuen wird.
Ich stehe auf. „Muss mich umziehen, wenn ich euch fahren soll. Bin gleich zurück und ich hoffe für euch, dass ihr es schafft, euch bis dahin ordentlich zu benehmen!“
„Klar“, sagt James strahlend.
Seufzend gehe ich nach oben.

Fortsetzung in Wer ist Fiona?.