Wiederkehrer: Zombieträume

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Fortsetzung von: Zombie oder kein Zombie?

Hier geht es zur kompletten Version (so weit schon veröffentlicht).

 

„Zombie-König?“, wiederhole ich. Am liebsten würde ich laut loslachen, aber etwas hält mich davon ab. Meine gute Erziehung? Eher nicht. Es ist eine Intuition.
„Ein Zombie-König schickt euch los, um eine Liste mit den Namen von ein paar Dutzend Wiederkehrern zu besorgen? Habe ich das richtig verstanden?“
„Es sind 127“, sagt Peter.
„Was?“
„Namen auf der Liste. 127 Namen sind auf der Liste.“
„Aha. Also nicht ein paar Hundert?“
„Das war eine lyrische Übertreibung.“
„Eher eine dramaturgische. – Also schön. Ich glaube, ihr seid keine Mörder. Ich werde jetzt meine Waffe sichern. Und ihr werdet das alle auch tun, sonst mache ich Hackfleisch aus euch allen, egal wie lange es dauert. Habt ihr das kapiert?“
Hugh nickt niedergeschlagen und winkt seinen Freunden zu, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich gehe mit gutem Beispiel voran, dann schiebe ich die Pistole in meinen Gürtel.
Danach will ich eigentlich fortfahren mit meiner Rede, aber Victoria funkt mir mal wieder dazwischen. Sie springt wie von einer Tarantel gestochen auf und geht auf Hugh los, mit beiden Fäusten auf ihn einschlagend. Hugh ist so perplex, dass er sie ohne Gegenwehr gewähren lässt. Nach einem Moment der Überraschung packe ich die Furie und zerre sie zu ihrem Stuhl zurück. Als sie versucht, mich auch zu schlagen, verpasse ich ihr eine Ohrfeige.
Sie plumpst auf den Stuhl und starrt mich empört an.
„Ich will kein Wort hören!“, herrsche ich sie an. „Noch so eine Aktion und ich werde ernsthaft sauer! Kapiert?“
Mit offenem Mund streichelt sie ihre gerötete Wange, dann nickt sie langsam.
Ich mustere Peter und seine Tochter, dann Victor. Sie beobachten mich angespannt. Ich lasse meinen Blick zu Hugh schweifen. Auch er beobachtet mich. Angespannt. Neugierig. Respektvoll.
„Nun denn, ich werde mir mal diesen Zombie-König vorknöpfen. Hat er eigentlich auch einen richtigen Namen?“
Hugh schüttelt den Kopf. „Zumindest hat er ihn mir nicht verraten.“
„Bist du der Einzige, der Kontakt mit ihm hatte?“
Er nickt. „In meinen Träumen.“
„In seinen Träumen?“, ruft Victoria. „Ihr wolltet uns töten, weil du in deinen Träumen …?“
„Ruhe!“, schreie ich sie wütend an. „Soll ich dich fesseln und knebeln?!“
„Das würden Sie nicht …“
„Doch!“
Irgendwas an mir überzeugt sie davon, dass ich es ernst meine, denn sie verstummt und macht sich klein. Vielleicht habe ich wieder den Killerblick. Egal, was es auch immer ist, es wirkt. Nur das zählt.
„So, nachdem das nun auch geklärt ist … Wenn ich es richtig verstehe, machst du im Schlaf außerkörperliche Wanderungen zum Zombie-König?“
Hugh nickt.
„Dann gehen wir mal gemeinsam dahin. Ich will mit ihm sprechen.“
„Er ist in der Verborgenen Welt“, flüstert Hugh entgeistert.
„Na und? Meine zweite Heimat. Kannst du denn nur im Traum aus deinem Körper?“
„Ja. Kannst du denn jederzeit, wann du willst?“
„Ich bin eine Kriegerin“, erwidere ich. „Also gut. Ich will diese leidige Geschichte irgendwie zum Abschluss bringen. Ihr geht schön brav nach Hause und tut so, als wäre nichts gewesen, dann tue ich auch so und lasse euch am Leben. Hugh bleibt hier, er muss heute noch träumen. Irgendwelche Einwände?“
Erwartungsgemäß gibt es keine. Mein Auftreten macht mal wieder Eindruck. Ich kenne schließlich meine Wirkung, wenn ich hochfahre.
„Dann raus hier! Alle außer Hugh, Victor und Victoria! Und natürlich den Hausherren.“
Ich beobachte die Wiederkehrer, die mit gesenkten Blicken das Büro verlassen. Virginia begleitet sie und schließt hinter ihnen ab. Als sie wiederkehrt, atmet sie erst einmal tief durch.
„Das war ja ganz schön erschreckend“, sagt sie.
„Wie das so ist mit Zombies“, bemerkt Victoria.
Diese Frau macht mich noch wahnsinnig!
Ich beschließe, sie zu ignorieren, und wende mich an Victor: „Sie müssen sich entscheiden, ist Ihnen das klar?“
„Ja“, antwortet er leise. „Es gibt keine andere Möglichkeit?“
„Sie sind tot, Victor. Offiziell liegen Sie neun Fuß unter der Erde. Okay, eigentlich in einer Gruft. Ist auch egal. Begreifen Sie es einfach als Chance, was Vernünftiges aus Ihrem Leben zu machen.“
„Wie bitte?“
„Ach, kommen Sie schon. Sie waren Börsenmakler, was ist daran irgendwie vernünftig gewesen? Sie wurden reich, indem Sie andere Menschen betrogen haben.“
„Das ist ganz schön hart, Fiona.“
Ich zucke die Achseln. „Vergessen Sie nicht, im zivilen Leben bin ich Geschäftsfrau und leite ein Unternehmen, das in diesem Land nicht gerade zu den kleinen zählt. Und da wir an die Börse wollen, hatte ich ein paarmal Kontakt mit Ihresgleichen. – Und keine Insidergeschäfte, klar?“
Victor nickt nur.
Ich wende mich an Peter, der mich lächelnd ansieht. „Fiona, ich bin beeindruckt. Das habe ich Ihnen nicht zugetraut, aber wie Sie hier in kürzester Zeit für Ruhe und Frieden gesorgt haben, Chapeau!“
„Ich werde oft unterschätzt. Bin ja klein, blond und süß.“
„Und das nutzen Sie ganz schön aus.“
Ich schenke ihm ein Lächeln. „Zu irgendwas muss es ja gut sein, dass ich so aussehe. – Also, Victor, wie haben Sie sich entschieden?“
„Habe ich wirklich eine Wahl?“
„Eine Wahl gibt es immer. Die Konsequenzen gehören allerdings dann auch dazu.“
„Eben. Genau diese Konsequenzen lassen mir eigentlich keine Wahl.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Lieber Victor, die Entscheidung besteht eben genau darin, die richtige Wahl aus all den zur Verfügung stehenden Konsequenzen zu treffen. Sonst wäre das doch keine Entscheidung.“
„Oha, ganz schön philosophisch“, bemerkt Peter.
„Das bringt das Kriegerdasein so mit sich. Das Weltbild gerät ziemlich durcheinander, wenn man … jedenfalls geriet meins durcheinander, als ich erfuhr, wer und was ich wirklich bin. Und auch ich musste eine Entscheidung treffen, mit allen Konsequenzen.“
„Sie werden diese Entscheidung aber wohl kaum mit dem Gedanken an die Konsequenzen getroffen haben, oder?“ Victor starrt mich fragend an.
„Oh doch, mir war sogar sehr klar, was es bedeutet und dass es sehr tiefgreifende Konsequenzen hat, wie ich mich entscheide. Und mir war auch klar, dass mir niemand diese Entscheidung abnehmen konnte.“
„So wie mir jetzt?“
„Genau.“
Er seufzt, dann erhebt er sich und macht einen Schritt auf Peter zu. „Dann entscheide ich mich für die Kirche.“
„Eine weise Entscheidung“, erwidert Peter.
„Wir werden sehen.“ Victor wendet sich mir zu. „Und was machen Sie?“
„Ich besuche den Zombie-König. Als Kriegerin kann ich es nicht ignorieren, dass es seinetwegen fast ein Blutbad gab.“
„Er wird wütend sein“, stellt Hugh fest. „Und außerdem, ich kann jetzt bestimmt nicht schlafen. Gibt es denn keine andere Möglichkeit? Wie kommst du denn in die Verborgene Welt?“
„Ich bin eine Kriegerin. Und natürlich gibt es auch eine andere Möglichkeit. Ich töte dich. Allerdings hast du dann etwa fünf Minuten, wieder in deinen Körper zurückzukehren, bevor er endgültig deaktiviert wird. Andererseits, als Wiederkehrer hast du doch Übung darin, ihn wiederzubeleben.“
„Ich glaube nicht, dass ich es wieder schaffen würde“, sagt Hugh mit gesenktem Kopf.
Ich zucke die Achseln. „Dann musst du träumen. Zumindest in Trance kommen.“
Hugh atmet tief durch. „Ich schätze, eine echte Wahl habe ich nicht. Ja, ich weiß, Konsequenzen und so.“
Auch ihm schenke ich ein Lächeln. „Du bist lernfähig. – Sind wir dann so weit? Alle versorgt und glücklich?“
„Nicht alle“, sagt Victoria mürrisch. „Was ist mit mir?“
„Nichts. Was soll mit dir sein?“
„Na ja, ich kann ja schlecht nach Hause gehen und weitermachen wie bisher!“
„Wieso nicht?“
„Wieso nicht?“ Sie starrt mich entgeistert an. „Weil ich jetzt von den Zombies weiß? Von den ganzen Wahnsinnigen, die überall herumlaufen?“
„Ignorier es einfach. Bis auf die Tatsache, dass du etwas mehr von der Wirklichkeit weißt als vorher, hat sich nichts geändert.“
„Super Ratschlag. Vielen Dank auch. Kann ich jetzt gehen?“
Ich nicke. „Kann dich aber auch fahren, wenn du noch kurz wartest.“
„Nein, danke, ich nehme ein Taxi!“ Sprachs und verließ das Büro ohne einen Abschiedsgruß.
„Sie hat es schon schwer“, bemerke ich.
„Ja“, bestätigt Peter. „Ich habe da noch was für Sie, Fiona.“
„Okay, ich höre.“
Peter wirft kurz einen Blick auf die anderen Anwesenden, dann sagt er: „Sie sollten etwas wissen, was ich noch nicht erwähnt habe. Uns … uns war immer klar, dass Wiederkehrer aufgrund ihres Wissens und der daraus resultierenden Macht eine … eine gewisse Gefahr darstellen. Aus diesem Grunde haben wir eine Art Notbremse eingebaut. Es handelt sich um eine Art Bombe, eine chemische Bombe. Die technischen Details sind jetzt nicht so wichtig, aber sie werden mit einer Tablette eingenommen, die alle Wiederkehrer bekommen. Die Liste der Namen im Tresor enthält auch die Aktivierungssqeuenz.“
Stille. Nur das schwere Atmen Hughs ist zu hören.
Dann: „Habe ich das auch in mir?“
Peter nickt. „Ja. Es handelt sich um Nanotechnologie, die Bombe heftet sich an die Magenschleimhaut und verwächst mit ihr. Wird sie aktiviert, setzt sie einen Stoff frei, der innerhalb weniger Minuten zum Tode führt.“
„Das … das ist doch Wahnsinn!“ Hugh ist sehr bleich geworden.
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme.“
„Eine notwendige Sicherheitsmaßnahme? Und wenn die Bombe einfach mal so zündet? Oder durch ein falsches Signal? Was ist das dann? Verluste gibt es immer, oder wie?“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, um gar nichts zu tun“, erklärt Peter ruhig. „Daher ist diese Maßnahme notwendig, trotz aller damit verbundenen Risiken.“
„Werde … werde ich das auch bekommen?“, erkundigt sich Victor.
„Es führt kein Weg daran vorbei. Wiederkehrer sind zu mächtig.“
„Aber ich fühle mich doch gar nicht so mächtig. Genau genommen fühle ich mich weniger mächtig als vor meinem Tod.“
Peter blickt ihn lächelnd an. „Victor, … Bevor ich das erkläre, würde ich gerne allgemein, aufgrund der besonderen Situation, in der wir uns alle befinden und die eine gewisse Vertraulichkeit fördert, vorschlagen, auf formelle Anreden und Ausdrucksweisen zu verzichten. Hat jemand etwas dagegen?“
Victor schüttelt den Kopf.
„Ich bin eine große Freundin vom Verzicht auf Formalitäten“, erwidere ich grinsend.
„Das glaube ich dir sofort. – Also gut, Victor, die Sache ist die: Du durchschaust die Illusion der Gefrorenen Welt. Nicht nur, dass du es weißt, wie deine Frau, dass die Gefrorene Welt lediglich eine … eine …“
„Imagination eines Schutzwalls“, helfe ich aus.
„So könnte man es auch ausdrücken, in der Tat. Danke, Fiona. Nun, abgesehen davon, dass dir diese Tatsache vertraut ist, Victor, hast du darüber hinaus es auch geschafft, Materie bewusst zu beeinflussen, indem du deinen Körper reaktiviert hast. Frankenstein hat dafür die Energie von Blitzen gebraucht mit durchaus schlechterem Erfolg. Wiederkehrer sind in der Tat in der Lage, zumindest mit etwas Übung, gezielt ihre Fähigkeiten einzusetzen, um Materie zu manipulieren. Und damit können sie, literarisch gesehen, zaubern. Sie beherrschen Magie.“
„Oh“, sagt Victor.
„So ist es“, bestätige ich. „Ich kenne mindestens einen Zauberer, der das sozusagen beruflich macht und sehr viel älter ist als …“
„Als wer?“, fragt Victor.
„Als die meisten Menschen, die ich kenne“, erwidere ich und denke dabei an Katharina. Erschreckend, wie weh die Erinnerung an sie immer noch tut.
„Was ist los?“, erkundigt Peter. „Du hast Tränen in den Augen!“
„Ich?“ Ich wische mit dem Ärmel über die Augen. „Nicht so wichtig. Wie auch immer, das mit der Magie ist ein wichtiger Punkt.“
„Kannst du auch zaubern?“, fragt Hugh.
Ich führe meinen Daumentrick vor, den ich gelernt habe, als ich dank Nasnat unfreiwillig in der Verborgenen Welt gelandet war, als ich mit der Elfe in der Oase gelandet war und als ich Zigarettenschachteln auf den Bäumen wachsen ließ.
Mit dem brennenden Daumenzigarettenanzünder mache ich jedenfalls ordentlich Eindruck.
„Cool“, sagt Victor. „Und sehr praktisch.“
„Im Prinzip schon, außer im Mall.“ Ich erhebe mich. „Also gut, haben wir jetzt alles besprochen? Hugh und ich haben ein Date.“
Wir verabschieden uns von Virginia, Peter und Victor und fahren mit meinem Wagen los zu Hughs Appartement. Von unterwegs rufe ich James an und erkläre ihm in Stichworten die Situation.
„Hunger!“, sagt er nur.
Aus dem Augenwinkel sehe ich Hughs irritierten Gesichtsausdruck.
„Kannst du ihr nicht die Flasche geben?“
„Warum kommt ihr nicht her? Während du Sandra fütterst, hypnotisiere ich ihn.“
„Du kannst hypnotisieren?“, erkundige ich mich erstaunt.
„Weißt du das denn nicht?“
„Ich meine, so richtig!“, erwidere ich lachend.
„Ach so. Doch, das gehörte zur Ausbildung. Also, was hälst du davon?“
Ich werfe einen fragenden Blick auf Hugh, der nickt.
„Einverstanden. In einer Viertelstunde sind wir da.“

Sandra betrachtet mich zufrieden. Sie ist, wie ich auch, glücklicher mit vollem Bauch als mit leerem. Sehr menschlich, irgendwie. In gewisser Weise ist es ein beruhigendes Gefühl, dass sie sich normal verhält.
Dann sehe ich hoch. Hugh sitzt entspannt im Schaukelstuhl, James neben ihm rittlings auf einem normalen Stuhl und redet leise zu ihm. Hughs Augen sind geschlossen, seine Gesichtszüge glatt, nur ein Mundwinkel zuckt kurz. Ideomotorische Bewegung. James hat davon gesprochen, bevor er damit begonnen hat, Hugh in Trance zu schicken.
Woher kann dieser Mann das alles?
Ich blicke wieder nach unten auf Sandra, die in meinen Armen liegt und sich nicht entscheiden kann, ob sie wirklich schon genug hat. Mir ist das recht, ich sitze gerade bequem mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa, ohne die blöden Schuhe, und freue mich überhaupt nicht auf das, was gleich auf mich wartet. Viel lieber würde ich hier bleiben, bei Sandra und James. Mein Gefühl sagt mir, dass die Begegnung mit dem Zombie-König nicht lustig sein wird.
„Ich glaube, er ist so weit“, sagt James genau jetzt.
Na toll.
Seufzend erhebe ich mich, reiche Sandra ihrem Vater
und ziehe meine Bluse zurecht. Ich habe kein Problem damit, wenn Fremde meine Brüste sehen, während ich Sandra stille, aber danach ist es mir unangenehm. Es spielt dabei auch keine Rolle, dass Hughs Augen geschlossen sind.
Bisschen doof, finde ich, schließlich gibt es kaum jemanden in Skyline, der mich nicht nackt kennt.
Ich beschließe, dass es an den Hormonen liegt. Auch wenn sie, wie jede Materie, nur Illusion sind.
„Kannst eine SMS schicken, wenn du da bist“, bemerkt James, dem anscheinend nicht entgeht, wie ich mich fühle.
„Idiot.“ Ich küsse ihn, dann lege ich mich auf das Sofa und schließe die Augen.
Es geht los.

Es geht weiter mit Aelfric, der Zombie-König.