Leseprobe: Die Prinzessin, die ihre Eltern tötete

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Die Erinnerung an den Schmerz war augenblicklich da, nur um wieder zu gehen. Er blickte in das Gesicht vor ihm, und es kam ihm bekannt vor. Doch so sehr er sich auch anstrengte, konnte er sich weder an den Namen, der zu dem Gesicht gehörte, noch an die Ursache des Schmerzes erinnern.
Schließlich fragte er: „Bin ich tot?“
Die Frau, deren Gesicht er sah, nickte langsam. Jetzt wurde er der zweiten Frau weiter hinten gewahr, die mit gesenktem Kopf weinend dastand. Katharina. Sein Blick schweifte zu der alten Frau zurück.
„Was ist geschehen?“, fragte er.
„Du warst sehr tapfer“, antwortete die alte Frau mit den weißen Augen, die ihn an Sarah erinnerten. Sarah! Er konnte sich plötzlich an ihre Schmerzensschreie erinnern.
„Wer bist du?“
„Ich bin Anoa, die Großmutter von Sarah“, sagte die alte Frau zärtlich. Ihre Hände hielten sein Gesicht. Nun fiel es ihm wieder ein. Er hieß Gire, und er war erstickt. Nun war es dunkel. Er spürte, dass er noch am Seil baumelte. Anoa fuhr fort: „Ich werde dich jetzt losschneiden. Du musst dann deinen Freunden helfen.“
„Sind sie auch tot?“, erkundigte sich Gire.
„Ja, ihr seid alle gestorben. Nur Thomas und Sarah leben noch. Und euch bitte ich um einen letzten Freundschaftsdienst für die beiden. Bist du bereit?“
„Ja“, antwortete Gire. Anoa durchschnitt mit einem Messer das Seil, sodass er auf den Boden fiel und sich aus der Schlinge befreien konnte. Er sah den kopflosen Körper von Manty am Boden, und er sah Kars, Lanaya und Sulla leblos in der Luft baumeln.
„Nimm sie alle runter, damit ich sie für kurze Zeit wieder zum Leben erwecken kann“, bat Anoa.
„Du bist also eine Hexe“, stellte Gire fest, während er aus dem Loch kletterte und als Erstes Lanaya befreite und auf den Boden legte. Nachdem auch Sulla und Kars neben ihr lagen, trug er Mantys Körper auf den Podest und nahm seinen Kopf. Dann blieb er unschlüssig stehen.
„Setz ihn an seinen Hals“, sagte Anoa, und nachdem er das getan hatte, beobachtete er staunend, wie Kopf und Körper zusammenwuchsen. Manty setzte sich blitzartig auf und sah sich um.
„Was ist passiert? Ich bin gestorben? Habe ich nur geträumt?“
„Das war kein Traum“, sagte Anoa. Auch die anderen regten sich langsam, setzten sich auf und blickten sich verwundert um. „Ihr seid alle gestorben. Meine Kraft reicht leider nicht aus, um euch endgültig aus dem Totenreich zurückzurufen. Aber ich habe erwirkt, dass ihr Sarah und Thomas einen letzten Freundschaftsdienst erweisen dürft.“
Sie schauten an den Kreuzen hoch und sahen, dass Sarah und Thomas bewusstlos herunterhingen. Es war auch gut zu erkennen, dass Sarahs Schultern die Last nicht ausgehalten hatten. Schweigend kletterten sie hoch und befreiten die beiden. Sarah und Thomas stöhnten dabei, erlangten aber nicht ihr Bewusstsein zurück.
„Folgt mir!“, befahl Anoa. Dann führte sie die Gruppe in ihr Versteck tief unter der Stadt. Nur ganz wenige Auserwählte wussten von diesem Ort, und weder Oluar noch irgendeiner seiner Vertrauten gehörten dazu. Das Versteck bestand aus mehreren Räumen, die nur durch ein Labyrinth aus Korridoren unter der Erde erreichbar waren. Wer nicht wusste, wie er zu gehen hatte, konnte es nicht finden. Selbst Katharina, die schon mehrmals hier gewesen war, zweifelte daran, das Versteck allein finden zu können.
Die Toten machten sich solche Gedanken nicht. Sie waren in dieser Welt nur Gäste für kurze Zeit. Sie legten Sarah und Thomas auf die vorbereiteten Betten und zogen sie auf Geheiß von Anoa nackt aus. „Verabschiedet euch“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Ihr müsst nun gehen. Mehr konnte ich leider nicht für euch tun.“
„Das war schon mehr, als wir erwartet haben“, erwiderte Lanaya. Sie beugte sich über Thomas und berührte seine aufgesprungenen Lippen mit dem Mund. „Lebe wohl, lieber Thomas. Ich beneide dich trotz allem nicht. Und mach dir keine Sorgen um uns.“ Dann küsste sie auch Sarah auf die Lippen, diesmal ohne etwas zu sagen.
Gire war kein Mann großer Worte, auch als Toter nicht. Er drückte kurz die Hand von Thomas und berührte mit den Fingerspitzen Sarahs schweißnasse Stirn. Die anderen machten es ähnlich. Kars gab Sarah zusätzlich einen zarten Kuss auf die leicht geöffneten Lippen, durch die stoßweise ihr Atem kam. Dann nahm Manty Katharina in die Arme. „Danke“, sagte er kurz.
Während Anoa die Toten nach draußen führte, begann Katharina damit, die Wunden der beiden Verletzten zu reinigen. Sie benutzte dazu einen Lappen, den Anoa ihr gegeben hatte, zusammen mit einem Eimer, in dem sich eine gelbgrünliche Flüssigkeit befand. Die Flüssigkeit roch seltsam und streng. Für einen Moment kämpfte Katharina gegen Übelkeit an. Sie schloss für einige Sekunden die Augen, dann begann sie mit ihrer Arbeit.
Als Anoa zurückkehrte, war sie mit Sarah schon fertig und säuberte gerade die rechte Handwunde von Thomas.
„Sind sie fort?“, fragte sie. Anoa nickte stumm und nahm eine Holzkiste, mit der sie sich neben Sarah auf das Bett setzte. Aus der Kiste holte sie getrocknete Blätter hervor, die sie auf die Wunden legte, begleitet von einem leisen Singsang. Als sie damit fertig war, legte sie je ein Blatt auf Herz und Stirn. Nun holte sie Stoffstreifen aus der Kiste und fixierte damit die Blätter. Dabei musste sie Sarahs Oberkörper anheben, um den Stoff um ihre Brust zu wickeln. Sie tat das mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, wie Katharina für sich feststellte. Ihrer zarten Gestalt war diese Kraft nicht anzusehen.
Als Katharina auch die Wunden von Thomas gesäubert hatte, verfuhr Anoa mit ihm wie zuvor mit Sarah. Danach richtete sie sich auf und betrachtete zufrieden ihr Werk.

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Sarah und Thomas spielen eine Rolle in meinem Leben. Eine sehr wichtige sogar. Der Anlass wird ein trauriger sein.

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Leseprobe: Der Schwarze Riese