Versteck im Dunkeln

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Ein leiser Wind lässt die Bäume flüstern. Unsere Schritte hallen auf der leeren Straße. Es ist ja auch schon spät. Oder früh, je nach Perspektive. Ich trage Sandra, da sie ihren eindeutigen Willen bekundet hat, vor dem Schlafen die eigenen Beine nicht mehr nutzen zu wollen. Also lasse ich sie auf dem rechten Unterarm sitzen, mit der Hand ihr Beinchen haltend, während sie ihre Arme um meinen Hals schlingt und den Kopf auf meiner rechten Schulter ablegt. Mit dem linken Arm hake ich mich bei James ein.
Wir passieren gerade die mannshohe Hecke der Mayneschen Villa, auf der linken Seite der dunkle Wald der Parkanlage. Von hier kommt auch das Flüstern. Obwohl, ist das Flüstern wirklich von den Bäumen? Irgendwas lässt mich frösteln.
„Was ist los?“, fragt James, dem das anscheinend nicht entgeht.
„Weiß nicht. Der Wald kommt mir komisch vor.“
„Der Wald? Dir?“
„Ja.“
Ich betrachte Sandra, die plötzlich den Kopf hebt und auch zu den Bäumen hinüber sieht. Sie macht den Eindruck, als würde sie angestrengt lauschen, dann plötzlich blickt sie mich an.
„Langsam mache ich mir Sorgen“, erklärt James.
„Am liebsten würde ich nachsehen, was da ist“, sage ich, beobachte dabei Sandra. Ihr Gesichtsausdruck sagt mir eindeutig, dass ich genau das nicht tun sollte. Und um dies zu bekräftigen, deutet sie mit einem Arm die Straße hinunter, in die Richtung, in der sich unser Haus befindet.
Von irgendwoher ist der Ruf einer Eule zu hören.
„Wie in einem Horrorfilm“, stellt James trocken fest. „Kommen gleich die Zombies?“
„Nur wenn du sie herbeiimaginierst. Du weißt doch, wir erschaffen uns alle unsere Illusionen selbst.“
„Okay, dann denke ich jetzt ganz intensiv an einen warmen Sommertag.“
Grinsend gebe ich ihm mit dem Handrücken einen Klapps auf den Bauch, dann mustere ich unsere Tochter. Die sieht immer noch so aus, als wäre irgendwas zwischen den Bäumen, was ihr nicht gefällt. Mich macht es etwas nervös, dass ich es nicht erkennen kann.
„Sandra sagt jedenfalls eindeutig, dass sie nach Hause will“, bemerke ich.
Sandra nickt langsam.
„Also gut, dann gehen wir weiter.“
„Und wenn die Zombies uns verfolgen, dann kannst du sie ja bestimmt irgendwie neutralisieren“, sagt James.
„Neutralisieren? Ich bin doch nicht Captain Kirk.“
„Was würdest du denn mit Zombies tun?“, erkundigt er sich, während wir langsam weiter gehen.
„Keine Ahnung. Mit Zombies hatte ich noch nicht zu tun. Vampire, Werwölfe und anderes Getier sind mir vertrauter.“
„Also, in Filmen werden Zombies immer irgendwie noch mehr zermatscht, als sie eh schon matschig sind.“
„Ja, aber in Filmen sind auch Vampire anders als in der Realität.“
„Das ist wohl wahr.“
Ich beobachte unterdessen aufmerksam unsere Umgebung, ohne etwas Auffälliges zu bemerken. Und schließlich erreichen wir unser Haus. Ich bringe Sandra ins Bett, James macht uns in der Zwischenzeit Kaffee.
Sandra starrt mich an, nachdem ich sie ins Bett gelegt habe. Ich decke sie zu und betrachte sie nachdenklich. Sie scheint keine Angst zu haben, aber sie benimmt sich definitiv nicht wie sonst.
Ich gebe ihr einen Kuss auf die Stirn, dann gehe ich nach unten in die Küche. Der Kaffee wird im selben Moment fertig. Wir setzen uns an den Küchentheke.
„Schläft sie?“
Ich schüttle den Kopf. „Irgendwas beschäftigt sie. Aber sie hat keine Angst.“
„Was könnte das sein?“
„Ich weiß es nicht. Mich irritiert, dass ich einerseits auch das Gefühl habe, da ist was, aber zugleich nichts wahrnehme, bis auf eben dieses Gefühl.“
„Und du müsstest es ja merken, wenn da etwas wäre.“
„Eben.“
Ich denke an den Schatten, aber der braucht eher Licht als Dunkelheit. Außerdem ist er ständig da, so sehr, dass ich fast nie an ihn denke.
„Glaubst du, es ist gefährlich?“
„Im Moment habe ich nicht das Gefühl. Dagegen spricht auch, dass Sandra keine Angst zeigt. Allerdings finde ich es nicht direkt beruhigend, dass es sich nicht zu erkennen gibt.“
„Ist es hier drin?“
Ich blicke mich in der Küche um, dann zucke ich die Achseln. „Schon möglich. Aber wenn, dann versteckt es sich in den dunklen Ecken des Hauses.“
„Hm.“
Etwas in James´ Stimme lässt mich aufhorchen. Nach einem Blick auf sein Gesicht lege ich eine Hand auf seinen Unterarm und spüre seine aufgerichteten Härchen.
„Tut mir leid, Schatz. Ich habe mich anscheinend so sehr daran gewöhnt, dass dir sonst nichts Angst macht, dass ich vergessen habe, wie viel mehr ich wahrnehmen kann.“
„Schon okay.“ Er nimmt meine Hand und küsst sie lächelnd. „Eigentlich habe ich keine Angst, wenn du da bist. Wer oder was sollte an dir vorbeikommen?“
Ich zucke erneut die Achseln. „Etwas ist immer. Wir sollten ins Bett gehen.“
„Ernsthaft? Erst trinkst du mit mir Kaffee, dann willst du ins Bett?“
„Vom Schlafen habe ich ja nichts gesagt“, grinse ich ihn an. „Ich will den Sonnenaufgang sehen!“
„Bis dahin sind es aber noch zwei Stunden.“
„Wir können ja einen Film gucken.“
„Film gucken?“
„Hast du eine bessere Idee?“, frage ich provozierend und gleite vom Hocker. Tänzelnd gehe ich auf die Tür zu. Eine virtuelle Pheromonenspur ziehend begebe ich mich ins Schlafzimmer und habe das T-Shirt ausgezogen, bis James angehechelt kommt.
Als er mich greifen will, tauche ich elegant unter seinen Armen hinweg und tänzle zur Fernbedienung der Musikanlage. Aus Rücksicht auf Sandra stelle ich die Musik leise, dennoch laut genug, um sie genießen zu können.
James stellt sich hinter mich. Auch er hat sein Hemd ausgezogen, sein nackter Oberkörper schmiegt sich an meinen Rücken, seine Hände legen sich kreuzüber auf meine Brüste. Ich wiege meinen Körper im Rhythmus und James passt sich meinen Bewegungen perfekt an. Seine hervorragende Körperbeherrschung macht ihn zu einem harmonischen Tanzpartner, wie ich ja schon oft feststellen konnte.
Ich umfasse seinen Kopf mit beiden Händen und wende mein Gesicht nach oben. James beugt sich nach unten, küsst mich. Wir bewegen uns weiterhin im Takt der Musik. „I wanna know what love is.“
Ich stelle die Anlage auf Endlosschleife des Liedes, während James mich zum Bett trägt.

Nach ein paar Minuten weiß ich es sicher: Ich kann nicht schlafen.
Selten genug.
Draußen ist es immer noch dunkel. Seine regelmäßigen Atemzüge verraten, dass James schläft. Da sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann ich sogar den leichten Schweißfilm auf seiner Brust erkennen. Er liegt nur halb zugedeckt auf dem Rücken, das Gesicht abgewandt.
Kein Wunder, dass er fertig ist. Ich müsste es auch sein, aber, verdammt nochmal, ich bin hellwach.
Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Umgebung. James … nebenan Sandra … Langsam erweitere ich meinen Wahrnehmungsradius, bis ich das ganze Haus spüren kann.
Es ist noch da. Versteckt sich im Dunkeln. So gut, dass ich nicht mehr als seine Anwesenheit wahrnehmen kann. Nicht, was es ist, nicht, wer es ist. Auch nicht, was es will.
Ich stehe auf und streife ein T-Shirt über. Danny blickt kurz hoch, dann rollt er sich auf die Seite und schläft weiter. Was wir auch immer zu Besuch haben, unser Hund bekommt es entweder gar nicht erst mit oder er hält es für keine Gefahr. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das für ein gutes Zeichen halten kann.
Sandra schläft tief und fest, zumindest sieht es danach aus. Ohne irgendwo Licht anzumachen, gehe ich nach unten und setze mich in die Küche. Durch das in den Garten zeigende Fenster dringt das Mondlicht ein und wirft abstrakte Schatten der Kaffeemaschine, des Messerblocks und der leeren Kaffeetassen auf die Wand über der Küchenplatte.
Einer der Schatten bewegt sich sogar.
Ich spanne meine Muskeln an. Jetzt endlich spüre ich es deutlich. Mit physischen Sinnen kann ich es nach wie vor nicht wahrnehmen, aber dennoch spüre ich, wie es sich nähert. Seltsamerweise erzeugen seine Bewegungen Schatten an den Wänden, obwohl es selbst nicht zu sehen ist.
Vielleicht sehe ich nur die Schatten, weil mein menschlicher Teil diese Illusion braucht.
„Was willst du?“, frage ich flüsternd.
„Dich besuchen“, kommt die Antwort, aber ich kann nicht verorten, woher. Die Stimme scheint überall zu sein.
„Wieso sehe ich dich nicht?“
„Ich verstecke mich im Dunkeln.“
„Warum?“
„Weil ich nur im Dunkeln existiere.“
„Bist du böse?“
„Bist du es?“
„Ich hasse Gegenfragen!“
„Ich weiß“, flüstert es um mich herum und ich spüre sogar etwas, wie die leise Berührung eines Windhauchs. „Ich kenne dich.“
„Ach ja, du wolltest mich ja besuchen. Woher kennen wir uns?“
„Wie kommst du darauf, dass wir uns kennen?“
„Na, wenn du mich kennst, dann kenne ich dich bestimmt auch.“
Ein leises Lachen ist die Antwort. Ich spüre es mehr, als dass ich es höre. „Dein Ruf eilt dir voraus.“
„Mein Ruf? Wo hast du von mir gehört?“
„Ort und Zeit haben doch keine Bedeutung, das weißt du.“
„Ja, das weiß ich“, gebe ich etwas unwillig zu. „Welchen Ruf habe ich denn?“
„Dass du eine Auserwählte bist.“
„Eine Auserwählte?“ Ich muss mich sehr beherrschen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. „Entschuldige, aber das meinst du nicht ernst. So einen Quatsch will ich in drittklassigen Fantasy-Büchern lesen, aber nicht in der Realität von einem Wasweißichwas, das sich im Dunkeln versteckt, hören.“
„Nun, ich habe es selbst auch nur gehört. Das ist das, was über dich erzählt wird.“
„Aha. Von wem denn?“
„Von allen. Und von dem Wind.“
Ich drehe mich auf dem Stuhl, aber da ist nichts, was ich sehen könnte. Nur die sich bewegenden Schatten verraten, dass es noch da ist.
„Kann man dich gar nicht sehen?“, erkundige ich mich.
„Ich lebe im Dunkeln. Kannst du im Dunkeln sehen?“
„Nein.“
„Und trotzdem weißt du, dass ich da bin. Du unterhältst dich sogar mit mir.“
„Könnten andere Menschen auch mit dir sprechen?“
„Manche ja, nicht alle. Du weißt doch, wie groß die Angst der Menschen vor der Dunkelheit ist. Selbst James war sie nicht geheuer.“
„Ja, ich habe es mitbekommen. Aber ich habe mich auch unwohl gefühlt.“
„Weil du immer noch auch Mensch bist“, flüstert es. „Immer noch verlässt du dich zu sehr auf deine Augen und Ohren, obwohl du bereits so mächtig bist.“
„Du weißt davon?“
„Es wird so erzählt.“
„Da würde ja selbst NSA neidisch werden“, erwidere ich missmutig.
Wieder dieses leise, verhaltene Lachen um mich herum. Langsam gewöhne ich mich daran, mit einem physisch nicht existenten Wesen zu sprechen. Ist zwar faszinierend, dass wir miteinander sprechen, weil das ja ein physischer Vorgang ist, aber andererseits, ich weiß ja, dass die physische Welt nur eine Illusion der Verborgenen Welt ist.
Ich beschließe, dass ich um diese Zeit so komplizierte Gedankengänge nicht haben will.
„Wie lange gedenkst du denn zu bleiben? Ich frage nur deswegen, weil deine Anwesenheit meine Tochter und meinen Mann nervös macht.“
„Ich bleibe nicht mehr lange. Nun habe ich dich gesehen, sogar gesprochen und weiß, was ich wissen wollte.“
„Was wolltest du denn wissen?“
„Ob es wahr ist, was über dich erzählt wird.“
„Und, ist es wahr?“
„Ja“, flüstert es, bevor es sich langsam auflöst. Es ist eine eigenartige Erfahrung, als würde Dunkelheit verschwinden, ohne dass hell wird.
Ich bleibe noch eine Weile sitzen und beobachte die Schatten der Kaffeemaschine, des Messerblocks und der leeren Kaffeetassen.
Sie sind still und verharren bewegungslos, wie Dinge der materiellen Welt es zu tun pflegen.
Als die ersten grauen Strahlen sich in das weiße Mondlicht mischen, erhebe ich mich, gehe nach oben ins Schlafzimmer und lege mich neben James. Er murmelt etwas mit geschlossenen Augen und dreht sich auf die andere Seite.
Mein letzter Gedanke, bevor ich einschlafe, gilt all dem, was sich im Dunkeln versteckt hält.