Das Klassentreffen (Teil 3)

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(Fortsetzung von Klassentreffen, Teil 2)

„Ich werde bald sterben“, sagt Jeremy.
Ich starre ihn an. So wie er da steht, rauchend, schlank, die Haare wie schon früher ähnlich chaotisch wie ich, etwas bleich, was bei ihm aber auch normal ist, kann ich mir nicht vorstellen, was er damit meint.
Oder will ich es mir nicht vorstellen können?
Mir kommt als Idee für eine Antwort nur so ein Schwachsinn in den Sinn, dass wir alle sterben müssen. Aber ich verkneife es mir, das laut auszusprechen.
„Tut mir leid“, sagt er. „Wollte dich nicht erschrecken.“
„Ich … ich habe schon zu viel mit dem Tod zu tun gehabt“, erwidere ich. „Bist du krank?“
Er nickt. „Krebs im Endstadium. Ich habe mich geweigert, mich vergiften zu lassen und irgendwann war es halt zu spät.“
„Wer sagt das?“
„Die Ärzte. Jetzt sagen sie natürlich, ich hätte vielleicht eine Chance gehabt.“ Er lächelt. „Fragt sich nur, auf was. Ich habe bei meiner Mutter erlebt, was die Chemo anrichtet. Ich glaube, ohne die hätte sie genauso lange gelebt, nur besser. Aber das darfst du natürlich keinem erzählen.“
„Mir schon“, erwidere ich.
„Ich weiß, deswegen erzähle ich es ja nur dir. Sag bitte den anderen nichts davon, okay?“
„Klar.“ Ich mustere ihn und erinnere mich daran, wie alle uns angesehen haben, als wir am ersten Morgen der Klassenfahrt in den Speisesaal kamen, händchenhaltend. Als wären wir das Achte Weltwunder. Der unscheinbare Jeremy und die obercoole Fiona. Als wenn sie auch nur das Geringste über mich gewusst hätten.
„Woran denkst du?“, fragt Jeremy.
„Wie entgeistert die alle waren, als sie das mit uns mitbekommen haben.“
Er grinst. „Oh ja, daran erinnere ich mich noch ganz gut. Damit haben sie nicht gerechnet, dass du ausgerechnet mit mir was anfängst.“
„Sie kannten mich nicht.“
„Du hast es ihnen auch nicht leicht gemacht, seien wir mal ehrlich. Du warst laut, hochintelligent, faul, chaotisch, eine Sportskanone, Rock und Schminke Fremdwörter für dich, hast alle verprügelt, die dich schief angesehen haben, …“
„Stimmt doch gar nicht!“, protestiere ich lachend. „Habt ihr mich wirklich so gesehen?“
„Ja und nein. Ich glaube, das hing auch davon ab, wer und wann. Du konntest ja auch sehr launisch sein. Und damit meine ich nicht deinen Gemütszustand, nachdem David dich so versetzt hat, sondern den ganz normalen Alltag. Versteh mich nicht falsch. Du warst wirklich beliebt, denn du warst immer da, wenn jemand Hilfe gebraucht hat. Und du hattest trotz allem keine Allüren. Aber du warst … sehr extrovertiert.“
„Das hast du nett gesagt!“ Ich gebe ihm spontan einen Kuss auf die Wange. „Ich fürchte, das bin ich immer noch.“
„Klar, warum nicht. Aber dennoch bist du auch erwachsener geworden. Außer, du hast es mit David zu tun.“ Ein spitzbübisches Grinsen zieht sich plötzlich über sein Gesicht.
Wieso unterhalten wir uns eigentlich über mich? Er ist doch krank! Dann wird mir klar, dass genau dies der Grund ist. Ob er immer noch in mich verliebt ist?
„Na ja, David ist … wieso reden wir eigentlich über David und mich?“
Jeremy zuckt die Achseln, dann drückt er seine Zigarette im Aschenbecher aus. „Wir können auch über das Wetter reden. Oder reingehen.“
„Ganz ehrlich? Ich habe schon überlegt, wieder zu fahren. Es war schön, aber jetzt wird nur noch getrunken und über Erinnerungen geredet, die keinen interessieren.“
„Und wo willst du hin? Nach Hause?“
Ich mustere den Nachthimmel. James wird schon schlafen, ich habe ja angekündigt, dass ich zum Frühstück nach Hause komme.
„Was ist mit dir?“
„Wir können zu mir, wenn du willst. Ich wohne zu Hause.“
„Wer nicht?“
Wir lachen beide. „Bei meinen Eltern, du Witzbold. Besser gesagt, bei meinem Vater.“
„Okay, fahren wir eben zu dir.“
Wir gehen rein zum Bezahlen und um anzukündigen, dass wir gehen. Klar ernten wir seltsame Blicke, nicht zuletzt von David. Aber das ist mir egal. Das heißt, es ist mir eigentlich überhaupt nicht egal, dass David so überrascht und neidisch aussieht, das finde ich sogar sehr gut.
Als wir uns in mein Auto setzen, fragt Jeremy: „Warst du nicht ein BMW-Fan?“
„Doch, aber mein 3er war Schrott nach einer Verfolgungsjagd, als die versucht haben, mich umzubringen. Und danach fand ich den hier. Fährt sich ganz gut.“
„Das glaube ich. Wie viel schafft er? 300?“
„Mehr, ist eine Sonderanfertigung und getunt.“ Ich starte den Motor und Jeremy pfeift anerkennend, als dezent, aber deutlich zu spüren, ein tiefes Grollen durch Mark und Bein geht.
„Deine Begeisterung für Autos ist also geblieben.“
„Das ja.“
„Was nicht?“
Ich lasse den Wagen anfahren und antworte erst, als wir auf der Autobahn sind: „Mein jugendlicher Leichtsinn. Oder sagen wir lieber, meine Unbekümmertheit.“
„Warum?“
„Weil ich Dinge gesehen habe, die ich nicht sehen wollte. Ich war eine arrogante Fotze geworden. Und irgendwann musste ich mich halt entscheiden, ob ich so weitermachen will. Als mein Bruder starb, habe ich mich vor mir selbst erschrocken, weil ich für einen ganz kurzen Augenblick so was wie Freude verspürte. Nein, Freude ist das falsche Wort. Erleichterung. Erleichterung, weil er mir in den letzten Jahren seines Lebens mein Leben zur Hölle gemacht hat. Er wollte es vielleicht gar nicht, ich glaube nicht, dass ihm bewusst war, was er angerichtet hat.“
„Was hat er denn angerichtet?“
Ich werfe einen Blick auf Jeremy. Er sieht ernsthaft interessiert aus.
Ich seufze. „Ach, Jeremy, lass uns über was anderes reden. Zum Beispiel über dich. Ich …“
In das entstehende Schweigen hinein sagt Jeremy nach einigen Sekunden: „Ich kann gut darüber reden. Irgendwie habe ich es schon geahnt, als meine Mutter starb, dass es für mich nicht vorbei ist. Als dann die Diagnose kam, war ich beinahe erleichtert.“
„Erleichtert?“
„Ja, weil die Unsicherheit vorbei war. Natürlich hatte ich zuerst einen tierischen Schock. Die Ärzte konnten mir auch nicht sagen, wie lange ich noch habe.“
„Wo sitzt der Tumor denn?“
Ich sehe aus dem Augenwinkel, dass Jeremy eine Bewegung vollführt, und als ich ihn ansehe, deutet er auf seinen Kopf.
„Scheiße.“
Er nickt. „Es kann ganz schnell gehen, je nachdem, wie er wächst. Einer Operation hätte ich noch zugestimmt, ist aber aufgrund der Lage nicht empfehlenswert. Ich hätte danach kein selbstständiges Leben mehr führen können. Also habe ich auch darauf verzichtet. Ich lebe einfach so, als wäre nichts.“
Ich erwidere nichts, so hängen wir beide unseren Gedanken nach, bis ich den Wagen vor dem Mehrfamilienhaus parke, in dem Jeremy mit seinem Vater wohnt.
Dann wende ich mich Jeremy zu. „Hör zu, ich …“
Er legt schnell den linken Zeigefinger auf meine Lippen. „Pscht. Fiona, ich weiß, dass du verheiratet bist. Da mache ich mir nichts vor. Okay?“
Ich nicke, dann steigen wir aus und gehen hoch zu seiner Wohnung. Es ist dunkel und still, der Uhrzeit entsprechend. Wir begeben uns leise in sein Zimmer, danach holt er zwei Flaschen Bier aus der Küche. Wir stoßen auf dem Sofa sitzend an und trinken schweigend.
Schließlich streife ich die Slipper ab und ziehe die Füße unter mich.
„Was ist mit dir, Jeremy? Hast du eine Freundin?“
Er schüttelt den Kopf. „Keine seit dir.“
„Was?!“ Ich starre ihn entgeistert an. „Wieso denn nicht?“
„Wollte nicht. Ich wollte die Erinnerung an dich nicht durch eine Beziehung zerstören, die mich nur enttäuschen würde.“
„Äh, Jeremy, das … ich meine …“
„Das kommt vermutlich nicht oft vor, dass du sprachlos bist“, sagt er grinsend.
„Nein, echt nicht. Aber du hast es gerade geschafft. Jetzt mal ernsthaft …“
„Es ist wirklich so. Überleg mal, ich war der absolute Außenseiter und du das coolste Mädchen auf der Schule …“
„Nicht übertreiben!“
„Für mich auf jeden Fall. Klar, da gab es noch die üblichen Prinzessinnen mit ihrer riesigen Gefolgschaft, aber mal ehrlich, ich glaube, einen Wettbewerb, wem mehr Jungs hinterher laufen, hättest du locker gewonnen. Sag bloß, das war dir nicht klar?“
Ich zucke die Achseln. „Natürlich wusste ich, dass die Jungs scharf auf mich waren. Aber dieses affektierte Getue fand ich albern.“
„Eben.“ Jeremy nickt. „Genau deswegen warst du so besonders. Das gibt es einfach nicht oft. Trotzdem hätte ich mir bei dir absolut keine Chancen ausgerechnet.“
Ich mustere ihn nachdenklich. „Jeremy, beantworte mir ganz ehrlich eine Frage: Warst du wirklich in mich verliebt?“
„Ich bin es immer noch. In dich, nicht in die Rolle, die du gespielt hast. Genau davon rede ich. Natürlich war ich zuerst megastolz, dass ausgerechnet du ausgerechnet mit mir gegangen bist. Aber genau dadurch hatte ich die Gelegenheit, hinter die Maske zu schauen. Und in die Fiona, die ich dahinter sah, in die habe ich mich dann tatsächlich verliebt. Weil du hinter dieser hypercoolen Maske und Tue-mir-nix-sonst-polier-ich-dir-die-Fresse-Attitüde ein warmherziger, liebevoller, fürsorglicher Mensch bist.“
Ich spüre nur, wie mir die Tränen in die Augen schießen.
Jeremy legt seine Flasche weg, rückt näher und nimmt mich in die Arme. Ich drücke das Gesicht in seine Halsbeuge und erlaube dem Weinkrampf, mich vollständig in Besitz zu nehmen.

Es ist still.
Draußen hat der Tag begonnen, aber so richtig hell werden will es anscheinend auch nicht. Passt jedoch ganz gut zu meiner Stimmung.
Ich spüre, wie Jeremy hinter mir gleichmäßig atmet. Sein linker Arm liegt auf meiner Seite, die Hand berührt meinen Bauch.
Ich nehme sanft seine Hand und lege sie auf seinen Oberschenkel, dann erhebe ich mich vorsichtig, um ihn nicht zu wecken. Er hat ein eigenes, kleines Badezimmer, worüber ich jetzt sehr froh bin. Ganz abgesehen davon, dass sein Vater ziemlich erstaunt sein dürfte, mich hier zu sein, falls er sich überhaupt noch an mich erinnert, habe ich auf die Begegnung mit ihm grad so gar keine Lust.
Ich setze mich auf die Toilette und starre beim Pullern die grauen Fliesen über dem Waschbecken an.
Was für eine Nacht!
Ich bin noch nicht ganz fertig, als Jeremy hineinkommt. Er stutzt nur kurz, dann tritt er zum Waschbecken, sodass ich seinen Hintern vor mir habe, und hält seinen Kopf unter Wasser.
„Wie geht es dir?“, frage ich seinen Hintern.
„Geht so. Und dir?“
„Geht so. Das Bier war nicht gut. Also, das Bier schon, aber die Idee, es obendrauf noch zu trinken, die nicht.“
„Geht mir genauso“, erwidert er, während er sich aufrichtet und mich ansieht. Aus seinen Haaren tropft das Wasser auf die Fliesen. „Möchtest du frühstücken?“
Ich schüttle den Kopf. „Ich muss jetzt nach Hause, Jeremy.“
Er nickt. „Klar. Ich an James´ Stelle würde mir auch allmählich Sorgen machen.“
Ich lächle schwach. „Bin aber schon ein großes Mädchen. Und James weiß, dass ich auf mich aufpassen kann.“
Ich erhebe mich, ziehe den Tanga und die Jeans hoch. Dann gehe ich zurück ins Zimmer und schlüpfe in die Schuhe.
Jeremy folgt mir lächelnd. „Du wäschst dir immer noch nicht die Hände?“
Ich betrachte meine Hände. „Hab doch nicht draufgepullert. Und auch sonst nichts Dreckiges angefasst.“
Jetzt lacht er auch noch. „Ach, du bist herrlich.“
Ich nehme meinen Schlüsselbund vom Tisch, wo ich ihn heute Nacht abgelegt habe, dann betrachte ich Jeremy.
„Hör zu, wenn du mich sprechen willst … ruf mich einfach an.“
„Klar. Wie ist deine Nummer?“
„Im Auto hab ich Visitenkarten, komm einfach mit.“
Er nickt. Wir verlassen die Wohnung, ohne seinem Vater zu begegnen. Bin immer noch froh darüber. Unten hole ich eine Visitenkarte aus dem Handschuhfach und reiche sie Jeremy. Als er sie nimmt, berühren sich unsere Hände kurz.
„Es war schön, dich wiederzusehen“, sagt er leise.
„Geht mir genauso“, erwidere ich. Dann berühre ich kurz seine Lippen mit meinem Mund, bevor ich mich ins Auto setze.
Nach einem letzten Blick, nach einem letzten Lächeln fahre ich los.