Das Klassentreffen (Teil 2)

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(Fortsetzung von Klassentreffen, Teil 1)

David. Ausgerechnet!
Er steigt gerade aus seinem Porsche, als ich auf den Kiesparkplatz neben dem angesagtesten Hafenrestaurant Newopes fahre. Mit James war ich schon ein paarmal hier, aber dass ich auch mit David mal in diesem Restaurant speisen würde, das hätte ich wirklich nicht gedacht.
Bin immer noch sauer auf ihn, das merke ich sofort. Dabei sind neun Jahre seitdem vergangen, als er mich vor der ganzen Schule vorgeführt hat. Vier Jahre lang habe ich ihn ignoriert, heute gelingt es mir nicht.
Zumal er mich sofort entdeckt und auf mich zukommt. „Fiona! Ich dachte mir schon, dass du auch da sein wirst!“
„Das dachtest du dir? Ach.“ Ich steige aus und beuge mich vor, um nicht vorhandenen Staub von den Jeans zu klopfen, nur damit er einen Blick unter meine Bluse werfen kann und muss.
Er grinst. „Du hast dich irgendwie kein bisschen verändert.“
„Hab ich wohl! Ich bin eine Nationalheldin!“
„Das ist wahr“, sagt er und nickt. „Es überrascht mich, dass dir das so wichtig ist.“
Ich atme tief durch. Was mache ich da eigentlich? Ich muss mich doch nicht wegen dieses Arschlochs so aufplustern! Wenn ich auch nur daran denke, dass ich mal in ihn verliebt war! Und dass ausgerechnet er mich entjungfert hat …
„Sorry. Normalerweise bin ich nicht so.“
„Sag bloß, du bist immer noch sauer auf mich.“
„Natürlich bin ich das! Ist dir eigentlich klar, dass die halbe Schule gesehen hat, wie du mit der blöden Fotze rumgeknutscht hast, während ich diesen verdammten Test schrieb? Und dass die ganze Schule wusste, dass du mit mir zusammen bist?“
„Fiona, wir waren beide Kinder!“
„Kinder? Das war nicht direkt ein Kinderspiel, was wir miteinander gemacht haben!“
Jetzt lächelt er auch noch. „Das stimmt. Ich fand es schön.“
„Ach? Du fandest es schön? Und warum hast du dann diese … diese blöde Fotze geknutscht?“
Da ist sie, die Gelegenheit, das endlich zu erfahren. Zumindest theoretisch, denn jetzt kommt Liz auf den Parkplatz gefahren. Und damit ist unser intimes, allerdings in Autokino würdiger Lautstärke geführtes Gespräch beendet. Vorläufig jedenfalls. So leicht kommt er mir nicht davon!
Ich begrüße Liz mit einer Umarmung. David auch. Haben sie etwa …? Dann fällt mir ein, dass mir das scheißegal ist.
„Seid ihr die Ersten?“, erkundigt sich Liz.
Ich zucke die Achseln und David antwortet: „Wir waren noch nicht drin, haben uns unterhalten.“
Liz mustert uns. „Ihr habt euch unterhalten?“
„Über alte Zeiten“, sagt David grinsend. Irgendwann radier ich ihm dieses verfluchte Grinsen aus seinem Gesicht, aber für immer.
„Und jetzt gehe ich rein“, verkünde ich und setze es direkt in die Tat um.
Wir sind tatsächlich die Ersten. Ungewohnt für mich. Auf der überdachten Terrasse, von der aus wir einen herrlichen Blick auf das Meer haben, ist ein riesiger Tisch für uns reserviert. Wir sitzen noch nicht richtig, da kommt schon ein Kellner an.
„Guten Abend, Mesdames, guten Abend Monsieur. Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?“
Während ich noch am Überlegen bin, bestellen David und Liz beide einen Kaffee. Ich mustere Henri, den Kellner. „Henri, was habt ihr für Whisky da?“
„Soll er stark sein oder schmecken, Fiona?“, erkundigt er sich und bleibt dabei völlig ernst.
„Äh … weißt du was, bring mir einen Martini. Ich fange mal zivilisiert an. Whisky dann später.“
„Sehr wohl.“ Und entfernt sich, stocksteif und gerade, wie es seine Art ist.
„Du bist wohl oft hier“, stellt David fest.
„Allerdings. Mit meinem Mann, James.“
„Ah, du hast ihn geheiratet?“ Liz strahlt. „Ich fand ihn so süß im Fernsehen!“
Süß? James??? Ich meine, er sieht toll aus, keine Frage, aber süß???
„Nanntest du James gerade eben süß?“, frage ich nach. Sicher ist sicher.
„Ja! Ich meine, er wirkt so männlich, so stark, aber eben auch süß.“
„Wenn ich ihm das erzähle, fällt er in Ohnmacht!“
An dieser Stelle werden wir erlöst, denn die Nächsten tanzen an. Eine halbe Stunde später ist die Runde fast vollständig. Auch Jeremy und Lincoln, die beiden anderen Ehemaligen, sind da. Aber mit diesen habe ich keine Probleme, sie haben sich ja nicht wie Arschlöcher benommen.
Ein sehr positiver Nebeneffekt davon, dass nun praktisch mehr oder weniger alle da sind, liegt darin, dass ich von David abgelenkt bin. Dennoch werfe ich ihm ab und zu und heimlich Blicke zu. Auch wenn ich ganz bestimmt nicht in ihn verliebt bin, komme ich nicht umhin, mir selbst zuzugeben, dass er gut aussieht. Aber wie hat es das andere Arschloch, Steve, mal gesagt: Seine Nichte hat einen guten Geschmack und gibt sich mit Nieten gar nicht erst ab.
Recht hast du, mein lieber, toter Onkel!
Ein paar Martini, französischer Tomatensuppe, Steak und einer Riesenportion Eis später habe ich David vergessen, bis er plötzlich neben mir sitzt. Einfach so.
„Ich glaube, wir wurden unterbrochen vorhin“, sagt er.
„Spekuliere ja bloß nicht darauf, ich könnte besoffen sein“, erwidere ich. „Ich bin gefährlich.“
Er nickt. „Das weiß ich. Die Zeitungen und das Fernsehen haben ja wochenlang darüber berichtet. Du hast auch getötet, oder?“
„Ja.“ Ich erinnere mich daran, ja. Wie könnte ich das jemals vergessen?
„Tut mir leid, ich habe nicht daran gedacht, dass …“
„Schon okay. Ich komme damit klar. Es hat mir ganz sicher keinen Spaß gemacht, aber ich komme damit klar.“
„Ist bestimmt nicht leicht.“
Ich starre ihn an. „Worauf willst du hinaus? David, ich weiß, dass du extrem intelligent bist. Aber ich bin auch nicht blöd. Was willst du eigentlich?“
Er zuckt die Achseln. „Ich dachte nur … Vorhin, also draußen auf dem Parkplatz, da wurde mir klar, wie sauer du immer noch bist. In den letzten Jahren habe ich nicht mehr daran gedacht. Ehrlich, Fiona, ich habe nie darüber nachgedacht, dass es dich so sehr verletzt haben könnte.“
„Was hast du denn gedacht? Dass ich vor Freude durch die Luft fliege?“
„Nein, natürlich nicht. Mir ist schon klar, dass … dass ich nicht ganz fair zu dir war.“
„Oh, so nennst du das? David! Nur zur Erinnerung: Ich saß drin bei dem Test. Du hattest frei, weil du vom Religionsunterricht befreit warst. Und dann sah ich dich, und nicht nur ich, verdammte Scheiße, zusammen mit Martina auf dem Schulhof! Ihr habt auf der Bank gesessen und euch gegenseitig die Zunge in die Luftröhre gesteckt!“
„So tief bin ich nicht gekommen …“
„Nicht? Das sah aber anders aus!“ Ich hole tief Luft und merke, dass die anderen uns beobachten. Mit der rechten Hand greife ich nach meinem Glas und nehme einen Schluck, dann sage ich betont locker: „Wir unterhalten uns nur über die guten alten Zeiten.“
„Eindeutig“, sagt Lincoln.
„Warum geht ihr nicht nach draußen und prügelt euch?“, schlägt Robbie vor.
„Bist du bescheuert?“, erwidert David. „Ich bin doch kein Selbstmörder! Fiona war doch schon während der Schulzeit eine Kampfmaschine. Oder habt ihr das schon vergessen?“
„Nein“, antwortet Jeremy leise. Ich schenke ihm ein Lächeln und denke unwillkürlich an die gebrochenen Nasen der Arschlöcher, vor denen ich ihn auf der Klassenfahrt beschützt habe.
„Schon gut“, sage ich. „Sorry, ich möchte unser Klassentreffen nicht mit diesen alten Geschichten vermiesen. Tut mir leid.“
Ich warte ein paar Minuten, dann gehe ich auf Toilette und heule mich aus. Verdammt. David war meine erste Liebe, natürlich tut es weh. Wäre alles nicht so schlimm, wenn es irgendwann einfach vorbei gewesen wäre.
Ich putze mir die Nase und erinnere mich, wie ich ihn anrief und fragte, ob er mir bei Mathe helfen könnte. Unwillkürlich muss ich dabei lächeln. Natürlich wusste er sofort, was los ist. Er war zwar ein Mathe-Genie, aber ausgerechnet mir bei Mathe helfen? Mir, die sich ein Hobby daraus gemacht hatte, seine Fehler zu finden, wenn er an der Tafel stand? Die Fehler, die oft nicht einmal Mr. Denko, unser Mathelehrer, fand? Nein, er wusste, dass ich etwas ganz anderes will.
Ich wüsste zu gerne, wie lang er mit der Schlampe zusammen war. Eine Stunde? Einen Tag? Länger ja wohl kaum. Die war schon glücklich, wenn sie ihre Mordstitten zusammenzählen konnte.
Ich atme ein paarmal tief durch, dann gehe ich zum Waschbecken, um mir wieder ein zivilisiertes Äußeres zu verpassen. Zum Glück ist mein Make-up wasserfest. Als wenn ich geahnt hätte, dass ich heute Abend heulen würde.
Natürlich hast du es geahnt, Fiona. Du wusstest ja, dass David hier sein wird.
„Alles in Ordnung, Fiona?“
Ich zucke zusammen und starre Liz an. Wo kommt sie auf einmal her?
„Ja, geht schon.“
„Ich denke, niemand von uns hat geahnt, wie tief der Stachel in dir steckt.“
„Geht mir genauso.“ Ich versuche ein Lächeln. „Glaub mir, ich bin mindestens so überrascht.“
„Sollen wir uns absetzen und irgendwo hingehen, nur wir beide?“
Ich schüttle den Kopf. „Bin nicht so der Fluchttyp.“
„Stimmt, hab ich ganz vergessen.“ Sie grinst mich an. „Aber mir scheint, diese Gefühlssachen, die können auch ganz schön wehtun.“
„Oh ja. Eine Schusswunde ist irgendwann verheilt.“
„Da habe ich gottseidank keine Erfahrung mit. Nur mit Gefühlssachen. Weißt du, ich glaube, David war das damals gar nicht klar, was er anrichtet.“
„Natürlich nicht, er hat ja mit seinem Schwanz gedacht.“
„Oh oh …“
Ich atme tief durch. „Verflucht, ich … weißt du wie schrecklich ich das immer finde in diesen Kitschfilmen, wenn diese Tussies sich aufführen wie Zuckerpüppchen? Und jetzt mache ich es genauso! Zum Kotzen.“
„Tja, auch Helden haben Gefühle.“
Ich muss lachen. „Wie recht du damit hast. Okay, ich werde mich ab jetzt zusammenreißen und so tun, als wäre David ein netter Kerl.“
„Vielleicht ist er das ja auch.“
Ich werfe ihr von der Seite einen Blick zu, sag aber lieber nichts dazu.
Gemeinsam gehen wir zurück an den Tisch.

(Fortsetzung folgt.)