Das Klassentreffen (Teil 1)

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„Was soll ich anziehen?“
Ich sehe James vorwurfsvoll an, als er überhaupt nicht reagiert. Da er aber nicht reagiert, merkt er das gar nicht.
„Hallooo!!!“
Jetzt blickt er endlich hoch und mustert mich überrascht und fragend.
„Was gibt’s denn, mein Schatz!“
„Ich habe dich was gefragt!“
„Wann?“
Ich schließe die Augen und frage mich, ob er mich denn wahnsinnig machen will.
„Vor genau 17 Sekunden und 500 Millisekunden!“
„Ach so. Dann bin ich ja noch in meiner normalen Reaktionszeit. Ähm, was genau hast du noch mal gefragt?“
„Was ich anziehen soll!“
Er lässt den Blick über mich wandern. „Du bist doch angezogen.“
„Ja, ich bin nicht nackt, völlig richtig. Ich habe ein T-Shirt an, das bis knapp unter den Po reicht. Soll ich ernsthaft so auf das Klassentreffen gehen?“
„Du hast ein Klassentreffen? Heute? – Oh ja, jetzt fällts mir wieder ein. Entschuldige, das habe ich ganz vergessen. So was hat für mich keine Bedeutung.“
Bring ich ihn um oder bring ich ihn nicht um?
„Mein Lieber, ich habe aber sehr wohl vor, auf MEIN Klassentreffen zu gehen. Und das habe ich nicht vor dir verheimlicht!“
„Das stimmt.“ Er richtet den Blick wieder auf das Buch in seiner Hand und liest weiter. „Warum gehst du nicht in der Pomanschette?“
„Auf ein Klassentreffen? Außerdem habe ich die Sachen weggeworfen. Du erinnerst dich?“
„Da war was.“ Er blickt wieder hoch. „Sonst hast du auch nicht so ein Problem mit der Kleidung. Warum bei diesem Anlass?“
Ich setze mich neben ihm auf das Sofa, ihm zugewandt, und lege die linke Hand auf seine Brust in Herzhöhe. Er reagiert nicht ganz meiner Erwartung entsprechend. Statt erschrocken die Augen aufzureißen und dann um Verzeihung flehend auf die Knie zu fallen, legt er seinerseits eine Hand auf die Innenseite meines nackten rechten Oberschenkels.
„Sooo war das aber nicht gemeint!“
„Ach so.“ Er zieht seine Hand zurück und legt sie dann auf meine Brust in Herzhöhe.
„So auch nicht!“
„Ja, aber wie dann?“
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich in einer Stunde auf ein Klassentreffen gehe. Da sind einige Mitschüler von mir. Klingt komisch, ist aber so. Unter anderem einige Ehemalige.“
„Das ist so üblich auf Klassentreffen, glaube ich.“
„Ich meine, meine Ehemalige.“
„Oh. Hast du mit der ganzen Klasse geschlafen? Ich meine, mit dem männlichen Teil?“
„Nein! Da waren nur … drei.“
„Das geht ja noch. Und die sind alle heute dabei?“
Ich zucke die Achseln.
„Und was genau hast du vor? Willst du einen flotten Vierer veranstalten?“
„Du bist ein Idiot“, sage ich grinsend. „Meinst du, ich sollte als Businessfrau gehen?“
„Warum willst du dich verkleiden?“
„Wieso verkleiden? Ich weiß nicht, ob dir schon aufgefallen ist, dass ich seit einem halben Jahr die Geschäftsführerin von CSE bin.“
„Doch, das konnte mir nicht nicht auffallen. Die vielen schlaflosen Nächte vor Aufregung …“
„Ich hatte keine schlaflosen Nächte deswegen!“
„Aber ich. – Also gut, möchtest du denn angeben?“
Ich schüttle den Kopf. „Nein. Vor fünf Jahren hätte ich … nein, habe ich geschworen, dass ich niemals für meinen Vater arbeiten werde. Schon mal gar nicht als Nachfolgerin.“
„Ich hoffe, dein Eheversprechen hat eine längere Halbwertszeit.“
„Witz, komm raus, du bist umzingelt! Blödmann! Ich erwarte von dir ernsthafte Unterstützung und Hilfe und du kommst mit so was! Schöner Ehemann bist du!“
„Ich halte dich doch schon fest. Was denn noch?“
Ich drücke mein Kinn gegen mein Brustbein, um seine Hand auf meiner Brust sehen zu können. „Du hältst mich fest? Hast du keine Kraft mehr in den Fingern? – Aua! Mann! Da ist keine Milch drin, brauchst nichts rauszuquetschen! – Also gut, ich gehe dann lässig elegant.“
„Na, jetzt bin ich gespannt, was DU darunter verstehst.“
Ich auch.
Schließlich entscheide ich mich für enge, schwarze Jeans (Slim Jeans mit Zierelementen an den Seiten, womit der Hersteller vermutlich die Glitzerstreifen meint, die sich auf den Außenseiten von ganz oben bis ganz nach unten ziehen), schwarze Slipper, ein blaues Blusenshirt, gerade so tief ausgeschnitten, dass es die Fantasie anregt und sonst nichts. Vom Tanga mal abgesehen. Noch etwas Lipgloss mit leichtem Glitzereffekt, Wimperntusche und fertig.
Jetzt reißt James die Augen auf. „Wow! Wo willst du noch mal hin?“
„Auf ein Klassentreffen. Das erste. Vor fünf Jahren haben wir die Schule schwerst traumatisiert verlassen und wollen in alten Horrorgeschichten schwelgen.“
„Klingt nach Spaß.“
„Ja, auf jeden Fall. So, warte nicht mit dem Frühstück auf mich!“ Ich gebe ihm einen Kuss, Danny auch, dann rausche ich durch die Tür, setze mich in den Rocket und fahre mit quietschenden Reifen auf die Straße.

(wird fortgesetzt)