Leslie

      Kommentare deaktiviert für Leslie

Leise rieselt der Schnee.
In Dannys Bauch rumort es. Ich kann es deutlich hören, während ich mit dem Kopf auf ihm liege. Ist aber auch kein Wunder. Nach einem ganzen Tag bei meinen Eltern, und das am ersten Weihnachtstag, das verkraftet auch ein Hundemagen nicht mal einfach so.
Ich liebe unseren kuscheligen Teppich im Wohnzimmer. In der Dunkelheit draußen tanzen dicke Schneeflocken, aber ich liege nackt im warmen Zimmer, der Hund schlafend unter mir, und es geht mir irgendwie gut.
Irgendwie schon. Nach den Ereignissen der letzten Wochen gar nicht so selbstverständlich. Ich lasse den Tag Revue passieren. Die Gespräche mit meiner Mutter. Den langen Spaziergang mit allen, den Hund, der übermütig durch die Gegend tollte, die Sonne, die sich im Schnee spiegelte. Erst nach Einbruch der Dunkelheit, kurz bevor wir nach Hause kamen, hatte es angefangen zu schneien. So heftig, dass wir schon nach den wenigen Metern zwischen den beiden Häusern weiß vor Schnee waren.
„Schatz“, sage ich.
„Ja?“, fragt James von hinten.
„Was machst du?“
„Ich lese.“
„Aha.“
„Wieso fragst du?“
„Ach, nur so.“
Ich höre ihn seufzen, gleich darauf legt er sich hinter mich. Sein kräftiger Arm zieht mich an seinen nackten Körper.
„Manchmal bist du typisch Frau“, sagt er und knabbert an meinem linken Ohr.
„Was macht mich so typisch?“
„Eine typische Frau sagt niemals und unter gar keinen Umständen, was sie wirklich will und meint.“
„Wusste gar nicht, dass du solche Vorurteile hast.“
„Das ist kein Vorurteil, sondern das Ergebnis empirischer Langzeitforschung.“
Damit bringt er mich zum Lachen. „Ach, Schatz, kannst du denn damit leben, dass ich eine Frau bin?“
„Da es Weihnachten ist, werde ich das tun.“
„Ein tolles Geschenk“, flüstere ich. „Ich weiß gar nicht, wie ich mich revanchieren könnte.“
„Oh, ich wüsste schon was …“
„Schon wieder?“ Ich drehe den Kopf so, dass ich ihn ansehen kann. Sein Gesicht ist direkt über mir.
„Ausgrechnet du fragst das?“
„Ja. Bin grad so schön entspannt.“
„Das kommt wirklich nicht oft vor.“ Er küsst meinen Mund. „Wir müssen nichts. Das ist okay.“
„Vielleicht nachher.“
Da wird dann doch nichts daraus. Wir beschließen irgendwann gemeinsam, dass wir schlafen gehen. Eine wohltuende Schläfrigkeit hat uns fest im Griff. Wir schaffen es gerade noch, Danny in den Garten und wieder rein zu lassen, dann taumeln wir nach oben und fallen ins Bett. Ich schlafe ein, noch bevor ich richtig im Bett liege …
… und schrecke dann hoch.
Es ist dunkel.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist. Eine Minute? Eine Stunde?
Und was hat mich überhaupt geweckt?
Hinter mir höre ich ein Stöhnen. Erschrocken fahre ich herum und starre James an. Er liegt auf dem Rücken und das vom Schnee reflektierte Mondlicht lässt die Tränen auf seinem Gesicht glänzen.
„James! Was ist los? Hast du Schmerzen?“
Er schüttelt den Kopf, während ich ihn abtaste. „Ich … ich habe geträumt. Von Leslie. Sie hat gesagt, sie musste sterben, weil ich nicht aufgepasst habe.“
„Das ist nicht wahr, und das weißt du auch.“
James setzt sich auf. „Und wenn sie das wirklich glaubt? Du hast gesagt, Norman ist auch noch in seinem alten Dasein gefangen. Vielleicht irrt Leslie irgendwo in der Gefrorenen Welt herum und kann sich nicht lösen!“
„Das ist möglich“, erwidere ich leise. „Sie starb unerwartet und brutal, dann kommt das schon mal vor.“
„Na siehst du. Vielleicht bin ich ihr im Traum begegnet. Oder es war eine Botschaft von ihr.“
Ich mustere ihn und kaue dabei auf meiner Unterlippe herum. Sehr bedenklich, dass er darauf überhaupt nicht reagiert.
„James, ich …“
„Bitte, Fiona, einen solchen Schmerz kann man nicht mit Worten bekämpfen.“
Das weiß ich. Aber das macht es nicht besser. Ich setze mich auf und seufze.
„Fiona?“
Ich blicke ihn an. „Hör zu, James, ich weiß, was du willst. Aber du bist ein Mensch. Für Menschen ist das gefährlich. Ihr habt keinen Körper, der auf Rückkehr programmiert ist.“
„Heißt das, ich muss sterben, um sie wiederzusehen?“
Ich nicke. „Du kennst das. Mehr als fünf Minuten darf es nicht dauern.“
„Du wirst mich zurückholen.“
„Das ist Wahnsinn. Ich muss mitgehen, du hast ohne mich nicht die geringste Chance, sie zu finden. Ich kenne mich in der Verborgenen Welt aus und weiß, wie sie funktioniert.“
„Kannst du mich zurückbringen?“
„Es ist gefährlich.“
„Ja oder nein?“
„Wahrscheinlich ja. Aber es gibt keine Garantie. Warum? Warum ausgerechnet jetzt, nach so vielen Jahren?“
„Weil du meine Frau bist und nicht meine Tochter.“
Oh Scheiße. Was habe ich angerichtet?
Oder war die Zeit einfach nur reif dafür? Immerhin hatte ich ihm genau das vorgeworfen.
„Das ist nicht fair.“
„Ist das so? Auch ich habe meinen Schmerz.“
Ich atme tief durch und nicke. „Ist gut, James. Ich werde dich zu Leslie führen. Zumindest werde ich es versuchen. Es hängt nicht nur von mir ab, ob es gelingt, sondern auch von dir. Um so tief in die Verborgene Welt vorzudringen, muss dein Körper deaktiviert werden. Ich … ich …“
„Ich nehme die Wanne“, sagt James. „Sei bereit, wenn ich komme.“
„Und wie soll ich dich reanimieren? Diesen Kerl konnte ich auch nicht zurückholen!“
„Weil er nicht wollte“, erwidert James ruhig. „Aber ich will. Ich will leben. Weil ich dich liebe.“
Verdammt. Er hat es schon wieder geschafft. Wie soll ich mich auf so einen Wahnsinn vorbereiten, wenn ich vor Tränen nicht einmal mehr meine Nasenspitze erkennen kann?
Zum Glück ist er so vernünftig und tröstet mich erst, bevor er seinen Tod einleitet. Nachdem ich wieder halbwegs zu Fiona zurückmutiert bin, gehen wir gemeinsam ins große Bad im Erdgeschoss.
„Soll ich mir was Bestimmtes anziehen? Oder eine Waffe mitnehmen?“
„James“, erwidere ich leise, „was glaubst du, wo der Spruch, das letzte Hemd habe keine Taschen, herkommt?“
„Ich werde nackt drüben ankommen?“
„Abgesehen davon, dass es nichts mit Drüben zu tun hat, ja, du wirst nackt sein, nachdem du deinen physischen Körper verlassen hast. Und du wirst keine Zeit haben für den Kulturschock, den alle haben, wenn sie das erste Mal tot sind.“
„Gut zu wissen!“
„Ja, absolut nützliche Info. Oh Mann …“
James nimmt mein Gesicht zwischen die Hände. „Mein Schatz, ich liebe dich. Du wirst dafür sorgen müssen, dass ich lange genug unter Wasser bleibe.“
„Du willst, dass ich dich umbringe?“
„Ja. Meine Reflexe würden es verhindern.“
„Du musst nur unter Wasser tief durchatmen.“
„Wenn ich dann auftauche, würde ich nicht sterben. Ich habe das trainieren müssen.“
Ach ja, er war ja mal Geheimagent.
„Halt mich unter Wasser, nachdem ich durchgeatmet habe. Okay?“
Ich nicke und sage lieber nichts.
James lässt Wasser in die Wanne einlaufen. Unterdessen betrachte ich ihn. Ich kann mir grad überhaupt nicht vorstellen, seinen Kopf gleich unter Wasser zu drücken, auch gegen seinen Willen. Ich war schon so oft tot, dass ich vergessen habe, dass der Tod für manche … für die meisten Menschen etwas Endgültiges ist. Normalerweise.
Aber ich weiß auch ganz genau, dass ich ihn nicht davon abhalten kann. Und es ist mir wesentlich lieber, er macht es zusammen mit mir als ohne mein Wissen und ohne meine Hilfe.
„Es ist so weit“, sagt er und stellt das Wasser ab.
Ich nicke erneut.
„Wie … wie finden wir uns?“
„Ich werde dich finden“, erwidere ich und meine Stimme hört sich ungewohnt rauh an. „Ich muss ja auch nicht mehr sterben, um in die Verborgene Welt zu gelangen.“
„Sehr praktisch.“
„Bloß nicht neidisch werden! Ich musste oft und oft genug schmerzvoll sterben, um diese Fähigkeit zu erlangen.“
„Sorry. Nun denn, auf geht’s!“
James steigt in die Wanne und legt sich auf den Rücken. Nur sein Gesicht schaut aus dem Wasser. Ich gebe ihm schnell einen Kuss, bevor er ganz untertaucht.
Seine Augen sind weit geöffnet und starren mich an. Dann schließt er sie kurz und atmet tief durch.
Sein Körper bäumt sich auf und will aus dem Wasser schnellen. Ich halte mit einer Hand seinen Hals fest, mit der anderen seine Stirn und drücke den Kopf nach unten. Gegen meine Kraft kommt er nicht an.
Ich beobachte ihn, während seine Bewegungen nachlassen. Sein Herz schlägt wie wild, seine Augenlider zucken. Er hat sich unheimlich unter Kontrolle.
Dann ist es endlich vorbei. Und ich muss mich nun beeilen.
Ich lege mich neben der Wanne auf den Boden und schließe die Augen. Als Erstes stelle ich mir eine Stoppuhr vor und starte sie. Sie wird die ganze Zeit im Hintergrund mitlaufen.
Ich brauche vierzehn Sekunden, um meinen Körper zu verlassen. Das ging auch schon mal schneller, aber ich bin hektisch und nervös. Ich richte mich auf und blicke mich um. Die Wände des Bads wirken durchlässig. Dann betrachte ich James´ Körper in der Wanne. Er wirkt bleich und kalt, im Gegensatz zu lebenden Körpern. Aber wo ist James?
Dann weiß ich es. Ich spüre seinen Schmerz, und eigentlich hätte ich auch einfach so draufkommen können.
Er steht in Leslies Zimmer vor dem großen Bild, das sie und ihn gemeinsam auf einer Wanderung in Small Hill zeigt. Vor vielen, vielen Jahren.
„Du hast mich gefunden“, sagt er, ohne den Blick von dem Bild abzuwenden.
„Wie versprochen“, erwidere ich. „Wollen wir Leslie suchen?“
„Ja. Wie?“
Ich nehme seine rechte Hand. „Für einen tiefgehenden theoretischen Exkurs über die Verborgene Welt reicht die Zeit leider nicht. Wichtig ist nur, dass Zeit und Raum Konstanten der Gefrorenen Welt sind, du sie aber nicht mal eben so ablegen kannst. Du hast Deine Vorstellungen über Materie mitgebracht. Normalerweise würdest du sie irgendwann, was auch immer das hier bedeutet, vergessen und die Welt so sehen, wie sie wirklich ist. Aber wir haben halt nur unsere Begriffe, und die stammen aus der Illusion der Festigkeit. Da es in Wirklichkeit weder Zeit noch Ort gibt, bist du immer und überall. Nur dein menschlicher Geist rafft das nicht. Meiner übrigens auch nicht. Darum gibt es nur eine Möglichkeit, ganz schnell zu Leslie zu kommen: Denk an sie! So intensiv du nur kannst. Aber mach um Gotteswillen kein Logout!“
„Was ist ein Logout?“
„Das erklär ich dir später, jetzt haben wir nicht die Zeit dafür. Dein Körper in der Wanne kämpft. Also, konzentrier dich!“
Ich bewundere ihn. Das ist das Erste, woran ich denke, als kaum Sekunden später die Wände unseres Hauses verschwinden. Dafür, dass er zum ersten Mal tot ist, kommt er ziemlich gut zurecht. Ich hätte auch eine Geheimdienstausbildung machen sollen, bevor ich Kriegerin wurde.
Für mich sind solche Übergänge nichts Neues, aber James hält die Luft an. Wir stehen auf einem riesigen, runden Platz, der mit goldenen Fliesen ausgelegt ist. Um uns herum ein Gebäude, in der Mitte des Platzes ein Brunnen, alles golden glänzend, vielleicht sogar aus Gold. Nicht dass das hier eine besondere Bedeutung hätte. Aber schön sieht es trotzdem aus.
„Wieso atme ich eigentlich?“, fragt James. „Mir ist grad aufgefallen, dass ich die Luft angehalten habe!“
„Ist nur ein Relikt aus deinem Leben als Mensch. Mit der Zeit würdest du es vergessen. Aber jetzt noch nicht, bitte. Wo hast du uns eigentlich hingebracht?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung!“
„Hast du auch wirklich an Leslie gedacht?“
„Woran sonst?“
„Na ja, wenn ich mir das so ansehe, vielleicht an den Orient? Das sieht ja fast so aus wie in Augle!“
„So sah es in Augle aus?“
„Noch etwas besser. Aber schon nicht schlecht. Wenn du an Leslie gedacht hast, muss sie hier irgendwo sein. Komm, die Zeit vergeht rasend schnell.“
„Ich dachte, sie vergeht nicht, weil es sie nicht gibt.“
„Für deinen Körper schon!“
Ich trete zum Brunnen und sehe hinein. Die goldene Innenwand erzeugt genug Licht, um sehr tief sehen zu können.
„Vielleicht ist sie da unten“, sage ich.
„Und wie kommen wir dann nach unten?“
„Springen“, antworte ich grinsend. „Gib mir deine Hand!“
Nachdem er mir die Hand gegeben hat, springe ich und reiße James mit mir. Er schreit auf. Früher war ich auch beeindruckt von dieser Art, sich fallenzulassen, aber mittlerweile weiß ich, dass es nichts Besonderes ist. Absolut nicht.
Eine Minute ist um.
Wir landen in einer Art Halle, auch diese aus Gold. Gigantische Säulen ragen in die Höhe; vielleicht stützen sie eine Decke, aber diese ist, falls überhaupt vorhanden, so weit oben, dass sie nicht mehr zu sehen ist.
„Wir haben noch vier Minuten“, sage ich.
„Dann sollten wir endlich Leslie finden“, erwidert James. „Sie ist hier irgendwo. Ich weiß es!“
„Geh einfach los. Denk nicht nach. Geh.“
James wirft mir einen Blick zu, dann schließt er die Augen und setzt sich in Bewegung. Vor uns baut sich eine Treppe auf, die sich wie eine Schlange nach oben windet. Wir nehmen sie und erreichen eine freischwebende Plattform mit Balustrade.
Leslie sitzt an einem runden Salontisch und betrachtet uns amüsiert.
„Ihr hättet euch ruhig was anziehen können“, sagt sie.
„Hat sich nicht ergeben“, antworte ich.
Sie macht eine Handbewegung und deutet dann auf die zwei Stühle, die nur auf uns zu warten scheinen. Gedeckt ist für drei Personen. Auf den Stühlen liegt Kleidung für uns.
James lässt den Blick nicht von ihr, während er sich anzieht. Dann setzt er sich auf den Stuhl und ergreift ihre Hände.
„Leslie! Bist du das wirklich?“
„Klar bin ich das, Papa. Du hast mich doch gesucht, oder? Nun, jetzt hast du mich gefunden. Und ich muss schon sagen, dass ich das ganz schön leichtsinnig finde. Wie viel Zeit bleibt noch, Fiona?“
Ich werfe einen Blick auf die Stoppuhr und erwidere: „Etwas mehr als drei Minuten.“
„Was machst du hier?“, fragt James.
„Ich genieße das Totsein.“
„Was?“
„Das war ein Scherz, Papa! Ich langweile mich furchtbar. Ihr seid die Ersten, die ich sehe, seitdem ich gestorben bin. Mir mangelt es an nichts, alles ist aus Gold, purer Luxus das Ganze. Aber ich bin allein.“
James sieht mich an. „Wieso? Warum ist sie allein?“
„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Achseln. „Ich habe die Regeln nicht gemacht.“
„Wir müssen doch etwas tun, damit sie nicht mehr so leidet!“
„James, sie ist tot. Zumindest die Leslie, die du kanntest.“
„Ist sie ein Geist?“
Ich schüttele den Kopf und sehe Leslie an.
Sie legt eine Hand auf James´ Arm. „Papa, vergiss alles, was du über Jenseits und das ganze Zeug gelernt hast. Das ist nur dazu da, um die Lebenden zu kontrollieren. Ich weiß zwar nicht, wieso ich hier bin und für wie lange, aber es spielt auch keine Rolle. Zeit und Raum sind nur in der Gefrorenen Welt von Bedeutung. Es ist dein Verstand, der dir vorgaukelt, ich wäre hier gefangen und würde leiden.“
„Also leidest du gar nicht?“
„Doch. Weil auch mein Verstand mir etwas von Gefangenschaft vorgaukelt. Sieh dich doch um! Das sieht doch aus wie in der Gefrorenen Welt, wie Materie. Gold, das ist ein Stoff zum Anfassen. Alles Illusion.“
„Genau“, füge ich hinzu. „Und solange ihr Verstand sich daran klammert, erlebt sie Raum und Zeit.“
„Das ist die Hölle“, sagt James düster. „Warum werden die Verstorbenen denn so bestraft?“
„Es ist keine Strafe, Schatz. Niemand zwingt eine Seele, in der Gefrorenen Welt auszuharren, ob nun mit oder ohne Körper. Alles geschieht freiwillig.“
„Und warum? Sind Seelen von Natur aus masochistisch?“
Ich lache. „Keine Ahnung. Ich weiß es echt nicht. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Als Fiona bin ich Mensch und habe keinen vollen Zugang zu dem Wissen, über das die Seele, die ich in Wirklichkeit bin, verfügt. Ich weiß nur, dass ich mich freiwillig entschieden habe, das zu tun. So wie ein Schauspieler sich freiwillig entscheidet, in einem Thetaerstück mitzuspielen. Nur dass er dabei nicht sein Gedächtnis am Künstlereingang abgeben muss.“
„Toller Vergleich“, murmelt James. „Wie alle deine Vergleiche. Wie viel Zeit haben wir noch?“
„Eigentlich keine mehr. In etwas weniger als einer Minute ist deine Zeit abgelaufen.“
„Dann bleibe ich halt hier bei meiner Tochter.“
„Das glaube ich nicht. In dem Augenblick, in dem dein Körper endgültig deaktiviert wird, kommst du in deine eigene Illusion.“
„Warum? Wieso kann ich nicht hierbleiben?“
Ich zucke die Achseln. „Keine Ahnung. Aber du solltest dich von Leslie verabschieden.“
James starrt mich verzweifelt an. Dann wendet er sich an Leslie. „Ich habe von dir geträumt und du hast mir vorgeworfen, ich hätte nicht auf dich aufgepasst.“
„Das war ich nicht“, erwidert Leslie. „Das würde ich dir niemals vorwerfen. Du warst ein guter Vater für mich. Ich glaube eher, du wirfst dir das selbst vor.“
„Warum sollte ich mir das vorwerfen?“
Jetzt zuckt Leslie die Achseln. „Papa, woher soll ich das wissen? Ich lebe nicht mehr, ich habe diesen Psychoscheiß hinter mir. Such dir einen Psychotherapeuten und sprich mit ihm darüber. Und jetzt geh bitte! Ich will nicht, dass du meinetwegen stirbst!“
„Ich …“
„James!“, schreie ich ihn an. „Komm jetzt mit mir mit!“
„Nein, ich …“
Ich wechsel einen Blick mit Leslie, dann packe ich James an der Hand und zerre ihn von der Empore. Seine Hand fühlt sich weich an, viel zu weich. Das wird verdammt knapp!
Obwohl er sich dagegen wehrt, ziehe ich ihn an mich und halte ihn mit beiden Armen fest.
Noch zehn Sekunden.
Ich katapultiere uns in die Gefrorene Welt. Dabei spüre ich, wie um uns herum alles vereist. So schnell bin ich noch niemals in meinen Körper zurückgekehrt und erlebe zum ersten Mal die Vereisung bewusst.
Mein Körper liegt neben der Wanne. Ich springe auf. James´ Körper befindet sich noch regungslos im Wasser. Ich hieve ihn heraus und lege ihn hektisch auf den Boden. Keine Atmung, kein Herzschlag.
Wild entschlossen massiere ich sein Herz, und wenn dabei Rippen brechen sollten, hat er es nicht besser verdient. Zwischendurch beuge ich mich über seinen Mund und beatme ihn. Die Zeit verrint, nein, sie strömt dahin. Die fünf Minuten sind schon lange um.
Ich will dich nicht verlieren!
Endlich, nach unzähligen Versuchen, seine Lungen mit Luft zu füllen, bäumt sich sein Körper plötzlich auf und Wasser schießt aus seinem Mund.

Ich höre Danny leise winseln. Mit einer Tasse heißer Suppe gehe ich ins Wohnzimmer. Der Hund sitzt vor James, der in eine Decke gehüllt auf dem Sofa kauert. Sein Blick geht abwesend ins Nichts. Oder vielleicht in die Verborgene Welt. Er war fast sieben Minuten tot, eine unglaublich lange Zeit.
Mir ist klar, dass nicht ich ihn zurückgeholt habe. Er hat einen Aufschub bekommen. Für wie lange wohl?
Er blickt mich an, als ich mich neben ihn setze. Dann nimmt er die Tasse und schlürft langsam von der Suppe.
„Danke“, sagt er leise.
„Wofür genau?“
„Dass du mir ermöglicht hast, meine Tochter zu sehen.“
„Ich müsste lügen, wenn ich sagen wollte, dass ich es gern getan habe.“
Er lächelt. „Ich weiß. Aber du hast es trotzdem getan, und das war großartig von dir.“
„James … du hast einen Einblick in die reale Welt bekommen, wie er Menschen selten möglich ist. Ich möchte, dass du darüber mit niemandem außer mir redest. Kannst du mir das versprechen?“
James nickt. „Mir würde sowieso niemand glauben.“
„Oh, ein paar Leute schon. Michael, Nilsson, John …“
„Weil sie die Welt auch kennen. Aber die anderen?“
„Eben. – Was willst du tun?“
„Du meinst, ob ich eine Therapie machen werde? Natürlich nicht.“
„Natürlich nicht. Wozu auch?“
„Schatz, sieht du es anders?“
„Ich kenne da einen ziemlich guten Psychoterroristen.“
„Da würde ich eh nicht hingehen. Das weißt du auch.“
„Ja.“ Ich nehme die leere Tasse an mich. „Vielleicht solltest du dich einfach hinlegen. Dein Körper braucht jetzt Ruhe. Viel Ruhe.“
„Kommst du auch ins Bett?“
„Später. Ich bin hellwach, außerdem hat es meinen Körper nicht übermäßig angestrengt. Ich werde lesen.“
„Was liest du denn?“
„Ein Buch von Carl Wickland. Ich glaube, der war Psychiater und hatte viele Gelegenheiten, sich mit den Toten zu unterhalten. Wenn ich fertig bin, kannst du das Buch haben.“
„Klingt ja faszinierend.“ Wenn James das so sagt, dann meint er das Gegenteil. Der Kerl ist furchtbar. Kommt gerade von einer recht überzeugenden Session, war sieben Minuten tot und spielt schon wieder den Skeptiker.
Furchtbar.
Ich blicke ihm lächelnd hinterher. Danny überlegt kurz, dann folgt er Herrchen.
Vielleicht hat er ja auch nur was missverstanden.